Inhalt
1 Einleitung 1
2 Das Fallbeispiel Aum Shinrikyô: apokalyptisch-religiös
motivierte Terroranschläge als Ausdruck eines neuen
terroristischen Paradigmas? 3
2.1 Zur Entstehungsgeschichte der Aum-Sekte 3
2.2 Hintergründe: Glaubensmotive, ideologische Ansichten und Ziele 4
2.3 Innere Struktur und äußere Expansion von Aum Shinrikyô 5
2.3.1 Mitgliederentwicklung und internationale Ausdehnung 5
2.3.2 Binnengliederung und Finanzierung 6
2.4 Radikalisierung und zunehmende Kriminalisierung 7
2.4.1 Wachsendes Misstrauen der japanischen Gesellschaft,
soziale Abkapselung und steigendes Aggressionspotenzial der Sekte 7
2.4.2 Die Bewaffnung der Sekte: vom „Anrecht auf Selbstverteidigung“
zur „Beschleunigung des Armageddon“ 9
2.4.3 Chronologie der Terroraktivitäten 10
2.5 Ausblick: Aum Shinrikyô - auch zukünftig eine Bedrohung? 12
3 Was ist das Neue am new terrorism? - Versuch einer Erläuterung
und Abgrenzung 14
3.1 Kennzeichnung der klassischen Terrorismus 14
3.1.1 Die Zielebene 14
3.1.2 Die Akteursebene 15
3.1.3 Die Aktionsebene 15
3.1.4 Die Opferebene 16
3.2 Das neue terroristische Paradigma - Merkmale und Abgrenzung
vom klassischen Terrorismus 17
3.2.1 Die Zielebene 17
3.2.2 Die Akteursebene 17
3.2.3 Die Aktionsebene 18
3.2.4 Die Opferebene 19
3.3 Der Neue Terrorismus im Widerstreit: Erfordert das erstmalige
Auftreten von NBC-Terror eine grundsätzliche Neubestimmung
des Terrorismusphänomens? 20
4 Die Proliferation von Massenvernichtungswaffen an substaatliche Akteure: reale Bedrohung für Frieden und Sicherheit? 22
4.1 Kategorisierung der Massenvernichtungswaffen
und Folgenabschätzung eines möglichen Anschlages 22
4.1.2 Biologische Waffen
4.1.4 Exkurs: Folgen eines Einsatzes von NBC-Waffen
4.2 Einschätzung künftiger Risiken durch den NBC-Terrorismus 26
4.2.1 Nuklearwaffen 27 4.2.2 Biologische Waffen 28 4.2.3 Chemische Waffen 30
4.3 Gegenstrategien 31
5 Fazit: Aum Shinrikyô als empirischer Präzedenzfall der New-terrorism-Konzeptionen 34
Abkürzungen 37
Literatur 38
Anhang 1: Internationale Terroranschläge 1980-94
Anhang 2: Selected Motivational Factors Associated with CBW Terrorism
Jan-Henrik Petermann Die Aum-Sekte und der Neue Terrorismus
„Unter den Errungenschaften des 20. Jahrhunderts ist die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen gewiss die schrecklichste.“
(Häckel 2000: 212)
„Die Kunst des Teufels besteht darin, uns zu überzeugen, dass er nicht existiert.“
(Baudelaire; zit. n. Hauschild 1999: 17)
1 Einleitung
Die Entwicklung und die Terroraktionen der aus Japan stammenden Endzeitsekte Aum Shinrikyô sind aus Sicht zahlreicher Autoren charakteristisch für die Entstehung eines Terrorismus „neuerer“ Prägung. 1 Insbesondere der Saringas-Anschlag auf die Tokyoter U-Bahn in den Mor-genstunden des 20. März 1995 wurde und wird bis heute als ein entscheidender Wendepunkt in der Vorgehensweise international operierender Terrororganisationen betrachtet. 2 Doch nicht nur in der Wissenschaft, sondern ebenso in der politischen Praxis führten die Aktivitäten von Aum Shinrikyô zu einem grundlegenden Umdenken in den Außen- und Sicherheitsbeziehungen der westlichen Industrienationen, insbesondere in den USA. 3 Neue und akute, bis dato allenfalls von der Theorie prognostizierte Bedrohungsszenarien taten sich auf, als die um die Welt laufenden Fernsehbilder von erstickenden und schwer verletzten Passanten in Tokyo eindringlich dokumentierten, dass die Staatenwelt ihr Besitzmonopol bei Massenvernichtungswaffen (MVW) eingebüßt zu haben schien (Tucker 1996: 175). Ein chemischer Kampfstoff war - erstmals für jedermann eindeutig nachvollziehbar - nun auch einer obskuren, äußerst unberechenbaren terroristischen Gruppierung in die Hände gefallen; das bisherige „Tabu“, sol- cheWaffen unter keinen Umständen für terroristische Belange einzusetzen, war gebrochen. 4 Auch angesichts aktuellerer Entwicklungen ist es nötig und lohnenswert, das Problem möglicher Terroranschläge mit Hilfe von MVW genauer ins Augenmerk zu nehmen: Die Ausbrin-
