Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Ein realistischer Roman zwischen romantischer Idylle und
aufstrebend moderner Wirtschaftsentwicklung 6
2.1. Zeit und zeitliche Einordnung 6
2.1.1. „der Vorwelt Wunder“ - das Damals und Heute im Roman 8
2.1.2. Exkurs I: Poetischer Realismus und das Ende der Romantik 12
2.2. Die alte und die neue Welt 22
2.2.1. Zwischen Stadt und Land 22
2.2.2. Fortschritt vs. Bewahrung 27
2.2.3. Exkurs II: Reichsgründung und industrielle Revolution 33
2.2.4. Die alte Mühle als Wirtschaftsbetrieb 43
2.2.5. Exkurs III: Deutsche Wirtschaftsgeschichte im 19. Jahrhundert -
Beginn betriebs- und volkswirtschaftlicher Überlegungen 46
2.3. Umweltverschmutzung als literarisches Thema: „Die Antwort, wenn
nicht auf die größte, dann auf eine der größten Fragen der Zeit“ 53
2.3.1. Die Geschichte des verschmutzten Mühlbachs 54
2.3.2. Exkurs IV: Verzuckerung der Gesellschaft - Entwicklung
und Bedeutung der Zuckerrübenindustrie im 19. Jahrhundert 57
2.3.3. Höhepunkt der Geruchsbelästigung zum Fest von Adam und Eva 61
2.3.4. Exkurs V: Chemisch-biologische Abwasseranalyse 64
2.3.5. Ein versöhnlicher Schluss - nur der Anfang vom Ende 67
3. Fazit: Realistische Wirtschaftsgeschichte oder Poetisierung der Wirklichkeit? 70
4. Literaturverzeichnis 72
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1. Einleitung
Ein Wissenschaftler deckt die skrupellosen Machenschaften anonymer Fabrikmanager auf, durch die, trotz eines spektakulären Gerichtsprozesses, ein kleiner Familienbetrieb samt Familie untergeht. So, oder so ähnlich könnte der Klappentext von Wilhelm Raabes Roman Pfisters Mühle lauten, wäre diese Geschichte über Industrie, Fortschritt und wirtschaftliche Entwicklung heute und von einem Romanautor des 21. Jahrhunderts geschrieben. Doch stammt der Roman aus dem Jahre 1884 und Wilhelm Raabe ist ein Dichter des poetischen Realismus.
Raabe thematisiert durchaus Dinge, die in unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit auch heute noch eine Rolle spielen. So besteht der Kern der Handlung des vorliegenden Romans darin, dass ein alter Müller seine Mühle verliert, weil eine Zuckerfabrik mit ihren Abwässern seinen Mühlbach verschmutzt und ihn so in den wirtschaftlichen Ruin treibt. Raabe ist an dieser Stelle ein Zeitzeuge seines Jahrhunderts. Die für uns heute historischen Entwicklungen - politisch und gesellschaftlich sowie technisch und wirtschaftlich - verfolgt er mit großem Interesse und macht sie zum Gegenstand seiner Erzählungen. Als Realist, der, wie seine zeitgenössischen Schriftstellerkollegen fordern, eine objektive und vorbehaltslose Widerspiegelung der Wirklichkeit anstrebt, wird er zum „Geschichtsschreiber der jüngsten Vergangenheit“ 1 .
Auch wenn der Titel vielleicht vermuten lässt, dass sich diese Arbeit lediglich mit Raabes Darstellung der wirtschaftlichen Geschichte des 19. Jahrhunderts in Pfister Mühle auseinandersetzt, geht sie weit darüber hinaus. Denn der Begriff der Wirtschaftsgeschichte kann auf zwei verschiedene Arten definiert werden, die sich auch in der Literatur belegen lassen. 2 Mit Wirtschaftsgeschichte ist einerseits die Untersuchung und Beschreibung der historischen Wirtschaftsentwicklung in Zusammenhang mit anderen kulturellen, gesellschaftlichen und sozialen
1 Kreyenberg, Wilhelm: Pfisters Mühle. In: Mitteilungen für die Gesellschaft der Freunde Wilhelm Raabes 20 (1930) 49-6; S. 51.
2 Vgl. einerseits (u.a.) Walter, Rolf: Die Metaphysik des „Bindestrichs“. Was hält die Wirtschafts-und Sozialgeschichte zusammen? In: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Arbeitsgebiete -Probleme - Perspektiven. 100 Jahre Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. S. 429-446. Hrsg. von Günther Schulz u.a. Wiesbaden 2004; S. 432 ff. und vgl. andererseits (u.a.) Tilly, Richard: Wirtschaftsgeschichte als Disziplin. In: Moderne Wirtschaftsgeschichte. Eine Einführung für Historiker und Ökonomen. S. 11-28. Hrsg. von Gerold Ambrosius, Dietmar Petzina und Werner Plumpe. München 1996; S. 11-13.
