Inhaltsverzeichnis
1. Und die arabische Welt bewegt sich doch 2
2. Weltgesellschaft, Nationalstaat und Tunesien 3
2.1. Zentrale These und Begriffe der Weltgesellschaftstheorie. 3
2.2. Das Wesen des Nationalstaates. 5
2.3. Tunesien unter Ben Ali: Ausgangsposition und Gründe für die Revolution 6
2.4. Tunesien auf dem Weg zur Isomorphie 8
2.5. Tunesien im Kontext globaler Organisationen 10
2.6. Zwischenfazit 11
3. Abgrenzung und Kritik der Theorie 12
3.1. Abgrenzung der Theorie zu anderen theoretischen Ansätzen 12
3.2. Kritik an der Theorie 14
4. Zusammenfassung. 15
5. Literaturverzeichnis 17
1
1. Und die arabische Welt bewegt sich doch!
Das erste Quartal des Jahres 2011 kann weltpolitisch als eine Zeit des Umbruchs bezeichnet werden. Dafür gibt es mehrere Begriffe: arabische Revolution, Jasmin-Revolution, arabischer Frühling oder Arabellion. Gemeint ist jedoch weitgehend dasselbe, nämlich die beginnenden Volksaufstände in der arabischen Welt.
Was ließ diese Revolution entstehen? Augenscheinlich ist für eine Revolution immer ein Opfer notwendig, dessen Tod über die grundlegenden Dinge nachdenken lässt und letztlich zu einer Revolution führt. Denkt man bspw. an den ersten Schuss, der sich während der Barrikadenkämpfe am 18. März 1948 in Berlin löste und damit sowohl Opfer forderte als auch den Weg für eine Konstitution in Deutschland bereitete. In Tunesien, dem Keimling der arabischen Revolution, war es ein Mann namens Mohammed Bouazizi, dessen Opfer am 17. Dezember 2010 in Sidi Bouzid weitreichende Auswirkungen auf die arabische Welt besaß: „The world knows Mohammed Bouazizi (…) as the poor and desperate young man, harassed by the authorities, who set fire to himself in this town in central Tunisia, inspiring a revolution that brought down the country's dictator, an act still reverberating through the Arab world.” 1
Seine genaue Motivation zu dieser Tat ist unklar, doch wird sowohl von Familienmitgliedern als auch einstimmig in der Presselandschaft von Frustration gesprochen. Frustration über Zustände im Land, die anscheinend nicht den Idealen Bouazizis entsprachen: hohe Arbeitslosigkeit und weit verbreitete Armut. Es war daraufhin vor allem die junge Bevölkerung Tunesiens, die beginnend mit dem Tod Bouazizis innerhalb von nur drei Wochen dafür sorgte, dass der amtierende Präsident Zine al-Abidine Ben Ali aus dem Land fliehen musste. Und Tunesien war erst der Anfang. Es folgten Marokko, Algerien, Ägypten, Libyen, Syrien u.s.w.
Das Besondere dieser arabischen Bewegung ist, dass sie sich stark an Prinzipien orientiert, die charakteristisch für die westliche Welt sind. Der Ruf nach Demokratie, Würde und Menschenrechte ist lautstark zu vernehmen. Es stellen sich dabei die Fragen: 1. Wie kann es eine Bewegung geben, die auf solchen Prinzipien und Modellen beruht? Und 2. Welchen Einfluss und welche Auswirkungen besitzt diese auf Staaten der Peripherie und des Zentrums? Um diese Fragen beantworten zu können, beziehe ich mich in den folgenden Kapiteln auf die Theorie von John W. Meyer (2005). Ich werde versuchen darzustellen, wie sich diese Theorie in Hinblick auf die Bedeutung des Nationalstaates und dessen Bevölkerung auf die aktuellen Geschehnisse in der arabischen Welt übertragen lässt und welche Rolle dabei die westliche Kultur spielt.
1 Beaumont 2011; vgl. Wandler 2010
2
Dazu werde ich zunächst den theoretischen Rahmen spannen, der sich auf die Weltgesell-schaftstheorie von Meyer stützt und im Kontext aktueller Geschehnisse die Bedeutung dieser aufzeigen. Geografisch, politisch und gesellschaftlich beziehe ich mich einzig auf die Revolution in Tunesien. Schlussendlich soll damit die Frage beantwortet werden, ob sich die theoretischen Überlegungen der Weltgesellschaftstheorie von Meyer an einem aktuellen Beispiel wie Tunesien belegen lassen.
2. Weltgesellschaft, Nationalstaat und Tunesien
John W. Meyer ist emeritierter Professor für Soziologie an der Stanford University und Mitglied der Fakultät „Center on Democracy, Development and the Rule of Law“. Bevor er nach Stanford kam, promovierte er an der Columbia University und lehrte dort mehrere Jahre. Seine Forschungsschwerpunkte konzentrieren sich auf die weltweite Ausbreitung moderner Institutionen und ihre Auswirkungen auf die nationalen Staaten und Gesellschaften. In diesem Zusammenhang spiegelt sich auch seine Theorie der Weltgesellschaft wider, um die er sich seit den 1970’er Jahren intensiv bemüht. 2
Ich werde mich in den folgenden Abschnitten auf eben diese Theorie beziehen. Ich werde dabei vor allem den Aspekt des Nationalstaates in den Blick nehmen und das komplexe the-oretische Geflecht an diesem ausrichten. Dabei gehe ich zunächst auf die zentrale These ein und zeige entscheidende Begriffe der Theorie auf (2.1.). Danach gehe ich auf den Nationalstaat und dessen Rolle in der Weltgesellschaft ein (2.2.). Diese theoretischen Grundlagen werde ich dann auf das Beispiel Tunesien beziehen (2.3. bis 2.5.), wozu ich den Einstieg bereits gelegt habe.