1 Vgl. hierzu Tucker (1996: 168): „Terrorist groups have generally sought to achieve their objectives with small arms and conventional explosives. This tendency may be changing, however, with the emergence of more deadly forms of terrorism.“
2 So gelangt Falkenrath (1998: 50-51) zu der Einschätzung: „With the important exception of Aum Shinrikyô, no non-state actor has conducted, or attempted to conduct, an effective, widespread attack with a functional NBC [nuclear, biological or chemical, d.V.] weapon“ (Herv. d.V.). Das US-amerikanische Außenministerium bilanzierte in seinem Terrorismus-Bericht des Jahres 1995 bezüglich des Saringas-Anschlags der Aum-Sekte: „In 1995, Japan suffered the world’s first large-scale terrorist chemical gas attack“ (US Department of State [Hrsg.] 1995). Marret (2000: 13) sieht hierin ebenfalls einen Präzedenzfall: „C’était le premier véritable cas d’utilisation d’agents chimiques par des terroristes.“
3 Ein aufgrund der veränderten internationalen Sicherheitslage eingerichteter Untersuchungsausschuss des US-Senats kam bereits im November 1995 - wenige Monate nach dem Giftgas-Anschlag - zu dem Befund: „The operations of Aum involved chemical and biological research, development and production of chemical and biological weapons on a scale not previously identified with a sub-national terrorist group“ (US Senate Government Affairs Permanent Subcommittee on Investigations [i.F. US Senate] [Hrsg.] 1995).
4 „As the first large-scale terrorist incident involving a lethal chemical agent, it weakened a long-standing psychological taboo and raised the spectre of more such incidents in the future” (Tucker 1996: 168).
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Jan-Henrik Petermann Die Aum-Sekte und der Neue Terrorismus
gung von Anthrax-Sporen im Herbst 2001 in den USA kurz nach den verheerenden Attacken des 11. Septembers zeigt deutlich die Virulenz dieses Themas an (Ashford et al. 2001). Besondere Bedeutung kommt dem Gegenstand zudem in Anbetracht der Tatsache zu, dass gerade moderne Industriegesellschaften - und speziell urbane Ballungsräume - von einer „strukturellen Verwundbarkeit“ (Lutz 2001: 1) gegenüber Angriffen mit MVW gekennzeichnet sind. 5 Dabei drängt sich eine noch umfassendere Frage auf: Lassen sich aus den Geschehnissen des 20. März 1995 auch allgemeine Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung des internationalen Terrorismus hin zu einem vermehrten Einsatz von MVW ziehen? Sehen wir mithin einer „neue[n] Dimension des Terrorismus“ (Sohns 2001) mit wesentlich höheren Opferzahlen entgegen - oder müssen die Anschläge von Aum Shinrikyô (vorerst) als singulärer Tatbestand betrachtet werden? Die Vermutung liegt jedenfalls nahe, dass die Terroraktionen der Aum-Sekte als ein signifikanter Indikator für das Entstehen einer bisher unbekannten Form organisierter politischer Gewalt durch substaatliche Akteure gewertet werden könnten. Falls dies zutrifft, markieren sie dann aber auch einen Wendepunkt - oder gegebenenfalls gar einen Paradigmenwechsel - im Hinblick auf die gesamte Entwicklung des internationalen Terrorismus nach dem Ende des Kalten Krieges? Diesen Fragen soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden. Zunächst sollen im folgenden Abschnitt die besonderen Merkmale der Aum-Sekte anhand ihrer historischen Entwicklung (2.1 bis 2.3) sowie anhand des Prozesses ihrer fortschreitenden Radikalisierung bis zum Beginn terroristischer Aktivitäten (Abschnitt 2.4) dargestellt werden. Auf Basis dieser Einsichten wird eine vorläufige, grobe Einschätzung dazu abgegeben, ob von Aum Shinrikyô zukünftig weitere Terroraktivitäten erwartet werden können (Abschnitt 2.5). Vor dem Hintergrund der oben angeführten Fragestellung erörtert Abschnitt 3, inwiefern terroristische Anschläge mit MVW generell als Ausdruck einer neuen Form von Terrorismus aufgefasst werden müssen - in Abgrenzung zum klassischen Terrorismus mit