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Entwicklungen gemeint. Wirtschaftsgeschichte ist daher immer eng mit Sozial-und Kulturgeschichte verbunden und fordert ebenso eine Beschreibung der politischen, gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse der Zeit. Auf der anderen Seite befasst Wirtschaftsgeschichte sich jedoch auch mit wirtschaftswissenschaftlichen Überlegungen und Theorien, aus denen sich bis heute die Betriebs- und Volkswirtschaftslehre entwickelt haben.
Beide Ebenen des Begriffs der Wirtschaftsgeschichte sind in Raabes Pfisters Mühle - zum Teil sehr detailliert, zum Teil nur in Ansätzen - zu finden, so dass der Titel dieser Arbeit einen breiten historischen Rahmen anspricht, der neben der Textanalyse in Exkursen behandelt wird. So befasst sich die Arbeit mit einem Roman des poetischen Realismus, der zwischen romantischer Mühlenidylle und moderner Industrie- und Kulturgeschichte steht und in dem die vorindustrielle Gesellschaft mit den ersten Anzeichen der Moderne konfrontiert wird.
Als erstes wird eine Einordnung der Entstehungszeit des Romans in den literatur-historischen Kontext vorgenommen, wobei Raabes Zeitverständnis und seine daraus resultierende für ihn typische Behandlung von Erzählzeit und erzählter Zeit im Vordergrund stehen. Sein Verhältnis zu Romantik und Realismus ist daher ebenfalls Thema dieses Kapitels. Es folgt die Beschreibung von Raabes Gegenüberstellung der alten und neuen, in anderen Worten, der traditionellen und modernen Welt im Roman. Zwischen einer Beleuchtung verschiedener Aspekte, welche die Unterschiede zwischen Tradition und Moderne ausdifferenzieren, erfolgen zwei Exkurse, einerseits zur politisch-gesellschaftlichen und andererseits zur wirtschaftswissenschaftlichen Geschichte des 19. Jahrhunderts. Da die Thematik der Umweltverschmutzung den Kern der Handlung bildet, wird ihr als dritter und letzter Punkt ein eigenes Kapitel gewidmet, auch wenn sie lediglich ein „Spezialfall des Kampfes der alten gegen die neue Zeit“ 3 ist. Das Fazit soll schließlich zeigen, ob und wie Raabe als Autor des poetischen Realismus über die rein realistische Darstellung seiner Wirklichkeit hinausgeht. Es gilt daher herauszufinden, ob Raabe nicht doch mehr als ein Geschichtsschreiber ist und nicht sogar Kritik und Wertung in Pfisters Mühle mit anbringt. In Frage steht auch, in
3 Vgl. Heeß, Wilhelm: Raabe, seine Zeit und seine Berufung. Berlin 1926; S. 134.
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welcher Hinsicht er sich von anderen Realisten unterscheidet, was ihn anders macht und ob das, was an ihm anders ist, nicht schon als modern bezeichnet werden kann; modern, obwohl er, wie einige seiner Figuren, der alten Zeit nachhängt, im Hinblick auf Themenwahl, Darstellung, Figurenkonstellation und Charakterisierung seiner Figuren.
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2. Ein realistischer Roman zwischen romantischer Idylle und aufstrebend moderner Wirtschaftsentwicklung
2.1. Zeit und zeitliche Einordnung
Wilhelm Raabe wird am 8. September 1831 in Eschershausen, in der Nähe von Braunschweig, geboren. Er stirbt mit 79 Jahren am 15. November 1910. Er erlebt gesellschaftliche Umbrüche, politische Reformen und Gegenreformen sowie die industrielle Revolution. Alles was um ihn herum geschieht, prägt sein Denken und Handeln und seine psychologische Entwicklung spiegelt sich in seinem Werk wider. Er ist ein Dichter seiner Zeit, der als poetischer Realist das 19. Jahrhundert anschaulich verarbeitet hat.
Sein Werk kann in drei Phasen geteilt werden, wobei drei zentrale Motive, die er bereits in den Jahren seines frühen Schaffens zwischen 1854 und 1862 in Berlin und Wolfenbüttel entwickelt, sein Werk bis zum Schluss durchziehen: Erinnerung, Heimkehr und Bildung. 4 Erst in den Jahren 1862 bis 1870 in Stuttgart findet er seine gesellschaftskritische Potenz. 5 In seine dritte und letzte Schaffensperiode in Braunschweig, wo er ab 1870 lebt, fällt auch der Roman Pfisters Mühle. Er geht zurück auf einen äußeren Anlass: Zwei Mühlenbesitzer aus der Umgebung von Braunschweig verklagen einen Zuckerfabrikanten wegen der Verschmutzung eines Flusses, die sie in den Ruin treibt. Als Raabe davon hört, bittet er um Einsicht in die Prozessakten. Raabe hat in diesem Falle „die Realität zum Anlass genommen, ein fiktives Geschehen aufzubauen, um von daher das Zeitgeschehen kritisch zu hinterfragen. In diesem Fall handelt es sich um das Problem der Umweltverschmutzung durch fortschreitende Industrialisierung, bei deren Darstellung Raabe seiner Zeit weit voraus ist“ 6 .
