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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Grundlagen: Motiv und Leitmotiv in der Literaturwissenschaft 4
3. Das Motiv der Ökonomie in Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ 6
3.1 Geld oder Liebe? Wilhelm Meister und Mariane 6
3.2 Die Rolle der Ökonomie im Elternhaus des Wilhelm Meister 7
3.3 Das Theater und die Ökonomie 9
3.4 Die ökonomische Bildung des Kaufmanns Werner 15
3.5 Das Verhältnis der Turmgesellschaft zur Ökonomie 18
4. Zusammenfassung 21
Literaturverzeichnis 23
1. Einleitung
Nach über zweijähriger Beschäftigung mit Wilhelm Meisters Lahrjahre 2 kam Novalis am 11. Februar 1800 zu diesem vernichtenden Urteil über Goethes großen Roman. Indes blieb ein Aspekt der Lehrjahre, der bereits Novalis aufgefallen war, von zahlreichen Goethe-Interpreten lange Zeit unbeachtet: Die Ökonomie. Sicher, oberflächlich betrachtet geht es in Goethes „inkalkulabelster Produktion“ 3 um ganz andere Dinge: So spielen die Bücher eins bis fünf auf dem Theater, die Bücher sieben und acht zeigen den Protagonisten, Wilhelm, in der Gesellschaft der Turms. Einzig das sechste Buch, die „Bekenntnisse einer schönen Seele“ fällt gänzlich aus diesem Reigen heraus. Es verarbeitet in autobiografischer Form die spirituelle Entwicklung der pietistischen Stiftsdame Susanne Katharina von Klettenberg (1723-1774). Greift man nun aber auf die Tiefenstruktur des Theater- und des Gesellschaftsromans zu, so zeigt sich, dass hier die Ökonomie eine tragende Rolle zu spielen scheint. Mehr noch: An zahlreichen neuralgischen Punkten des Romans gewinnt das Motiv der Ökonomie herausragende Bedeutung für das Gesamtgeschehen. Somit zählt das ökonomische Motiv - wobei Ökonomie als alle Handlungen und Darstellungen des Romans, die mit Geld und Warenzirkulation in Verbindung stehen, verstanden wirdzu den Leitmotiven der Lehrjahre.
Im Folgenden soll versucht werden, diese These an zahlreichen Textstellen zu belegen. Hierzu dienen zunächst einige grundlegende, theoretische Vorbemerkungen zur Bedeutung von Motiv und Leitmotiv in der Literaturwissenschaft (2.). Anschließend gilt es, den Roman in seiner Tiefenstruktur zu erfassen und den Text nach dem Motiv der Ökonomie zu befragen. So wird es um Wilhelms Beziehung zu Mariane (3.1), um die Rolle der Ökonomie im Elternhaus des Wilhelm Meister (3.2) und um die
1 Novalis: Werke, Tagebücher und Briefe Friedrich von Hardenbergs, hg. v. Mähl, H.-J./ Samuel, R., Bd.
2: Das philosophisch-theoretische Werk, München/ Wien 1978, S. 806f. (Hervorhebungen im Original; Veränderungen M.P.S.).
2 Goethe, J.W.: Johann Wolfgang von Goethe. Werke, Kommentare und Register. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, hg. v. Trunz, E., Bd. 7: Romane und Novellen II. Wilhelm Meisters Lehrjahre, kommentiert v. Trunz, E., 14., durchges. Aufl., München 1999 (Im Folgenden abgekürzt durch HA).
3 Goethe über Wilhelm Meisters Lehrjahre, zit. nach Braemer, E.: Zu einigen Problemen in Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, in Thalheim, H.-G./ Wertheim, U. (Hgg.): Studien zur Literaturgeschichte und Literaturtheorie, Berlin (Ost) 1970, S. 143.
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Ökonomie des Theaters (3.3) gehen. Ebenfalls von Bedeutung sind die ökonomische Bildung des Kaufmanns Werner (3.4) und das Verhältnis der Turmgesellschaft zur Ökonomie (3.5). Abschließend sollen die Ergebnisse kurz zusammengefasst werden (4.).
