Inhalt
1 Einleitung 1
1.1 Entwicklung der Fragestellung und Ausgrenzung des Themas 2
1.2 Prämissen, Methodik und Gang der Untersuchung 3
2 Medienwirkungsmodelle im Wandel 4
2.1 Linear-kausale Ansätze in der Tradition des Stimulus-Response-Modells 5
2.2 Das „aktive Publikum“ als grundlegender Perspektivenwechsel 8
2.3 Von der Mono- zur Multikausalität: die Untersuchung komplexerer Beeinflussungsmuster
vor dem Hintergrund reflexiver Medienrezeption 11
3 Der dynamische Transaktionalismus als integratives Erklärungsmodell:
In welcher Wechselbeziehung stehen externe Stimulanz und interne
Reinterpretation medialer Botschaften? 13
3.1 Zu den Vorzügen nicht-deterministischer Modelle von Massenkommunikation 13
3.2 Modellvergleich zwischen dynamisch-transaktionalen und „traditionellen“ Hypothesen
der Medienwirkung 16
3.2.1 Ähnlichkeiten 16
3.2.2 Unterschiede 18
3.3 Exkurs: die Dynamisierung von Beziehungsmustern als ontologisches
und wissenschaftstheoretisches Paradigma 19
4 Zur praktischen Relevanz des dynamisch-transaktionalen Ansatzes:
M ächtigkeit der Kommunikatoren versus konstruktivistische Erzeugung
individueller „Realität(en)“ 22
5 Fazit: Argumente gegen die mediale Konditionierung 24
6 Literatur- und Quellenverzeichnis 26
Abk ürzungen 28
Anhang: Zur formalen Modellierung dynamischer Systeme 29
Jan-Henrik Petermann Der dynamisch-transaktionale Ansatz in der Medienwirkungsforschung
„Es ist gewiß kein Verlust, wenn die Kommunikationswissenschaft die fast absurde Vorstellung aufgibt, Nachrichten seien zum ,Auswendiglernen‘ da, was dadurch geprüft wird, daß ,richtig erinnerte‘ Inhalte ins Verhältnis zu den insgesamt angebotenen Informationen gesetzt werden. Nachrichten können auch dann zum Lernen da sein, wenn die Vorstellungswelt nur in einigen Aspekten kognitiv und evaluativ erweitert wurde, wobei diese Erweiterung durchaus idiosynkratische Züge [...] und zur Medieninformation nur einen losen und punktuellen Zusammenhang besitzen mag.“
1 Einleitung
Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Konzepten und Hypothesen zur individuellen und gesamtgesellschaftlichen Wirkung von Massenmedien gilt seit langem als eine der inhaltlich fruchtbarsten, jedoch aus theoretischer wie methodischer Perspektive zugleich am kontroversesten diskutierten Teildisziplinen der Kommunikationswissenschaft. In kaum einem anderen Forschungsfeld des Faches gibt es bis heute eine ähnliche Vielzahl an unterschiedlichen − und oft widersprüchlichen − Auffassungen wie etwa zu der Kernfrage, ob und in welcher Weise mas-
senmediale Kommunikationsangebote eher infolge gezielter Strategien und Ziele der Kommu-nikatoren oder aber vermöge der Bedürfnisse, Vorlieben und Interessen der Rezipienten ihre Prägekraft auf die öffentliche Meinung entfalten (vgl. z.B. Charlton/Neumann 1990: 26-27). 1 Der anhaltende „Gelehrtenstreit“ um die vorherrschende Richtung und Stärke dieser Beeinflussung erscheint dabei vor dem Hintergrund einer stetigen Zunahme medial vermittelten Sekundärwissens zulasten menschlicher Primärerfahrungen umso bedeutsamer. 2 Gleichwohl hat sich im Verlauf der zurückliegenden Jahrzehnte auch eine Reihe von Mischansätzen herausgebildet, in deren Argumentationsrahmen die vielfältigen empirischen Daten zu Mediennutzungs- und -wirkungsprozessen weder als strikte Ausprägungen der einen (Kommu-nikatoren beeinflussen Rezipienten: Stimulus-Response-Modell und dessen Erweiterungen) noch der anderen (umfassende Autonomie „mündiger“ Rezipienten bei der Auswahl von Medienangeboten) dominierenden Theorieschule konzeptualisiert werden. Vielmehr hat sich inzwischen eine Forschungstradition graduell abgestufter, beide Sichtweisen integrierender Modelle etabliert. Der so genannte dynamisch-transaktionale Ansatz (DTA), dessen wissenschaftliche
1 Eine entsprechende Einteilung der Disziplingeschichte in drei Hauptphasen („starke Medienwirkungen“; „schwache Medienwirkungen“; „moderate Medienwirkungen“), die mit den unterschiedlichen Dominanzvermutungen (überwiegende Produzentenstimuli; prinzipielle Rezipientensouveränität; komplexe Mischformen beider Wirkungsrichtungen) korrespondieren, nehmen Kepplinger/Noelle-Neumann (2002: 598ff.) vor. Zur zweiten Phase der „schwachen bzw. fehlenden Medienwirkungen“ vgl. auch den einleitenden Absatz in Brosius (1994: 269). Die davor liegende Phase „deterministische[r] Vorstellungen“ behandeln Bente et al. (1992: 189).
