Inhalt
0. Einleitung 3
1. Anerkennung und Umverteilung 4
2. Politische Forderungen und Widersprüche 5
3. Fraser über Youngs Differenzierung von Unterdrückung 7
4. Versuch einer Anwendung der Kategorien Youngs 11
5. Zusammenfassung 16
6. Literaturangaben 20
Abk:
Fraser a Fraser, Nancy: Kultur, politische Ökonomie und Differenz. Über Iris Youngs
Jusice and the Politics of Difference. In: Dies.: Die halbierte Gerechtigkeit. Frankfurt/M.
2001, 247-297.
Fraser b Fraser, Nancy: Soziale Gerechtigkeit im Zeitalter der Identitätspolitik.
Umverteilung, Anerkennung und Beteilung. In: Fraser, Nancy, Honneth, Axel: Umverteilung
oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse. Frankfurt/M. 2003.
RKK römisch-katholische Kirche
CIC Codes Iuris Canonici. Codes des kanonischen Rechtes. Vatikan 1983. (Lat. dt.
Ausgabe, 5., neu gestaltete und verbesserte Auflage. Kevelaer 2001.)
2
0. Einleitung
In dieser Seminararbeit möchte ich auf die Unterscheidung Nancy Frasers zwischen einer Politik der Anerkennung und einer Politik der Umverteilung und die damit verbundene Problematik eingehen, dass diese beiden Formen politischer Forderungen nach Gerechtigkeit einander widersprechen und behindern können. Fraser unterscheidet diese beiden Formen politischer Forderungen von einander vor allem im Anschluss an ihre Kritik an Youngs Konzeption von Gerechtigkeit, der sie vorwirft, sie argumentiere zu undifferenziert für eine Politik der Anerkennung und vermische die beiden Paradigmen der Politik der Umverteilung und der Anerkennung.
Im ersten Teil meiner Arbeit sollen nun zunächst mit Fraser die Begriffe Anerkennung und Umverteilung erläutert werden. Im zweiten Teil werden die Unterschiede zwischen den politischen Forderungen nach Anerkennung und Umverteilung herausgearbeitet und die mögliche Diskrepanzen zwischen beiden deutlich gemacht. Der dritte Teil problematisiert schließlich Frasers Kritik an Youngs Formen der Unterdrückung, in der Fraser versucht ihr Konzept (die Unterscheidung zwischen Politik der Umverteilung und der Anerkennung), über Youngs Konzeption zu legen und auf dieses anzuwenden. Dabei wird zu zeigen sein,
1 Robinson, S. 135.
2 Rosemarie Schweiger über das österreichische Sozialsystem in Profil 24, 10. Juni 2011, S. 19.
3
inwiefern Frasers Kritik berechtigt, wo ihre Kritik aber auch ein wenig überzogen scheint. Im vierten Teil werde ich versuchen, Frases Überlegungen und Youngs Kategorien anzuwenden auf unterschiedliche Formen der Unterdrückung in der katholischen Kirche, welche in gegenwärtigen Debatten auftauchen und möchte daraus auf mögliche Konsequenzen bei der Forderung nach Gerechtigkeit innerhalb der RKK (= römisch-katholische Kirche) schließen.