2.1.Zentrale These und Begriffe der Weltgesellschaftstheorie
Die zentrale These Meyers bzgl. der Weltgesellschaft und des Nationalstaates lautet, dass sich viele Merkmale moderner Nationalstaaten von globalen Modellen abgeleitet haben, die „in globalen, von Kultur und Verbänden getragenen Prozessen erzeugt und verbreitet werden“ 3 . Es geht dabei um die Frage, warum sich die Gesellschaften in einer nationalstaatlich organisierten Welt strukturell und in ihrem Wandlungsprozess ähnlich sind. Um dies verstehen zu können, müssen zunächst verschiedene Begriffe klar sein.
Die These setzt an der Weltgesellschaft an, der wichtigsten Ebene für diese Theorie. Die Weltgesellschaft ist kein Staat und besitzt somit auch keine organisationalen Grenzen, weder nach außen noch nach innen. Sie besteht im Wesentlichen aus „rationalisierten Anderen“, d.h. Wissenschaften und Professionen, die in internationalen Verbänden und Gemeinschaf-
2 vgl.Center on Democracy, Development and the Rule of Law
3 Meyer et al. 2005, S.85
3
ten verortet sind und dort wissenschaftliche und professionelle Diskurse erzeugen. Sie sind allgegenwärtig und beraten Akteure in Hinblick auf ihre Zwecke, Identitäten u.s.w. 4 Die Akteure, werden von der Weltgesellschaft konstruiert. Es handelt sich dabei um autorisierte Akteure, wie Individuen, Organisationen und die Nationalstaaten. Letztgenannte sind für diese Arbeit entscheidend. Nationalstaaten werden „als eine grundlegende und stark legitimierte Handlungseinheit“ 5 definiert. Zwischen der Weltgesellschaft und dem Nationalstaat herrscht ein kausales und einseitiges Verhältnis, d.h. dass die Vorgaben nur „top-down“ von der Weltgesellschaft an den Nationalstaat weitergegeben werden, nicht jedoch umgekehrt. Der Nationalstaat allein besitzt - ausgenommen in internationalen Organisationen - demnach keine „bottom-up“ Beeinflussungsmöglichkeiten gegenüber der Weltgesellschaft. Die Kausalität besagt, dass es durch die Einwirkung der Weltgesellschaft zu bestimmten Auswirkungen im Nationalstaat kommt, die rational berechenbar sind. Der Weg, welcher dafür betreten werden muss, führt über die globalen Modelle. 6
Die Herausbildung globaler Modelle ist keine moderne Erscheinung. Bereits in der griechischen Antike zeigte sich, dass allein die Übernahme der griechischen Sprache in viele andere damalige Länder als kulturelle Hochsprache ein bedeutendes Modell darstellt. Die stärkste Entwicklung der Weltgesellschaft und damit auch der Modelle ergab sich jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg, da sich in dieser Zeit die Entwicklung einer weltgesellschaftlichen Kultur und darin operierenden Organisationen um ein Vielfaches beschleunigte. Hier kann bspw. auch auf das Modell des Nationalstaates verwiesen werden, welches dafür sorgte, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem enormen Anstieg souverän werdender Staaten kam. 7
Meyer et al. (2005) vertreten die Auffassung, dass „Nationalstaaten mehr oder weniger von außen konstruierte Einheiten sind“ 8 , deren Bewohner zwar agieren und den Staat formen, dies jedoch aufgrund eines vorgegebenen „Drehbuches“ - den globalen Modellen - tun. Diese gesteuerte Konstruktion sorgt für eine standardisierte und auf selbstverständliche Weise geschehene Formung der unterschiedlichsten Bereiche des Nationalstaates, wie den sozialen, wirtschaftlichen oder politischen Sektoren. Die globalen Modelle liefern also Strategien und Ansätze zum Lösen von Problemen auf nationalstaatlicher Ebene, welche schließlich nur noch einer Umsetzung bedürfen. 9
Globale Modelle sind nach Meyer et al. (2005) klar strukturiert, organisiert, formuliert und rationalisiert. Globale Modelle sind kognitiv und instrumentell und explizieren ihr Wesen in
4 vgl. Meyer et al. 2005, S.111
5 Meyer et al. 2005, S.97
6 vgl. Meyer et al. 2005, S.90 f.
7 vgl. Meyer et al. 2005, S.85; 106
8 Meyer et al. 2005, S.94
9 Meyer et al. 2005, S.94 f.
4
Arbeit zitieren:
B.A Bildungs- und Erziehungswissenschaftler Michel Beger, 2011, Weltgesellschaftstheorie nach John W. Meyer mit einem besonderen Bezug zur arabischen Revolution in Tunesien, München, GRIN Verlag GmbH
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