2 So diagnostiziert Früh (1994: 15) bezüglich dieser generellen Tendenz: „[Der relative Anteil des Sekundärwissens nimmt auf dem Weg zur ,Informationsgesellschaft‘ ständig zu. Den Hauptanteil daran tragen die Massenmedien, die Informationen über das Zeitgeschehen kontinuierlich ins Haus liefern.“ In ähnlicher Absicht schreiben Charlton/Neumann (1990: 28): „Zu den Alltagshandlungen, die im Zuge der Lebensbewältigung Verwendung finden, zählen heutzutage mehr denn je Massenkommunikationsprozesse.“ Für eine nähere Problematisierung all-tagstheoretischer Konzepte in der Medienwirkungsforschung vgl. auch die Ausführungen in Abschnitt 4.
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Jan-Henrik Petermann Der dynamisch-transaktionale Ansatz in der Medienwirkungsforschung
Popularisierung und Fortentwicklung im deutschsprachigen Raum maßgeblich auf die Arbeiten des Leipziger Kommunikationspsychologen Werner Früh zurückgehen, stellt hierbei eine auch unter wissenschaftstheoretischen Gesichtspunkten besonders vielschichtige und − wie weiter unten zu zeigen sein wird − erklärungskräftige Variante dar.
1.1 Entwicklung der Fragestellung und Ausgrenzung des Themas
Mehrere Dekaden nach der Ausformulierung des ursprünglichen S-R-Modells, welches eine direkte, lineare und einseitige Beeinflussung der „hilflosen“ Medienkonsumenten durch die „allmächtigen“ Medienproduzenten annahm (vgl. z.B. Hasebrink/Krotz 1991: 117), herrscht in der heutigen Kommunikationswissenschaft weitgehend Übereinstimmung darüber, dass die ausschließliche Annahme kausaler Wirkungsbeziehungen zwischen Medienbotschaft und Rezipientenwahrnehmung sowohl aus theoretischer als auch aus empirischer Perspektive kaum noch haltbar ist. Stattdessen legen mittlerweile selbst solche Forscher, die den Großteil des Steuerungsvermögens eher auf Seiten des Publikums vermuten, ein Zwei-Stufen-Konzept des medialen Bedeutungstransfers zu Grunde: Auf die Transformation „äußerer Realität“ in eine medialen Symboliken genügende „Medienrealität“ folgt schließlich die Übersetzung ebenjener „Medienrealität“ in eine „Publikumsrealität“. 3 Allerdings zeichnete sich schon relativ früh ab, dass weder die Beschränkung auf die Kommunikatorenseite noch die alleinige Konzentration auf die Rezipientenbedürfnisse die Gesamtheit massenkommunikationspsychologischer Phänomene hinreichend erklären, geschweige denn im Rahmen experimenteller Versuchsanordnungen vorhersagen konnte. 4 Es lag auf der Hand, dass die Medientheorie zu einer integrativen Sichtweise gelangen musste. Eine zentrale ontologisch-epistemologische Neuerung bestand daher in der Annahme, dass nicht ein − wie auch immer geartetes und ausgerichtetes − Bündel einzelner
Kausalbeziehungen, sondern eine große Zahl simultaner Wechselwirkungsprozesse und komplexer, mehrschichtiger Beeinflussungsmuster zu einer adäquaten Beschreibung massenkommunikativer Phänomene herangezogen werden sollte. Bereits lange vor der schlussendlichen Ausarbeitung des DTA gingen so auch frühere makroanalytische Ansätze in der Soziologie und
3 Die beiden Stufen des dargestellten Transformationsvorgangs skizziert Früh (1994: 56) wie folgt: „Die Medien reduzieren, transformieren und interpretieren also Realität [...]; daneben schaffen sie durch ihre Berichterstattung Realität, indem sie einerseits Ereignisse inszenieren (Pseudo-Events; Agenda-building) und andererseits berichtete Realität beim Publikum zum Gegenstand des Nachdenkens oder weiterer Kommunikation machen.