Den Roman Pfisters Mühle hat Raabe 1884 fertig gestellt; rund dreißig Jahre nach Beginn seines schriftstellerischen Schaffens. 7 In dieser Geschichte über
4 Vgl. Helmers, Hermann: Wilhelm Raabe. 2. Aufl. Stuttgart 1978 (= Sammlung Metzler Band 71); S. 27.
5 Ebd.; S. 38.
6 Ebd.; S. 51.
7 Raabe beginnt seinen ersten Roman, die Chronik der Sperlingsgasse, am 15. November 1854 zu schreiben. Er bezeichnet diesen Tag als seinen Federansetzungstag, den er ein Leben lang als
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industriellen Fortschritt, Umweltverschmutzung und daran geknüpfte Schicksale wird die „gründerzeitliche Industriewelt in Erinnerungen lebendig“ 8 . Dabei sind aber nicht Schmerz und Resignation der Tenor. Der Erinnerungsprozess führt zu einer Ambivalenz, durch die Fortschritt und Bewahrung verbunden werden.
Schon aus seinen ersten Romanen wird ersichtlich, dass Raabe sich gerne der Erinnerungstechnik bedient, um seine Geschichten zu entwickeln. Oftmals ist es dabei ein Chronist, der in den Romanen die Geschehnisse niederschreibt, während er meist auch an der erzählten Handlung teilnimmt und somit zu einem teilnehmenden Beobachter wird. 9 Raabe erzählt immer personenbezogen und steht damit „in der Tradition des 18. und 19. Jahrhunderts“ 10 . Gleichzeitig ist sein Erzählstil innovativ und damit modern: Die meisten seiner Werke (die chronistisch erzählen) enthalten mindestens zwei Zeitebenen, die sich gegenseitig durchdringen und ineinander übergehen. Oft ist die Handlung dabei auf eine eng begrenzte Zeit zusammen geführt und umfasst einen ebenso begrenzten Raum. 11 Die handelnden und beschriebenen Personen werden dadurch in den Vordergrund gehoben und es ergibt sich eine „Fülle von Perspektiven, Berechnungen, Anleuchtungen und Bezugnahmen, die von Werk zu Werk variieren“ 12 . Auch in Pfisters Mühle finden sich zwei Zeitebenen, die sich „kunstvoll durchdringen“ 13 und so auch teilweise gegenseitig aufheben oder zumindest relativieren. Der Ort, an dem sich die Handlung abspielt ist die alte Mühle von Bertram Pfister.
persönlichen Feiertag begeht. Gleichzeitig ist „Der 15. November“ eine Novelle geschrieben von Ludwig Tieck und somit eines der wichtigsten und am besten versteckten Zitate in Raabes Werk. Darüber hinaus zeigt sich damit auch Raabes tiefe Verbundenheit mit der Romantik. Vgl. Huth, Otto: Raabe und Tieck. Essen 1985 (= Wilhelm Raabe Studien Teil 1); S. 15.
8 Vgl. Helmers: Wilhelm Raabe; S. 51.
9 Vgl. Oppermann, Hans: Wilhelm Raabe in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1970; S. 102 f.
10 Zirbs, Wieland: Strukturen des Erzählens. Studien zum Spätwerk Raabes. Frankfurt a. M. 1986 (= Literarhistorische Untersuchungen Band 8. Hrsg. von Theo Buck); S. 90.
11 Die spezielle Bedeutung von Raum und Zeit ist auch gesellschaftlich-historisch zu begründen: In einer Epoche wie dem 19. Jahrhundert, das sich damals selbst als im Umbruch befindlich erfasst, mussten Raum und Zeit einem Dichter in besonderem Licht erscheinen. Vgl. Helmers: Wilhelm Raabe; S. 73-75.
12 Vgl. Oppermann: Wilhelm Raabe in Selbstzeugnissen; S. 102.
13 Gerber, Paul: Wilhelm Raabe. Eine Würdigung seiner Dichtungen. Leipzig 1897; S. 226.
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2.1.1. „der Vorwelt Wunder“ - das Damals und Heute im Roman
In Pfisters Mühle hat Raabe einen Erzähler eingesetzt: Ebert Pfister, Sohn des letzten Müllers der Mühle, der einerseits das, was er erzählt (seine Kindheit und die Vergangenheit der väterlichen Mühle), und andererseits auch die Umstände, unter denen er erzählt (seine Flitterwochen, die gleichzeitig der letzte Ferienaufenthalt in der bereits verlassenen Mühle sind), niederschreibt. 14 Anhand einer Frage, die Ebert sich immer wieder stellt und die somit als Leitmotiv für den Roman gelten kann, ruft er sich den Ablauf seiner Vergangenheit ins Gedächtnis. „Wo bleiben alle die Bilder“ 15 fragt er sich ständig und aus der Distanz zur Vergangenheit treten die Szenen seiner Kindheit und Jugend als Bilder zusammen. 16 In dieser durch Erinnerung geleisteten Bewältigung der Vorgänge wird deutlich, dass das mündliche an seine Frau Emmy gerichtete Erzählen nur ein vorgeschobener Schritt eines Aufarbeitungsprozesses ist. 17 Der Erinnerungsprozess dient Ebert in erster Linie dazu, die zurück erlangten Kindheitsbilder in einer kleinen Sammlung loser Blätter aufzuschreiben, um möglichst viele Bilder aus seinem eigenen Leben und dem seines Vaters festzuhalten, bevor sie wie die Mühle bald verschwinden. 18 Das Erzählen als epischer Prozess steht hier zwischen dem Augenblick und der Ewigkeit, wobei das Niederschreiben das Dauerhafte der Entzeitlichung suggeriert und das mündliche Erzählen ein Empfinden von Unmittelbarkeit hervorruft.
