Inhalt:
1. Der Formbegriff 3
2. Konzept der Form bei Gombrowicz nach Łapiński 5
3. Antiform 5
4. Gegensatzpaare 7
5. Ferdydurke 9
6. Die Dialektik der Form 17
7. Umsetzung 18
Handlungsgef üge 18
Perspektive 19
Kommunikation 20
Literatur
- 3 - 1.Der Formbegriff
Ist von Form die Rede, so assoziiert man damit im normalen Sprachgebrauch den Umriss oder die Erscheinung zumeist von gegenständlichen Dingen.
In der Interpretation von Literatur im Allgemeinen und bei der Betrachtung der Werke Witold Gombrowiczs im Besonderen ist der philosophische Formbegriff von besonderem Interesse. Innerhalb der Philosophie nimmt die Form eine zentrale Stellung ein. Je nach philosophischer Schule wird Form als Ursprung von Wesen und Dasein angesehen oder als Idee, als Möglichkeit, als Abgrenzung zu Materie definiert. Der Begriff der „Form“ spielt eine wesentliche Rolle bei Gombrowicz, er weist in seinen Werken selber auf deren Wichtigkeit hin, indem er verschiedene Aspekte derselben aufgreift, verarbeitet, von unterschiedlichen Blickwinkeln aus betrachtet und sowohl kritische als auch bejahende Punkte in seinen Arbeiten direkt und indirekt angesprochen werden.
„Das Phänomen der Form wird von Gombrowicz dialektisch dargeboten. Das heißt: Die von der Form geschaffene Realität wird in ihrer Widersprüchlichkeit und Unzulänglichkeit gezeigt, wobei auf eine Sphäre verwiesen wird, die sich dem Bewusstsein und damit dem Formungswillen verschließt.“ 1 Form definiert er
„als Stil, als jene Weise des Seins, Sprechens und Handelns, die nicht dem Individuum selber entstammt, sondern ihm im sozialen Kontext von anderen auferlegt wird. Dabei muss an erster Stelle an die Verhaltens- und Äußerungsweisen gedacht werden, die in einer bestimmten Gesellschaft institutionalisiert worden sind, sich zu leicht erkennbaren Stereotypen entwickelt haben.“ 2
1 Harreß: Die Dialektik der Form, S. 17
2 Van der Meer: Form vs. Antiform, S. 15
- 4 -Bei Interaktionen von Menschen stoßen also nicht die Menschen mit ihrem individuellen Verhalten aufeinander, sondern vielmehr stoßen unterschiedliche Verhaltensmuster aufeinander, welche ihrerseits die Menschen in der Art instrumentalisiert haben, dass sich diese entsprechend der FORMellen Vorgaben verhalten.
Das impliziert, dass es einen individuellen Handlungsrahmen nicht geben kann und dass das Handeln durch Stereotype vorbestimmt ist. Wie bei individuellen Handlungen auch wird die Situation immer unvorhersehbarer, je mehr Interaktionen stattfinden und je mehr Personen daran beteiligt sind.
Andererseits sieht er in der Form auch etwas, das ein Kollektiv zusammenhält und wie ein sicherer Hafen Zuflucht bei Unsicherheit bietet, er vergleicht „die Menschheit mit einer Woge, die aus Milliarden chaotischer Teilchen besteht und doch immer wieder eine bestimmte Form/Gestalt annehmen muss.“ 3 Form existiert nach dieser Definition also einmal als Mikrokosmos und beschreibt das Verhalten der einzelnen Systemelemente untereinander und einmal als Makrokosmos, in welchem das System als eigenes Gebilde gegenüber einer äußeren Umwelt betrachtet wird.
Mikro- und Makrokosmos können durchaus in einem Kontrast zueinander stehen: wenn etwas von außen als homogen und harmonisch erscheint, muss es das aus der Innenperspektive gesehen noch lange nicht ebenfalls so sein. Je nach Sichtweise ist das Werk Gombrowiczs entweder als Makrokosmos oder als Mikrokosmos zu sehen. Das Gesamtwerk kann als Makrokosmos gesehen werden, wenn man es zu den einzelnen Figuren und Konstellationen im Werk in Beziehung setzt. Gleichzeitig kann es auch den Mikrokosmos darstellen, wenn man es in Bezug zur Gesellschaft, zur übrigen Welt, betrachtet.
