INHALTSVERZEICHNIS
INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung 1
1 Vom traditionell-senatorischen zum christlich-asketischen Leben 3
1.1. Einflüsse / Beweggründe 3
1.2. Der Weg zur Askese und damit verbundene Konflikte 4
1.3. Zwischenfazit 10
2 Die unterschiedlichen Frauenrollen 11
2.1. Die Rolle der (Ehe-)Frau in der senatorischen Gesellschaft 11
2.2. Die Rolle der Frau als christliche Asketin 12
2.3. Adaption der alten Rolle durch das Neue 16
3 Fazit 17
4 Literatur- und Quellenverzeichnis 19
4.1. Quellen 19
4.2. Aufsätze 19
4.3. Monographien 19
4.4. Sammelbände und Lexika 20
[1]
Einleitung
Die Vita Melaniae Iunioris ist die Biographie der Melania, einer jungen Frau um die Jahrhundertwende 300-400, die der gens Valeria entstammte- einer der ältesten und reichsten Senatsfamilien Roms. Schon als Jugendliche entschied sich Melania gegen den von Tradition vorgezeichneten „klassischen“ Lebensweg einer römischen Senatorentochter und stattdessen für den einer christlichen Asketin nach Vorbild ihrer Großmutter. Diverse Widerstände aus Familie und Senat mussten zunächst überwunden werden. Als dies gelungen war, veräußerte sie nach- und nach den immensen Familienbesitz und verschenkte den Erlös. Armenfürsorge wurde ebenso Teil des neuen Lebens wie umfangreiche Reisen, die sie unter anderem nach Thagaste in der römischen Provinz Numidien, nach Ägypten, Jerusalem und sogar an den Kaiserhof von Konstantinopel führten. Reiche Schenkungen und Klostergründungen sowie der persönliche Vorsitz dieser Klöster, vor allem aber auch eine zum Teil radikale Askese prägten fortan das Leben der Melania.
Dieses Leben ist Zeugnis einer conversio von traditionell-senatorischer Adelsethik hin zu den auf diese Weise beschriebenen neuen, christlich-asketischen Idealen. Dabei ermöglicht die Vita einen Einblick in mehrere Ebenen eines derartigen Wandels; zwei davon erscheinen besonders interessant. So stellt sich- auf gesamtgesellschaftlicher Ebene- die Frage, ob Lebensentwürfe wie jener der Melania auf positive Weise „Brücken“ in eine neue Zeit 1 bildeten, als Mittler zu fungieren vermochten- oder, ob sie nicht vielmehr einen zu radikalen Bruch zwischen „alt“ und „neu“ brachten 2 und damit die Situation des Senatorenstandes (und auch des Reiches) unnötig schwächten.
Neben dieser gesamtgesellschaftlichen Veränderung gibt die Vita aber auch Einblick in einen Wandel der weiblichen Rolle. Scharf kontrastiert sie zwei Gegenpole: Auf der einen Seite vermeintliche Unfreiheit in der römischen Ehe, auf der anderen Seite vermeintliche Freiheit in der Askese. Es stellt sich die Frage, inwieweit die neue Rolle, die Melania mit Überwindung des alten Lebenswegs zu erreichen suchte, tatsächlich einen signifikanten emanzipatorischen Fortschritt brachte. Erlangte Melania durch ihr „neues“ Leben tatsächlich ein höheres Maß an Freiheit und Autorität?
1 STICKLER, Timo: Das Bild Melanias der Jüngeren in der 'GER. V. MEL. Melaniae Iunioris' des
Gerontius, in: Rollinger, Robert; Ulf, Christopher (Hrsg.), Frauen und Geschlechter. Band 1, Wien, Köln,
Weimar 2006, S. 167-190, davon S. 186.
2 NÄF, Beat: Senatorisches Standesbewusstsein in spätrömischer Zeit, Freiburg (Schweiz) 1995, S. 115.
[2]
Bevor diese Fragen nähere Betrachtung finden sollen, zunächst noch einige Worte zu der Quellensituation. Spät, erst um die Jahrhundertwende 1900, wurde binnen kurzer Zeit zunächst eine lateinische, dann eine griechische Fassung der Vita gefunden. Lange umstritten war die Frage, welche der Fassungen- die lateinische oder die griechische- als die ursprüngliche anzusehen ist. Aufgrund der Tatsache, dass beide Texte- wenn auch im Wesentlichen übereinstimmend- Details nennen, die der jeweils andere nicht anführt, dürften sie wohl auf eine gemeinsame (verschollene) Urfassung rekurrieren. 3
Inhaltlich ist die Vita in ihrer völlig unkritischen Darstellung der Melania 4 natürlich hagiographisch „eingefärbt“. Gerade die Radikalität der Melania in Glaubensdingen lässt dabei zuweilen eine erzählerische Ausgestaltung vermuten. Nichtsdestotrotz fehlen der Vita viele der üblichen Motive hagiographischer Literatur völlig, so etwa die gattungstypische Beschreibung diverser Wundertätigkeiten. Dementsprechend wird die Vita in der Regel als eine alles in allem glaubwürdige Quelle eingestuft. 5
Was die Bezugsmöglichkeiten der Quelle betrifft, so sind griechischer Text und Übersetzung problemlos zugänglich. Für die weit seltenere lateinische Fassung gilt dies bedauerlicherweise nicht. So war es denn auch nicht möglich, dieses- nach der Beschreibung STICKLERs- wertvolle Sondergut 6 zu beziehen. Als Textgrundlage der vorliegenden Arbeit musste daher die Übersetzung von KROTTENTHALER (1912) genügen. 7
3 STICKLER, S. 186; siehe auch: BRUNNER, Guntram; DEMANDT, Alexander: Der Prozeß gegen Serena im
Jahre 408 n. Chr., in: Historia: Zeitschrift für Alte Geschichte, Vol. 26 (1977), S. 479-502, davon S. 482.