Somit sind bereits zwei Zeitebenen innerhalb des Romans identifiziert: Zum einen die Ebene der erzählten Zeit (Geschichte der Mühle), zum anderen die Erzählzeit (Geschichte der Flitterwochen als letzter Aufenthalt in der Mühle, die danach abgerissen wird). Der Text erwähnt, dass sich „seit dem Kriege mit den Franzosen“ (S. 55) vieles geändert hat. Gemeint ist der Befreiungskrieg gegen
14 Vgl. Oppermann, Hans: Zum Problem der Zeit bei Wilhelm Raabe. In: Raabe in neuer Sicht. S. 294-311. Hrsg. von Hermann Helmers. Stuttgart 1968 (=Sprache und Literatur 48); S. 300-302.
15 Raabe, Wilhelm: Pfisters Mühle. Ein Sommerferienheft. Bibliografisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart 2000 (= Universal-Bibliothek Nr. 9988); S. 30.
Im Folgenden zitiere ich nach dieser Ausgabe unter Angabe der Seitenzahlen in Klammern.
16 Vgl. Thürmer, Wilfried: Die Schönheit des Vergehens. Zur Produktivität des Negativen in Wilhelm Raabes Erzählung „Pfisters Mühle“ 1884. In: Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft 25 (1984) 68-86; S. 69.
17 Vgl. Zirbs; S. 98 ff.
18 Vgl. Kreyenberg; S. 54.
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Frankreich, nach dessen Ende das Deutsche Kaiserreich ausgerufen worden war. Daher kann die Erzählzeit auf das Jahr 1871 festgelegt werden. Die erzählte Zeit beginnt in der Kindheit des Erzählers, also zwischen 1840 und 1850 und zieht sich bis in das Jahr 1871, in dem die Mühle endgültig abgerissen werden soll. Eingefasst werden diese knapp dreißig Jahre durch den (realen) historischen Rahmen, der bei den Nachwehen und Reaktionen der Revolution von 1848 beginnt und bis zum wirtschaftlichen Aufschwung im neu gegründeten Deutschen Reich durch französische Reparationszahlungen reicht.
Der Beginn der Flitterwochen und die Ankunft in der alten, bereits verlassenen Mühle stehen am Anfang des Romans, und während der Aufenthalt geschildert wird, blitzen immer wieder Eberts Erinnerungen auf, die so Eingang in den Erzählfluss des Romans erhalten. Zu Beginn erscheinen nur einzelne nicht zusammenhängende Traumbilder und wichtige Bilder der Kindheit, die erst langsam konkrete Züge annehmen. 19 Erst auf den letzten Seiten des Romans wird die Hochzeit erwähnt, die ja am Ende der erzählten Zeit steht und so den Bogen zurück zum Anfang des Romans spannt.
Erzählzeit und erzählte Zeit wechseln einander immer wieder ab und stehen gleichsam nebeneinander und nicht nacheinander, wobei den Erinnerungen der größte Raum gewährt wird. 20 Sie umfassen schließlich einen weitaus größeren Zeitraum und beinhalten den Kern der Handlung: den Untergang der Mühle. Diese Sprünge zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit sind jedoch nicht an Kapitelgrenzen oder Absätze gebunden. Ohne dass die zeitlichen Grenzen gekennzeichnet wären, erfolgt der Übergang von einer Zeitstufe in die nächste. Diese Verwischung der Zeitgrenzen geht so weit, dass eine Person ohne weiteres von einer Zeit in die andere überwechseln kann. So befinden sich Ebert, sein Vater und Adam Asche, ein guter Freund der Familien und Eberts Hauslehrer, in Eberts aufgezeichneten Erinnerungen am Ende des neunten Blattes noch in der Gaststätte Zum Blauen Bock, als Ebert das zehnte Kapitel beginnt und meint: „Ich nahm Emmy nicht weiter mit in den Blauen Bock; wir gingen denn dann doch endlich lieber zu Bett in der stillen Mühle“ (S. 65). Auch innerhalb der erzählten