“ Demge- genübergelangten Vertreter von Ansätzen, die schon bald nach der empirischen Falsifikation zentraler Hypothesen des S-R-Modells den Fokus ihrer Überlegungen auf das Verhalten der Rezipienten legten, zu einer gänzlich anderen Systematisierung von Massenkommunikationsprozessen, indem sie das Geschehen auf der Response- Seitezeitlich differenzierten und in eine präkommunikative, eine kommunikative und eine postkommunikative Phase der Rezeption untergliederten (vgl. Kepplinger/Noelle-Neumann 2002: 604). Andere Autoren unterscheiden hingegen vier idealtypische Phasen (Mediennutzung, -rezeption, -aneignung und -wirkung; vgl. z.B. Hasebrink 2002: 327-328), wobei die Rezeption das „entscheidende Bindeglied zwischen Mediennutzung und Me- dienwirkung“ (ebd.:357) sei.
4 Dieses theoretische Defizit hatte nicht zuletzt ganz praktische Auswirkungen auf die (oft mangelhafte) Aneignung kommunikationsstrategischen Wissens, etwa zum Zwecke der Programmplanung oder des Medienmarketings. Zu den verschiedenen Definitions- und Messkonzepten der modernen Reichweitenforschung vgl. Hasebrink (2002: 329ff.).
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Jan-Henrik Petermann Der dynamisch-transaktionale Ansatz in der Medienwirkungsforschung
Psychologie davon aus, dass Transaktionsbeziehungen in der Massenkommunikation von entscheidender Bedeutung seien (vgl. Göttlich 2001: 1). 5
Welche fundamentalen Vorstellungen von individuell und in Gesellschaft Anderer wahrgenommener Medienrealität − Quasi-Kausalität durch dominante Kommunikatorbotschaften oder
weitgehend autonomes framing subjektiver Realitätsschemata in den Köpfen der Zuschauer, Hörer und Leser 6 − liegen der Geschichte dieser Modellintegration zugrunde? Und anhand wel-
cher Anwendungs- und Fallbeispiele aus der Alltagsrezeption massenmedialer Kommunikationsangebote lässt sich die besondere Erklärungskraft des DTA veranschaulichen? Dies sollen die Leitfragen der vorliegenden Untersuchung zum Wandel medienpsychologischer Realitätsmodelle sein. Dabei wird zunächst auf die Problematik eingegangen, inwiefern verschiedene Konzepte von „objektiver“ und medial vermittelter Wirklichkeit in verschiedenen theoretischen Grundmodellen der Massenkommunikation ihren Niederschlag gefunden haben − um so ab-
schließend erklären zu können, warum der DTA aus heutiger Sicht eine besonders überzeugende Gesamtperspektive auf die kommunikativen Konstruktions- und Rekonstruktionsvorgänge in modernen Informationsgesellschaften bietet. Die Natur bzw. Konzeption „der“ Realität wird demzufolge in situationsspezifisch variabler, den jeweiligen Teilaspekten eines diskutierten Medienwirkungsmodells angepasster Art und Weise verstanden. 7
1.2 Prämissen, Methodik und Gang der Untersuchung
In dieser Arbeit wird mithin davon ausgegangen, dass es nicht ein einziges, letztlich einleuchtendes Modell komplexer Medienwirkungen geben kann, wohl aber eine wissenschaftstheoretisch wie kommunikationswissenschaftlich plausible Zusammenführung mehrerer Wirkungsdimensionen angestrebt werden sollte, um die psychologischen und soziologischen Funktionen massenmedialer Botschaften angemessen verstehen zu können. In diesem Zusammenhang besitzen Ansätze wie der DTA, die Kommunikator und Rezipient gleichermaßen in die Analyse einbeziehen und vor dem Hintergrund einer Ontologie des Transaktionalen als Ursache- und Wirkungseinheiten begreifen, ein Maximum an Erklärungsrelevanz. Nur unter Zuhilfenahme beider
5 Die in diesen Denkmodellen verwendeten Darstellungsmethoden zu einer Dynamisierung komplexer Systeme kamen vornehmlich aus anderen wissenschaftlichen Teildisziplinen und wurden schrittweise für die Untersuchung kommunikationswissenschaftlicher Fragestellungen adaptiert (vgl. ebd.: 1 sowie Abschnitt 3.3).