1. Anerkennung und Umverteilung
Grundsätzlich geht Fraser davon aus, dass sowohl Anerkennung, als auch Umverteilung bei Forderungen nach Gerechtigkeit relevant sind. 3 Fraser betont, dass die beiden Begriffe Anerkennung und Umverteilung aus unterschiedlichen Kontexten stammen und beide sowohl politische, als auch philosophische Wurzeln haben. Während der Begriff Umverteilung (redistribution) in der Debatte um Verteilungsgerechtigkeit (z.B. bei Rawls und Dworkin 4 ) eine zentrale Rolle spiele, wo es um die Frage gehe, durch welche Gerechtigkeitskonzepte Umverteilung überhaupt gerechtfertigt werden könne, sei der Begriff Anerkennung (recognition) immer auch mit Rekurs auf Hegel 5 zu lesen: „In dieser Tradition bezeichnet Anerkennung eine ideale reziproke Beziehung zwischen Subjekten, in der jeder den anderen als seinesgleichen und zugleich als von sich getrennt sieht. Diese Beziehung wird für subjektivitätskonstitutiv erachtet; zu einem individuellen Subjekt wird man, indem man ein anders Subjekt anerkennt und von diesem anerkannt wird.“ 6
Um Fraser nicht zu unterstellen sie konstruiere hier ein rein dualistischen Konzept, sei hinzugefügt, dass Fraser darauf hinweist, dass Formen der Ungerechtigkeit auch dort auftauchen können, wo sowohl Hindernisse durch fehlende Anerkennung, als auch
3 Während ich davon ausgehen, dass wir nicht (positiv) sagen können, was gerecht ist, sondern nur dort Widerstand leisten können, wo wir Unterdrückung (negativ: als Fehlen von Gerechtigkeit) vorfinden, klingt bei Fraser m. E. durch, dass es politische Forderungen geben soll, die wissen, wie man Gerechtigkeit herstellen könnte, wie man Umverteilung rechtfertigen könnte. Dagegen ist zu fragen, ob es Verlierer und Gewinner nicht auch dann geben wird, wenn niemand mehr ökonomisch benachteiligt wird, alle anerkannt werden und auch alle anderen politischen Hindernisse ausgeräumt sind. Natürlich nicht weil es sie geben soll, sondern weil es unmöglich ist ein stabiles Gleichgewicht in einer sich wandelnden Gesellschaft herzustellen. Damit wäre lediglich darauf hingewiesen, dass ethische Entwürfe zeigen können, erstens was vielleicht möglich wäre, was sein könnte (Utopiefähigkeit) und zweitens was nicht sein soll (Widerspruchsfähigkeit). Und dass wir drittens nicht sagen können, was tatsächlich gerecht ist. Das heißt, dass immer nur Annährungen stattfinden an einen Entwurf von Gerechtigkeit, der uns sagt, was nicht sein soll und was sein könnte. Dass es aber niemals einen Entwurf von Gerechtigkeit oder politische Forderungen geben wird, die sagen können, was tatsächlich gerecht ist.
4 Vgl. Fraser b, S. 18. Ich werde auf den Begriff Umverteilung an dieser Stelle nicht näher eingehen, auch wenn dieser aus Sicht marxistischer Theorien eine tiefere Auseinandersetzung erfordern würde. (Vgl. vor allem zu Fraser a, S. 291-294.) Die Unterscheidung zwischen Umverteilung und Umstrukturierung wird aber im zweiten Abschnitt zu problematisieren sein.
5 Vgl. Fraser b, S. 19.
6 Fraser b, S. 19.
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Hindernisse durch ökonomische Benachteiligung bereits ausgeräumt sind. Fraser spricht in diesem Zusammenhang von politischen Hindernissen. Diese „würden Entscheidungsverfahren einschließen, die einige Menschen selbst dann systematisch marginalisieren, wenn ökonomische Benachteilung und mangelnde Anerkennung nicht vorliegen; dies etwa im Falle eines Mehrheitswahlrechts, das quasi-permanenten Minderheiten ihr Stimmrecht vorenthält. Die entsprechende Ungerechtigkeit wäre >politische Marginalisierung< oder >Exklusion<, die entsprechende Abhilfe wäre >Demokratisierung<.“ 7
Fraser betont, dass sie zwei Modi sozialer Ordnung untersuche, (welche „zwei Typen der Benachteilung und zwei Hindernissen auf dem Weg zur partizipatorischen Parität“ 8 darstellen), damit aber andere denkbare Modelle nicht ausschließen, sondern die Frage durchaus stellen will, „ob es noch weitere Modi sozialer Ordnung geben könnte, die wiederum anderen Typen der Benachteiligung und anderen Dimensionen sozialer Ungerechtigkeit entsprechen.“ 9 Dennoch möchte ich mich in dieser Seminararbeit nur auf die beiden von Fraser behandelten Formen konzentrieren, welche Fraser auch als „normative philosophische Kategorien“ 10 versteht.
2. Politische Forderungen und Widersprüche
Sollen wir Differenz anerkennen, fördern, unterstützen und damit vielleicht Ungerechtigkeit fördern? Oder sollen wir Differenzen aufheben und damit Gleichheit fördern, aber Anerkennung der Differenz verhindern? Die Frage, die sich damit stellt, ist: Wann gilt es Differenzen anzuerkennen, vielleicht auch zu verstärken und wann gilt es sie aufzulösen? Fraser tritt in ihrem Text (im Band Umverteilung oder Anerkennung?) ganz stark dafür ein, Differenzen nicht über einen Kamm zu scheren, sondern auch diese differenziert zu betrachten. Was sie fordert, ist, differenzierte Differenz als solche wahrzunehmen und auch differenziert zu behandeln!