19 Vgl. Zirbs; S. 102 ff.
20 Vgl. Oppermann: Zum Problem der Zeit bei Wilhelm Raabe; S. 298 ff.
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Zeit werden weitere Rückblenden in die Zeit von Eberts Geburt und dem Tod der Mutter eingeschoben, die im Gegensatz zum Ablauf der erzählten Geschichte auf noch Früheres zurückgreifen, so dass die zeitlichen Grenzen weiter wie aufgehoben wirken. 21
Was in solchen Fällen mit der Zeit geschieht, kann mit dem Begriff ‚Entzeitlichung’ beschrieben werden. Dies meint eine Relativierung der Zeit. Obwohl eine genau festgeschrieben Zeit und Zeitabfolge berichtet wird, können Vergangenheit und Erzählgegenwart kaum auseinander gehalten werden, da sie ineinander überfließen und sich vermischen. Der qualitative Zeitunterschied wird somit aufgehoben und beide Zeitebenen bekommen einen Charakter des Zeitlosen, nicht zuletzt da die Distanz zur Erzählung so gleichsam aufgelöst wird. 22 Die Geschichte leidet jedoch unter keiner zu großen Komplexität, da eine Einheit des Raums besteht. Alles spielt sich in der Mühle ab. Außerhalb bildet nur der Kirchhof von Emmys Vater den einzigen weiteren Schauplatz, der aber dadurch in eine Beziehung mit der Mühle tritt, dass Ebert hier den Brief erhält, der ihn an das Bett seines sterbenden Vaters ruft. 23
Zu dieser Entzeitlichung der Zeit tragen ebenso die Zitate antiker Dichter und Philosophen am Anfang und Ende des Romans bei. Noch vor Beginn des ersten Blattes hat Raabe vier Zeilen aus Senecas Von der Gemütsruhe eingefügt, die somit quasi als Leitsatz über der gesamten Erzählung stehen. Darunter breitet sich die Erzählung aus, bis auf dem letzten Blatt Adam Asche wieder Bezug auf Homer nimmt. Der letzte Satz, der eine Anspielung auf die Sonne Homers enthält, steht im direkten Kontrast zum ersten Sonnenmorgen am Beginn des Sommerferienaufenthalts. Dieser Spannungsbogen, der tatsächlich den gesamten Roman umschließt, hebt den Roman abermals aus seinem Zeitgefüge und verleiht ihm einen zeitlos gültigen Charakter.
21 Vgl. Oppermann: Zum Problem der Zeit bei Wilhelm Raabe; S. 302.
22 Vgl. Klopfenstein, Eduard: Erzähler und Leser bei Wilhelm Raabe. Untersuchungen zu einem Formelement der Prosaerzählung. Bern 1969 (= Sprache und Dichtung Band 16); S. 112 ff.
23 Vgl. Oppermann: Wilhelm Raabe in Selbstzeugnissen; S. 106 f.
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Neben den bereits bekannten Ebenen der Erzählzeit und erzählten Zeit kann im Vorwort des Romans eine dritte Zeitebene identifiziert werden. Nur dort wird eine rund einhundert Jahre vor der Mühlengeschichte liegende Vergangenheit erwähnt, in der jedoch keinerlei Handlung spielt und die ansonsten auch nicht mehr behandelt wird. Es ist die Zeit der Romantik, an die der Erzähler sich entfernt erinnert wenn er darum bittet: „Noch einmal sattelt mir den Hippogryphen“ (S. 5), um sich anschließend in seiner Fantasie zu den weit entfernten Wundern dieser Vorwelt zu begeben.
Bei Christian Martin Wieland, auf den durch Zitierung seines Gedichtes Oberon Bezug genommen wird, etwa im Jahre 1780, liegen die Wunder der Vorwelt in der Fantasie und bedeuten Fortschritt, Entwicklung und neue Erfahrungen. Will man in dieser Zeit fremde Länder und Städte, die wie ferne Wunder wirken, erleben und sehen, muss man dorthin reisen. Der Erzähler bedenkt im ersten Blatt des Romans:
[...] ach, wenn sie gewußt hätten, die Leute von damals, wenn sie geahnt hätten, die Leute vor hundert Jahren, wo ihre Nachkommen das ‚alte romantische Land’ zu suchen haben würden! Wahrlich nicht mehr in Bagdad. Nicht mehr am Hofe des Sultans von Babylon (S. 5).
Die Wunder der Vorwelt für die Menschen in der Erzählzeit des Romans, also gerade einhundert Jahre nach Wieland, liegen in einem Zeitalter der Verengung und Verkleinerung der Erde durch moderne Verkehrsverbindungen und gründlicher Erforschung aller Kontinente und Länder. 24 Auf Fotos in Büchern und Zeitschriften kann nun jeder die fernen Wunder sehen, ohne in deren Nähe reisen zu müssen. Für jeden liegt dadurch das alte romantische Land im alltäglichen Erfahrungsschatz. Die Wunder der Vorwelt bedeuten jetzt Rückschritt und sind gerade da zu finden, wo der Fortschritt nicht ist.
Ebert, der dank seines Vaters einer der modernen Menschen ist, betrachtet die alte Mühle als ein solches Wunder der Vorwelt. 25 Die Mühle ist ein „liebes,
24 Vgl. Oelze, Friedrich: „Mit der Zeit oder gegen die Zeit?“ Lebensbetrachtungen aus „Pfisters Mühle“ von Wilhelm Raabe. In: Mitteilungen der Gesellschaft der Freunde Wilhelm Raabes 31 (1941) 102-117; S. 105.
