A Entstehungsgeschichte A. I. Anfänge
Etwa ab dem Jahre 850 entstand in zahlreichen romanischsprachigen Ländern ein Bedürfnis nach volkssprachlicher Dichtung, nachdem vorher schon die Volkssprache Einzug hielt im Verfassen von Bibeltexten, Gerichtstexten, Predigten und auch Eidesformeln, wobei im 11. und 12. Jahrhundert die Liebe thematisch verstärkt aufgegriffen wurde - sowohl in lateinischen als auch volkssprachlichen Texten -, was bis zu jenem Zeitpunkt hauptsächlich ausschließlich in religiösen Texten und der Bibel vorkam; jedoch war die Liebe hierbei immer zu verstehen in Bezug auf Gott und nicht wie in der neu aufkommenden Dichtung als emotionale Liebe. (Felbeck/Kramer 2008:XVI, XXVI, XXXV).
Die volkssprachliche Literatur nahm ihren Anfang zu Beginn des 11. Jahrhundert im Gebiet südlich der Loire, und zwar in einem limousinischen Dialekt, und es entstanden Gedichte in denen provenzalische - so wird man die Sprache der Dichter später nennen - und lateinische Strophen miteinander wechselten, beispielsweise ein Marienlied und ein Weihnachtslied. Deutlich sieht man den Wechsel in folgendem Weihnachtslied: In hoc anni circulo
vita datur seculo,
nato nobis parvulo
DE VIRGINE MARIA. Mei amic e mei fiel,
laisat estar lo gazel;
aprendet u so noel
DE VIRGINE MARIA.
Am heutigen Tag des Jahreslaufs wird der Welt das Leben gegeben, denn uns ist ein Sohn
geboren von der Jungfrau Maria.
Meine Freunde und meine Gläubigen, unterlasst das Schwatzen; erlernt ein neues Lied von
der Jungfrau Maria! (Felbeck/Kramer 2008:XXXV)
Diese Entwicklung findet kurz vor dem Entstehen der ersten Troubadourdichtungen statt.
(Baehr 1967:48; Felbeck/Kramer 2008:XXXV)
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Diese neue Form der literarischen Liebe emergierte zunächst im Süden Frankreichs, und zwar in Form der sogenannten höfischen Liebe - von den Trobadors als fin’ amor bezeichnet und französisiert zu amour courtois - und verbreitete sich zügig über die südfranzösischen Grenzen hinaus in ganz Europa. Was bedeutete nun höfische Liebe? Nach der Darstellung Andreas Capellanus’ in De Amore - später das Handbuch der Minnedidaxe - ist die höfische Liebe
[...] der illegitime Versuch, einen vermeintlichen Freiraum innerhalb der höfischen
Gesellschaft auszuleben, der angesichts der Feudalgesellschaft mit ihren realen Zwängen zum
Scheitern verurteilt ist. (Felbeck/Kramer 2008:XXV)
Geographisch gesehen kann man die Troubadourdichtung vom Limousin bis Aquitanien einordnen und von der Auvergne bis in die Provence, mit späteren Ausläufern in Italien und Katalonien. Dieses Gebiet wird auch bezeichnet als domaine d’oc, in der die langue d’oc Verkehrssprache war. (Albert 2001:53)
Nachstehende Karten veranschaulichen die Sprachen und Dialekte zur Zeit der Troubadours bzw. das provenzalische Sprachgebiet:
(Mölk 1982:46)
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(Felbeck/Kramer 2008:XXXVI)
Auch wenn man die hier behandelte Sprache ‚provenzalisch’ nennen wird so muss deutlich gesagt werden, dass die Troubadourdichtung jedoch keinesfalls in der Provence entstanden ist. Die Bezeichnung ‚provenzalisch’ hat mehrere Bedeutungen und man bezeichnete im Laufe der Geschichte Unterschiedliches damit. Beispielsweise nannte man zu Zeiten der Kreuzzüge die Bewohner südlich der Loire ‚Provenzalen’ (Provinciales) in Anlehnung an die Römer, die das Gebiet zwischen Alpen und Pyrenäen unterworfen hatten und ihm einfach den Namen ‚Provinz’ gaben; ‚Provenzalen’ bezeichnete die romanisierten Gallier in Abgrenzung zu den germanisierten Franzosen. Daneben existierte jedoch bereits die Grafschaft Provence: man sprach also einerseits von dem Gebiet Provence, das sich zwischen den Seealpen und der Rhône befindet, und andererseits von den Provenzalen, womit man die Bewohner ganz Südfrankreichs bezeichnete. (Baehr 1967:2-3)
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Zur Entstehung der Troubadoursprache kann man folgendes feststellen: Die Trobadors haben [...] scheinbar aus dem Nichts eine poetische Sprache geschafffen, die
sich von der als Verständigungsmittel verwendeten bewusst unterscheidet. (Baehr 1967:12)