6 In Abgrenzung zu solchen framing-Theorien, wie sie aus der politischen Ästhetik oder der visuellen Kommunika-tionsforschung bekannt sind, bezieht sich der framing-Begriff in dieser Arbeit auf die (medien)psychologischen Konzepte zur Beschreibung der Konstruktion individueller Realitätsschemata.
7 Außen vor bleiben müssen dagegen Realitätskonzepte, die ihre wissenschaftliche Heimat außerhalb der engeren Grenzen der Medienforschung haben (tiefenpsychologische Ansätze über Träume, Phantasien oder Identitätsausbildung; philosophische und existenzialistische Modelle) und insofern nicht Gegenstand einer Synopse der Theorien „harter“ Medienwirkungen sein können. Ebenso wenig kann hier eine Analyse einzelner berufspraktischer Verwendungsmöglichkeiten der diskutierten Ansätze − etwa im Sinne der erfolgreichen Kommunikation einzel-ner Argumente im Rahmen angewandter Theorien der Persuasions- oder Werbewirkungsforschung (vgl. Schenk 2002b: 407ff.) − erfolgen. Zudem muss eine Auseinandersetzung mit soziologischen Metaansätzen der Massen-
kommunikation (Öffentlichkeitsmodelle; Meinungsführer-Konzepte; vgl. z.B. Hasebrink 2002: 370; Kepplinger/Noelle-Neumann 2002: 644-647) aus Gründen der thematischen Stringenz weitgehend unterbleiben; diese Aspekte können lediglich punktuell (vgl. Abschnitt 3.3) aufgegriffen werden.
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Jan-Henrik Petermann Der dynamisch-transaktionale Ansatz in der Medienwirkungsforschung
Anschauungsmodi sollte es möglich sein, die hochgradig komplexen und interdependenten Prozesse moderner Massenkommunikation sowie ihre sozialen Entstehungsbedingungen und Folgen mit hinreichender Präzision einschätzen zu können.
Hierzu gehe ich wie folgt vor: Abschnitt 2 stellt die Grundzüge und Prämissen der beiden Haupttheoriestränge psychologischer Medienwirkungsmodelle aus den vergangenen Jahrzehnten dar, die gleichsam als Ausdruck miteinander konkurrierender, sich in vielerlei Punkten gegenseitig widersprechender Aussagen über die Effekte massenmedialer Kommunikationsangebote betrachtet werden können. Der darauf folgende Abschnitt 3 beschäftigt sich mit den Kern-vorstellungen des DTA, der − wie einführend dargestellt − die zuvor tonangebenden, wenn-
gleich antagonistischen Mainstream-Theorien der Medienwirkung in ein theoretisch konsistentes Gesamtbild zu überführen vermochte. Dabei gehe ich größtenteils textanalytisch und interpretativ vor, argumentiere an einzelnen Stellen jedoch auch mit quantitativen sowie formallogischen Verfahren zur Modellierung dynamischer Prozesse (vgl. Anhang). Des Weiteren führe ich einen kurzen Vergleich zwischen dynamisch-transaktionalen und „traditionellen“ Hypothesen der Medienwirkung durch (3.2) und zeige in Form eines wissenschaftstheoretischen Exkurses auf, weshalb der DTA durchaus als kommunikationswissenschaftliche Spielart eines fächer- übergreifendenParadigmas zur Beschreibung von „Realität“ gelten kann, das hinsichtlich seiner wesentlichen Argumentationsstrukturen auch in anderen wissenschaftlichen Teildisziplinen als epistemologisches Konzept zur Anwendung kommt (3.3). Die praktische Relevanz des dynamischen Transaktionalismus innerhalb der alltäglichen Routinen massenmedialer Rezeption ist schließlich Gegenstand des Abschnitts 4. Ein abschließendes Fazit (Abschnitt 5) fasst die gewonnenen Erkenntnisse noch einmal zusammen.