25 Vgl. Kreyenberg; S. 56.
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vergnügliches, wehmütiges Bild in der Erinnerung“ (S. 8). Sein Vater hingegen empfindet alle neuen Dinge, wie Städte, Fabriken und Industrie, als sehr wunderlich. Für Vater Pfister ist Berlin so weit von seiner Mühle entfernt, wie um 1780 der ferne Osten für die damals lebenden Menschen. Die Bedeutung des alten romantischen Landes hat sich zwischen 1780 (das Zeitalter, dem Vater Pfister noch eher zuzurechnen ist) und 1880 deutlich verschoben. Es hat eine Änderung der Qualität des Romantischen statt gefunden, da nicht mehr mit allen Sinnen vor Ort erlebt, sondern medial erfahren wird, ohne nach den Wundern zu suchen. Daher wohl auch die Frage Raabes in der Einleitung des Romans: „Wer hebt heute von unseren Augen den Nebel, der auf der Vorwelt Wundern liegt?“ (S. 6).
2.1.2. Exkurs I: Poetischer Realismus und das Ende der Romantik Der Untertitel des Oberon, „ein romantisches Heldengedicht in zwölf Gesängen“ 26 , zeigt, auf welchen Gegensatz Raabe in seinem Vorwort von Pfisters Mühle hinaus will: es geht um den Unterschied zwischen vergangenen Zeiten und dem Heute Raabes, um den Unterschied zwischen Romantik und einer sich im Umbruch befindlichen Epoche.
Die ersten Romantiker werden von der Öffentlichkeit im späten 18. Jahrhundert wahrgenommen. Sie bezeichnen zunächst noch alle nachantike Dichtung als romantisch. Erst nach der Jahrhundertwende wird der Begriff des romantischen Dichters von Gegnern und den Vertretern selbst auf die Brüder Schlegel, Novalis, Tieck und deren Freunde und Gesinnungsgenossen beschränkt. Um 1810 umfasst die Bezeichnung dann die gesamte nichtklassische zeitgenössische Literatur. Heute wird der Epochenbegriff auf den Zeitraum zwischen 1795 und 1830 bezogen, wobei die Grenzen, wie bei jeder Epochenbestimmung, nur annähernd festgelegt werden können. 27
26 Wieland, Christoph Martin: Oberon. In: Christoph Martin Wieland. Sämtliche Werke. Bände 22 und 23. Hrsg. von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur in Zusammenarbeit mit dem Wieland Archiv. Hamburg 1984.
27 Vgl. Bahr, Ehrhard (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur. Band 2: Von der Aufklärung bis zum Vormärz. 2. Aufl. Tübingen 1998 (= UTB 1464); S. 345.
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Sieht man die Romantik vor dem Hintergrund der noch immer fortschreitenden literarischen wie gesellschaftlichen Aufklärung und der auf antikes Denken gerichteten Klassik, negiert sie den sturen Rationalismus der Aufklärung und setzt mit ihren romantischen Ideen und Motiven sowie der Abkehr von klassischer Formenwelt eigene, neue Maßstäbe. In ihren Anfängen steht sie unter anderem unter dem Einfluss der Französischen Revolution und den Emanzipationsversuchen des deutschen Bürgertums. Die spätere Romantik geht noch intensiver auf die Freiheit des Menschen ein und versucht durch Volksdichtung das bis dahin noch in viele Einzelstaaten zerschlagene deutsche Volk zu vereinen. Neben Politik und Volksdichtung gehörten aber vor allem auch deutsche Geschichte, Mythos, Sehnsucht, Natur und ein gegen Rationalität gewandtes Weltbild zu den thematischen Schwerpunkten der Romantik. 28
Romantische Elemente lassen sich bei Raabe vermehrt in seinem Frühwerk finden. 29 Vor allem die durch die Romantik hervorgebrachte Begeisterung für deutsche Geschichte wirkt bei Raabe stark nach. In dieser wohlwollenden Hinwendung zum Romantischen unterscheidet Raabe sich von anderen Dichtern des poetischen Realismus. Seine Erzählweise erscheint heute realistisch im Sinne des Wortes, entspricht aber keineswegs den Vorstellungen anderer Realisten wie Gustav Freytag oder Otto Ludwig. 30
Zeitlich setzt man die literarische Epoche des Realismus von etwa 1848 bis 1898 an. Beide Daten beziehen sich nicht auf literarische Ereignisse: 1848 scheitert in Deutschland die bürgerliche Revolution, was die realistische Schreibweise maßgeblich prägt und in das Jahr 1898 fallen der Tod eines der bedeutendsten Realisten, Theodor Fontane, sowie die Geburt Berthold Brechts und damit der Beginn moderner Literatur.
28 Ebd.; S. 347-349 und 374-377.
29 Vgl. Junge, Hermann: Wilhelm Raabe. Studien über Form und Inhalt seiner Werke. Hildesheim 1978 (= Schriften der literarhistorischen Gesellschaft Bonn. Band 9); S. 66 ff.