konventionellen Waffen. Im anschließenden Abschnitt 4 werden zunächst die einzelnen NBC-Waffentypen hinsichtlich ihrer spezifischen Zusammensetzung und Wirkung erläutert (4.1), bevor eine Abschätzung künftiger Risiken durch Terroraktionen unter Verwendung von MVW (4.2) und eine Diskussion möglicher Gegenstrategien zur Abwehr des NBC-Terrorismus (4.3) vorgenommen werden. Das abschließende Fazit (Abschnitt 5) greift schließlich die eingangs gestellte, übergreifende Frage auf, ob und inwieweit die Anschläge der Aum-Sekte im Lichte der jüngsten Debatten über den new terrorism als empirischer und paradigmatischer Präzedenzfall einer neuen Form von groß angelegtem Terror mit Hilfe von MVW angesehen werden können.
5 Vgl. zu dieser Diskussion ausführlicher Gießmann (2000), Falkenrath (1998: 41), Stern (1999: 4), Scheffer (2001), Tucker (2000: 1) sowie Zanders (1999: 21).
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Jan-Henrik Petermann Die Aum-Sekte und der Neue Terrorismus
2 Das Fallbeispiel Aum Shinrikyô: apokalyptisch-religiös
motivierte Terroranschläge als Ausdruck eines neuen
terroristischen Paradigmas?
Wer und was verbarg sich hinter der Terrorsekte Aum Shinrikyô? Wie verlief ihre Entwicklung von den Anfängen einer okkulten Glaubensgemeinschaft zu einer schlagkräftigen terroristischen Organisation, die erstmals auch von MVW Gebrauch machte, um ihre Ziele zu erreichen?
2.1 Zur Entstehungsgeschichte der Aum-Sekte
Chizuo Matsumoto, der spätere und auch unter dem Namen Shôkô Asahara bekannte Gründer und Guru der Sekte, wurde am 2. März 1955 in Yatsushiro (Präfektur Kumamoto) auf der südjapanischen Hauptinsel Kyûshû geboren. 6 Von früher Kindheit an litt Matsumoto (i.F. Asahara) unter starken Sehbehinderungen. Im Alter von 22 Jahren machte er seinen Abschluss an einer Blindenschule. Nach einer erfolglosen Teilnahme an der Aufnahmeprüfung der Tokyo University beschloss er, sich dem Studium der Akupunktur und des Yoga zuzuwenden. Gemeinsam mit seiner Frau Tomoko eröffnete Asahara in den späten 1970er Jahren eine Praxis für Akupunktur und asiatische Medizin. Damals trat er auch in die Gruppe „Agonshû“ („Schule des Agama-Buddhismus“) ein - eine religiöse New-Age-Bewegung, die eigenständige Riten und Praktiken aus dem esoterischen Buddhismus Japans (shingon) entwickelt hatte. 7 1984 verließ Asahara schließlich die „Agonshû“ und gründete das Yoga- und Meditationszentrum „Aum Divine Wizard Association“ und ein angegliedertes Verlagshaus in Tokyo. Daneben baute er eine Firma mit dem Namen „Aum Inc.“ auf, die weitere Yoga-Schulen betrieb und so genannte Gesundheitsgetränke produzierte (vgl. Stern 2000: 205). Das Publikumsinteresse und der Zuspruch gegenüber Asaharas Yoga-Zentren wuchsen rapide, so dass „Aum Inc.“ bereits ein Jahr später Zweigstellen in ganz Japan unterhielt (ebd.). 1986 bildete sich aus dem Zentrum die Gruppe „Aum Shinsen no kai“ („Aum-Gruppe der Asketen“), die sich im Juli 1987 schließlich in „Aum Shinrikyô“ („Aum-Lehre der höchsten göttlichen Wahrheit“) umbenannte. In der Folgezeit gelang es Asahara durch seine charismatische Ausstrahlung und das aggressive Werben von Neumitgliedern, immer mehr Anhänger für Aum Shinrikyô zu gewinnen (Wieczorek 2000: 251; Tucker 1996: 168). Das Versprechen übernatürlicher Kräfte wie Schweben und Hellsehen sowie die von Asahara in Aussicht gestellte Erlangung der „Erleuchtung“ und höherer Bewusstseinszustände übte vor allem auf Jugendliche eine große Anziehungskraft aus (Kaplan 2000: 208). Aum Shinrikyô entwickelte sich somit
6 Die folgenden Ausführungen zur Biographie Matsumotos, zur institutionellen Entwicklung der Aum-Sekte sowie zur Beschreibung ihrer terroristischen Aktivitäten entstanden in Anlehnung an die Darstellungen David E. Kaplans (Aum Shinrikyô (1995), 2000: 207-226), Iris Wieczoreks (Die Aum Shinrikyô - fünf Jahre nach dem Giftgasanschlag, 2000: 249-255) sowie Jessica Sterns (Terrorist Motivations and Unconventional Weapons, 2000: 205-210).
