Inhaltsverzeichnis
Einf ührung Seite 3
Die gesellschaftskritischen Themen in Ibsens „Gespenster“ Seite 4
Ehe , Emanzipation Lebensfreude Seite 4
Die Vererbungslehre am Beispiel von Osvalds Krankheit Seite 6
Inzest Seite 9
Prostitution Käuflichkeit Seite 11
Pastor Manders als Stellvertreter für Kirche Gesellschaft Seite 12
Schlussbemerkung Seite 15
Bibliographie Seite 16
2
Im Sommer 1881 entwarf Ibsen „sein düsterstes Werk, das einzige, das er selbst als „Familiendrama“, nicht als Schauspiel bezeichnete.“ 1 Wie schon in „Nora oder ein Puppenheim“ kritisierte Ibsen in „Gespenster“ die gesellschaftlichen Konventionen seiner Zeit, was das zentrale Thema in diesem Drama ausmacht. Ich halte es deshalb für sinnvoll, eben diese Themen aufzuzeigen und näher darauf einzugehen. Robert Ferguson schreibt darüber in seiner Ibsen-Biographie:
„Äußerlich spiegelt das Stück Ibsens Entschlossenheit wider, ein zeitgenössischer Schriftsteller zu sein, der sich dezidiert mit aktuellen Problemen befaßte, der sich den Fragen stellte, die regelmäßig auf den Seiten der norwegischen und dänischen Zeitungen erörtert wurden, welche er während seines Exils so sorgfältig las. Die Themen, die in Gespenster offen diskutiert werden: Syphilis, freie Liebe, Prostitution, Vererbung, das Überleben der Stärksten, Euthanasie, beherrschten die Unterhaltungen der skandinavischen Intelligenzija in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts.“ 2 Da Ibsen in diesem Werk demnach eine so große Zahl der damals aktuellen sozialen Probleme anspricht, ist es mir nicht möglich auf alle ausführlich einzugehen. Ich wähle deshalb die, die meiner Ansicht nach für das Stück die größte Aussage haben: *Ehe *Vererbung/ Syphilis *Inzest *Prostitution *Kirche
Die Bedeutung der Ehe ist ein Kritikpunkt Ibsens, der schon in „Nora oder ein Puppenheim“ für Aufregung sorgte. Frau Alving verkörpert eine Nora, die sich zum Bleiben entschlossen hat. Häufig ist in der Sekundärliteratur die Ansicht vertreten, dass die „Gespenster“ als Fortsetzung von „Nora oder ein Puppenheim“ zu sehen sind. In der Person der Frau Alving kann das als offensichtlich angesehen werden. Doch auch das Thema Vererbung, beziehungsweise die Geschlechtskrankheit Syphilis werden bereits in „Nora oder ein Puppenheim“ behandelt. Was am Beispiel von Dr.
1 Stecher (1926): S. 4
2 Ferguson (1998): S. 331
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Rank nur als Nebenhandlung in Erscheinung tritt, wird bei den „Gespenstern“ durch Osvald zum zentralen Thema.
Ibsens Standpunkt gegenüber der Ehe als Institution der bürgerlichen Gesellschaft seiner Zeit, rief selbstverständlich viel Kritik hervor. Man warf ihm vor, den Wert der Ehe, die als heiliger Bund geschlossen wird, nicht anzuerkennen. Dabei stellte Ibsen die Ehe selbst gar nicht in Frage. Er kritisierte lediglich, die Gründe (überwiegend finanzielle Überlegungen), aus denen damals die meisten Ehen geschlossen wurden und sprach sich somit gegen die so genannten „Vernunftehen“ aus. Bjornson, der eine einheitliche Sexualmoral für Männer und Frauen forderte, „verteidigte Ibsen öffentlich und bezeichnete Gespenster als Plädoyer für den Vollzug echter Ehen, die beide Parteien im gleichen Zustand der Reinheit eingehen müßten, wenn sie gelingen sollen.“ 3
Frau Alving wurde von ihrer Mutter und zwei Tanten zu einer Ehe mit dem späteren Hauptmann und Kammerherrn Alving geradezu genötigt, da er auf Grund seines Vermögens als gute Partie galt. Wie hätte sie sich dem widersetzen sollen? Wahrscheinlich war sie zu dem Zeitpunkt ungefähr 18 Jahre alt, eben im damaligen heiratsfähigen Alter.