30 Vgl. Denkler, Horst: Die Antwort literarischer Phantasie auf eine der „größern Fragen der Zeit“. Zu Wilhelm Raabes Erzähltext Pfisters Mühle. In: Wilhelm Raabe. Studien zu seinem Leben und Werk. Aus Anlass des 150. Geburtstages 1831-1981. S. 234-254. Hrsg. von Leo A. Lensing und Hans-Werner Peter. Braunschweig 1981; S. 235 f. und 247 und Vgl. Martini, Fritz: Wilhelm Raabe und das XIX. Jahrhundert. In: ZfdPH 58 (1933) 326-323; S. 326-330.
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Der Realismus wird getrennt in bürgerlichen und poetischen Realismus. 31 Der Begriff des bürgerlichen Realismus ist dabei keine zeitgenössische Bezeichnung. Er stammt aus einer Monografie über deutsche Literatur im bürgerlichen Realismus von Fritz Martini aus dem Jahre 1962. 32 Er benutzt den Begriff des bürgerlichen Realismus als soziologische Begriffsbestimmung, die auf die Bevölkerungsgruppe der bürgerlichen Intellektuellen abzielt, die von sich selbst behauptet, Themen vorzustellen, die weder vom Adel noch vom Proletariat besetzt sind. Bürgerlicher Realismus ist damit anti-feudalistisch sowie antiproletarisch ausgerichtet. Hingegen ist der poetische Realismus ein von Otto Ludwig geprägter zeitgenössischer Begriff und sagt etwas über die poetische Darstellungsweise der Realisten aus. Sie sind in erster Linie anti-romantisch eingestellt und lehnen romantische Motive und Symbole ab. Auch Theodor Fontane, produktivster Autor des Realismus, diskutiert in Briefen und Aufsätzen über die Grundlagen des poetischen Realismus und stellt fest, dass Realismus weder alltägliches Leben noch Tendenzdichtung ist, sondern „die Widerspiegelung alles wirklichen Lebens, aller wahren Kräfte und Interessen im Elemente der Kunst; er ist [...] eine Interessenvertretung auf seine Art“ 33 .
Der Realismus besitzt keinen verbindlichen Stil oder eine grundlegende Formel, die dieser literarischen Epoche eine Einheit vermitteln würde, wie es in vorangegangenen Epochen immer der Fall war. 34 Entscheidend und von großer Bedeutung ist jedoch das in literarisch bedeutenden Zeitschriften entwickelte Realismusprogramm. Als eines der wichtigsten Beispiele ist die Zeitschrift Die Grenzboten zu nennen, in der unter anderem Gustav Freytag und Otto Ludwig publizieren. Diese und andere Zeitschriften treten für „eine politisch liberale
31 Vgl. Jückstock-Kießling, Nathali: Ich-Erzählen. Anmerkungen zu Wilhelm Raabes Realismus. Göttingen 2004; S. 122 ff.
32 Vgl. Martini, Fritz: Deutsche Literatur im bürgerlichen Realismus. 1848-1898. Stuttgart 1962; Die Einleitung erläutert die Titelgebung ‚bürgerlicher Realismus’.
33 Fontane, Theodor: Lyrische und epische Poesie seit 1848. In: Theodor Fontane. Sämtliche Werke. Aufsätze, Kritiken, Erinnerungen. Band 1 Aufsätze und Aufzeichnungen. Hrsg. von Walter Keitel. München 1969; S. 242.
34 Die grundlegende Formel des Sturm und Drang ist zum Beispiel der Genie-Begriff, in der Aufklärung und in der Klassik wird der Schreibstil von den Begriffen Symmetrie, Verstand und Vernunft geleitet. Vgl. Bahr: Von der Aufklärung bis zum Vormärz; S. 88 ff. und 345 ff.
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Anschauung und eine bürgerlich realistische Literatur“ 35 ein. Ihre Vorstellung einer realistischen Darstellung verlangt nicht nur eine Übereinstimmung in Figurenaufbau und Charakterentwicklung der Figuren, sondern auch vor allem Wirklichkeitstreue und eine möglichst große Präzision in der Detailschilderung. Die charakteristischen Züge der Wirklichkeit sollen erkannt und künstlerisch verarbeitet werden, so dass eine nüchterne Widerspiegelung der Realität ohne moralische oder ethische Wertungen erreicht wird.