7 Fraser b, S. 95. Ich werde auf mögliche Formen der Unterdrückung innerhalb der RKK im 4. Teil zu sprechen kommen, möchte hier aber ein Beispiel zitieren, welches diese Form politischer Hindernisse verdeutlichen kann: „Auch mittels Regelungen zur Geschäftsordnung übt der Vatikan massiv Kontrolle aus: Bei der Synode der Bischöfe Ozeaniens im Jahr 1998 teilte mir der Kardinalsekretär der Synode mit, dass bei Abstimmungen nur der Konsens zähle, der auf eine Zustimmungs- bzw. Ablehnungsquote von 90 Prozent festgelegt sei. Alle anderen Formen von Mehrheitsbeschlüssen hatten keine Geltung. Und diese Geschäftsordnung galt, wobei die stimmberechtigte vatikanische Abordnung mehr als 10 Prozent aller stimmberechtigten Synodenteilnehmer ausmachte. So konnte jegliche Abstimmung der ozeanischen Bischöfe blockiert werden, selbst wenn ohne die Stimmen der vatikanischen Abgeordneten der geforderte Konsens erreicht worden wäre.“ (Robinson, S. 129-130.)
8 Fraser b, S. 94.
9 Fraser b, S. 94-95.
10 Fraser b, S. 42.
5
Gegen die These, gegen politisch ökonomische Benachteilungen bräuchte es eine Politik der Umverteilung, und gegen kulturell begründete Ungerechtigkeiten bräuchte es eine Politik der Anerkennung, bringt Fraser die Problematik ins Spiel, dass diese beiden Formen der Politik in der Lage sind, einander zu behindern, wenn nicht sogar sich gegenseitig ausschließen können. Mit Fraser ist daher zu fragen: „Welches Verhältnis besteht zwischen Umverteilung und Anerkennung?“ 11 Um diese Frage zu beantworten, zeichnet Fraser zunächst das populäre Verständnis von Politik der Anerkennung und einer Politik der Umverteilung nach und stellt dabei fest, dass den beiden Auffassungen (1.) „verschiedene Konzeptionen von Ungerechtigkeit“ 12 zugrunde liegen, (2.) „verschiedene Handhaben gegen die Ungerechtigkeit“ 13 vorschlagen, (3.) auch von „unterschiedliche Konzeptionen derjenigen Gruppierungen (...), denen Ungerechtigkeit widerfährt“ 14 ausgehen und (4.) „ein unterschiedliches Verständnis von Gruppendifferenzen voraussetzen.“ 15 Mit dem letzten Punkt geht Fraser auf die von ihr so zentrale Forderung ein, Differenz als differenzierte Differenz wahrzunehmen. Denn es gibt nicht nur Differenzen, die anerkannt werden müssen, damit eine Werthierarchie abgeschafft und eine Statusaufwertung einer bis dahin abgewerteten Gruppe stattfinden soll. Vielmehr ist zu betonen, dass es auch Differenzen gibt, die lediglich das Ergebnis einer gesellschaftlichen, ökonomischen Struktur sind und welche es gilt aufzuheben:
„Anstatt Wesensmerkmale der betreffenden Gruppen darzustellen, sind sie das Resultat einer gesellschaftlichen Konstruktion nach Maßgabe einer ungerechten politischen Ökonomie. Aus dieser Perspektive sollten Gruppendifferenzen aufgehoben und nicht anerkannt werden. Im Falle der Anerkennung geht man hingegen mit Differenzen auf zweierlei Art um. In der einen Spielart sind sie unwesentliche, präexistente kulturelle Eigenarten, die ein ungerechtes Interpretationsschema vorsätzlich in eine Wertehierarchie übersetzt hat. In der anderen Spielart gehen die Gruppendifferenzen ihrer Übersetzung in eine Wertehierarchie keineswegs voran, sondern werden gleichzeitig mit ihr konstruiert. Für die eine Spielart verlangt die Gerechtigkeit, die ungerechterweise entwerteten Eigenarten in ihre alten Rechte einzusetzen und daher die Gruppendifferenzen in Ehren halten, anstatt sie auszulöschen. Im Rahmen der zweiten Spielart gilt es hingegen als kontraproduktiv,
11 Fraser a, S. 274.
12 Fraser b, S. 22.
13 Fraser b, S. 23.
14 Fraser b, S. 24.
15 Fraser b, S. 26.
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Arbeit zitieren:
MMag. phil. MMag. theol Renate Enderlin, 2011, Differenzierung politischer Forderungen von Nancy Fraser, Formen der Unterdrückung differenziert von Iris Marion Young – und mögliche Konsequenzen, München, GRIN Verlag GmbH
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