2 Medienwirkungsmodelle im Wandel
In der Geschichte der Mediennutzungs- und -wirkungsforschung lassen sich zwei Grundperspektiven unterscheiden, die ein jeweils spezifisches Verständnis der Rollen und der Funktionen von Kommunikatoren und Rezipienten im Prozess der Massenkommunikation implizieren. Die Annahme eines „mächtigen Kommunikators“ bei grundsätzlich passivem Publikum untersucht die Frage „Was machen die Medien mit den Menschen?“, wohingegen die Konzeption eines „aktiven Publikums“ die Frage „Was machen die Menschen mit den Medien?“ ins Zentrum des Erkenntnisinteresses rückt (vgl. Hasebrink 2002: 328-329). 8 Zunächst sollen nun die wesentlichen Elemente derjenigen Ansätze dargestellt werden, die von der erstgenannten Sichtweise ausgehen.
8 Allgemeine Erläuterungen zu den Grundbegriffen und Analysekategorien der Medienwirkungsforschung (Kom-munikatoren, Medien, Aussagen, Rezipienten) liefern Kepplinger/Noelle-Neumann (2002) sowie Hasebrink (2002: 325-326).
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Jan-Henrik Petermann Der dynamisch-transaktionale Ansatz in der Medienwirkungsforschung
2.1 Linear-kausale Ansätze in der Tradition des Stimulus-Response-Modells
Die Vorstellung, Medienbotschaften fänden gewissermaßen „ungefiltert“ ihren Weg von den Kommunikatoren in das Bewusstsein der Rezipienten, gehörte zu den zentralen Prämissen der Kommunikationswissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts. Obwohl es vielen Anhängern dieser „kopernikanischen“ Konzeption von Medienwirkungen (vgl. Früh 1994: 30) zunächst als unmit- telbareinsichtig erschien, dass massenmedial generierte und über technische Distributionskanäle verbreitete Inhalte in modernen Gesellschaften wichtige Orientierungspunkte im Sinne einer Interpretation und Reduktion von Umweltkomplexität bieten (vgl. Früh 1994: 9; siehe auch Abschnitt 2.2 sowie Fn. 2), stellte sich alsbald die Frage, ob die Zugrundelegung eines linearkausalen S-R-Modells, das in seiner Reinform ausschließlich eine Wirkungsrichtung vom Kommunikator zum Rezipienten für plausibel erachtete, aus kommunikationssoziologischer Perspektive noch vertretbar war. 9 Bisweilen mündete die Annahme einer derart einseitigen „Macht der Medien“ in einen rigiden Behaviorismus, der in den 1950er und 1960er Jahren auch in anderen Sozialwissenschaften auf große Popularität stieß. 10 „Im Rahmen solcher Vorstellungen spielen die Rezipienten eine denkbar passive Rolle, sie geraten lediglich als Opfer starker Medienwirkungen in den Blick der Forschung“ (Hasebrink 2002: 347). Auch unter allgemeinen wissenschaftstheoretischen Gesichtspunkten war eine solche Verabsolutierung des Kommunika-toreinflusses nicht unproblematisch: Anstatt die Mühe auf sich zu nehmen, komplexere Wechselwirkungsverhältnisse zu erforschen, verfolgten die Apologeten des S-R-Modells eine Strategie, bei der die Suche nach unidirektionalen Wirkungen zum erkenntnisleitenden, jedoch bestimmte Untersuchungsaspekte systematisch ausblendenden Dogma wurde (vgl. z.B. Charl- ton/Neumann1990: 26). „Weder der Sprecher noch der Hörer“, so Früh (1994: 31) im einleitenden Abschnitt seiner Darstellung des DTA, „verhalten sich gegenüber einem Symbol so, wie ein technisches System eine Regelgröße anzeigt bzw. sie ,befolgt‘.“ 11
