Gliederung: Seite:
1) Einleitung 3
2) „Die Hermannsschlacht“ in der NS-Zeit 4
3) Rezeption der Peymann Aufführung von 1982 in Bochum (BRD) 8
4) Rezeption der Kayser Aufführung von 1988 in Leipzig (DDR) 14
5) Vergleich der Rezeptionen 19
6) Fazit 22
Quellenverzeichnis
2
1) Einleitung
Heinrich von Kleists Drama „Die Hermannsschlacht“ wurde 1808 von ihm verfasst, jedoch erst 1821 gedruckt. Die Erstaufführung fand 1860 in Breslau statt. Kleist schrieb das Drama, nachdem die Preußen den Franzosen unterlagen und wollte die Deutschen am Beispiel der Varusschlacht zum Widerstand gegen Napoleon aufrufen. Bereits im Motto zur „Hermannsschlacht“ findet man Kleists starke Beziehung zu seinem Vaterland und seinen Nationalismus wieder:
Diese starke Vaterlandsliebe Kleists wurde zur NS-Zeit von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke missbraucht. Aufgrund dieses Missbrauchs und der „anhaltenden nationalistischen Interpretationen“ 2 des Stückes, in einer Zeit, in der es im aufgeteilten Deutschland kein Gefühl von Patriotismus gab, wurde „Die Hermannsschlacht“ nach dem Ende der NS-Zeit für einige Zeit nicht mehr aufgeführt. In der DDR wagte sich der Regisseur Claus Trepte, mit seiner Aufführung der „Hermannsschlacht“ im Harzer Bergtheater, 1957 als erster wieder an das Drama heran. 1982 kam es in Bochum zum ersten Mal seit Ende der NS-Zeit unter der Regie von Claus Peymann zu einer Aufführung Kleists Dramas in Westdeutschland. Weitere wichtige Aufführungen in der DDR fanden 1988 in Leipzig, sowie in Frankfurt (Oder) unter der Regie von Karl Georg Kayser und Michael Holles statt. In dieser Hausarbeit werde ich die zeitgenössischen Rezeptionen der verschiedenen Theateraufführungen ausarbeiten und die Herangehensweisen der Regisseure miteinander vergleichen. Ich werde nach einem Konsens der Rezeptionen der Nachkriegsaufführungen suchen, welchen ich mit dem Missbrauch Kleists in der NS-Zeit vergleichen werde, um somit herauszufinden, warum „Die Hermannsschlacht“ lange Jahre nicht aufgeführt worden ist und auch 40 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs noch immer ein so heikles Stück gewesen ist.
1 Kleist, Heinrich von: Die Hermannsschlacht. Stuttgart. Reclam: 1963, Motto
2 Weigel, Alexander: Hermannsschlachten. Heinrich von Kleists „Die Hermannsschlacht“ in Leipzig u. Frankfurt/O.,
2) „Die Hermannsschlacht“ in der NS-Zeit
Zu Zeiten des NS-Regimes wurden Kleists Werke oft für Propaganda Zwecke missbraucht. Dies geschah aufgrund von Kleists Nationalismus, welchen die Nationalsozialisten aus seiner Zeit herausgerissen hatten und auf ihre Zeit übertrugen. Die Nationalsozialisten sahen Kleist als „erste[n] und größte[n] Dichter im neuen Deutschland“ 3 und nutzten allen voran „Die Hermannsschlacht“ als ihr Vorzeigewerk, auf welches sie sich in ihrer Propaganda gegen die Juden beriefen. „Zu Kleist stehen heißt deutsch sein!“ 4 , war das Motto einer 1920 gegründeten Kleist-Gesellschaft unter der Leitung von Georg Minde-Pouet, welche die Nationalsozialisten in Deutschland unterstützte und die „Kleist-Gesellschaft ausdrücklich dem Willen Hitlers unterordnete und Kleist zum 'Klassiker des nationalsozialistischen Deutschlands' ausrief“ 5 . Von allen Werken Kleists bekam „Die Hermannsschlacht“ eine besondere Rolle zugesprochen:
Die Problematik des Nationalismus der „Hermannsschlacht“ ist im Eigentlichen nicht, dass sie oft missbraucht und fehlinterpretiert wurde, sondern, „dass sich das Stück dem Missbrauch nicht verschließt.“ 7 Kleists Stück versucht nicht einmal den vorhandenen Nationalismus mit Moral zu rechtfertigen. Kleists Hermann setzt sich sogar über Moral und Ethik hinweg, um an sein Ziel zu gelangen, was die Nationalsozialisten wiederum für ihre Zwecke einsetzten.
Ein weiteres Vorbild für die Ansichten der Nationalsozialisten ist die Szene, in der Hermann den Römer Septimus Nerva hinrichten lässt, wodurch „sich Hermann mit der
3 Amann, Wilhelm: Heinrich von Kleist. Leben-Werk-Wirkung. 1. Auflage. Berlin: Suhrkamp, 2011 S. 127
4 Ebd. S. 127
5 Seeba, Hinrich C.: Die Filzlaus im Leib Germaniens. Kleists „Hermannsschlacht“ als Programm ethnischer
6 Amann S. 127
7 Ebd. S. 85
4
Nationalisierung des Freund-Feind-Schemas bewusst über das 'Gefühl des Rechts' und moralische Wertmaßstäbe hinwegsetzt“. 8 Des weiteren wurde Hermanns Satz über den fessellosen Krieg als Ansporn für die Mobilmachung der Soldaten und Antrieb einen totalen Krieg zu führen genutzt.