Erst im Alter erhält sie durch ihre persönlichen Erfahrungen und durch die liberalen Schriften, die sie liest, eine gewisse Sicherheit, die sie zu ihren Überzeugungen stehen lässt.
3 Ferguson (1998): S. 338
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Doch erst im letzten Akt erkennt sie, dass auch sie sich in ihrer Ehe schuldig gemacht hat. Allerdings bedingt durch ihre eigene Erziehung, die sie ja nicht beeinflussen konnte. Osvald gegenüber bekennt sie:
“Dein armer Vater hat nie die Möglichkeit gefunden, diese übermächtige Lebensfreude, die in ihm war, auszuleben. Ich habe ihm ebenfalls keinen Sonnenglanz ins Haus gebracht. Man hat mir etwas über Pflichten und dergleichen beigebracht, und ich habe so lange daran geglaubt. Alle Dinge mündeten in Pflichten - in meine Pflichten und in seine Pflichten und - ich fürchte, ich habe deinem armen Vater das Zuhause unleidlich gemacht, Osvald.“ 4
Die Gesellschaft unterdrückte durch eben dieses ständige Dogmatisieren von Pflichten jeden Funken der „Lebensfreude“. Es liegt also auf der Hand, dass dadurch die Untreue (meistens die des Mannes) geradezu provoziert wurde. Jeder Mensch strebt nach dem Glück. Frau Alving sucht ihr Glück bei Pastor Manders, der aber „die nötige Festigkeit“ besitzt, und sie wieder in die Arme des Ehemannes führt und Herr Alving versucht bei dem Dienstmädchen Johanne und unzähligen anderen Liebschaften die Lebensfreude zu finden. Als Mann hatte er es jedoch nicht nur leichter, sich diese (in diesem Falle beschränkt sich die Freude überwiegend auf jene, sexueller Natur) anderswo zu suchen, es wurde, wenn schon nicht gutgeheißen, so doch akzeptiert. Pastor Manders redet Frau Alving ins Gewissen „das Kreuz zu tragen“ und sich auf ihre Pflichten als Ehefrau zu besinnen, von denen sie kein Verhalten des Ehemannes, und sei es noch so negativ, entbinden kann. Die extreme Diskrepanz bezüglich der Pflichten der Geschlechter zeigt sich in den vorehelichen sexuellen Beziehungen. Während eine Frau, die zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung keine Jungfrau mehr war, ihren Wert völlig verlor, war beim Mann ein gewisses Maß an Erfahrung nicht nur anerkannt, es wurde sogar erwartet. Diese Unterscheidung zeigt sich deutlich in einem Gespräch zwischen Frau Alving und Pastor Manders:
„Frau Alving: Glauben Sie vielleicht, Alving sei, als ich mit ihm vor den Altar trat, reiner gewesen als Johanne, da Engstrand sich mit ihr trauen ließ?“ Pastor Manders: Ja, aber das ist doch ein himmelweiter Unterschied Frau Alving: Gar nicht mal so himmelweit. Freilich war es ein Unterschied im Preis;hier lumpige dreihundert Taler, da ein ganzes Vermögen“ 5 In diesem Fall kommt also der Standesunterschied noch dazu. Wobei es für Johannes Ehre keinen Unterschied gemacht hätte, ob sie von Herrn Alving verführt oder vergewaltigt worden wäre.
4 Ibsen (1997): S. 75. Dritter Akt. Frau Alving zu Osvald
5 Ibsen (1997): S. 41. Zweiter Akt
5
Arbeit zitieren:
Judith Huber-Wendt, 2001, Zeit- und gesellschaftsspezifische Aspekte in Henrik Ibsens Familiendrama "Gespenster", München, GRIN Verlag GmbH
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