9 Freilich wurde auch untersucht, auf welche Weise die Kommunikatoren zunächst eine medial verwertbare Version sozialer Wirklichkeit konstruieren, bevor sie diese in Form von Botschaften und unter Verwendung bestimmter professioneller Gestaltungsprinzipien zu den Rezipienten transportieren können. Demzufolge bestand die normative Zielvorstellung der vom frühen S-R-Modell inspirierten Medienethik in der Forderung, die Medien sollten ein möglichst getreues, vollständiges und unverzerrtes „Abbild der Realität“ schaffen, welches das Publi- kumsodann „im Sinne einer ,kognitiven Kopie‘“ (Früh 1994: 16) übernehmen könne. Die Diagnose eines zuweilen „unmündigen Publikums“, bei dem „verzerrte Realitätsvorstellungen“ vorherrschten die Prozesse medialer Realitätskonstruktion im Sinne des „kopernikanischen“ Modells also versagt hätten , führte hingegen zu der An- sicht,Medienmacher könnten auch deshalb bestimmte Botschaften generieren, weil sie ein Interesse an persönli- cherSelbstdarstellung hätten („ptolemäisches“ Modell; vgl. ebd.: 28-29; Hasebrink 2002: 363). Heutzutage ist „die Erkenntnis, daß Medien nicht nur über reale Ereignisse berichten, sondern auch selbst Realität schaffen“ (Früh 1994: 37), ein unbestrittenes Grundaxiom der Massenkommunikationsforschung. Für eine Darstellung einzelner Mainstream-Konzepte medialer Realitätskonstruktion (McLuhans „Medium als Botschaft“; Baudrillards mediale „Hyperrealität“ und „Simulation“) vgl. ebd. (36-37).
10 „Zu sehr dominierte eine auf wenige Aspekte verengte Sichtweise, die überdies ganz selbstverständlich die Kom-
munikatorperspektiveeinnahm“ (Früh 1994: 9). Vgl. zu dieser Grundsatzkritik am S-R-Modell auch Renckstorf/Wester (2001: 151).
11 So wurde die methodologisch problematische Vorstellung der Möglichkeit einer „naturwissenschaftlichen Mes-
sung“ sozialer Phänomene von zahlreichen Autoren erst relativ spät kritisch diskutiert. Vgl. ferner zum allgemei- nenProblem der geringen externen Validität medienpsychologischer Laborsituationen Bente et al. (1992: 190); siehe hierzu auch Abschnitt 3.3.
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Jan-Henrik Petermann Der dynamisch-transaktionale Ansatz in der Medienwirkungsforschung
Ungeachtet aller methodologischen und theoretischen Einwände nehmen Ansätze, welche die Wirkungsmacht der Kommunikatoren zulasten der Aktions- und Reaktionsmacht der Rezipienten klar in den Vordergrund stellen, bis heute einen großen Raum in der Kommunikations-forschung ein − obgleich sie die einzelnen Einflusskomponenten der Medien inzwischen weit-
aus differenzierter betrachten und meist nur einen bestimmten Ausschnitt im Gesamtspektrum aller Medienwirkungen unter einer jeweils gesonderten Fragestellung behandeln. Die wohl bedeutendste Richtung stellt hierbei die Persuasionsforschung dar (vgl. für eine zusammenfassende Darstellung Schenk 2002b: 407ff. sowie Hasebrink 2002: 365-367). Ihre Vertreter beschäftigen sich nach wie vor mit der Frage, welche Arten überredender oder überzeugender Argumentation innerhalb von Medienbotschaften in Abhängigkeit von der Zusammensetzung des Auditoriums, der Intensität der Reize sowie der Beschaffenheit der Quelle (vgl. Schenk 2002b: 412-415) am besten geeignet sind, eine „Verhaltensmodifikation mittels symbolischer Transaktionen“ (ebd.: 407) auf Seiten des Publikums zu erzielen, die sowohl vernunft- als auch gefühlsbezogen sein kann. 12 Eng verknüpft mit der Persuasionsforschung ist die Analyse der potenziellen oder empirisch beobachtbaren Wirkungen von Gewaltdarstellungen