Den Bezug, den die Nationalsozialisten von der Varusschlacht auf den zweiten Weltkrieg herstellten, ist ein erstes Zeichen ihrer völligen Fehlinterpretation, da Kleist sein Drama „für den Augenblick berechnet[e]“ 9 , was bedeutete, dass Kleist wollte, dass es nur in seinem historischen Kontext, eben dem Widerstand gegen Napoleon, gesehen werden sollte.
Die Nationalsozialisten sahen „Die Hermannsschlacht“ als Propagandawerk, welches sie für ihre Zwecke einsetzten konnten. Das diese Vereinnahmung des Stückes jedoch falsch ist, wird in folgendem Zitat klar:
Doch nicht nur die Nationalsozialisten identifizierten sich mit der „Hermannsschlacht“, sondern auch das deutsche Volk begann die Parallelen zu entdecken und aktualisierte die „Hermannsschlacht gewaltsam [zu einem] vermeintlich exakte[n] Spiegel der nationalen Erhebung“. 11 Hier wird eine erste Tendenz der Einigkeit zwischen dem Volk und der Regierung deutlich, die weiterhin in den Krieg führen sollte. Hitler selbst „inszenierte den Beginn des Zweiten Weltkriegs als den einer ungeheuerlichen Hermannsschlacht.“ 12
So falsch die Nationalsozialisten auch mit ihren vorangegangenen Interpretationen lagen, gibt es doch auch Anhaltspunkte dafür, warum sie an der „Hermannsschlacht“ als ihr Vorzeigewerk festhielten. Beispielsweise Hermanns „Selbstlegitimation seiner
9 Ebd. S. 86
10 Ebd. S. 89
11 Maurach, Martin: Betrachtungen über den Weltlauf. Kleist 1933-1945. Berlin: Theater der Zeit, 2008 S. 34
12 Ebd. S. 37
5
politischen Rhetorik“ 13 war etwas, womit sich die Nationalsozialisten schnell anfreunden und für ihre Zwecke nutzen konnten.
Der Vergleich von Hermann zu Hitler lag für die Nationalsozialisten ebenfalls auf der Hand. Sie sahen in ihrem Führer die Figur des Hermann, „[der] das Bild eines modernen Intellektuellen [war], der mit Inszenierungen, Propagandazügen und seinem Sinn für symbolische Handlungen maßgeblich an der Erfindung von Volk und Nation beteiligt [war]“ 14 . Beide sollten das deutsche Volk anführen und ihre „unverhüllten Einsichten in die Entstehung und Verbreitung nationalistischer Denkmuster“ 15 einpflanzen.
Jedoch war nicht nur seine Ideologie und die Position von Hermann als Anführer der Deutschen ein Identifikationspunkt zu Hitler. Es gibt einige inhaltliche Parallelen zwischen den Taten Hermanns und den Taten Hitlers. Hermann wird am Anfang des Dramas sowohl von dem Suebenfürst Marbod als auch von dem Römer Varus bedrängt. Dies ist eine Parallele zu der Situation, in der sich Deutschland gegen Ende des zweiten Weltkriegs befand. Die Alliierten drängten die deutschen Streitkräfte immer weiter zurück und Deutschland wurde letztendlich geschlagen. Dies ist natürlich keine Parallele, welche Nationalsozialisten gezogen hätten, da Hermann die Schlacht gewinnt, Deutschland jedoch geschlagen wurde. Bei diesem Vergleich sollte auch außer Acht gelassen werden, dass die Bedrängung für Hermann der Katalysator seiner Taten war, und Hitler sich selbst in diese Lage manövriert hatte.
Eine weitere inhaltliche Parallele ist die überaus überzeugende Rhetorik und Redekunst, die Hermann an den Tag legt, um die Deutschen zu mobilisieren. Auch an dieser Stelle drängt sich der Vergleich mit Hitler auf, der durch seine flammenden Propagandareden sein Volk in dem Hass gegen die Juden bestärkte und die Deutschen für den Krieg bereit machte.
Des weiteren ist Hitlers Nicht-Angriffspakt mit der Sowjetunion und das 1941 folgende Unternehmen Barbarossa, bei welchem Hitler den Pakt brach und seine Truppen Richtung Stalingrad marschieren ließ, ebenfalls mit der „Hermannsschlacht“ zu vergleichen. Hermann geht ein Scheinbündnis mit dem Römer Varus gegen den Suebenfürst Marbod ein, nur um nach dessen Niederlage die römischen Truppen in einen Hinterhalt zu locken und mit seinen Truppen über sie herzufallen.
14 Ebd. S. 90
15 Ebd. S. 90
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Arbeit zitieren:
Rouven Dirb, 2011, Die Hermannsschlacht, München, GRIN Verlag GmbH
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