7 Nähere Details zu den esoterischen Grundlagen der Aum-Praktiken finden sich in Wieczorek (2000: 250-251).
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Jan-Henrik Petermann Die Aum-Sekte und der Neue Terrorismus
langsam von einem anfangs eher unbedeutenden New-Age-Kult zu einer mitgliederstarken Organisation. Im August 1989 wurde der Gruppe von der Tokyoter Bezirksregierung der offizielle Status einer religiösen Körperschaft des öffentlichen Rechts (shûkyô hôjin) zuerkannt - ein nicht zu unterschätzender Faktor im Hinblick auf den weiteren Werdegang der Sekte, da ihr Religionsstatut eine De-facto-Immunität vor strafrechtlicher Verfolgung sowie erhebliche Steuervergünstigungen sicherte (Wieczorek 2000: 252).
2.2 Hintergründe: Glaubensmotive, ideologische Ansichten und Ziele
Erste Hinweise auf den spirituellen Gehalt und die religiös-ideologischen Ansichten der Sekte finden sich bereits in ihrer Namensgebung: „Aum“ stammt aus dem Sanskrit und bezeichnet die „Kraft der Zerstörung und Erschaffung im Universum“, wohingegen „Shinrikyô“ im Japanischen die schon erwähnte „Lehre der höchsten göttlichen Wahrheit“ umschreibt (vgl. Wieczorek 2000: 250). Die einzelnen Bestandteile der Aum-Theologie speisten sich denn auch aus unterschiedlichen Quellen: Elemente des mystischen tibetanischen Buddhismus und des japanischen Shinto waren ebenso enthalten wie zentrale Inhalte des Hinduismus (die Betonung der Macht der Zerstörung als Werk des Gottes Shiva) und des Christentums (das Prophetentum). Daneben erhielten abergläubische Schulen - darunter die Lehren des Astrologen Nostradamus - sowie mannigfache Einflüsse aus Schamanismus, Yoga, Meditation und nicht zuletzt auch pseudo-naturwissenschaftliche Lehren und New-Age-Ideen Einzug in das Gedankengut der Sektenmitglieder (vgl. Kaplan 2000: 208; Wieczorek 2000: 250-251; Olson 2002). Die religiösen Grundprinzipien waren anfangs noch stark vom „Agonshû“ geprägt - einer Lehre, die besagt, dass das Leiden im Diesseits seine Ursache in einem „negativen Karma“ habe, was jedoch durch asketische Übungen gemildert werden könne (Wieczorek 2000: 251). Im Zuge ihrer Entwicklung wandte sich die Sekte jedoch immer mehr vom „Diesseits“ ab; Aum forderte von seinen Mitgliedern eine konsequente Abkehr von allen weltlichen Dingen (shukke-Prinzip), um auf diesem Weg die innere Befreiung (gedatsu) und Erleuchtung (satori) erlangen zu können (vgl. Wieczorek 2000: 250).
