Danksagung
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Ein Dankeschön gilt meinen Betreuern Univ.-Prof. Dr. Rudi Renger und MMag. Christian Wiesner für die guten Inputs und die wertvolle Unterstützung.
Weiters möchte ich mich vor allem bei meinen Eltern Ingrid und Otto Tritscher für die finanzielle Unterstützung während meines gesamten Studiums bedanken.
Gedankt sei auch meinem Bruder Paul für die Ablenkung in den Arbeitspausen.
1. Einleitung 1
1.1 Forschungsfragen und erhoffte Forschungsleistung 2 1.2 Gliederung der Arbeit 3
2. Theorie des kulturellen Diskurses 5
2.1 Was ist ein kultureller Diskurs 5
2.1.1 Geschichte der Diskursanalyse 5
2.1.2 Definitionen und Allgemeines über den Diskurs 7 2.1.3 Formen des Diskurses 10
2.2 Der kulturelle Diskurs aus Sicht der Cultural Studies 11
2.2.1 Geschichte der Cultural Studies 12
2.2.2 Ansätze der Cultural Studies 13
2.2.3 Stuart Hall 22
2.2.4 Populärer Journalismus 26
2.3 Der kulturelle Diskurs aus Sicht des Konstruktivismus 28
2.3.1 Grundidee des Konstruktivismus 28
2.3.2 Das kognitive System und Wahrnehmen 33
2.3.3 Wirklichkeitskonstruktion 33 2.3.4 Das Beobachten 35
2.3.5 Der Kulturbegriff im Konstruktivismus 36
2.3.6 Sprache und Kommunikation 38
2.3.7 Die Rolle der Journalisten und Medien im Konstruktivismus 41
3. Migration als kultureller Diskurs 43 3.1 Begriffsdefinitionen 43 3.2 Migration in Österreich 46 3.3 Integration in Schulen 51
3.4 Migration als journalistisches Thema 54
3.4.1 Migration als Thema in Österreichs Medien 59
3.4.2 Migration als Thema in den Medien diverser EU-Länder 60
3.5 Konkrete Beispiele der Berichterstattung über Migranten in den Medien 61
3.6 Die Zukunft von Migranten in den Medien 64
4. Bildungsjournalismus 65
4.1 Ausgewählte Definitionen von Journalismus 65 4.2 Medien im Wahlkampf 71
4.3 Bildung und Bildungsjournalismus 72
4.4 Bildungsjournalismus als Fach- und Wissenschaftsjournalismus 75
5. Migration als kultureller Diskurs im Bildungsjournalismus 82
5.1. Interkulturalität aus Sicht der Cultural Studies 82
5.2 Medien und Journalisten aus Sicht der Cultural Studies 83
5.3 Interkulturalität aus Sicht des Konstruktivismus 85
5.4. Medien und Journalisten aus der Sicht des Konstruktivismus 88
6. Empirischer Teil 90 6.1 Inhaltsanalyse 90
6.2 Beschreibung des Analysematerials 96
6.2.1 Untersuchungsgegenstand und -zeitraum 96
6.2.2 Der Tageszeitungsmarkt in Österreich von der Nachkriegszeit bis heute 97
7. Darstellung der Ergebnisse 103 7.1. Inhaltsanalyse 103
7.1.1 Häufigkeit der Berichterstattung 103
7.1.2 Journalistische Darstellungsformen 106
7.1.3 Relevanzebenen 116
7.1.4 Berichterstattungsbereich 118 7.1.5 Objektivität 122 7.1.6 Quellentransparenz 125
7.1.7 Unterhaltung 129
7.2. Bewertungsanalyse 132
7.2.1 Akteure der Berichterstattung 133 7.2.2 Bewertungen 134
7.2.3 Themen und Bewertungen der Berichterstattung 135
7.2.4 Die häufigsten bewerteten Themen in den einzelnen Tageszeitungen 137
7.2.5 Zusammenfassung der Ergebnisse der Bewertungsanalyse 141
8. Resümee 144
9. Literaturverzeichnis 158
10. Anhang 183 10.1 Abbildungsverzeichnis 183 10. 2 Tabellenverzeichnis 184
10. 3 Kodierbogen Inhalts- und Bewertungsanalyse 187
1. Einleitung
Bildung ist in der heutigen Zeit zu einem kostbaren Gut geworden. Das Bildungssystem jedes Landes muss dabei einer dauerhaften Aktualität und Reform unterzogen werden, um so die bestmögliche Qualität zu gewährleisten, um wettbewerbsfähig zu sein.
Bildungsjournalismus, als sehr junges Feld, hat sich die Aufgabe gestellt über Bildungsthemen zu informieren und berichten. Der Beruf des Journalisten ist einem stetigen Wandel unterzogen, so geht die Tendenz in Richtung des Fachjournalismus, das heißt, vom Allrounder hin zum Spezialisten. In den kommenden Jahren wird die wissenschaftliche Darstellung von Themen immer wichtiger und so kann auch erwartet werden, dass sich der Bildungsjournalismus als eigener Bereich entwickeln wird. Weiters haben Journalismen und Wissenschaft einige Gemeinsamkeiten wie beispielsweise die Produktion von Informationsangeboten oder das Arbeiten mit professionellen Standards.
In dieser Arbeit wird ein Spezialthema im Bildungsjournalismus untersucht: Migration. An der Universität, im Cafe oder zu Hause, überall wird diskutiert über Menschen mit Migrationshintergrund und ob sie die Bildungschancen der Österreicher verändern oder nicht. Grundsätzlich gibt es zwei unterschiedliche Diskussionsstränge im Bezug auf Migration und Bildung: Der erste geht darauf ein, dass sich Einwandererfamilien an unsere Gesellschaft anpassen sollen beziehungsweise müssen. Der zweite Strang betont die Integration der Migranten in den Bildungsprozess. Der Bildungsabschluss entscheidet dabei maßgebend über die Eingliederung in die Gesellschaft.
Pisa 2000, 2003 und 2006 haben gezeigt, dass die Bildungsbenachteiligung von Kindern der Migranten sehr ausgeprägt ist. Eine weit verbreitete Aussage ist jene, dass, wenn „Ausländer“ nicht wären, würden sie den Lernfortschritt in Schulen auch nicht
behindern. Dabei spielen vor allem die Begriffe „Zugehörigkeit“ und „Nicht-Zugehörigkeit“ eine wichtige Rolle. (vgl. Hamburger 2005: 7) Bildung, Ausbildung oder Studium müssen für die Integration jedes Individuums in die Wissensgesellschaft gewährleistet werden.
1.1 Forschungsfragen und erhoffte Forschungsleistung
Wie wird das Thema Migration in den österreichischen Tageszeitungen dargestellt?
o In welchem Umfang wird das Thema behandelt?
o Welche Darstellungsformen verwenden die Tageszeitungen am häufigsten?
o Welcher Bereich (Bildungspolitik, Wirtschaft und Bildung, Bildungs-
o Wieobjektiv (Fremdbewertung) bzw. subjektiv (Eigenbewertung der Zeitung) wird das Thema dargestellt?
o Wie positionieren sich die einzelnen Tageszeitungen? Lassen sich aus der Berichterstattung über Migration im Bildungsjournalismus der österreichischen Tageszeitungen tendenzielle/bestimmte parteipolitische Neigungen und Werte erkennen?
Wie wird durch die Berichterstattung über Migration im Bildungsjournalismus zur Konstruktion von Wirklichkeit beigetragen?
Durch diese Magisterarbeit soll aufgezeigt werden, wie österreichische Tageszeitungen über das Thema Migration im Bildungsjournalismus berichten. Dabei soll vor allem auch erörtert werden, welche Zeitungen dazu eine objektive Berichterstattung wählen und welche üben den Themenbereich subjektiv berichten. In der vorliegenden Arbeit werden Zeitungsartikel fünf Wochen vor und nach der Nationalratswahl 2006, sowie Berichte fünf Wochen vor und nach der Neuwahl am 28. September 2008 über das gewählte Thema kodiert und analysiert. Im Allgemeinen kann gesagt werden, dass sowohl die Relevanz dieses Themas aufgezeigt werden sollen.
1.2 Gliederung der Arbeit
Das zweite Kapitel setzt sich mit den Theorien auseinander, hierzu wurden einerseits die Cultural Studies, andererseits der Konstruktivismus gewählt. Da sich das Kapitel „Theorien des kulturelles Diskurses“ nennt, wird zuerst erklärt wie sich ein Diskurs überhaupt definiert beziehungsweise welche Formen es gibt. Es folgt eine Erörterung der Cultural Studies (CS) als kultureller Diskurs. Jene beschreiben das Verhältnis zwischen Kultur, Medien und Macht und beschäftigen sich mit der Analyse von kulturellen Bedeutungssystemen. Vorab wird die Geschichte und Tradition der CS von den Anfängen in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts bis heute beschrieben. Es folgen die Grundannahmen der Theorien, dazu haben Renger (2003) und Bennet (1998) sechs Merkmale aufgezeichnet, die in dieser Arbeit zusammenfassend erläutert werden. Als zweite Theorie wurde der Konstruktivismus gewählt, da er sich vorwiegend mit journalistischen Wie-Fragen auseinandersetzt und das Hauptinteresse in der Wirklichkeitskonstruktion (wie konstruieren Medien die Wirklichkeit?) liegt. Weiters wird sowohl die Rolle des Journalisten als auch der Medien behandelt.
Kapitel drei beschäftigt sich mit Migration im Allgemeinen, das heißt, was bedeutet eigentlich der Begriff „Migration“ und welche Begriffe werden in diesem Zusammenhang noch verwendet. Auch wird die Geschichte der Migranten in Österreich nachgezeichnet - von den Flüchtlingsbewegungen nach 1945 bis heute. Da sich diese Arbeit auch dem Bildungsjournalismus widmet, ist es wichtig, die Integration von ausländischen Schülern im österreichischen System zu beschreiben. Weiters werden Vorschläge über eine interkulturelle Schule von diversen Autoren beschrieben. Als vierten Unterpunkt dieses Kapitels wird Migration als journalistisches Thema aufgegriffen, sowohl die Darstellung von Einwanderern in Österreichs Medien, als auch in den Medien unterschiedlicher anderer EU-Länder. Auch werden zwei konkrete Beispiele genannt, einerseits die Berichterstattung über den größten Asylmissbrauch in der Bundesrepublik Deutschland im Februar 2000, andererseits die Medienberichte über den Islam beziehungsweise Anhänger des Islams. Als letzten Punkt wird ein Einblick über die Möglichkeiten und Zukunft von Migranten in den Medien gegeben.
