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1. Einleitung
Die volkssprachliche Literatur des Mittelalters wird neben der höfischen Epik durch verschiedene Formen der Lyrik geprägt. Etliche Dichter insbesondere des 12. und 13. Jahrhunderts widmeten sich insbesondere dem Minnesang. Ein weitaus kleineres Kapitel wird in der Sekundärliteratur meist der Sangspruchdichtung gewidmet. Auch diese Form der Lyrik des Mittelalters erreichte ihren Höhepunkt im 12.-13.Jahrhundert. Doch bereits bei dem Versuch einer Definition von Sangspruchdichtung fällt die deutliche Unterordnung zum Minesang ins Auge: „Alles, was nicht Minnesang (die Kreuzzugslyrik eingeschlossen) ist, gehört zur Spruchdichtung“ 1 ist in meist nur wenig abgewandelter Form der Versuch, die Sangspruchdichtung zu beschreiben. Tatsächlich steht die Sangspruchdichtung dem Minnesang in ihrer Vielfalt und in der Ausgefeiltheit ihrer Gestaltung in nichts nach. Vielmehr behaupten einige Autoren in der Forschungsliteratur, insbesondere die Sangspruchdichtung habe zu der Ausbildung eines professionellen Bewusstseins bei den Dichtern des Mittelalters geführt, das sich in einer veränderten Kunstauffassung und einem Neuverständnis der Dichteraufgabe widerspiegelt. 2 Einer dieser Autoren, der sich unter anderem sowohl mit dem Minnesang als auch mit der Spruchdichtung befasste, war Konrad von Würzburg. In seinem überaus vielfältigen Werk wird sowohl eine intensive Auseinandersetzung mit dem Kunstbegriff an sich wie auch mit der eigenen Kunstfertigkeit deutlich. Im Folgenden sollen nun an einem Sangspruch Konrads von Würzburg exemplarisch die Besonderheiten der Sangspruchdichtung des 13. Jahrhunderts im Allgemeinen wie auch die individuelle Ausdrucksform des Dichters in Bezug auf das oben erwähnte „professionelle Bewusstsein“ der Sangspruchsänger näher untersucht werden. Dazu werden zunächst die Merkmale der Sangspruchdichtung erläutert und auf die Besonderheiten der Spruchdichtung bei Konrad von Würzburg im
1 Weddige, Hilkert: Einführung in die germanistische Mediävistik. Nördlingen:
Beck, 2001. S.277.
2 Vgl. Tervooren, Helmut: Sangspruchdichtung. Stuttgart: Metzler, 1995.
4
Allgemeinen eingegangen. Anschließend bildet der Spruch Got herre, waz du wunders an dir selben hâst geschicket! die Grundlage für eine Analyse dieser Besonderheiten im Konkreten.
2. Sangspruchdichtung im 13. Jahrhundert
2.1 Allgemeine Merkmale und Entwicklungen
Das Problem der unzureichenden Terminologie der Sangspruchdichtung ist bereits erwähnt worden. So versteht man unter Spruchdichtung im Allgemeinen mittelhochdeutsche Lyrik, die thematisch und formal nicht dem Minnesang zuzuordnen ist. 3 Der Zusatz „Sang-“ verdeutlicht den Aufführungscharakter der Sprüche, die üblicherweise durch Musik begleitet wurden. Es handelt sich bei den Sangsprüchen demnach um „gesungene, strophische Dichtung“ 4 . Üblicherweise tendieren die Sangsprüche zur Einstrophigkeit und stellen in sich geschlossene Werke dar, die allerdings mit anderen Sprüchen zu Zyklen zusammengeschlossen werden können. 5 Auch in diesen Verbänden erhalten die einzelnen Sprüche jedoch ihre relative Unabhängigkeit, da sie inhaltlich jeweils eine Einheit bilden. Im Unterschied zum Minnelied steht allerdings bei den Sangsprüchen nicht die thematische Zusammengehörigkeit bei zyklischen Zusammenstellungen im Vordergrund, sondern vielmehr die Eignung zu einem bestimmten Darbietungsanlass und einer passenden Melodie. Es bestand im Übrigen die Möglichkeit auf bewährte Melodien für einen Sangspruch zurück zu greifen, während das Minnelied seinen Anspruch auf einen möglichst eigenen Ton bewahrte. Dennoch wurde es durchaus als Ausdruck dichterischer Kunst angesehen, auch für den Sangspruch eine eigene Melodie zu entwickeln. 6 Inhaltlich gestaltet sich die Bandbreite der Sangsprüche vielfältig. Es werden traditionelle, moralische und religiöse Wissensbestände aufgegriffen und
3 Ebd. S.81-89.
4 Ebd. S.85.
5 Brem, Karin: Gattungsinterferenzen im Bereich von Minnesang und
Sanspruchdichtung des 12. und 13. Jahrhunderts. Berlin: Weidler, 2003. S.34-41.