1985 behauptete Asahara erstmals, er habe übernatürliche Fähigkeiten: schwereloses Schweben sowie die Möglichkeit, durch Wände zu gehen und Gedanken zu lesen. Er bezeichnete sich als „lebende Gottheit“ und verglich sich mit Shiva, dem Zerstörer-Gott des Hinduismus, woraufhin dieser zur Hauptgottheit innerhalb der Aum-Theologie erklärt wurde (Stern 2000: 206; 211). Darüber hinaus identifizierte sich der Sektenführer mit Buddha sowie dem christlichen Messias (Wieczorek 2000: 251) und veröffentlichte das Buch Declaring Myself The Christ. Immer häufiger reiste Asahara in dieser Zeit nach Indien, wo er seine Meditationstechniken zu perfektionieren versuchte. 1986 schließlich behauptete Asahara, während des Meditierens eine Nachricht von Gott vernommen zu haben, der ihn zum „leader of God’s army“ auserkoren habe (Stern 2000: 205). Im Frühjahr 1987 besuchte Asahara den Dalai Lama in dessen indi-
4
Jan-Henrik Petermann Die Aum-Sekte und der Neue Terrorismus
schem Exil. In den Augen seiner Anhänger in der japanischen Heimat verlieh ihm diese Audienz ein zusätzliches Maß an spiritueller Legitimität (Wieczorek 2000: 251). Im Herbst desselben Jahres kündigte ihm ein befreundeter Historiker an, dass im Jahr 2000 der Weltuntergang bevorstehe (Stern 2000: 206). Nachdem Asahara anfangs selbst erschrocken auf diese Prophezeiung reagiert und ihr nur wenig Glauben geschenkt hatte, baute er sie im Laufe der folgenden Monate zu einem Kernelement des Aum-Glaubens aus. Vom Beginn des Jahres 1989 an prophezeite auch Asahara im offiziellen Namen von Aum Shinrikyô die unausweichliche Apokalypse (vgl. Kaplan 2000: 208; siehe Abschnitt 2.4.1).
2.3 Innere Struktur und äußere Expansion von Aum Shinrikyô
2.3.1 Mitgliederentwicklung und internationale Ausdehnung
Auffällig an der Grundstruktur der Aum-Sekte sowohl in den frühen als auch in den späteren Jahren ist vor allem die Tatsache, dass sie stets eine besondere Anziehungskraft auf junge und gebildete Bevölkerungsschichten ausübte - darunter nicht wenige, die den zu ihrer jeweiligen Beitrittszeit vorherrschenden Zeitgeist verabscheuten und sich aus dem gesellschaftlichen Leben ausgestoßen fühlten. 8 Die esoterisch und mystisch anmutenden Praktiken und Prophezeiungen der Sekte stießen somit frühzeitig auf eine passende Zielgruppe. 9 In der Spitze hatte Aum Shinrikyô weltweit zwischen 40 000 und 60 000 Mitglieder - davon rund 10 000 im Herkunfts- und Stammland Japan, von denen wiederum etwa 1400 in geschlossenen Gemeinschaften und direkter finanzieller Abhängigkeit von der Sektenführung lebten. Mindestens 30 000 Sektenmitglieder lebten außerdem in Russland, davon schätzungsweise 5500 als Mönche und Nonnen. 10 Während zu Beginn noch Anhänger aus nahezu jeder sozialen Schicht und nahezu jedem Berufsfeld willkommen waren, fokussierte die Sekte ihre Rekrutierungsarbeit vom Ende der 1980er Jahre an verstärkt auf die Hinzugewinnung junger Naturwissenschaftler, Mediziner und Ingenieure, um auf diesem Wege ihr Waffenprogramm zügig vorantreiben zu können (siehe Abschnitt 2.4.2).
Im Jahr 1995 unterhielt Aum Shinrikyô 20 Zweigstellen in ganz Japan; das Hauptquartier befand sich in der Nähe des Dorfes Kamakuishiki am Fuße des Berges Fujiyama (vgl. Kaplan 2000: 209). Die internationale Expansion erfolgte durch die Einrichtung von insgesamt mehr als 30 Büros und Rekrutierungszentren: vor allem in Russland (ab 1991 in Moskau, St. Petersburg und Wladiwostok; darüber hinaus Betrieb von Radio- und Fernsehstationen sowie Kleinverla-
8 „Many Aum members were young intellectuals in their twenties or thirties who were no longer capable of identifying themselves with the mainstream of Japanese society“ (Hatsumi/Reid 1995 in: Tucker 1996).
9 Jessica Stern (2000: 206) schreibt hierzu: „A surprising number of highly educated young people were enthralled by Aum’s dramatic claims to supernatural power, its vision of an apocalyptic future, and its esoteric spiritualism.”