Kapitel vier beschäftigt sich mit dem Bildungsjournalismus. Vorab wird Journalismus aus verschiedenen Sichtweisen definiert, um anschließend speziell auf den Bildungsjournalismus als Fach- und Wissenschaftsjournalismus einzugehen. Weiters wird die Aufgabe der Bildungsjournalisten im Hinblick auf die Gesellschaft genannt. Ein weiterer Punkt ist der Einblick über die Medienberichterstattung im Wahlkampf.
Kapitel fünf führt alle vorangegangenen Kapitel nochmals zusammen und verbindet so einerseits Migration und Interkulturalität mit den Theorien, andererseits wird auch auf die Aufgabe der Bildungs-(Journalisten) aus Sicht der Cultural Studies und des Konstruktivismus eingegangen.
Der empirische Teil startet im sechsten Kapitel mit der Beschreibung der Methode (quantitative und qualitative Inhaltsanalyse) und des Untersuchungsgegenstandes. Da alle österreichischen Tageszeitungen untersucht wurden, wird Einblick gegeben in den Tageszeitungsmarkt in Österreich von der Nachkriegszeit bis heute. Die Erhebung erstreckte sich über insgesamt 20 Wochen, davon fünf Wochen vor und nach der Nationalratswahl am 1. Oktober 2006 und weitere fünf Wochen vor und nach der Nationalratswahl am 28. September 2008. Insgesamt wurden 386 Zeitungsberichte zum Thema Migration im Bildungsjournalismus zu Wahlkampfzeiten untersucht. Im Kapitel sieben werden das Kategoriensystem sowie die Ergebnisse dieser Untersuchung beschrieben und dargestellt. Kapitel acht gibt zusammenfassend ein Resümee über die gesamt vorliegende Arbeit.
Für die bessere Lesbarkeit dieser Arbeit wird immer die männliche Substantivform verwendet, wobei die Ausführungen sich aber auch auf das weibliche Geschlecht beziehen und nicht diskriminierend wirken sollen.
2. Theorien des kulturellen Diskurses
Das vorliegende Kapitel beschreibt die Entstehung eines Diskurses beziehungsweise der Diskursanalyse. Weiters wird dieser mit diversen Definitionen erklärt und die unterschiedlichen Diskursformen, wie beispielsweise die Kritische (Wiener) Diskursanalyse oder die Heidelberger/Mannheimer Gruppe. Als nächsten Punkt folgt eine Beschreibung der Cultural Studies von ihren Anfängen in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts bis zur Rezeption heute. Auch wird Bezug genommen zum Kulturbegriff in den CS, sowie der Kontextualität, Subjektivität und ihrer politischen und praktischen Relevanz. Weiters wird ein kurzer Einblick in Stuart Halls „En-/Decoding-Modell“ und seinen drei Lesarten gegeben. Als letzten Punkt dieser Theorie wird die Populärkultur und der populäre Journalismus gegeben. Als zweite Theorien wurde der Konstruktivismus gewählt und so werden wichtige Punkte wie das Wahrnehmen, die Wirklichkeitskonstruktion und wiederum der Kulturbegriff geklärt.
2.1 Was ist ein kultureller Diskurs
2.1.1 Geschichte der Diskursanalyse
Ein neues, sich abzeichnendes Feld in der Sozialwissenschaft, ist jenes der Diskurs-theorien oder „discourse studies“. Mehrere unterschiedliche Disziplinen haben sich bereits mit der Definition von Diskurs auseinandergesetzt, seit einiger Zeit aber gibt es auch disziplinübergreifende diskurstheoretische Ansätze, die sich mit Vergleichsprozessen und gegenseitigen Austauschprozessen beschäftigen. Jene stellen ganzheitliche Ansätze für eine empirische Forschung dar, durch ihr eigenes Diskurs-Konzept erkennen sie eine eigene Realität, die in einem Ausschnitt der Realität anzutreffen ist und somit beforscht werden kann. (vgl. Diaz-Bone 2002a: 126f.)
Der Begriff Diskurs stammt aus dem Angelsächsischen oder Französischen und kann ein Gespräch (im Englischen „discourse“) oder eine Rede (im Französischen „discours“) beschreiben. Der Ausdruck fand in der Philosophie in den 60er Jahren durch John Austin und John Searle, zwei angelsächsischen Philosophen, Einzug. Die Diskursanalyse entstand auch aus dem symbolischen Interaktionismus von Garfinkel,
aus der Sozioloinguisitik von Labov und aus der wissenschaftlichen Tradition von Gesprächen nach Cicourel. Die Tradition wurde von Saussure, welcher Sprache ein Zeichensystem zugrunde legt, weiterentwickelt. Fortgeführt wurde die Sprachtheorie vor allem in Frankreich in den 50er und 60er Jahren. (vgl. Keller 1997: 310f.) Der Diskursbegriff beschreibt dabei nicht ein individuelles Sprechereignis, sondern „die Realisierung einer spezifischen Regel“ (vgl. Bublitz 2003: 53). Im deutschsprachigen Raum bedeutet der Ausdruck „eine inhaltlich-thematisch bestimmte, institutionalisierte Form der Textproduktion“ (vgl. Keller 1997: 311).
Die Diskursanalyse fand in den 60er Jahren auch in diversen anderen Disziplinen Einzug. Schon Jahre zuvor beschreibt die Ethnografie und Anthropologie den „communicative event“, das heißt, der Sender einer Botschaft, ist gleichzeitig einem Kulturkreis zugehörig und geht davon aus, dass andere Individuen in diesem Kulturkreis die Botschaft verstehen und gleich kodieren. In den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts beschäftigte sich auch der Strukturalismus mit semiotischen Strukturen in Filmen, Literatur und Erzählungen, so weiters Linguisten, Sozio-Linguisten und Pragmatisten. Der Begriff wurde Ende der 60er Jahre durch die Ethnomethodologie mit dem Feld der Interaktion und Konversation und in den frühen 70ern durch die kognitive Psychologie mit Fragen nach Kognition, Wissensaneignung weiter entwickelt. So gründeten Ende der 80er Jahre eine Gruppe britischer Wissenschaftler die „discursive psychology“. Erst Mitte der 70er und 80er begann die Kommunikationswissenschaft Fragen nach interpersoneller oder interkultureller Kommunikation nach zu gehen. (vgl. Van Dijk 1997b: 25ff.)
Die Diskursanalyse in Österreich wurde durch Dressler, der das erste Modell in der Textlinguistik entwickelte, im Jahr 1972 entwickelt. Er stellte auch Textgrammatik und -pragmatik gegenüber. In der soziolinguistischen Forschung galt vor allem der Kontext als wichtiger Punkt in der Diskursdiskussion, hingegen in der soziopsychologischen Ausführung Strategien zur Bewältigung der Realität. Für die Analyse historischer Texte oder Themen wie beispielsweise der Antisemitismus, wurde die so genannte SPTT, eine sozio-psycholinguistische Methode von Wodak gegründet, verwendet. Forschungsschwerpunkt in Österreich galt auch der Analyse der Medienkommunikation von Politikern, so wie eine Untersuchung von Lalouschek (1985),
welcher Strategien der Selbstdarstellung in Fernsehsendungen thematisiert. (vgl. Menz 1994: 140f. und 146f.)
Ein wichtiger Vertreter der Diskurstheorie ist der Franzose Michael Foucault. Im Diskurs, nach Foucault, sind folgende Elemente enthalten: 1. Begriffe, 2. Objekte, 3. Strategien und 4. Sprecher. Als Elemente werden sie durch die diskursive Praxis, das heißt im Diskurs selbst bestimmt und in ein Beziehungsgeflecht gestellt. In diesem Geflecht stehen die unterschiedlichen Elemente in einer bestimmten Konstellation, deshalb sind gewisse Verbindungen möglich, andere ausgeschlossen. In foucaultschen Sinne sind Diskurse keine Beschreibungen, sondern Sachverhalte, über die sie sprechen. Laut Foucault werden die einzelnen Elemente der Diskursanalyse durch „unterliegende Ordnungsprinzipien, Schemata und Oppositionen vernetzt“. (vgl. Diaz-Bone 2002a: 127f.)
Egal aber, ob der Diskursbegriff auf den französischen Poststrukturalismus (Foucault) oder dem Symbolischen Interaktionismus, zurückzuführen ist, er liegt laut der Autorin Keller (1997: 314f.) immer einer konstruktivistischen Grundannahme zu Grunde. Diese besagt unter anderem auch, dass die symbolische Ordnung durch Diskurse erst gesellschaftlich produziert wird.
2.1.2 Definitionen und Allgemeines über den Diskurs
Nach Teun A. van Dijk (1997b: 1) ist Diskurs folgendermaßen zu verstehen, „refers to a form of language use, public speeches or more generally to spoken language or ways of speaking, for instance when we refer to ’the discourse of former President Ronald Reagan’.“ Dieser kann auch als „action“, „context“, „power“ und „idology“ definiert werden (vgl. Teun van Dijk 1997a: 6f.).
Jäger (2006: 331) definiert den Diskurs folgendermaßen: „Diskurse sind soziale Wis-sensvorräte, die sich die Menschen erarbeitet haben und die von Menschen zu Menschen, von Generation zu Generation und im Austausch zwischen den Kulturen weitergegeben und auf Grund neuer Kämpfe untereinander und neuer Lern- und Arbeitsprozesse verändert werden und auf deren Basis Wirklichkeiten selbst ver-
ändert werden“. Laut der Autorin Bublitz (2003: 50) verbinden Diskurse die „Strukturförmigkeit und die Ereignishaftigkeit von Geschichte und Gesellschaft. Sie sind „offen, instabil und damit veränderbar“.
„Zusammenfassend ist festzuhalten, daß Diskurse themenbezogene, disziplin-, bereichs- oder ebenenspezifische Arrangements von (Be)Deutungen sind, in denen je spezifische Handlungsvoraussetzungen und -folgen (Institutionen, Praktiken) implizit sind“. (Keller 1997: 317)
Mediendiskurse sind, laut dem Autor Yildiz (2006: 40), eine wesentliche Diskurs-form in der kosmopolitanen Gesellschaft. Medien leisten so einen wesentlichen Beitrag zur Wahrnehmung der Wirklichkeit und bestimmen wie und wann Informationen an die Öffentlichkeit gelangen. Vor allem in der Migrationsforschung wird als Methode zumeist der Mediendiskurs angewandt (vgl. Farrokhzad 2006: 59).