In der neueren Forschung zu den Lehrjahren 4 ist es besonders das Verdienst von Stefan Blessin, ökonomische Gesichtspunkte in die Interpretation eingebracht zu haben. So zeigt er, dass „dem Lebensweg Wilhelms (…) bürgerlich-liberale Prinzipien zugrunde“ 5 liegen, was mit einer radikalen Entfaltung des Marktgeschehens im Roman kongruiere. Ebenso misst Dae Kweon Kim in seiner Analyse verschiedener bürgerlicher Lebensformen in den Lehrjahren, der Ökonomie große Bedeutung zu. 6 Neben dem für unser Thema sehr ergiebigen Aufsatz von Sean Wilson, der davon ausgeht, dass die Rolle des Geldes ein Schlüsselfaktor in der Bestimmung von Wilhelms Verhältnis zur Turmgesellschaft ist 7 , bildet die Habilitationsschrift von Joseph Vogl zur „Poetik des ökonomischen Menschen“ 8 den gegenwärtigen Forschungsstand am besten ab. Allerdings stützt sich Vogl bei seiner sehr kurzen Analyse der Lehrjahre ebenfalls vor allem auf die Ergebnisse von Blessin, wenn er resümiert: „Zu Recht wurde die Bedeutung der ökonomischen Motive und die Welt der Lehrjahre als eine des Marktes erkannt, der (…) mit Zirkulation und Kapitalverkehr die repräsentativen Formen der Öffentlichkeit unterläuft“ 9
2. Grundlagen: Motiv und Leitmotiv in der Literaturwissenschaft
Der Terminus „Motiv“ leitet sich vom lateinischen „movere“ ab, was dem deutschen „bewegen“ entspricht. In der Literaturwissenschaft ist das Motiv von herausragender Bedeutung. So gehört die genaue Beschreibung der Motive zu den unverzichtbaren Elementen jeder Roman-Analyse. 10 Gemeinhin wird das Motiv als „kleinste selbständige Inhalts-Einheit oder tradierbares intertextuelles Element eines literarischen
4 Vgl. dazu den Forschungsbericht des Goethe Handbuches: Witte, B./ Schmidt, P. (Hgg.): Goethe Handbuch in vier Bänden, Bd. 3: Prosaschriften, Stuttgart/ Weimar 1997, S. 140ff.
5 Blessin, S.: Die radikal-liberale Konzeption von „Wilhelm Meisters Lehrjahren“, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 69 (1975), Sonderheft 18. Jh., S. 190-225, S. 223 (Veränderungen M.P.S.).
6 Vgl. Kim, D. K.: Das Bild der bürgerlichen Welt in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahren, in: Togilmunhak, 43 (2002), H. 2, S. 291-310.
7 Wilson, S.: Mastery, secrecy and money in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, in: Focus on German studies,
10 (2003), S. 1-9, S. 1.
8 Vogl, J.: Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökonomischen Menschen, 2., durchges. u. korr. Aufl., Zürich/ Berlin 2004 (zugl. Habil. phil. LMU München).
9 Vogl: Kalkül, S. 36 (Veränderungen M.P.S.).
10 Vgl. Schneider, J.: Einführung in die Roman-Analyse, 2., unv. Aufl., Darmstadt 2006, S. 30.
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Werks“ 11 oder als „kleinste strukturbildende Einheit innerhalb eines Textganzen“ 12 bezeichnet. Dabei ist das Motiv auf der Bedeutungsebene des Textes angesiedelt und bildet ein „inhaltsbezogenes Schema, das nicht an einen konkreten historischen Kontext gebunden und damit für die Gestaltung von Ort, Zeit und Figuren frei verfügbar ist.“ 13 In der deutschen Terminologie wird zwischen Motiv, Stoff und Thema unterschieden, „wobei das Motiv die kleinste semantische Einheit bildet, der Stoff sich aus einer Kombination von M.en zusammensetzt und das Thema die abstrahierte Grundidee eines Textes darstellt.“ 14 So kann ein Motiv auch verschiedenen Stoffen angehören und „über das Einzelwerk hinaus seinen Wiedererkennungswert in der literarischen Tradition behaupten.“ 15
Darüber hinaus wirkt das Motiv, welches häufig in Verbindung mit anderen Motiven und mehrfach in einem Werk vorkommt, in vielen Fällen sowohl textbildendend als auch textstrukturierend. 16 Im Unterschied zu den Stoffen prägen Motive nicht unbedingt den gesamten Handlungsverlauf eines Textes, und sie sind nicht fest mit einem bestimmten Namen wie „Faust“ oder „Don Juan“ verknüpft.