10
Für die geschätzten Mitgliederzahlen von Aum Shinrikyô vgl. Kaplan (2000: 209), Thränert (1999: 11), Tucker (1996: 168) sowie den Artikel
Aum Shinrikyô. Was ist der Aum-Shinrikyô-Kult des Jüngsten Tages?
unter
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Jan-Henrik Petermann Die Aum-Sekte und der Neue Terrorismus
gen 11 ), aber auch in den USA (ab 1987 in New York), Sri Lanka (Colombo), der Bundesrepublik (Bonn), Taiwan und Australien. Überdies versuchte die Sekte - wenn auch letztlich erfolglos -, sich im ehemaligen Jugoslawien, in der Ukraine sowie in Weißrussland niederzulassen (vgl. Kaplan 2000: 209; Thränert 1999: 11; Tucker 1996: 168).
2.3.2 Binnengliederung und Finanzierung
Der interne Aufbau der Sekte war vergleichsweise klar strukturiert und übersichtlich gestaltet. In vertikaler Perspektive betrachtet führte Asahara die Gruppe in Gestalt eines unanfechtbaren Gurus an, der alle maßgeblichen Entscheidungskompetenzen für sich beanspruchen konnte (vgl. Kaplan 2000: 212). Unterhalb seiner herausgehobenen Führungsposition war Aum Shinrikyô streng hierarchisch-pyramidal untergliedert, gemäß den von der Sekte propagierten „sieben Stufen der Erleuchtung“. Direkt unterhalb von Asahara - gleichsam auf der zweithöchsten Rangebene - fungierte ein so genannter „inner circle“, der sich aus „besonders glaubensfesten“ Mitgliedern zusammensetzte (vgl. Kaplan 2000: 209).
Daneben verfügte Aum Shinrikyô über eine horizontale Struktur, die sich in einer divisionalen Unterteilung der Sekte in insgesamt 20 „Ministerien“ ausdrückte, welche in der Funktion einer „Schattenregierung“ agieren und ihre jeweiligen Mitglieder auf die erhoffte Machtübernahme nach den apokalyptischen Endzeitkämpfen vorbereiten sollten. 12 In finanzieller Hinsicht war ein geschätztes Wachstum des Gesamtvermögens der Sekte (inklusive Devisen, Kapitalanlagen und Immobilien) von rund 4,9 Millionen US-Dollar im Jahre 1987 auf schätzungsweise eine Milliarde US-Dollar im Jahre 1995 festzustellen; manche Autoren sprechen gar von einem Buchwert von 1,4 Milliarden US-Dollar (vgl. Stern 2000: 206; Olson 2002; Thränert 1999: 11; Tucker 1996: 168; US Senate [Hrsg.] 1995). Den Großteil ihrer laufenden Einkünfte erzielte die Sekte aus regelmäßigen Beiträgen und Spenden ihrer Mitglieder. Oft kam es hierbei zur Erpressung des gesamten Privatvermögens des jeweiligen Sektenmitglieds. Darüber hinaus mussten Aum-Anhänger für ausgewählte religiöse Dienstleistungen wie die Teilnahme an Initiationsriten hohe Zahlungen an die Sektenführung entrichten. Eine weitere wesentliche Kapitalquelle stellte für Aum Shinrikyô die Organisierte Kriminalität darhierbei vor allem Drogenhandel und Kidnapping. 13 Doch auch durch legale Aktivitäten und
11 Spekulationen besagen, dass der damalige Chef des russischen nationalen Sicherheitsrates und Jelzin-Bekannte Oleg Lobov großen Anteil an der Vergabe entsprechender Lizenzen an die Aum-Niederlassungen hatte (vgl. Kaplan 2000: 216; Olson 2002; Stern 2000: 207). Weitere Einzelheiten zu den Engagements der Sekte in Russland finden sich bei Kaplan (2000: 209-210).
12 Zu den innerhalb der Aum-Organisation einflussreichsten „Ministerien“ (vgl. US Senate [Hrsg.] 1995; Kaplan 2000: 211) gehörten u.a. das „Ministerium für Wissenschaft und Technologie“ unter der Führung von Hideo Murai (nach dessen Ermordung 1995 übernommen von Masami Tsuchiya), das „Bauministerium“ unter der Leitung von Kiyohide Hayakawa, das „Ministerium für Aufklärung“ als sekteninterner Geheimdienst (Yoshihiro Inoue), das „Innenministerium“ (Tomomitsu Niimi), das „Ministerium für medizinische Behandlungen“ (Ikuo Hayashi) sowie das „Ministerium für Gesundheit und Wohlfahrt“ (Seichi Endo). Außerdem gab es ein „Ministerium für Justiz“ und ein „Ministerium für Selbstverteidigung“.