Der zeitliche Rahmen wird meist definiert ausgehend von Wilhelm von Aquitanien und damit ab 1090, wenn man von dessen Lebensdaten ausgeht und annimmt, dass er im Jugendalter angefangen hatte zu dichten, und endet etwa 1290 mit den sogenannten letzten „echten“ Troubadours; jedoch ist dies nur eine grobe Einordnung, denn vermutlich dichteten schon Troubadours vor Wilhelm von Aquitanien, hinterließen ihrer Nachwelt aber keine Zeugnisse; weiterhin bestanden die formalen Ansätze der Troubadourdichtung fort lange nach dem Tod der sogenannten letzten Troubadours. Nichtsdestotrotz findet man in der Literatur immer diesen zeitlichen Rahmen angegeben. (Felbeck/Kramer 2008:XLV)
Dabei teilt man diese ziemlich genau zwei Jahrhunderte dauernde Epoche der Troubadourdichtung ein in sieben Generationen von Troubadours, wobei jede Generation etwa ein Viertel Jahrhundert umfasst. Allerdings ist hier anzumerken, dass, wie bei jeder Epocheneinordnung, die Jahresangaben immer nur eine Orientierung sein sollen und sicherlich nicht genau zu einem bestimmten Jahr eine Epoche bzw. hier eine Generation endet und wie aus dem Nichts eine neue Generation auftaucht; die Grenzen sind hierbei also fließend. Man teilt folgende Generationen ein:
Erste Generation (bis 1125): Wilhelm von Aquitanien (Guilhelm de Peitieu);
Zweite Generation (bis 1150): Cercamon, Jaufré Rudel, Marcabru;
Dritte Generation (bis 1125): Bernart, de Ventadorn, Peire d’Alvernha, Raimbaut d’Aurenga,
Comtessa de Dia;
Vierte Generation (bis 1200): Giraut de Bornelh, Folquet de Marselha, Bertran de Born, Peire
Vidal;
Fünfte Generation (bis 1225): Arnaut Daniel, Raimbaut de Vaqueiras;
Sechste Generation (bis 1250): Castelloza;
Siebte Generation (nach 1250): Sordel, Cerverí de Girona, Giraut Riquier.
(Felbeck/Kramer 2008:XLV)
Dabei findet man in der Literatur verschieden Angaben bezüglich der letzten Troubadours: Felbeck und Kramer nennen drei Namen - Sordel, Cerverí de Girona
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und Guiraut Riquier - , Albert hingegen benennt alleine mit Guiraut Riquier den letzten echten Troubadour. (Albert 2001:55; Felbeck/Kramer 2008:XLV)
A. II. Die Sprachbezeichnung der Troubadoursprache
Was war das nun für eine Sprache, derer sich diese neuen Künstler, die Troubadours, bedienten? Zunächst einmal war es einfach die Alltagssprache des Volkes, die man in Abgrenzung zur Buchsprache Latein einfach mit nostra lenga oder nostre lengage, also ‚unsere Sprache’ bezeichnete. Allerdings ist dies keinesfalls ein eigentlicher Sprachname, und in der Folgezeit tauchten dann die verschiedensten Namen für die Volks- bzw. Dichtungssprache auf, wobei man sich dabei immer uneins war. Jaufré Rudel, ein Troubadour der zweiten Generation, benannte die Sprache lenga romana, und zwar in Anlehnung an die Römer und eben als Abgrenzung zur Buchsprache Latein. Diese Benennung findet man häufig, daneben tauchen in der Troubadourdichtung auch die Adjektive roman, romans und romantz auf, wobei man ersterem eher seltener begegnete. Als Beispiel für die Verwendung sei hier ein Bußlied von Wilhelm von Aquitanien aus dem Jahre 1111 angeführt: (Felbeck/Kramer 2008:XXXVII)
Et il prec En Jezu del tron / en romans et en son lati. (Felbeck/Kramer 2008:XXXVII)
Von Wilhelm von Aquitanien, dem ältesten uns überlieferten Troubadour, sagt man auch, dass dieser bereits eine
[...] für ganz Südfrankreich verbindliche Dichtungssprache, die vielleicht auf einem zentralen
Dialekt beruhte [...] (Baehr 1967:5)
vorgefunden habe. Diese Behauptung würde die Annahme untermauern, dass Wilhelm von Aquitanien bereits Vorgänger hatte, von denen aber nichts überliefert ist, vielleicht auch deshalb, weil es unbedeutende Personen waren und nicht wie Wilhelm ein bekannter Graf und dieser durch sein Ansehen einfach das Glück hatte, dass seine Aufzeichnungen aufbewahrt wurden und er uns heute also als erster bekannter Troubadour überliefert ist.
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Arbeit zitieren:
Manuela Schütz, 2010, Troubadourdichtung: Troubadourlyrik in Südfrankreich, München, GRIN Verlag GmbH
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