Diskurse bilden aber nicht die Wirklichkeit ab, sondern stellen, die durch den Menschen geschaffene Realität dar. (vgl. Jäger 2006: 330) So ist die Welt nicht einfach so zugänglich, sondern muss durch eine „kodifizierte Ordnung“, die wiederum durch Diskurse geschaffen wurde, hergestellt werden. Diskurse und diskursive Praktiken sind stets produktiv, so werden Objekte oder Dinge erst dann real, wenn sie über Diskurse wahrgenommen werden. „Diskurse bringen das hervor, was sie bezeichnen. Die Sprache ist stets der Ausdruck der Diskurse und erzeugt somit den Sinn dieser“. Was für jedes Individuum als real gilt, lässt sich aus einer diskursiven Ordnung von Kultur erkennen, das heißt, in welcher Wirklichkeit der Mensch aufwächst, kann er sich selbst nicht aussuchen. (vgl. Bublitz 2003: 48 und 55ff.)
Der Begriff Diskurs nimmt aber nicht nur Bezug auf die Sprache (language), wird zum Beispiel, vom neoliberalistischen Diskurs gesprochen, so geht es um die Ideenvermittlung dieser. Personen benutzen Sprache, um Ideen und Werte zu vermitteln, deshalb kann der Diskurs als „communicative event“ gesehen werden. (vgl. Van Dijk 1997b: 1f.) Dieser ist aber weder aus der Grammatik, noch aus einer Logik ableitbar, er analysiert vielmehr einzelne Aussagen und das was gesagt werden könnte, aber nicht gesagt wird. (vgl. Bublitz 2003: 54)
Nach Van Dijk (1997b: 2) gibt es drei Dimensionen von Diskursen: 1. language use, der sprachliche Gebrauch, 2. communication of beliefs, Kommunikation und Kognition und 3. interaction, Interaktionen
Diskurse beleuchten nicht ein einzelnes Sprecherlebnis, sondern nehmen die „Realisierung eines allgemeineren Musters, einer allgemeineren Regel“. (vgl. Keller 1997: 312) Laut dem Autor Rainer Diaz-Bone (2002b: 67) sind sie nicht nur einfache Sprachstrukturen, sondern „Formen von strukturierter und strukturierender Praxis“, dadurch wird der Begriff des Diskurses, oft durch „diskursive Praxis“ ersetzt.
Ein Diskurs ist also nicht das Gleiche wie ein Text, denn in Texten ist die diskursive Praxis nur im Materiellen zu finden. Der „Diskurs“ ist nicht die Sprechfähigkeit, sondern das Regelsystem, welches in den Aussagen enthalten ist. Die diskursive Praxis hingegen bestimmt die Regeln, somit auch die Wahrnehmung und das Erleben in „vorreflexiver Weise“. Dabei sind Interpretation und Erleben vorbestimmt. (vgl. Diaz-Bone 2002a: 129) Diskurse gehen auch mit anderen Verbindungen ein, das heißt, sie sind immer kontextuell (vgl. Bublitz 2003: 58).
Laut dem Autor Jäger (2006: 329 - 332) können Personen, welche mehr Macht besitzen und besseren Zugang zu Medien haben, leichter Einfluss auf Diskurse nehmen. Diese Macht ist dabei ungleich verteilt zwischen den Individuen, so besitzen jene Personen mehr Macht, die Zugang zu den Medien haben und diese können leichter Einfluss auf Diskurse nehmen. Der eigene Diskurs gilt dabei immer als „normal“, fremde Diskurse als „Normalitätsabweichungen“. Durch die Bindung zwischen Macht und Diskurs, setzen sich in der Regeln jene „machtvollen“ Diskurse eher durch als andere. Sie geben dabei die Regeln des Zusammenlebens vor. Obwohl aber die Macht ungleich verteilt ist, kann trotzdem nicht gesagt werden, dass eine bestimmte Person oder Gruppe diese steuern kann. Grundsätzlich kann gesagt werden, dass die Welt mit diskursiven Netzen durchzogen ist, wobei jene nicht als homogenes Element gesehen werden kann, den das große diskursive Netz besteht aus vielen kleinen Netzen. In diesen befindet sich auch das Diskursnetz der Kultur.
Bei der Diskursanalyse werden vor allem gesprochene beziehungsweise geschriebene Sprache und deren Praktiken beleuchtet, das heißt, jene werden hinsichtlich ihrer formalen und inhaltlichen Merkmale untersucht. (vgl. Keller 1997: 312) Laut dem Autor Ehlich (1994: 10) basiert diese Analyse immer auf „Daten realer Kommunikation“, wie zum Beispiel die Konversations- oder Gesprächsanalyse. Bedeutungen sind, nach Ansicht der Diskursanalyse, immer in spezifischen und strukturierten Formen zu finden (vgl. Keller 1997: 315).
2.1.3 Formen des Diskurses
Diskursanalytische Fragestellungen können, nach Keller (1997: 319), folgende sein:
a.) „wie sie entstanden sind,
b.) welche Veränderungen sie im Laufe der Zeit erfahren,
c.) auf welche Gegenstandsbereiche und welches Publikum sie sich beziehen,
d.) welche manifesten und /oder latenten Inhalte (kognitive Wahrnehmungsschemata, moralische und ästhetische Bewertungsschemata für „Sachverhalte“) sie transportieren,
e.) welche (rhetorischen) Mittel dazu eingesetzt werden,
f.) welche materialen Praktiken verwendet werden,
g.) welches ihre Träger sind,
h.) in welchem Verhältnis sie zu anderen (konkurrierenden) zeitgenössischen oder historischen Diskursen stehen,
i.) wie erfolgreich sie sind, d. h. welche Außenwirkungen sie haben.“
Folgende Formen der Diskursanalyse können unterschieden werden (nach Bluhm/ Deissler/Scharloth/Stukenbrock 2000: 4 - 13):
1.) Die Kritische Diskursanalyse: Sie analysiert Form und Inhalt von Texten oder Äußerungen zu einem bestimmte Thema und deren diskursiven Hintergründen. Grundsätzlich steht sie in der Tradition der Kritischen Theorie, Vertreter dazu sind Horkheimer, Adorno oder Habermas. Sie berufen sich vor allem auf Michael Foucault. Diskurse gelten in dieser Ansicht als eine Form der sozialen Praxis. Eine weitere Form der Kritischen Diskursanalyse ist die „Kritische Wiener Diskursanalyse“, welche als Tradition die Frankfurter Schule und
Bernsteinschen Soziolinguistik sehen. Diese Form wurde von der Österreicherin Ruth Wodak in den 90er Jahren begründet und versucht alle Hintergrund-informationen in die Texte mit ein zu beziehen.
2.) Die Heidelberger/Mannheimer Gruppe: Der Ansatz befasst sich hauptsächlich mit einer historischen Semantik und bedient sich vor allem geisteswissenschaftlichen Methoden. Die Vertreter bemühen sich um eine „reiche Semantik“, lehnen sich in ihren Untersuchungen an Foucault an und arbeiten deskriptiv-analytisch. Für die Untersuchungen werden hauptsächlich Methoden der Wort-, Satz- sowie Textsemantik verwendet.
3.) Die Düsseldorfer Schule: Jene wurde von Georg Stötzel Mitte der 80er Jahre gegründet und lehnt sich vor allem an die Sprachgeschichte nach 1945 an. Die Überlegungen bauen dabei vor allem auf Busses, Teuberts und Hermanns auf. Als Methoden werden vorwiegend Metaphern- und Argumentationsanalysen verwendet.
4.) Das Oldenburger Projekt: Diskurse setzen sich, in dieser Form der Analyse, vor allem mit miteinander verbundenen Texten auseinander. Dabei wird der Begriff Diskurs auch synonym für Super- oder Hypertext verwendet.
2.2 Der kulturelle Diskurs aus Sicht der Cultural Studies
Nach Renger (2003) und Bennet (1998) weisen die Cultural Studies sechs wesentliche Merkmale auf, wie die Verwendung eines breiten Kulturkonzeptes, das Denken in Kontextualität, ein Zusammenspiel zwischen Macht und Kultur, die Erörterung der Kultur als Institution, die Betonung der Subjektivität, sowie das Merkmal der politischen und praktischen Relevanz der Theorie. Die genannten Merkmale werden im Folgenden beschrieben.
2.2.1 Geschichte der Cultural Studies
Die Tradition der Cultural Studies reicht bis in die 50er Jahre des 19. Jahrhunderts mit der Tradition von Richard Hoggart, E.P. Thompson und Raymond Williams zurück. Die Theorie versteht sich, nach den Gründungsvätern, als „international intellectual movement“. (vgl. Alasuutari 1995: 23)
Mitte der 50er Jahre wurden in Großbritannien die so genannten „Scholarship-boys“ gegründet, eine Gruppe von Intellektuellen, die als erste in einer Arbeitergeneration Zugang zu Bildungseinrichtungen bekam. 1957 gründete ein Organ der Neuen Linken die Universities and Left Review, die sich mit kulturellen Themen wie Literatur, Film und Bildungsfragen beschäftigten, sowie Kulturanalyse und -politik ins Zentrum stellten. Auch die Erfahrungswelt als Schlüsselkategorie, die Populärkultur und Arbeiterkultur wurden von ihnen thematisiert (vgl. Lindner 2000: 27ff.).
1964 gründete Richard Hoggart an der Universität Birmingham das „Centre for Con-temporary Cultural Studies“ (CCCS) (vgl. Lindner 2000: 38). Die Anfänge waren dabei geprägt durch Arbeiten von Williams, Hoggart und Thompson. Williams beteiligte sich in den späten 50er Jahren an den „New Left Review“, 1958 erschien „Culture and Society“ mit der deutschen Übersetzung „Gesellschaftstheorie“. In einem weiteren großen Werk „The Long Revolution“ wurde der Begriff Kultur, „a whole way of life“, in den Mittelpunkt gestellt. Genau jene Überlegungen führten auch zur Entstehung der Cultural Studies (vgl. Horak 2002: 6 und 30f.). Hoggarts Phase im CCCS war vor allem durch eine „Erweiterung und Neuorientierung“ geprägt, was sich in den ersten Projekten widerspiegelte. Unter anderem wurde die so genannte „teenage revolution“, das heißt Pop- und Jugendkultur als neues kulturindustrielles Phänomen als Gegenstand untersucht. (vgl. Lindner 2000: 39 und 53)
Cultural Studies beschreiben eine Distanz zwischen Kultur und Gesellschaft. „Kultur wurde als ein Problem des Ortes und der Zughörigkeit oder der Teilnahme definiert; sie war die Mittlerin zwischen sozialer Stellung und erfahrener Identität.“ Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit diesen zwei Elementen war die Bewegung innerhalb der Klassenstruktur Englands, wo eine angenommene Distanz zwischen Kultur und Gesellschaft konstatiert wurde, sowie die Vorstellung, dass Macht Kultur spaltet. Kultur galt mehr als ein Prozess, diese wurde vielmehr als Kampf begriffen. (vgl. Grossberg 1994: 15)
Laut Mikos (2006: 181-184) existieren vier Phasen der Cultural Studies-Rezeption. Die Erste kann dabei auf Mitte der 80er Jahre festgelegt werden. Als einleitendes Ereignis gilt die Beschäftigung mit Soap Operas und Fernsehserien. Auch in der
zweiten Phase, Ende der 80er Jahre, setzt sich die Tradition der Theorie vorerst in der Soziologie fort. In Trier bildete sich um Roland Eckert, eine Forschungsgruppe, die das Projekt nicht als theoretischen Ansatz, sondern als interdisziplinäres Forschungsfeld begriff. Die dritte Phase begann in den frühen 90ern, dort wurde zwar viel über das Projekt geschrieben, Cultural Studies aber nicht „gemacht“. Die letzte und vierte Phase, seit dem Jahr 2000, kann als eine „Ko-Orientierung von Kultur-, Medien- und Kommunikationswissenschaft“ gesehen werden.
In den Vereinigten Staaten erlebten die CS in den 80er Jahren ihre Blütezeit, Augenmerk galt vor allem Formen alltäglicher Kultur (vgl. Horak 1994: 8). Die britische Version beschäftigte sich hauptsächlich mit sozialen, politischen und ökonomischen Situationen, sowie mit dem Verhältnis der „working class“ zur dominanten Kultur. Die Rezeption der British Cultural Studies in den USA arbeitete mit Erfahrungen der populären Kultur in einer „klassenlosen“ Gesellschaft, jene aber konzentrierten sich dabei mehr auf die Textanalyse und feministische Theorien. In Deutschland begann die Rezeption der Cultural Studies mit der Zeitschrift „Ästhetik und Kommunikation“, wo sich das CCCS selbst darstellte. Eine zweite Phase beschäftigte sich mit dem Thema „jugendliche Subkulturen“ und so wurden vermehrt Studien der CCCS-Mitglieder veröffentlicht. Die Erste publizierte Niesyto, Ende der 80er Jahre, über den Medienkonsum. (vgl. Mikos 2006: 178ff.)
2.2.2 Ansätze der Cultural Studies
Hartley (1996: 234) beschreibt den Vorteil einer „social theory“ wie folgt: „It’s one of the great injustices of social theory, to set up endless research projects which look at production from an institutional, corporate, socialized point of view, analysing newsmakers in their full panoply of power, but then looking at consumption as an individual ‚behavior’, buttonholding rehearsed, dis- or uninterested, non-professional indivduals, in a context where neither benefit nor blame attaches to their answers, and using their responses to make claims not about them as individuals, but about something which is in fact bigger than the mighty insitutions of production themeselves, i. e. the readership, the public.“
Die CS sehen sich grundsätzlich als Alternative zur traditionellen Kommunikations-forschung, denn ihre theoretische Formierung wurde von vielen unterschiedlichen Disziplinen beeinflusst. Kultur wird vor allem als alltägliche Praxis verstanden, das heißt, die Theorie versucht auch die Medienrezeption als ganzheitlichen Prozess und Kontext zu begreifen. Weitere Analysekategorien der Cultural Studies sind der Text, die Bedeutung eines Textes und der Leser. Ob der Leser aber die Bedeutung eines Textes macht oder diese vorbestimmt ist, bleibt eine Streitfrage. Das Projekt verknüpft also „Fragen nach politischer, ökonomischer, sozialer und kultureller Macht“. Aber die Annäherung an die traditionelle Kommunikationsforschung scheitert weitgehend an der „explizit politischen Ausrichtung“ und „offenen Methodologie“. (vgl. Jäckel/Peter 1997: 46)
Ebenso wie die Cultural Studies beschäftigt sich auch die Kultursoziologie mit der Symbolanalyse und Handlungsdimension. Die CS aber beziehen sich vor allem auf „Transformationen im Dickicht des Alltags“ und dem Verhältnis zwischen Zentrum und Rand. Weiters interessiert sie die aktive Auseinandersetzung mit einem Prozess, in dem Kultur geschaffen wird. Cultural Studies sind also ein „kritisch-interpretativ orientiertes Projekt“ (vgl. Winter 2002: 132ff.) und eine „hybride Variante von Kul-turtheorie und Sozialwissenschaft“ (vgl. Horak 2002: 39). Grundsätzlich kann gesagt werden, dass sich die Theorie als „transdisziplinäre Disziplin“ versteht (vgl. Horak 1994: 5), durch welche Praktiken neu definiert und multiperspektivisch betrachtet werden (vgl. Winter 2006: 81). Barker (2005: 5) beschreibt die Eingrenzung folgendermaßen: „It remains difficult to pin up down the boundaries of cultural studies as a coherent, unified, academic discipline with clear-cut substantive topics, concepts and methods that differentiate it from other disciplines. Cultural Studies is, and always has been, a multi- or post-disciplinary field of inquiry with blurs the boundaries between itself an other ‚subjects’. Yet cultural studies cannot said to be anything. It is not physics, it is not sociology and it is not linguistics, though it draws upon these subjects areas.“
Cultural Studies legen ihr Hauptaugenmerk auf die in der Gesellschaft herrschenden Denkmuster, Lebensformen, Bedingungen und Machtbeziehungen (vgl. Hipfl 2006: 139) und „sind attraktiv, faszinierend und interessant, und es ließe sich hinzufügen:
jung. Man könnte meinen, daß es sich bei den Cultural Studies um das Glamourgirl der Kulturwissenschaft handle“. (Lindner 2000: 81 und 87) Grossberg (1994: 20) nennt folgende Merkmale: „Die Eigenschaften, die meines Erachtens die Praxis von Cultural Studies konstituieren, sind folgende: Disziplin, radikale Kontextualität (und zwar in dreierlei Hinsicht - anti-reduktionistisch, ihre Objekte sind diskursive Allianzen, ihre Methode ist die Artikulation), Theorie, Politik, Interdisziplinarität und Selbstreflexion (über ihren theoretischen, politischen, kulturellen und institutionellen Ort)“. Die Cultural Studies sind also sowohl „anti-essentialistisch“ als auch „anti anti-essentialistische“ zu begreifen, das heißt Essentialismen in der sozialen Wirklichkeit müssen hinterfragt werden (vgl. Winter 2003b: 212), weiters sind sie „interested in historical and particular meanings rather than in general types of bahviour, process-oriented rather than result-oriented, interpretive rather than explanatory“ (Ang 1990: 240). Sie analysieren Abweichungen beziehungsweise abweichende Phänomene, um das tägliche Leben mit seinen Bedeutungen erörtern zu können. Realität wird von den Menschen konstruiert und bestimmt durch den Kontext, welcher durch die Alltagspraxis gebildet wird. (vgl. Alasuutari 1995: 29)
Die Theorie beschreibt sich selbst als Praktik, mit der gewisse Phänomene beschrieben werden können. Jene machen weiters auf „essentialistische Annahmen aufmerksam“ und weisen auch auf die (Re-)Artikulation von Ereignissen als Möglichkeit hin. (vgl. Winter 2003b: 209ff.) Die Theorieentwicklung baut vor allem auf die kulturellen Erfahrungen sowie Praktiken der einzelnen Individuen im Alltag auf. Laut den Autoren Göttlich, Mikos und Winter (2001: 7f.) „operieren sie an der Schnittstelle von Disziplinen, Kulturen, Wissenschaft und Politik“ und gehen von einem „sozialen Konstruktivismus“ aus. (vgl. Renger 2004: 365)
Laut Hall und Grossberg sind die wichtigsten Erkenntnisse der Cultural Studies folgende:
2.2.2.1 Der weite Kulturbegriff
Eng mit der Kulturwissenschaft ist natürlich der Begriff Kultur verbunden, obwohl dieser mittlerweile hinter die Begriffe wie „System“ oder „Gesellschaft“ zurückgetreten ist. Im Alltagsdasein wird der Begriff oft mit Pop, Mode, Körperkult oder Multimedia gleichgesetzt. (vgl. Helduser/Schwietring 2002: 8ff.) Auch Williams beschreibt mit dem Ausspruch „Culture ist ordinary“, dass Kultur ein alltägliches Element in der Gesellschaft ist, mit dem Erfahrungen und Alltagshandeln thematisiert werden können. Für ihn ist es selbstverständlich, dass ein Interesse an der Aneignung von Wissen und Kultur besteht, wichtig ist aber, welche Hindernisse jedem Individuum dabei in den Weg geräumt werden. Auch die subjektive Aneignung von Bildung steht für den Gründungsvater der CS im Vordergrund. (vgl. Lindner 2000: 19)
Kultur im soziologischen Sinn beschreibt „das soziale Erbe, bestehend aus dem Wissen, den Glaubensvorstellungen, den Sitten und Gebräuchen und den Fertigkeiten, die ein Mitglied einer Gesellschaft übernimmt“. (vgl. Reinhold 1991: 340) So werden Individuen aus Sicht der Cultural Studies als „kulturell vermittelt und gesellschaftlich situiert verstanden“. (vgl. Krotz 2006: 132)
Laut dem Autor Ang (1990: 239) wird in den Cultural Studies ein sehr weiter Kulturbegriff verwendet. Bennet (1998: 535) beschreibt dies wie folgt: „Cultural Studies subscribes to a broad concept of culture which, while compassing the high arts and literature, is not limited to these and does not accord them any a priori privileged status as objects of analysis. Rather, cultural studies typically felds these into a broader field of analysis which, depending on the theoretical formulations chosen,
includes the role of cultural forms and practices in the organization of every life (Michel de Certeau) or culture as a whole way of life (Raymond Williams).“
Schon Cicero prägte 45 v. Chr. den Kulturbegriff in seiner „Tusculanae Disputationes“, so sagte er, dass der menschliche Geist der Pflege sowie der Bearbeitung, der „cultura“, diene. „Kultur ist nun die ‚Welt des Menschen’. Es ist die Wirklichkeit des Menschen selbst und die Wirklichkeit, die ihn umgibt. Es ist die Welt, die ‚seine Welt’ ist, soweit er die - interaktiv - deutet und bearbeitet, d. h. bearbeitend deutet und deutend bearbeitet. Welt und Kultur werden damit konvertibel“. (vgl. Orth 2005: 14)
Kultur als wissenschaftliches Paradigma kann in der deutschsprachigen Geschichte bis 1900 zurückgeführt werden. So blieb der Begriff aber zu Anfang des 20. Jahr-hunderts auf Wissenschaft, Kunst oder Religion reduziert. Erst durch die Bildung der Massen- oder Alltagskultur fand er ein weiteres Feld und erstreckt sich auch auf die „symbolische Konstruktion menschlicher Wirklichkeit“, wo der Ausdruck als Oberbegriff für „Leistungen menschlicher Kreativität“ in den verschiedenen Bereichen des Lebens und der kulturellen Praktiken der Gesamtgesellschaft gilt. (vgl. Helduser/Schwietring 2002: 10ff.)