13 Belegt sind z.B. Kooperationen mit den „Yakuza“, der japanischen Mafia (vgl. Olson 2002).
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Jan-Henrik Petermann Die Aum-Sekte und der Neue Terrorismus
zahlreiche Beteiligungsgeschäfte flossen große Beträge in die Kassen der Sekte. Namentlich zu nennen sind in diesem Zusammenhang Computergeschäfte, Nudelgeschäfte, Restaurants, Fitness-Clubs, Privatkliniken und verschiedene Handelsunternehmen (vgl. Kaplan 2000: 210; Wieczorek 2000: 253; Olson 2002).
2.4 Radikalisierung und zunehmende Kriminalisierung
Nach den beschriebenen entwicklungsgeschichtlichen, ideologisch-dogmatischen und organisa-torischen Grundlagen von Aum Shinrikyô gilt es nun, die Frage zu klären, auf welche Weise die unterschiedlichen Wahrnehmungen sowie die einsetzenden Konflikte zwischen den Sekten-Mitgliedern und ihrer Umwelt schließlich zur Eskalation des 20. März 1995 führen konnten.
2.4.1 Wachsendes Misstrauen der japanischen Gesellschaft, soziale Abkapselung und steigendes Aggressionspotenzial der Sekte
1987 prophezeite Asahara erstmalig, dass zwischen 1999 und 2003 ein globaler Nuklearkrieg ausbrechen und das unvermeidbare Armageddon einläuten werde. Die Apokalypse lasse sich nur vereiteln, wenn bis zum Ausbruch der atomaren Auseinandersetzungen mindestens 30 000 neue Sektenmitglieder (shukkesha) hinzu gewonnen werden könnten, die in diesem Fall als weltweit einzige Überlebende aus dem Endzeit-Inferno hervorgingen; nur die „spirituell Erleuchteten“ seien in der Lage, einen nuklearen Holocaust zu überleben (vgl. Wieczorek 2000: 252). Daher sei es notwendig, so forderte Asahara, dass Aum Shinrikyô bis zu jenem Zeitpunkt über eine offizielle Niederlassung in jedem Land der Erde verfüge (vgl. Stern 2000: 206). Diese frühen Vorhersagen waren im Hinblick auf die Alltagspraxis der Aum-Gruppe noch relativ unverbindlich. Erst im späteren Verlauf entwickelten sie sich zu festgefügten Dogmen und bestimmten maßgeblich die fortschreitende Radikalisierung und Militarisierung der Sekte. Von 1988 an wurden in den einzelnen Glaubenszirkeln verstärkt asketische Übungen praktiziert, die immer extremere Ausmaße annahmen und im Winter 1989/90 schließlich zum Tod des Sektenmitglieds Teruyuki Majima führten, dessen Nervensystem durch übermäßigen Schlaf-und Nahrungsentzug kollabiert war. Aus Furcht vor einem Bekanntwerden des Zwischenfalls vertuschten die Aum-Verantwortlichen die Geschehnisse. Der potenzielle Aussteiger Shûji Taguchi, der den Fall in der Presse publik machen wollte, wurde von Sektenmitgliedern kurzer-hand ermordet (vgl. Wieczorek 2000: 252). 14
In der Sekte nahm nun die Angst vor Verrat und Entblößung der Praktiken signifikant zu. Aum Shinrikyô reagierte auf den zunehmenden Argwohn der japanischen Öffentlichkeit mit einer drastischen Forcierung seiner - z.T. gewaltsamen - Missionierungsarbeit (vgl. Wieczorek
14 Iris Wieczorek sieht in den sich ab dieser Zeit stark intensivierenden Askese-Ritualen der Sekte ein entscheiden- desMomentum für die Radikalisierung von Aum Shinrikyô: „Mit dem Beginn extremer Askese begann somit auch die Gewalt in der Aum“ (2000: 252).
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Arbeit zitieren:
Dipl.-Pol., MSc (IR) Jan-Henrik Petermann, 2002, Terrorismus im Wandel: die Weltuntergangssekte Aum Shinrikyô als Fallbeispiel und Wegbereiter eines neuen terroristischen Paradigmas?, München, GRIN Verlag GmbH
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