Johannes Gutenberg - Universität Mainz Institut für Soziologie
Seminar: Neuere Entwicklungen in den Arbeitsbeziehungen der Bundesrepublik Deutschland Wintersemester 2002/2003
Thema:
Das VW-Modell als Beispiel von beschäftigungssichernder
Arbeitszeitverkürzung - wie wurde es umgesetzt und welche
sozialstrukturellen Konsequenzen ergaben sich daraus?
vorgelegt von:
Heiko Wallauer
2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 4
2. Was versteht man unter arbeitsmarktpolitischen und beschäftigungspolitischen
Ma ßnahmen? 5
2.1 Beschäftigungssicherung und Arbeitszeitverkürzung 8
2.2 Neuer Typ beschäftigungssichernder Arbeitszeitverkürzung 9
2.3 Beschäftigungssicherung als Tabubruch? 10
3. Beschäftigungssichernde Arbeitszeitverkürzung am Beispiel der Volkswagen AG 10
3.1 Die Vier-Tage-Woche bei VW. 11
3.2 Die Umsetzung der 28,8-Stunden-Woche 13
4. Sozialstrukturelle Konsequenzen des VW-Modells. 14
4.1 Mehr Freizeit - weniger Geld 14
4.1.1 Umgang mit Einkommenseinbußen. 15
4.2.1 Die Auswirkungen der 28,8-Stunden-Woche auf die familiale Lebensführung
16
4.2.2 Auswirkungen der 28,8-Stunden Woche auf die Gestaltung der Freizeit. 19
4.2.3 Zunehmende Eigenarbeit und Schwarzarbeit - eine Folge der 28,8-Stunden-
Woche ? 21
5. Zusammenfassung der gewonnen Ergebnisse. 23
6. Literatur: 25
3
1. Einleitung
Immer wieder wird die Verringerung der Arbeitszeit als Königsweg bei der Sicherung von Arbeitsplätzen und bei der Reduktion von Arbeitslosigkeit angesehen. Und so sind auch tarifliche Abkommen, wie sie zum Beispiel bei der Volkswagen AG getroffen wurden, und wie dies durch Entwicklungstendenzen des “Bündnis für Arbeit” in bestimmten Punkten bestätigt wurde, als neuer Teil der arbeitspolitischen Landschaft nicht mehr wegzudenken. Nach Markus Promberger stellen sie mitunter die “einzige unmittelbar arbeitsplatzsichernde Form solcher Bündnisse” dar. Er geht sogar soweit, den Modellen von Volkswagen, der metalverarbeitenden Industrie oder der Ruhrkohle AG Pioniercharakter zuzuschreiben. 1
Allerdings darf nicht vergessen werden, daß arbeitsplatzsichernde Modelle immer in eine soziale Umwelt eingegliedert sind und das somit auch immer eine Wirkung auf eben diese Umwelt, die meist nicht intendiert ist, vorliegt.
Im der vorliegenden Arbeit soll deshalb dieses Phänomen am Beispiel des sogenannten VW-Modells näher beleuchtet werden.
Hierzu wird es zunächst notwendig sein, zu klären, was unter arbeitsmarktpolitischen und beschäftigungspolitischen Maßnahmen zu verstehen ist, um dann das VW-Modell als “neuen Typ” von vorangegangen Typen abzugrenzen. Kurz wird am Ende dieses Kapitel dann noch der sogenannte “Tabubruch” des VW-Modells erläutert. Im folgenden Kapitel wird dann auf die beschäftigungssichernde Arbeitszeitverkürzung am Beispiel der Volkswagen AG eingegangen, also auf die sogenannte Vier-Tage-Woche und deren Umsetzung innerhalb der Volkswagen AG.
Im vierten Kapitel wird dann näher auf die sozialstrukturellen Konsequenzen der Vier-Tage-Woche eingegangen. Bedingt durch den Umstand, daß dem Einzelnen mehr Zeit, aber weniger Geld zur Verfügung stehen, erscheint es notwendig, aufzuzeigen, wie die Angestellten der Volkswagen AG mit diesen Einkommenseinbußen umgehen. Im folgenden werden dann anhand ausgewählter Beispiele (Familie/Freizeit/Eigenarbeit) der Einfluß der Vier-Tage-Woche auf bestehende soziale und sozialstrukturelle Gefüge vorgestellt.