In den späteren Jahren der Cultural Studies wurde Kultur oft mit Bourdieus „habitus“ gleichgesetzt. Der Begriff wird von ihm als Form von Codes verstanden, die sich Individuen durch ihre eigene Welt schaffen. Personen, die in der Hierarchie weiter oben stehen, haben dabei mehr kulturelle Codes als jene weiter unten. Kultur wird hier als alltägliche Praxis verstanden, die auch im Zusammenhang mit Fragen über Macht und Politik steht. (vgl. Alasuutari 1995: 24 und 26)
Renger (1994: 69f.) teilt den Kulturbegriff in folgende Bereiche: 1. Kultur als Code: In dieser Ansicht werden Meinungen, Werte oder Idealvorstellungen untersucht. Der Code betont dabei das Fixierte und Geordnete. 2. Kultur als „Gespräch“ (Diskurs): Das Gespräch vollzieht sich immer dynamisch und aktiv, es spiegelt dabei „Repräsentationsmuster der Lebenserfahrung von Menschen in Bezug auf Arbeit, Spiel und Kult“.
3. Kultur als Gemeinschaft. Kultur als kreativer Ausdruck:
1. Kultur als ideale Bestimmung beschreibt Werte, die „ewig“ gelten, also zeitlos sind.
2. Kultur als dokumentarische Bestimmung: Verschiedene Disziplinen und Personen wie Kritiker oder Philosophen versuchen das menschliche Denken zu beschreiben und festzuhalten, so auch die Kultur.
3. Kultur als gesellschaftliche Bestimmung:
Alle Definitionen haben eines gemeinsam, sie beschreiben nichts Statisches, sondern einen sich ständig ändernden Prozess und symbolische Kommunikation. Auch durch die Globalisierung und Migration ändert sich der Kulturbegriff stetig (vgl. Helduser/Schwietring 2002: 13), so sagte schon John Fiske (1989: 1):„Culture is a constant process of producing meanings of and from our social experience, and such meanings necessarily produce a social identity for the people involved.“ Er beschreibt das „culture making“ weiters als einen stetigen, sozialen Prozess. Somit können Texte nur im Hinblick auf das gesamtgesellschaftliche System betrachtet werden. Jedes Sozialsystem benötigt auch ein kulturelles System, denn Kultur ist der Ausdruck von sozialen Praktiken (vgl. Fiske 1989: 1) und ein „way of life“, „der Ideen, Verhalten, Gewohnheiten, Sprache, Institutionen und Machtstrukturen“ (vgl. Mikos 2006: 186).
Eco unterteilt Kultur, ähnlich wie Sprache, in Kategorien: Diese, versteht er, ist ein System arbiträrer Zeichen, ihre Bedeutung wird mittels Codes, die zuvor durch Regeln manifestiert werden, festgelegt. So unterscheiden sich unterschiedliche Kulturen
hinsichtlich ihrer Zeichen. Sie gibt den Individuen Symbole und Kontexte, in welchen jene über sich selbst kommunizieren können (vgl. Asuncion-Lande 1990: 211). Kultur ist also das Ergebnis des sozialen Lebens (vgl. Nöth 2002: 55f.) und Teilen von kulturellen Praktiken, Symbolen und Glaubensvorstellungen in einer Gruppe (vgl. Asuncion-Lande 1990: 211), also „everything we do in our live“ (O’Connor/ Downing 1990: 3f.). Nach Raymond Williams (1999: 58) gilt der Ausdruck auch als „qualitative Bewertung der gesamten Lebensweise“, weiters beschreibt der Ausdruck den Wandel in den Lebensverhältnissen jedes einzelnen. „Culture refers to ways of understanding the world, perspectives on the meaning of life“ (O’Connor/Downing 1990: 3f.). Zwar existiert ein gemeinsames Verstehen-Wollen, aber auf Grund der unterschiedlichen Lebensweisen sind die Schlussfolgerungen oftmals von Mensch zu Mensch verschieden. (vgl. Williams 1999: 58)
Auch Asuncion-Lande (1990: 211) stellte fest, dass jede Kultur „unique“ ist, sie bedient sich eigenen Mechanismen, um sich den Bedingungen anzupassen, deshalb gilt auch jeder Kulturkreis als einzigartig. Kultur liefert, nach Renger (1994: 70, vgl. auch Asuncion-Lande 1990: 211) einen kognitiven Rahmen, das heißt, dieser ist notwendig für Verständnis ihrer in der Umwelt. Was aber in einer Kultur wichtig ist, muss in einer anderen nicht denselben Stellenwert besitzen, sie ist also weiters ein Instrument zur hierarchischen Einordnung von Aktivitäten. Renger (1990: 70) und Asuncion-Lande (1990: 212) vergleichen sie weiters mit einem Eisberg: nur ein kleiner Teil des Berges ragt aus dem Wasser, der Rest, also der große Teil, schwimmt unter der Oberfläche. Die Wahrnehmung, sowie die Geisteshaltung des Einzelnen liegen im Unbewussten und werden erst sichtbar, wenn mit Personen anderer Kultur kommuniziert wird. So kodiert der Mensch Nonverbale-Kommunikation stets automatisiert ohne sich zuerst den Kategorien bewusst zu werden.
Kultur ist auch eng mit Kommunikation verbunden, denn ohne Kommunikation kann sich keine Kultur entwickeln oder verfestigen. Aber auch diese muss immer im kulturellen Kontext betrachtet werden. (vgl. Jäckel/Peter 1997: 51) Beide Elemente können nicht separat behandelt werden, denn Kultur ist jeder Bestandteil unseres Lebens und stellt die Regeln für das Zusammenleben und somit auch für die Kommunikation auf. (vgl. Renger 1994: 72) Cultural Studies begreifen weiters Kultur
nicht ohne Subjektivität, denn sie konstruiert Beziehungen, die durch „ökonomische Verhältnisse begrenzt sind“. Bedeutungen entstehen so aus der individuellen Wahrnehmung und werden mittels En- und Dekodierung auf den gleichen Nenner gebracht. In der Theorie gibt es keine kulturellen Bedeutungen im Bezug auf das menschliche Handeln, dafür gibt es kulturelle Bedeutungen, die durch das Alltags-handeln bestimmt werden. (vgl. Bauer 2003: 144f.)
2.2.2.2 Kontextualität
Durch das breite Kulturkonzept der Cultural Studies muss diese immer im Kontext der Situation bestimmt werden. Diese Kontextualität geht einher mit der Inter- beziehungsweise Transdisziplinarität der Theorie. Sie ist dabei die Bedingung und der Hintergrund, durch den alles möglich ist. Kulturelle Produktionen müssen somit immer in Beziehung zu kulturellen Praktiken und Strukturen gesetzt werden. (vgl. Renger 2003: 167f.)
Kontexte sind Ausschnitte aus dem Leben, sie versuchen „politische und kontextuelle Theorien der Beziehungen zwischen kulturellen Allianzen und Kontexten, die die Milieus der menschlichen Machtbeziehungen sind, zu erstellen“. Dem Ansatz geht es um die Neuschaffung eines Kontexts, der als Machtstruktur verstanden wird. (vgl. Grossberg 1994: 27) Cultural Studies versuchen also kontextuell das Dreiecksverhältnis zwischen Kultur, Medien und Macht zu erforschen. (vgl. Renger 2004: 366)
Grossberg (1994: 22) und Donges, Leonarz und Meier (2005: 128) sehen die Cultural Studies als radikalen Kontextualismus, was bedeutet, dass alles kontextuell ist und der Kontext alles ist. Jener ist dabei nicht empirisch vorgegeben, sondern muss erst durch politische Diskurse definiert werden.