Auch wenn Die Grenzboten Raabe die einzige Möglichkeit bieten, Pfisters Mühle zu publizieren, nachdem alle anderen Verleger den Roman abgelehnt hatten, zählt für ihn jedoch nicht nur der Tatsachenbericht, sondern gerade das, was in einer (realistischen) Geschichte über das „Denken und Fühlen, den Glauben und das Hoffen seiner Zeit“ 36 ausgesagt wird. Er ist damit ein Vertreter des poetischen Realismus, der Leitbilder, die sich am romantisch-individualistischen Menschenbild orientieren, mit der Widerspiegelung seiner Erfahrenswirklichkeit verbindet. Einerseits hält er dadurch an seinen unzeitgemäßen, romantischen Idealen fest, die durch die Aufnahme in realistische Gegebenheiten die Möglichkeit ihrer Existenz erkennen lassen. Andererseits verdeutlicht sich die Wirkungslosigkeit dieser Ideale angesichts der neuzeitlichen Industriegesellschaft, repräsentiert durch die an der Realität ausgerichteten Figurenkonstellationen. 37
Äußerlich zeigt sich Raabes Verwandtschaft zur Romantik anhand der Gedichte und Balladen, die er regelmäßig in seine Romane einfügt. Gerne richtet er seinen Blick auf der Suche nach Harmonie und der Lösung innerer Seelenkonflikte auf vergangene Poesie. 38 Ab 1866 lässt sich ein Einschnitt ausmachen, bis zu dem das Romantische einen gewissen Einfluss auf sein Schreiben ausmacht. 39 Das heißt
35 Vgl. Bahr, Ehrhard (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur. Band 3: Vom Realismus bis zur Gegenwartsliteratur. 2. Aufl. Tübingen 1998 (= UTB 1465); S. 16.
36 Fehse, Wilhelm: Wilhelm Raabes Sendung, Berlin 1937; S. 83 ff.
37 Vgl. Kafitz, Dieter: Appellfunktion der Außenseitergeschichten: Zur näheren Bestimmung des Realismus der mittleren und späten Romane Wilhelm Raabes In: Wilhelm Raabe. Studien zu seinem Leben und Werk. Aus Anlass des 150. Geburtstages 1831-1981. S. 51-76 Hrsg. von Leo A. Lensing und Hans-Werner Peter. Braunschweig 1981; S. 51 f.
38 Vgl. Schultz, Hans-Martin: Raabe-Schriften. Eine systematische Zusammenstellung. Wolfenbüttel 1931; S. 105 f.
39 Von diesem Zeitpunkt an bezeichnet er Abu Telfan (erschienen 1868) als sein erstes eigenständiges Werk.
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von, da an ironisiert er die Romantik, wendet sich von ihr ab und macht sich in Selbstzitaten über seine eigenen von romantischen Einflüssen bestimmten Werke lustig. Dies ist jedoch keine wesentliche Negation des Romantischen, sondern vielmehr eine Ablehnung romantischer Lieblingsmotive, die in einer ernüchterten Welt nicht mehr zeitgemäß sind und den Sieg der realistischen über die romantische Darstellungsform anzeigt. 40 In Pfisters Mühle schließlich taucht Romantik nur noch als untergehende Idylle auf und Natur ist zum Gegensatz von Großstadt und modernem Leben avanciert. Romantik, in Form von Vater Pfisters Mühle, wird durch die neue Zeit entwertet und zerstört.
Die Mühle hat in der deutschen Dichtung immer eine besondere Rolle gespielt, vor allem die Romantiker pflegten die Mühlenpoesie. Daher finden die ersten vier Zeilen aus August Ferdinand Schnezlers Gedicht Die verlassene Mühle Eingang in Raabes Roman. Emmy und Ebert sind unmittelbar nach der Einleitung als handelnde Personen eingeführt worden, bevor es heißt: „Das Wasser rauscht zum Wald hinein, / Es rauscht im Wald so kühle; / Wie mag ich wohl gekommen sein / Vor die verlassene Mühle?“ (S. 7). Noch bevor der Leser weiß, dass Emmy und Ebert ihre Flitterwochen in der verlassenen Mühle von Eberts Vater verbringen, wird er mit diesem romantisch idyllischen Bild atmosphärisch eingestimmt. Raabe treibt jedoch ein Spiel mit der Lesererwartung, um sie sofort wieder zu zerstören. 41 Die Idylle steht von Anfang an in einer Schieflage, welche keine drei Sätze später zu Beginn des zweiten Blattes aufgedeckt wird.
Es war ein eigen Ding um die Mühle, von der hier die Rede ist. Im Walde lag sie nicht, und verlassen war sie grade auch nicht. Ich hatte sie nur verkauft - verkaufen müssen (S. 8).
Der Sinn des eingebauten Gedichtauszugs ergibt sich erst im Laufe der Geschichte. Genauso wie das lyrische Ich in Schnezlers Gedicht wehmütig am Ufer des Flusses der verfallenen Mühle entlang wandert, den Gedanken nachhängend, wie schön doch früher alles gewesen sei, verarbeitet Ebert nur
40 Vgl. Fehse; S. 114 ff.
41 Vgl. Sander, Volkmar: Illusionszerstörung und Wirklichkeitserfassung im Roman Raabes. In: Deutsche Romantheorien. S. 28-232. Hrsg. von Rheinhold Grimm. Frankfurt a. M. 1968; S. 221-225.
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Melanie Strieder, 2006, Wirtschaftsgeschichte im poetischen Realismus - Wilhelm Raabe: Pfisters Mühle, München, GRIN Verlag GmbH
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