in den Massenmedien (vgl. allgemein hierzu Kepplinger 2002: 648ff.): Angesichts des differenzierten Kernbefunds, wonach „sie [Studien zur Wirkung von Mediengewalt, d.V.] einhellig [zeigen], daß Gewaltdarstellungen im Fernsehen einen schwachen bis mittleren, jedoch statistisch signifikanten Einfluss auf aggressive Verhaltenstendenzen besitzen“ 13 (ebd.: 652), erscheint es allerdings bemerkenswert, dass sich die Rolle der Medien in einem Großteil soziologischer und kriminologischer Untersuchungen zumeist in der Funktion einer intervenierenden Variablen erschöpft (vgl. ebd.: 649). Erst in jüngster Zeit gerieten mögliche Medieneinflüsse im Zuge der Formulierung verwandter, aber leicht variierter Fragestellungen − etwa zur Genese von Angstvorstellungen in der Gesellschaft − wieder in den Mittelpunkt der Analyse. 14
12 Dabei wird betont, dass Persuasion nicht nur eine Einstellungsveränderung, sondern von Fall zu Fall auch eine
Einstellungsformung oder sogar -bestätigung beim Rezipienten anstreben kann (vgl. ebd.: 408-409; 412). Die Art der kommunizierten Botschaften betreffend, stellen Kepplinger/Noelle-Neumann (2002: 597) zudem fest, dass (objektiv-rationale) Kenntnisse am einfachsten zu beeinflussen sind, gefolgt von Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen. Letztere zu verändern, ist vor allem das Ziel expliziter Werbe- und Marketing-Maßnahmen.
13 Die einzelnen Modi medienvermittelten bzw. -induzierten Gewalthandelns stellt Hasebrink (2002: 367-369) dar.
Nähere Ausführungen zur so genannten Katharsis-These finden sich darüber hinaus in Kepplinger (2002: 654), der auch die Annahmen einer Lern- und Rollentheorie in Bezug auf die Entstehung sozialer Gewalt, einen Vergleich zwischen realen (Nachrichtenformate) und fiktionalen (Unterhaltungsformate) Gewaltdarstellungen sowie die Hypothesen der Frustrations-Aggressions-Theorie diskutiert (ebd.: 650-656). Gewaltimpulse, die weniger auf konkrete Handlungsmotive rekurrieren, sondern „eher reizunspezifische Erregungsmuster“ (Bente et al. 1992: 186) spezifizieren, wurden von Medienpsychologen ebenfalls als erklärungsrelevant für die Beschreibung der möglichen Auswirkungen medial erzeugter bzw. verstärkter Gewalt angesehen.
14 Die unbestreitbaren Medieneinflüsse folgen hierbei aus der Einsicht, „dass sich die Bevölkerung zuweilen nicht
vor dem fürchtet, was sie real bedroht, sondern vor dem, was sie aufgrund von Medienberichten irrtümlicherweise für besonders bedrohlich hält“ (vgl. Kepplinger 2002: 618; 651). Auch außerhalb der wissenschaftlichen Diskussion haben populäre Dokumentationen unlängst die Rolle insbesondere des Fernsehens bei der Entstehung überdramatisierter sozialer Angst und der Stigmatisierung ethnischer, kultureller oder politischer Randgruppen kritisch thematisiert (vgl. Moore 2002). Insgesamt dominiert indes nach wie vor die Sichtweise, dass Gewaltentstehung als „mehrstufiger Prozess“ (Kepplinger 2002: 658) analysiert werden muss, wobei die Medien zwar eine bedeutende, jedoch nicht notwendigerweise die allein ausschlaggebende Rolle spielen.
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Arbeit zitieren:
Dipl.-Pol., MSc (IR) Jan-Henrik Petermann, 2004, Medienpsychologische Realitätsmodelle im Widerstreit: Determination durch externe Reize oder Kontingenz durch intrapersonales framing?, München, GRIN Verlag GmbH
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