So existiert auch Realität für den Menschen nur durch Beziehungen, also dem Kontext, welchen wir zu anderen, zu allem, somit zur Welt haben. Jene orientieren sich durch Bedeutungsinterpretationen und Interpretationsregeln im Alltag. (vgl. Renger 2004: 365) Die CS gehen von der Annahme aus, dass die kulturellen Praktiken außerhalb einer Beziehung „nicht auf effektive Weise vorhanden sind“, da sie selbst kontextuell sind, und aus diesem Grund bezeichnet man jene nicht als Praktiken,
sondern vielmehr als „Allianzen“, die zwischen den Praktiken fungieren. Allianzen sind dabei jene Elemente, die sich aus den unterschiedlichen Praktiken zusammensetzen, sie werden definiert durch „Bahnen“, in denen Praktiken Momente darstellen. (vgl. Grossberg 1994: 24)
Auch Texte müssen hinsichtlich ihrer Identität betrachtet werden, denn der Kontextualismus ermöglicht es dem Individuum die wahrnehmbare Welt zu betrachten und zu verstehen, denn Kultur fungiert immer auf mehreren unterschiedlichen Ebenen. (vgl. Grossberg 2006: 33)
2.2.2.3 Macht und Subjektivität in den CS
Die Welt, so wie wir sie kennen, ist nicht von objektiven Elementen gekennzeichnet, sondern ist subjektiv und wird sozial konstruiert. Mittels Interaktionen werden Bedeutungen durch Sprache vermittelt. (vgl. Winter 2003b: 203) Die „neue“ Ethnografie ist ebenfalls ein Ansatz der qualitativen Sozialforschung und bettet den Forscher selbst mit seinen Erfahrungen, Praktiken und Lebensweisen in die Forschung ein. Der Forschende aus Sicht der Cultural Studies thematisiert sich selbst und wirkt mehr als Mitspieler, und nicht als unabhängiger Beobachter. Auch die Ergebnisse seiner Forschung sind nicht unabhängig, sondern unterliegen der subjektiven Interpretation. (vgl. Winter 2006: 82f)
Die Theorie geht vor allem auch Fragen nach Macht und Herrschaft auf die Spur und verbindet jene Dinge mit einem diskursiven Kontext, in welchem Personen ihr Leben gestalten. (vgl. Grossberg 2006: 26) Laut Foucault kann es keine Gesellschaft ohne Macht geben, nur die Formen der Macht können sich ändern, das heißt, beispielsweise ein Wechsel des Machtregimes. Dies passiert meist schleichend von der Peripherie bis hin ins Zentrum. Auch in der Dekonstruktion von Texten wird gezeigt, dass jene Elemente, die sich in der Peripherie befinden, ebenso wichtig sind wie jene im Zentrum eines Textes. (vgl. Winter 2002: 127f.) Erfahrung ist auch ein Produkt von Macht, Menschen haben die Möglichkeit Machtbeziehungen in ihrem Kontext zu verändern. Jene muss also als eine Vielzahl von Achsen und Dimensionen verstanden werden, sie ist komplex und widersprüchlich. Cultural Studies versuchen
deshalb die Auswirkungen von Macht auch auf den Menschen zu erforschen. (vgl. Grossberg 1994: 14ff.)
„The more recent stress has been on the modes of interaction between different fields of power and especially, in the context of postcolonial debates, on the way in which the cultural aspects of forms of power associated with relations of class, race and gender have interacted within the cultural practices of colonialism.“ (Bennet 1998: 536f.)
2.2.2.4 Politische und praktische Relevanz
Forschungsarbeiten zu den Cultural Studies können nicht nur aus akademischen Gründen interessant erscheinen, sondern auch aus politischen. (vgl. Renger 2000: 355) Für den Autor Grossberg (1994: 12) bedeuten Cultural Studies die „Kontextualisierung und Politisierung intellektueller Praxis“. Der Ansatz versucht dabei nicht andere Projekte auszustechen, sondern führt zu einer Verpflichtung zu einem bestimmten intellektuellen Stil hin.
Die CS stellen sich forschungspolitische Fragen, wie beispielsweise Personen in ihrem alltäglichen Leben mit Macht und Widerständen Situationen interpretieren und darstellen. (vgl. Göttlich 2001: 17) Laut Grossberg (1994: 19), werden diese durch Zeitpunkt und Ort ihrer Artikulation bestimmt und verändern sich im Kontext, da sie als offen gelten. „Cultural Studies ist in dem Sinne interventionistisch, als versucht wird, die besten verfügbaren intellektuellen Ressourcen zu verwenden, um zu einem besseren Verständnis der Machtbeziehungen in einem bestimmten Kontext zu gelangen“. Sie fragen „Was geht vor sich? Und befinden sich dabei in einem Wechselspiel zwischen „theoretischen Ressourcen und politischen Realitäten“. (vgl. Grossberg 2006: 24)
2.2.3 Stuart Hall
Stuart Hall wurde 1932 in Jamaika geboren, gilt als Begründer der Cultural Studies und war zwischen 1968 und 1987 Direktor des „Centre for Contemporary Cultural
Studies“. (ORF.at) Er beschreibt die Errungenschaften der Theorie folgendermaßen: „Die Botschaft der Cultural Studies ist eine Botschaft für Akademiker und Intellektuelle, aber glücklicherweise auch für viele andere Menschen. In diesem Sinne habe ich in meinem eigenen intellektuellen Leben versucht, die Überzeugung vom Wert objektiver Interpretation und die Leidenschaft dafür, die Hingabe an die rigorose Analyse und das Verstehen, immer mit einem Zweiten zu verbinden, und zwar mit der Leidenschaft neue Einsichten zu gewinnen, Wissen, das wir früher nicht hatten, zu entdecken und zu entwickeln. Andererseits bin ich jedoch überzeugt, dass es sich kein Intellektueller/keine Intellektuelle, der/die diese Bezeichnung verdient, und keine Universität, die sich angesichts des 21. Jahrhunderts bewähren will, leisten kann, unberührt die Augen vom eigentlichen Problem abzuwenden ... nämlich zu verstehen, was das Leben, das wir leben und die Gesellschaften, in denen wir leben, weiterhin zutiefst unmenschlich macht.“ (Stuart Hall 1992: 5, zit. nach Grossberg 1994: 20)
Hall unterteilt die Cultural Studies in kulturelle und strukturalistische Einheiten: Die Hauptunterschiede zwischen den Perspektiven sind folgende: Kulturelle beschäftigen sich vor allem mit Erfahrungskategorien, Strukturalistische mit der Herausarbeitung von leitenden Strukturen. Hall unterscheidet also einerseits den Kulturalismus mit Vertretern wie Williams, die die Kultur als Einbettung in den materiellen Kontext sehen und andererseits den Strukturalismus, mit Saussure, Lévi-Strauss und Barthes, die die Unabhängigkeit von subjektiven Formen vertreten. (vgl. Winter 2006: 95) Cultural Studies im Journalismus geht es vor allem um die Betrachtung des Journalismus bei der Bedeutungskonstruktion und des „preferred reading“ im Kontext der sozialen Umwelt. (vgl. Renger 2006: 275)
Er entwickelte in den 80er Jahren ein „encoding/decoding-Modell“, wo er vor allem den einzelnen Moment hervorhebt (vgl. Winter 2003a: 317), das heißt, jedes einzelne Element im Kommunikationsprozess muss isoliert voneinander betrachtet werden und somit kann der nächste Schritt nicht abgelesen werden. Durch die Artikulation mit anderen Ebenen im Modell ergeben sich das Encoding und Decoding. (vgl. Winter 2003b: 209), so ist der Kommunikationsprozess eine „komplexe dominante Struktur“ (vgl. Hall 1999: 93). Mit der Produktion einer Nachricht beginnt der Kreislauf des Modells, dieser Prozess wird sowohl durch Bedeutungen als auch durch
Vorstellungen untermalt. Zirkulation und Rezeption werden durch teils verzerrte Feedbacks in den Produktionsprozess eingebaut. Auch die Rezeption beziehungsweise der Konsum einer Nachricht selbst stellt einen Produktionsprozess dar. Produktion und Rezeption sind nicht gleich, sondern nur miteinander verbundene Aspekte des Kommunikationsprozesses. Die Sendestrukturen müssen aber an einem bestimmten Punkt kodiert, die Produktionsverhältnisse dabei der Sprache unter-worfen werden. Eine Nachricht kann nur dann ein Bedürfnis befriedigen oder Nutzen bringen, wenn sie als Diskurs wahrgenommen wurde und dekodiert werden konnte. Dekodierte Bedeutungen haben, laut Hall, eine Bedeutung, sie beeinflussen und unterhalten den Menschen. (vgl. Koivisto/Merkens 2004: 68) Bevor aber ein Ereignis zu einer Geschichte wird, muss jenes zuerst ein kommunikatives Ereignis werden. Dabei ist die Nachrichtenform das wesentliche Element bei der Umwandlung, also ein determinierendes Moment. (vgl. Hall 1999: 93f.) „In einem determinierten Moment bedient sich die Struktur eines Kodes und bringt eine Nachricht hervor: In einem anderen determinierten Moment hält die Nachricht, vermittels ihrer Dekodierung, Einzug in die Struktur gesellschaftlicher Praktiken.“ (Koivisto/Merkens 2004: 69)
Abb. 1: Halls (2004: 69) „decoding/encoding-Modell“
Die Bedeutungsstrukturen 1 und 2 beschreiben keineswegs das Gleiche, und bilden auch keine „unmittelbaren Identitäten“: Kodier- und Dekodierungsprozesse müssen nicht zwingend symmetrisch sein. Der Grad der Symmetrie wird bestimmt durch Symmetrie und Asymmetrie des Kodierers und Dekodierers. Jene hängen weiters vom Grad der Identität und Nicht-Identität zwischen den einzelnen Kodes ab, das heißt, durch die vollständige oder fehlerhafte Übertragung einer Botschaft. (vgl. Hall 1999: 97)
Auch schon Asuncion-Lande (1990: 212) sagte: „Cultural similarity in the encoding, decoding, and transmission of messages renders the sharing of meanings workable. The way we communicate, the symbols we use, and our interpretations of messages are all prescribed by our culture. As cultures vary, the manner, the form, and the style of communication also differ“.
Halls (1999: 107ff.; vgl. auch Koivisto/Merkens 2004: 77ff.) drei Lesarten: 1. dominant-hegemonialer Ansatz: Übernimmt der Rezipient die Nachricht im Sinne des Referenzkodes dekodiert, kann gesagt werden, dass der Zuseher „innerhalb des dominanten Kodes“ agiert. Diese Lesart gilt als idealste und wird auch als „vollkommen transparente Kommunikation“ bezeichnet. Der „professionelle Kode“ wendet dabei eine eigene „Machart“ an und kann hegemoniale Eigenschaften des dominanten Kodes ausblenden und durch professionelle Kodierungen ersetzen. Durch diesen werden beispielsweise die Auswahl der Bilder oder Inszenierungen festgelegt.
2. die Position der ausgehandelten Kodes: Der Großteil der Rezipienten hat die dominant festgelegten Kodes erfasst. Das Dekodieren ist eine Mixtur aus „adaptiven und oppositionellen“ Elementen. Der Leser/Hörer/Zuseher nimmt die dominante Position zwar an, aber im Bezug zum Kontext ändert sich ihre Bedeutung. Diese Lesart ist durch und durch von Widersprüchen geprägt, die ausgehandelten Codes funktionieren dabei nur bei besonderen Logiken. Ein Beispiel: Reaktion eines Arbeiters auf ein neues Gesetz, welches das Streikrecht bei Lohnstopps einschränkt: Im wirtschaftlichen Sinn nimmt der Arbeiter die hegemoniale Ansicht für sich ein. Diese steht aber im Widerspruch, denn niemand von den Arbeitern möchte weniger Lohn erhalten.