6 Teervoren, 1995. S.81-89.
5
verarbeitet, meist mit stark lehrhaftem Charakter. Ein stärkerer Bezug zur Alltagsrealität spiegelt sich auch in der möglichen Äußerung politischer Kritik wider. Eine besondere Rolle spielen auch sogenannte Preislieder, Auftragswerke zur Huldigung eines Fürsten gegen Geld, die den Leitspruch guot umbe êre nehmen für die Gruppe der Sangspruchdichter begründeten. Auch hier wird eine deutliche Abgrenzung zur Minnelyrik deutlich, deren Leitspruch dienst ane lôn sich aus dem relativ stark fixierten Konzept der höfischen Liebe und des Frauendienstes ableitet. 7
Zunehmend spielte in der Sangspruchdichtung auch eine
Auseinandersetzung mit der Dichtkunst als solche und die Reflektion der eigenen Kunstfertigkeit sowie der Konkurrenten eine Rolle. Das Verlangen der Spruchdichter sich von anderen Gruppen, wie beispielsweise Musikern, Sängern und Artisten, abzugrenzen, schlug sich unter anderem in sogenannten „Dichterfehden“ nieder, in denen man versuchte sich gegenseitig in der Kunstfertigkeit der Dichtungen zu übertreffen. Die sprachlich möglichst ausgefeilte Ausgestaltung der Werke trat weiter in den Vordergrund. Gleichzeitig dienten die Spruchdichtungen dazu, die eigene Weisheit und Belesenheit in den verschiedensten Wissensgebieten zur Schau zu stellen. 8
2.2 Besonderheiten der Spruchdichtung bei Konrad von Würzburg Diese Tendenzen sind in den Werken Konrads von Würzburg deutlich zu erkennen. Unter anderem sind von Konrad von Würzburg 51 Sprüche zu unterschiedlichsten Themengebieten überliefert. So setzt er sich ebenfalls mit der Dichtkunst im Allgemeinen wie auch mit den Leistungen seiner Dichterkollegen auseinander. Deutlich bleibt dennoch auch hier, wie in all seinen Sprüchen, ein
7 Vgl. Teervoren, 1995; Brem, 2003.
8 Teervoren, 1995. S. 23-39.
6
durchgehend lehrhafter Charakter, der, wie oben erwähnt, als typisch für die Sangspruchdichtung des 13. Jahrhunderts angesehen werden kann. 9 Als Besonderheit Konrads von Würzburg tritt eine verstärkte Objektivierung in seinen Sprüchen in den Vordergrund. 10 Die Person tritt immer weiter zurück um dem Stofflichen Raum zu geben. Diese Verallgemeinerung des Inhalts führt zu einer reflektierenden, philosophisch anmutenden Auseinandersetzung mit dem Stoff, wie in den folgenden Kapiteln anhand des betrachteten Spruchs deutlich werden wird.
Als Ausdruck der dichterischen Kunstfertigkeit stehen bei Konrad von Würzburg auf den ersten Blick allerdings weniger die inhaltliche Komponente im Vordergrund als vielmehr die sprachliche Ausgestaltung. Hübner beschreibt dies wie folgt:
Der gesamte Text ist darauf ausgerichtet, die Kunstfertigkeit seines Dichters vorzuführen. (...)
Der Dichter ist danach in erster Linie ein Sprachkünstler, der über die Fertigkeit verfügt, Verse
zu machen und Formulierungen zu gestalten. Gerade für den gelehrten Dichtungsbegriff (...)
war der Dichter vor allem ein Vers- und Stilartist. Genau diese Kompetenz stellt Konrad mit
seinen komplizierten Reimen und Metaphern zur Schau. (...) Die Virtuosität soll bemerkt
werden. 11
Wissen und Bearbeitung eines gelehrten Stoffes allein sind es nicht, die den gelehrten Dichter ausmachen. Allerdings ebenso wenig die bloßen sprachlichen Fähigkeiten. Gerade die virtuose Verbindung von Inhalt und Sprache ist es, die die besonderen Fertigkeiten eines Dichters zum Ausdruck bringt. Diese Verknüpfung zeigt sich ebenfalls in dem vorliegenden Spruch und soll im Folgenden noch entsprechend aufgezeigt werden. Die Aufgabe des Publikums besteht demnach zum Einen in dem Verständnis und der Auseinandersetzung mit dem durchaus anspruchsvollen Inhalt, in besonderer Weise aber auch in dem Erkennen der artistischen Darbietung des Spruchs: „Der Reiz für das Publikum besteht darin, die
9 Brandt, Rüdiger: Konrad von Würzburg. Kleinere epische Werke. Berlin:
Schmidt, 2009. S. 55-65.
10 Ebd.
11 Hübner, Gert: Historische Poetologie des späten Minnesang im 13. Jahrhundert.
Tübingen: Narr, 2001. S.142.
Arbeit zitieren:
Kathrin Vogel, 2009, Merkmale der Sangspruchdichtung anhand von Konrad von Würzburgs Spruch "Got herre, waz du wunder an dir slben hâst geschicket!" , München, GRIN Verlag GmbH
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