Kapitel 5 bietet dann abschließend eine Zusammenfassung der Ergebnisse.
4
2. Was versteht man unter arbeitsmarktpolitischen und beschäftigungspolitischen Maßnahmen?
,,Arbeitszeitpolitik ist Bestandteil aktiver Beschäftigungspolitik (...) Wenn erforderlich arbeiten alle etwas weniger, damit alle wieder arbeiten können, die wollen." 2
Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik werden mittlerweile als wichtige Bestandteile der Reform des Arbeitsmarktes angesehen. Zum einen sollen durch sie Arbeitsplätze gesichert werden, zum anderen soll auch das Ziel verfolgt werden, die Lebensqualität der Arbeiter und Angestellten zu steigern. 3
Unter Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik versteht man im Allgemeinen die Gesamtheit von Maßnahmen staatlicher wie auch anderer Institutionen, welche dazu beitragen, Höhe und Struktur der Beschäftigung in Einklang mit dem Erwerbspersonenpotential zu bringen, vollwertige Beschäftigung der Erwerbstätigen zu sichern sowie regionale und sektorale Beschäftigungsstrukturen zu verbessern. 4 Sehr undifferenziert gestaltet sich allerdings die genaue Grenze zwischen Arbeitsmarkt-und Beschäftigungspolitik, bzw. die Weite/Enge der Definition. Allerdings plädieren aktuell einige Autoren dafür, angesichts momentaner ökonomischer Probleme die Bekämpfung, bzw. Vermeidung von Arbeitslosigkeit klar in den Mittelpunkt beschäftigungspolitischer Maßnahmen zu stellen. 5 Eine Abgrenzung gegeneinander kann auch wie folgt vorgenommen werden: Arbeitsmarktpolitik meint zunächst jeden intentionalen Versuch, den Arbeitsmarkt zu beeinflussen, während die Beschäftigungspolitik als Teilbereich der Arbeitsmarktpolitik verstanden werden kann, welche eine absichtliche Beeinflussung des Arbeitsmarktes im Sinne einer positiven Auswirkung auf das Beschäftigungsniveau meint. Problematisch ist bei dieser Auffassung allerdings der Umstand, was genau unter positiven Auswirkungen zu verstehen ist. So werden z.B. betriebsbedingte
1 Promberger 2002: 9
2 Farthmann 1983
3 http://www.bda-
online.de/www/bdaonline.nsf/0/abfd0e31e97b36d8c12568f9004f243b/$FILE/Arbeitszeitpolitik-Benchmarking-Bericht.doc (01.03.2003, 00.17)
4 Promberger, 2002: 72
5 ebd: 73
5
Kündigungen oft auch von der Geschäftsleitung als positiv bewertet, da sie dazu beitragen sollen, Standorte und verbleibende Arbeitsplätze zu sichern. 6 Weiterhin problematisch bleibt die Bewertung von beschäftigungssichernden Maßnahmen, wenn man die tatsächliche Sicherung von Arbeitsplätzen in Betracht zieht, weshalb vor diesem Hintergrund die Einbeziehung dieses Faktors in die Definition der beschäftigungssichernden Maßnahmen mehr als fragwürdig erscheint. 7 Nicht gleichgesetzt werden darf Arbeitszeitpolitik mit Wachstumspolitik. Arbeitszeitpolitische Reformen sind so zu konzipieren, dass sie den Beschäftigungsaufbau und das gesamtwirtschaftliche Wachstum nicht behindern. Dabei gilt es vier Bedingungen zu erfüllen:
- Arbeitszeitpolitische Regelungen dürfen die Investitionstätigkeit in den Unternehmen nicht negativ beeinflussen. Sie sind kostenneutral auszugestalten. Auch eine Verringerung der Betriebsnutzungszeiten ist auszuschließen. - Bei arbeitszeitpolitischen Veränderungen müssen qualifikationsbedingte Engpässe auf der Seite des Arbeitsangebots vermieden werden. Hierzu sind auch ausreichende Planungszeiträume zu sichern und Qualifizierungsmaßnahmen durchzuführen. Darüber hinaus sollten Arbeitszeitregelungen reversibel gehandhabt werden können. - Arbeitszeitpolitische Regelungen dürfen die Konsumnachfrage nicht negativ beeinflussen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass auch positive Beschäftigungswirkungen den privaten Verbrauch anregen würden. - Langfristige Effekte auf die Lohnentwicklung sind zu vermeiden. Dies bedeutet, dass arbeitszeitpolitische Maßnahmen mit den Zeitpräferenzen der Arbeitnehmer sowie den betrieblichen Erfordernissen in Einklang gebracht werden sollten. Ansonsten kommt es zu unerwünschten Ausweichreaktionen (z.B. Überstunden oder Lohndruck). Verschiedene Untersuchungen gehen von kurzfristig positiven Beschäftigungswirkungen, aber auch von Produktivitätseffekten im Gefolge von Arbeitszeitverkürzungen aus. Durch veränderte Angebots-Nachfrage-Relationen am Arbeitsmarkt kann es zu steigendem Lohndruck kommen. Dem könnte durch eine mittelfristige Lohnpolitik im Rahmen etwa eines Bündnisses für Arbeit begegnet werden. 8
6 ebd: 74ff
7 ebd: 75
8 http://www.bda-
online.de/www/bdaonline.nsf/0/abfd0e31e97b36d8c12568f9004f243b/$FILE/Arbeitszeitpolitik-Benchmarking-Bericht.doc. (01.03.2003, 00.17)
6
Allgemeiner definiert Markus Promberger Beschäftigungspolitik “als
Arbeitsmarktpolitik, die die Sicherung oder Erhöhung der Beschäftigung zum Ziel hat.” 9
Eine passende Unterscheidungsdimension sieht Promberger in der Handlungsebene bzw. Akteurskonstellation, da es sich hier um Beschäftigungspolitik auf der tariflichen bzw. der unternehmerischen Ebene handelt, im Gegensatz zum klassischen Verständnis von Beschäftigungspolitik, welches Beschäftigungspolitik im Bereich der staatlichen Institutionen bzw. der klassischen Wohlfahrtsverbände ansiedelt. Eine besondere Rolle fällt in der aktuellen Debatte vor allem den Unternehmen und Betrieben zu, da deren Bedeutung als beschäftigungspolitischen Akteure immer weiter zunimmt. 10
Beschäftigungspolitik auf der Unternehmensebene umfaßt demnach nach dem aktuellen Stand der Literatur folgenden Maßnahmenkatalog:
- langfristig geplanter, bestandsorientierter Personalbedarf, Personalentwicklung und Personaleinsatz
- Personalanpassung zum Erhalt und Ausbau von Beschäftigung - Arbeitserhaltende und arbeitsschaffende Stabilisierung der Beschäftigung - die Verringerung oder die Umverteilung von Arbeitszeiten zu Gunsten einer beschäftigungsorientierten betrieblichen Arbeitspolitik - Implementation tariflicher Vorgaben im Betrieb - Verzögerung bzw. der gänzliche Verzicht von Personalabbau - Förderung von betrieblicher Aus- und Weiterbildung - Standortsicherung über entsprechende Abkommen (entsprechend hier Rücknahme übertariflicher Sonderzahlungen unter Bezugnahme auf eine wirtschaftlich schlechte Gesamtsituation)
- Verhandlungen über die Senkung von Personalkosten
Gerade Standortsicherungabkommen erlebten mit der Rezession von 1993/94 einen wahren “Boom”, bestehend aus einem Paket aus vermindertem Einkommen,
veränderten Arbeitszeiten und Beschäftigungsgarantien. Bei näherer Betrachtung kann auch festgehalten werden, das die Betriebe und Unternehmer als Akteure in aller Regel binnenorientiert handeln, was bedeutet das sie
9 Promberger 2002: 76
7
Arbeit zitieren:
Heiko Wallauer, 2003, Das VW-Modell als Beispiel beschäftigungssichernder Arbeitszeitverkürzung: Wie wurde es umgesetzt und welche sozialstrukturellen Konsequenzen ergaben sich daraus?, München, GRIN Verlag GmbH
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Heiko Wallauer's Text Das VW-Modell als Beispiel beschäftigungssichernder Arbeitszeitverkürzung: Wie wurde es umgesetzt und welche sozialstrukturellen Konsequenzen ergaben sich daraus? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
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