3. Der oppositionelle Kode: Der Rezipient kann zwischen wörtlichen und konnotativen Elementen durchaus unterscheiden. Jener „enttotalisiert“ die Nachricht durch die bevorzugten Kodes, „re-totalisiert“ diese aber mit alternativen Interpretationsweisen.
2.2.4 Populärer Journalismus
Durch Diskurse über Spaßgesellschaft oder Eventisierung wird ersichtlich, dass Unterhaltung einen immer größeren Stellenwert in der öffentlichen Kommunikation besitzt. Laut Göttlich (2002: 43) ist dabei auch ein kultureller Wandel zu verzeichnen, der in eine „Politik des Vergnügens“ übergeht. In den Cultural Studies spielt aber Unterhaltung nur eine kleine Rolle, dafür stehen Populärkultur, sowie Erfahrungs-und Erlebnisformen im Mittelpunkt. (vgl. Mikos 2003: 89) Im Bezug auf die zunehmende Mediatisierung von Massenmedien wirkt das Projekt der CS angemessen, denn jene beschreiben nicht nur Angebote und Programme, sondern auch was mit diesen Produkten gemacht wird, welchen Sinn sie besitzen und wie Populärkultur entstehen kann. (vgl. Göttlich 2002: 45f.)
Häufig werden in der Kommunikationswissenschaft Begriffe wie Massenkultur und Populärkultur synonym verwendet, durch die Verwendung des jeweiligen Begriffs kann aber eine ideologische Differenzierung vorgenommen werden. So verwenden Adorno und Horkheimer den Begriff Massenkultur, während Löwenthal den Populärbegriff als Gegenteil zur Kulturindustrie implizierte. (vgl. Mikos 2003: 90)
Donges, Leonarz und Meier (2001: 127) positionieren die Cultural Studies wie folgt: „Die Vertreter der Cultural Studies gehen vom Primat der Kultur aus und betrachten die Kulturindustrie weit weniger totalitär und manipulativ als die Frankfurter Schule. Die CS wollen bewusst die unterschiedlichen Lebensbedingungen und sozialen Erfahrungen der RezipientInnen mit populärkulturellen Texten in die Analyse einbeziehen. Die Vertreter der CS stehen zwar der populären Unterhaltungsindustrie eher distanziert gegenüber, fassen aber die Populärkultur als Ausdruck genuiner Lebenserfahrung im Alltag als eher wertfrei bzw. positiv auf.“ Im politischen Sinne kann das „Populäre“ bis in die Renaissance, wo der Begriff als negativ besetzt galt, zu-
rückverfolgt werden. In der Französischen Revolution und im 19. Jahrhundert wurde der Ausdruck für Vertreter der Linken verwendet und mit Umsturz und Demokratie assoziiert. Der Begriff des „popular journalism“ führte Sparks in den 90er Jahren in die Kommunikationswissenschaft ein. (vgl. Renger 2000: 17 und 316)
Nach Renger (2000: 16 und 20) kann populärer Journalismus, im Foucaultschen Sinn, als „Diskursgesellschaft“ verstanden werden. Journalismus erbringt eine Diskursleistung und verbreitet Ideen und Bedeutungen. Populärkultur bedeutet aber nicht dasselbe wie Medienkultur, denn nicht alle Formen des populären Journalismus müssen sich zwingend auf die Massenmedien beziehen. „Als Populärkultur gilt der Prozess der kulturellen Regulierung und Veränderung des Alltags, der jederzeit von sozialen Subjekten und Gruppen angestoßen wird, indem sie sich die von der Kulturindustrie vorgegebenen Ressourcen im Horizont ihrer Interessen und Phantasien aneignen.“ (Göttlich 2002: 46)
Populäre Journalismusprodukte sind einerseits einfache, andererseits auch schwierige Phänomene in der Medienanalyse. So kann simpel gesagt werden, dass ein Populärprodukt mit der Größe des Publikums einhergeht, das heißt, die „Neue Kronen Zeitung“ kann als populär bezeichnet werden, da sie die Tageszeitung mit der höchsten Reichweite in Österreich ist. Populäre Produkte haben aber auch eine politische und ästhetische Perspektive. (vgl. Renger 2000: 315)
Fiske (1989: 1) beschreibt das Phänomen der Populärkultur wie folgt: „Popular culture is made by subordinated peoples in their own interests out of resources that also, contradictorily, serve the economic interests of the dominant. Popular culture is made from within and below, not imposed from without or above as mass cultural theorists would have it. There is always an element of popular culture that lies outside social control, that escapes or opposes hegemonic forces. Popular culture is always a culture of conflict, it always involves the struggle to make social meanings that are in the interests of the subordinate and that are not those preferred by the dominant ideology.“
2.3 Der kulturelle Diskurs aus Sicht des Konstruktivismus
2.3.1 Grundidee des Konstruktivismus
Der Begriff Konstruktivismus leitet sich von „Konstruktion“ und „konstruieren“ ab, welches im ursprünglichen Sinn „planen“ oder „entwickeln“ bedeutet, so wird im gegenständlichen Sinn darunter die „planende, entwickelnde und gestaltende Schaffung eines Bauwerks oder einer Maschine“ verstanden. Im übertragenen oder geistigen Sinn bedeutet der Ausdruck, wie beispielsweise in der Mathematik, Philosophie oder Psychologie, „die Schaffung einer geometrischen Figur, eines gedanklichen Modells beziehungsweise einer Versuchsanordnung“. Erkenntnistheoretisch versteht man „die Schaffung von Wahrnehmung und Erkenntnis durch ein kognitives System“. (vgl. Frerichs 2000: 57)
Auch schon die abendländische philosophische Tradition beschäftigte sich mit dem Konstruktivismus und vor allem mit Fragen, ob es Realität so wie wir sie kennen, überhaupt gibt. Die Theorie gilt als Gegenposition zu realistischen, materialistischen und essentialistischen Strömungen. Im Konstruktivismus werden Was-Fragen durch Wie-Fragen ersetzt. Schon in der Antike beschäftigten sich Kant, Vico oder Schopenhauer mit konstruktivistischen Fragestellungen. Als weitere Vertreter sind weiters Von Foester, Maturana, Roth oder Von Glaserfeld zu nennen. (vgl. Weber 2003: 180ff.) Bentele (1993: 152) siedelt das konstruktivistische Paradigma Ende der 90er Jahre an. Aber schon Jahre zuvor, Mitte der 70er, wurde durch Winfried Schulz die Konstruiertheit der Medien in den Mittelpunkt gestellt. Merten (1995: 5) hingegen legt die Wurzeln auf Norbert Wiener, welcher die Systemtheorie in die Wissenschaft einführte.
Grundsätzlich können drei Traditionen des Konstruktivismus miteinander verglichen werden:
a.) Biologisch-neurowissenschaftlicher Konstruktivismus mit Vertretern wie Maturana und Roth
b.) Kybernetischer Konstruktivismus mit von Foerster
c.) Philosophischer und psychologischer Konstruktivismus mit Luhmann (vgl. Schmidt 1994b: 15)
Zwei Modelle im Konstruktivismus:
1. Roth entwarf ein Modell der Erkenntnis, das heißt, das Gehirn erzeugt in der Wirklichkeit drei Welten: Ich-Welt, Körper-Welt und Um-Welt.
2. Schmidt hingegen entwickelt ein Modell, dass den Konstruktivismus als Kreislauf mit vier Instanzen beschreibt, nämlich Kognition, Kommunikation, Medien und Kultur. Kognition und Kommunikation fallen unter den Begriff der „Mensch-Semantik“, Medien und Kultur gelten als soziale Umwelt. (vgl. Weber 2003: 187)
Schmidt (1994: 4 und 14f.) beschreibt den Ansatz weiters als nicht „einheitliches Theoriegebäude“, vielmehr als Diskurs, an dem diverse Disziplinen beteiligt sind. Themen dieses Diskurses können Beobachten und Unterscheiden, Selbstorganisation und Selbstreferenz, organisationelle Geschlossenheit und Strukturdeterminiertheit, Autonomie und Regelung oder Umwelt und System sein.
Laut Weber (1996: 45) gibt es folgende Formen des Konstruktivismus:
1. Konstruktiver Realismus
2. Sozialkonstruktivismus
3. Interpretationskonstruktivismus
4. Methodischer (Erlanger) Konstruktivismus
5. Soziokultureller Konstruktivismus und den
6. Radikalen Konstruktivismus: Dieser bestreitet nicht die Realität der Welt, sagt aber, dass jene nur konstruiert wird. Weiters beschreibt er die Ansicht, dass alle Phänomene Produkte der Wirklichkeit sind und als Resultate von Prozessen gesehen werden müssen. (vgl. Schmidt 1993: 105)
Alle diese Konstruktivismen haben aber folgendes gemeinsam: ein beobachter-orientiertes und aktives Konzept. Auch werden naturwissenschaftliche Ergebnisse aus diversen anderen Disziplinen wie der Biokybernetik und Wahrnehmungspsychologie zitiert. (vgl. Weber 1996: 45f.) Laut Weber (2002: 23) scheint eine Trennung zwischen naturalistischen und kulturalistischen Konstruktivismen sinnvoll. Der konstruktive Realismus, realistische Konstruktivismus und interaktionistische Konstruktivismus, der Siegener und Erlanger Konstruktivismus beschäftigen sich mit der
Wahrnehmung oder dem Gehirn mit Hilfe der Biologie oder Psychologie. Kulturalistische Konstruktivisten hingegen mit der Konstruktion der Realität durch Sprache, Kommunikation, Kultur oder Medien. (vgl. Weber 2002: 23) Dem Konstruktivismus geht es in erster Linie darum, was auf der kognitiven und kommunikativen Seite geschieht, wenn das Individuum wahrnimmt, erkennt oder interagiert. (vgl. Schmidt 1993: 105)
Realismus und Konstruktivismus können folgendermaßen unterschieden werden:
a.) Emotionalität statt Objektivität: Konstruktivisten beschäftigen sich mit Subjektivität und Emotionalität.
b.) Cash statt Kontrolle: Sie untersuchen Medien hinsichtlich ihrer ökonomischen Funktion, wo hingegen Realisten glauben, dass Medien eine normative Aufgabe besitzen.
c.) Selbstreferenz statt Fremdreferenz: Im Konstruktivismus wird die Selbstreferenz der Medien auf andere Mediensysteme untersucht. „Berichtet wird nicht mehr was ‚draußen’ passiert, sondern was in anderen Medien passiert.“
d.) Wie statt Was: Konstruktivisten gehen einem Wie nach, das heißt, wie werden Medienangebote konstruiert.
e.) Nachrichten folgen Ereignissen: Im Realismus produzieren Ereignisse Nachrichten, im Konstruktivismus geschieht dies umgekehrt, so produzieren Nachrichten Ereignisse.
f.) Kontingenz statt Kohärenz: Konstruktivisten beschäftigen sich mit der Kontingenz von Wirklichkeitskonstruktionen von Medienangeboten, während Realisten Wirklichkeiten und Medien hinsichtlich ihrer Kohärenz untersuchen. (vgl. Weber 1996: 142ff.)