Das Konzept der auf diese Art und Weise unterschiedlich definierten Form spiegelt sich nach Łapiński auf drei unterschiedliche Arten:
- 5 - 2.Konzept der Form bei Gombrowicz nach Łapiński
− auf der thematischen Ebene verwendet Gombrowicz Genre-Stereotypen. Damit ist die Außenwirkung homogen, man erwartet (als Leser) diese Stereotypen, wenn es um ein bestimmtes Genre geht. Gleichzeitig parodiert er diese, um zu zeigen, dass es im Inneren wiederum ganz anders aussieht.
− auf der thematischen Ebene werden zwischenmenschliche Probleme dargestellt, die auf ein globales Problem verweisen. Der Mikrokosmos der handelnden Personen beschreibt einen Sachverhalt, der im Makrokosmos - also der (anonymen) Gesellschaft
- in ähnlicher Form existiert. − auf der pragmatischen Ebene wendet Gombrowicz unterschiedliche
Kommunikationsstrategien an, um den Leser nicht in der Gewissheit zu lassen, dass aufgrund „logischen“ Rollenverhaltens die Aktionen der Akteure vorhersehbar wären und dass eben nicht immer alles so ist, wie es zu sein scheint. (Akteure reagieren anders, als man es erwarten würde. Wörter, die der Leser aufgrund von Konventionen zunächst als positiv empfindet, bekommen einen negativen Wert.)
3. Antiform
Da diese beiden Definitionen der Form oft nicht identisch sind und in vielen Fällen sogar konträr verlaufen, werden sie als Form und Anti-Form bezeichnet. Das vordergründig als offensichtlich Erscheinende ist hierbei die Form, der Gegenpol die Anti-Form. Beide Formen bedingen sich gegenseitig, um existieren zu können.
„Die Form braucht die Anti-Form, um sich in der Priorität legitimiert zu fühlen. Die Anti- Form braucht die Form, um sich von ihr abzugrenzen und damit überhaupt erst Anti-Form zu sein. Auf diese Weise sichern sie beidseitig ihre Existenz. Was aber ihr Spannungsverhältnis dynamisiert, ist die ihnen innewohnende Un-Form.“ 4
3 Van der Meer: Form vs. AntiformS. 16
4 Harreß: Die Dialektik der Form, S. 196
- 6 -Ist die Form Konvention, setzt man ihr als Gegenpol die Anti-Form entgegen. Wird die Anti-Form zur Konvention und damit zur Form - also wenn man mit ihr rechnet und sie erwartet - benötigt sie wiederum einen Gegenpol, woraus sich die neue Antiform generiert.
„In der literarischen Welt von Gombrowicz braucht der eine Körper den anderen, das eine Bewusstsein das andere. Ebenso braucht der Autor einen Leser. Der Schriftsteller sehnt sich nach Partnern und fürchtet sich vor ihnen. Sie sind natürlich unentbehrlich, aber zugleich bilden sie eine ewige Bedrohung.“ 5
Einerseits will er sich äußern, andererseits fürchtet er sich davor, sich mit seiner Aussage festzulegen, denn das würde bedeuten, dass er einer bestimmten Form erliegt und in dieser erstarrt. Er strebt eine Freiheit ohne formelle Normen an, aber gleichzeitig weiß er, dass im Erfolgsfall diese Freiheit nicht mehr als solche verstanden würde, weil die Normen dann eben fehlen, die ein Verständnis dieser Freiheit notwendig machen. Eine Dynamik im Sinne von Spannung entsteht dadurch, dass Form und Anti-Form stets neu angeordnet werden und zwar nach einem nicht festgelegten Turnus wechseln. Wäre der Wechsel der Formen festgelegt, wüßte man, worauf man sich einstellen muss und wäre somit konventionell und vorhersehbar.
Den Begriffen der Form und der Anti-Form stellt er den Begriff der Un-Form gegenüber. Während Form und Anti-Form die beiden Seiten ein und derselben Medaille darstellen und gegenseitig Alternativen füreinander bieten, steht die Un-Form alleine und ist kein verwendbarer Gegenspieler der beiden anderen Ausprägungen. „Das Dilemma zwischen der Allmacht der Form, die den einzelnen verschlingt, und der Almacht des Nichts, das den Ungeformten zu zersetzen droht, lässt Gombrowicz ungelöst bestehen.“ 6
5 S. 19, nach Łapiński 1985: Ja Ferdydurke, S. 58
6 Harreß: Die Dialektik der Form, S. 191
Arbeit zitieren:
Dipl. Betriebswirt Sonja Pähl, 2010, Form und Anti-Form bei Witold Gombrowicz am Beispiel „Ferdydurke“, München, GRIN Verlag GmbH
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