Klassische Beispiele für Motive sind beispielsweise das Motiv des edlen Wilden, das Inzest-Motiv oder das Motiv des Tyrannenmordes. Wie bereits angedeutet können solche Motive in einem Text mehrfach und auf unterschiedlichste Weise miteinander kombiniert sein. Auch gibt es eine Hierarchie von Haupt und Nebenmotiven. Beispiel für ein solches Hauptmotiv wäre etwa in Fontanes Effi Briest das Motiv der „verletzten Gattenehre“, während die „Sonderlingsexistenz Gieshüblers trotz aller Prägnanz in der Charakterisierung dieser Figur ein bloßes Nebenmotiv bleibt.“ 17 Ebenfalls bedeutsam ist der Begriff des „Leitmotivs“. Er hat seine Wurzeln in der Musik(wissenschaft), von wo er sukzessive auf die Literatur übertragen wurde. 18 Gemeinhin wird unter dem Leitmotiv ein „regelmäßig wiederkehrendes Ausdrucks-oder Bedeutungselement“ 19 verstanden, das in literarischen oder musikalischen Kunstwerken auftritt. Dabei besteht das Leitmotiv nicht allein aus der exakten oder variierten Wiederholung eines thematologischen Motivs im engeren Sinne, sondern
11 Drux, R.: s.v. Motiv, in: RLW, Bd. 2, Berlin 2007, S. 638-641, S. 638.
12 Lubkoll, Chr.: s.v. Motiv, literarisches, in: Nünning, A. (Hg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, 3. aktual. u. erw. Aufl., Stuttgart 2004, S. 474f., S. 474.
13 Drux: s.v. Motiv, S. 638.
14 Lubkoll: s.v. Motiv, literarisches, S. 474.
15 Drux: s.v. Motiv, S. 638.
16 Drux: s.v. Motiv, S. 638.
17 Schneider: Einführung, S. 30.
18 Vgl. Jeßing, B./ Köhnen, R.: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft, 2., aktual. u. erw. Aufl., Stuttgart/ Weimar 2007, S. 247.
19 Lorenz, Chr. F.: s.v. Leitmotiv, in: RLW, Bd. 2, Berlin 2007, S. 399-401, S. 399.
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auch in der Wiederholung „bestimmter Wortformen, Metaphern, Dingsymbole, Reime, Zitate, ,stehender Redewendungen‘, markierter Erzählverfahren, physiologischer oder charakterlicher Besonderheiten handelnder Figuren“ 20 .
3. Das Motiv der Ökonomie in den Lehrjahren
3.1 Geld oder Liebe: Wilhelm Meister und Mariane
Bereits auf den ersten Seiten des Romans begegnet dem aufmerksamen Leser das Motiv der Ökonomie. So ist es der reiche Kaufmann Norberg, mithin Nebenbuhler Wilhelms um Marianes Gunst, der die von ihm Verehrte mit einem Geschenkpaket für sich zu gewinnen versucht. Die alte Barbara, Vertraute und Haushälterin Marianes, findet darin „ein feines Stück Nesseltuch und die neuesten Bänder für Marianen, für sich aber ein Stück Kattun, Halstücher und ein Röllchen Geld“ 21 . Sogleich werden die Geschenke wie zu Weihnachten auf einem Tisch aufgebaut, wobei der auktoriale Erzähler hinzufügt: „die Stellung der Lichter erhöhte den Glanz der Gabe, alles war in Ordnung“ 22 . Im Gegensatz zu Mariane, die noch an Wilhelm hängt, hat Norberg die Gunst der alten Barbara zu diesem Zeitpunkt längt erobert. Gegenüber Mariane kritisiert sie deren Neigung für Wilhelm mit den Worten: „Ihr nehmt Euch der Unmündigen, der Unvermögenden mit großem Eifer an.“ 23 Sicher, Marianne beteuert, dass sie Wilhelm liebe 24 , aber dennoch spielt sie ein doppeltes Spiel mit Norberg und erfreut sich besonders an dessen Geschenken.
Und obgleich Mariane zu diesem Zeitpunkt bereits von Wilhelm schwanger ist, lässt sie sich vom reichen Kaufmann Norberg mit einem weißen Negligé beschenken, mit dem sie - besonders perfide - ihren mittellosen Liebhaber anschließend empfängt. Bald darauf fasst sie gar die Trennung von Wilhelm ins Auge. Mariane bringt es selber auf den Punkt indem sie einräumt:
ich bin elend, auf mein ganzes Leben elend; ich liebe ihn (Wilhelm), der mich liebt, sehe, daß ich mich von ihm trennen muß (…). Norberg kommt, dem wir unsere ganze Existenz schuldig sind, den wir nicht entbehren können. Wilhelm ist sehr eingeschränkt, er kann nichts für mich tun. 25
20 Lorenz: s.v. Leitmotiv, S. 399.
21 HA, S. 9, Z. 18ff.
22 HA, S. 9, Z. 28f.
23 HA, S. 10, Z. 35ff.
24 HA, S. 10f, Z. 39.
25 HA, S. 45, Z. 20ff. (Veränderungen M.P.S.).
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B.A. Michael Peter Schadow, 2011, Das Motiv der Ökonomie in Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre", München, GRIN Verlag GmbH
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