Tabelle 1: Unterschied zwischen realistischen und konstruktivistischen Medientheorien (nach Weber 1996: 145)
Der größte Unterschied zwischen Realismus und Konstruktivismus beruht in ihrer Ansicht über objektives Wissen. Laut Vertreter des Realismus ist jenes möglich und kann untersucht werden, wohingegen der Konstruktivismus Objektivität als nicht erreichbar sieht, denn jeder Beobachter nimmt subjektiv seine Wirklichkeiten wahr. (vgl. Pörksen 2000: 25) Grundidee ist die Annahme, dass die Umwelt nicht durch Wahrnehmungen erfassbar ist, das heißt, alle Wahrnehmungen, Vorstellungen sind individuell konstruiert. Die Theorie versucht dabei herauszufinden, wie diese Wirklichkeitskonstruktionen des einzelnen stattfinden. (vgl. Gehrau 2002: 262) Den Grundsatz erläutert Weischenberg (1995: 47) folgendermaßen: die Realität kann durch die operative Geschlossenheit des Gehirn nicht erreicht werden und weiters plädiert die Theorie auch auf die Subjektabhängigkeit der Konstruktionen.
Laut Weber kann der Konstruktivismus folgendermaßen verstanden werden, „wie eine Instanz / ein Ort / eine Einheit X eine Wirklichkeit Y oder mehrere Wirklichkeiten Y1 - Yn hervorbringt“. (vgl. Weber 2002: 24)
Der Konstruktivismus selbst aber kann nicht auf seine Wahrheit hin geprüft werden, denn auch er ist eine Konstruktion. „Das wahre Wissen wird zum brauchbaren Wissen, die Deskriptivität zur Problemlösungskapazität, die Objektivität zur Intersubjektivität“. (vgl. Pörksen 2000: 31) Konstruktionen werden hierbei als Prozesse bezeichnet, die durch biologische, kognitive und soziale Bedingungen Wirklichkeitsverläufe beschreiben (vgl. Schmidt 1994a: 5). „Konstruktivisten beginnen das Nachdenken statt mit Identität mit Differenz, statt mit Voraussetzungen mit Unter-
scheidungen - und das heißt mit Entscheidungen. Unterscheiden - das war schon mehrfach betont worden - ist in unserem Alltag wie in der Wissenschaft eine höchst voraussetzungsreiche Operation, wie schon ein flüchtiger Blick auf beteiligte Instanzen lehrt“. (vgl. Schmidt 1993: 116)
Die Grundbegriffe des Konstruktivismus werden hier nochmals zusammenfassend beschrieben (vgl. Weber 2003: 185ff.):
1.) Der Beobachter: Als Beobachter wird jedes lebende und erkennende System bezeichnet, also jeder Mensch.
2.) Die Wirklichkeit: Als Wirklichkeit gilt jene Welt, die von uns erzeugt wird. Realität hingegen ist jenes Element, dass „Jenseits der Wirklichkeitskonstruktionen“ liegt.
3.) Konstruktion und Wirklichkeitskonstruktion: Im Konstruktivismus gelten Konstruktionen als unbewusst oder nicht mit planerischer Absicht. Jene Konstruktionen laufen meist aus neurobiologischer und kultureller Sichtweise unbewusst ab.
4.) Autopoiesis, strukturelle Kopplung und operationale Geschlossenheit: All diese Konzepte stammen aus der Bio-Estimologie von Maturana. Autopoiesis ist ein Kriterium für lebende Systeme, die selbstproduzierend sind. Diese Selbstproduktion geht über „(a) eine operationale Schließung des Systems gegenüber der Umwelt, (b) eine strukturelle Kopplung des Systems mit der Umwelt erfolgt“. Diese Systeme gelten als geschlossen und offen zugleich.
5.) Anstatt der Begriffe Verifikation und Falsifikation verwendet die Theorie die Begriffe Viabilität und Validierung.
Psychologen kritisieren vor allem die Vorstellung der operativen Geschlossenheit des Gehirns. Sie schlagen vor, „den Konstruktivismus niedriger zu hängen“.(vgl. Weischenberg 1995b: 49) Weiters können Begriffe aus der Biologie nicht auf soziokulturelle Prozesse übertragen werden. Auch der Dualismus zwischen Realität und Wirklichkeit wurde von der Philosophie als „nicht haltbar“ entlarvt. (woher weiß man, dass die Realität nicht erkennbar ist?). Auch die Ansicht, dass Wirklichkeits-
konstruktionen immer unbewusst ablaufen wurde zumeist kritisiert. (vgl. Weber 2003: 195f.)
2.3.2 Das kognitive System und Wahrnehmen
Der Konstruktivismus beschäftigt sich in erster Linie mit „Voraussetzungen, Mechanismen und Anschließbarkeitskriterien kognitiver und kommunikativer Selbstorganisation der konstruierenden Systeme.“ (vgl. Schmidt 1994a: 19) Kognitive Systeme haben dabei drei Merkmale: sie sind autopietisch, selbstreferentiell und selbstorganisierend. In der Wirklichkeitskonstruktion kann es also kein „wahr“ oder „falsch“ geben, da durch ihre operative Geschlossenheit, kognitive System ihre eigenen Regeln bilden. (vgl. Weischenberg 1993: 129)
Menschen werden also in eine „sinnhaft konstituierte Umwelt hineingeboren“. (vgl. Schmidt 1995: 239) Das Wahrnehmen und Erkennen von Dingen liefert dem Menschen keine getreuen Abbildungen von der Realität. (vgl. Schmidt 1994a: 7) Bedeutungen gelten als „kontextuelle Relation“ und werden bestimmt durch die Kommunikationsteilnehmer, -situation und Zeitpunkt. (vgl. Schmidt 1985: 123)
Lebende Systeme sind „interagierende Systeme, die durch Kopplung von Strukturen konsensuelle Interaktionsbereiche aufbauen, sofern sie durch vergleichbare biologische Ausstattung und vergleichbare Sozialisation interaktionsfähig sind“. (vgl. Schmidt 1985: 122) Durch Handlungen von verschiedenen Mitgliedern einer Gesellschaft kann die soziale Zugehörigkeit eines Menschen ermittelt und durch Selbst-und Fremdbilder konstruiert werden. (vgl. Kimpeler 2002: 202)
2.3.3 Wirklichkeitskonstruktion
Menschen bilden die Wirklichkeit in ihrer Wahrnehmung nicht ab, so wie sie wirklich ist, denn sie entwerfen nur Modelle der Wirklichkeit. Für die Nicht-Überprüfbarkeit sprechen drei Gründe: 1. Pyhrron betonte schon im 3. Jahrhundert nach Christus, dass es nur möglich ist, Wahrnehmungen mit Wahrnehmungen zu vergleichen, 2.
Wahrgenommenes spiegelt nicht nur Objekte wider, sondern sie ist ein aktiver Vorgang, 3. Wahrnehmung ist implizit und explizit. (vgl. Schmidt 1994b: 13)
Wirklichkeiten also sind für den Menschen nur subjektiv durch Sinnerfahrungen zu begreifen. Individuen werden in eine konstituierte Umwelt hineingeboren und Elemente wie Wahrnehmen, Denken oder Handeln ist geprägt vom Menschen als Gattungswesen in der Gesellschaft, abhängig natürlich von seiner Kultur. (vgl. Schmidt 1996: 13) Wirklichkeitskonstruktionen sind also nicht willkürlich, das heißt, sie werden durch soziale Prozesse mit anderen abgestimmt. (vgl. Weischenberg 1995b: 48) Durch Tätigkeiten konstruiert jedes Individuum seine eigenen Erfahrungswirklichkeiten. (vgl. Schmidt 1994b: 14) Durch wiederholtes Erleben von Dingen, konstruiert es sich seine Wirklichkeit. Von einem so genannten „Farbfleck“ kann dann gesprochen werden, wenn ein Eindruck für einen Moment im Blickfeld ist, sich dann aber „nie mehr sehen lässt“. Dieser kann als Fehlleistung oder Illusion ver-standen werden und gilt im Konstruktivismus als unwirklich. Wenn sich der Eindruck aber wiederholt, gewinnt er zunehmend an Realität und wird zur Wirklichkeit. (vgl. Glaserfeld 1985: 20)
Die konstruierte Wirklichkeit erkennt der Rezipient erst, wenn er beobachtet, wie er beobachtet, kommuniziert und handelt. Schmidt (1994b: 16 und 281) spricht von einer „Modalisierung von Wirklichkeitserfahrungen, das heißt, Leser/Hörer/Zuseher konstruieren abhängig von ihrer sozialen Situation ihre eigene Wirklichkeit, jene wird also erst durch Erleben und Bestätigungen von anderen Individuen bestimmt. (vgl. Glaserfeld 1985: 21)
Individuen schaffen sich Modelle von allen Dingen, kategorisieren diese und so schafft der Mensch auch ein Bild von sich selbst und anderen. (vgl. Glaserfeld 1985: 21f.) Realität kann also nach Ansicht der Konstruktivisten nicht erreicht werden, und so versuchen auch Journalisten die Realität so abzubilden, wie sie ihnen erscheint. Was aber nun die „richtige“ Realität ist, ist eine metaphysische Frage und kann nicht beantwortet werden. (vgl. Bentele 1993: 158)
Arbeit zitieren:
Tina Tritscher, 2009, Migration im Bildungsjournalismus, München, GRIN Verlag GmbH
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