4 Eines von nur vielen Beispielen: GER. V. MEL. PROLOG: Gelobt sei Gott, der Dich bewogen hat,
ehrwürdiger und heiliger Priester, mich Armseligen anzutreiben zur Darstellung des Lebens unserer heiligen
Mutter, der Römerin Melania, die jetzo bei den Engeln wohnt!
5 Diese Position findet sich zuerst so formuliert bei; DEMANDT, S. 482: Der Quellenwert der GER. V. MEL.
ist unumstritten und lediglich für die asketischen Leistungen Melanies einzuschränken. Dem gegenüber
positioniert sich vor allem Elizabeth A. CLARK: Sie bezeichnet die GER. V. MEL. explizit als
hagiographische Tendenzliteratur. Siehe etwa: CLARK, Elizabeth A.: Piety, Propaganda, and Politics in the
life of Melania The Younger, in: Livingstone, Elizabeth A. (Hrsg.), Studia Patristica Vol. XVIII, 2. Papers of
the 1983 Oxford Patristics Conference, Leuven 1989, S. 167-181, davon S. 179.
6 STICKLER, S. 168.
7 KROTTENTHALER, Stephan: Das Leben der Heiligen Melania von Gerontius. Aus dem Griechischen
übersetzt von Dr. St. Krottenthaler, in: Krottenthaler, Stephan u.a. (Hrsg.), Griechische Liturgien. Leben der
Hl. Väter von Palladius. Leben der Hl. Melania von Gerontius. Übersetzt von Remigius Storf, Kempten,
München 1912, am Ende beigefügt.
[3]
1 . Vom traditionell-senatorischen zum christlich-asketischen Leben
1.1. Einflüsse / Beweggründe
Es ist nicht sicher, wann Melania den Entschluss zur conversio fasste, zu dem Weg einer Frau des stadtrömischen Adels hin zu einer überzeugten christlichen Asketin. Dass sie schon vor ihrer Eheschließung mit dreizehn Jahren konkrete, in diese Richtung gehende Vorstellungen empfunden haben könnte, erscheint aufgrund ihres recht jungen Alters zunächst unwahrscheinlich. Tatsächlich wird sie aber von frühester Kindheit an entsprechenden Einflüssen begegnet sein- Berichte von der in Askese lebenden Großmutter erhielt sie sicher, und diverse asketische Gruppierungen der römischen Oberschicht taten das ihre, um ihre Ideen in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken 8 : Kreise senatorischer Frauen, die sich dem asketischen Ideal verschrieben hatten, kannte die Stadt Rom schon seit der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts. Als Hieronymus 382 nach Rom kam, […] fand er den Kreis der Marcella und die nach ähnlichem Muster konziperte Gemeinschaft der Paula bereits etabliert. 9 Wenn auch die Quellenlage kaum genaue Schlüsse zulässt, welchen Einfluss die führenden Theologen und Kirchenväter wie etwa Hieronymus oder Augustinus auf diese Frauen ausübten, so ist es mindestens angemessen, […] diese als „spirituelle Tutoren“ zu verstehen, die aufgrund ihrer Kompetenz in schriftexegetischen Fragen und aufgrund ihrer Erfahrungen und Kenntnisse bezüglich des mönchischen Lebens, die sie auf ihren Reisen erworben hatten, von den Frauen selbst aufgesucht wurden. 10
Das erste offene Bekenntnis Melanias zu dem Wunsch nach einem asketischen Leben nennt die Vita im Rahmen der frühen Heirat im Alter von dreizehn Jahren. Gerontius berichtet von dem gewaltsamen Zwang durch die Eltern, verbunden mit einem Flehen der Melania, jungfräulich bleiben zu können.
8 Eine Position, die auch vertreten wird von zum Beispiel: DISSELKAMP, Gabriele: Christiani Senatus
Lumina. Zum Anteil römischer Frauen der Oberschicht im 4. und 5. Jahrhundert an der Christianisierung
der römischen Senatsaristokratie, Bodenheim 1997, S. 130:
[…] Melania 2 war von frühester Jugend an von den Nachrichten über ihre Großmutter inspiriert worden.
Melania 1 bestärkte sie und Pinian in ihrem Entschluß, asketisch zu leben, und überzeugte auch Albina 2, die
Mutter Melanias 2. […] Schon vorher hatte Melania 2 [vor der Zustimmung ihres Vaters] Kontakt mit
anderen namentlich unbekannten „Heiligen“, wahrscheinlich Asketen oder frommen Christen- möglich ist
auch ein Kontakt mit Marcellas Kreis- gestanden, mit denen sie sich über ihre Entscheidungen beriet.
9 DISSELKAMP, S. 136.
10 Ebd., S. 136.
[4]
"Mein Herr, ich will dich als Gebieter anerkennen über mein Leben, wenn du mit mir die
Keuschheit bewahrest; dünkt es dir aber zu schwer um deiner Jugend willen, so nimm mein
ganzes Vermögen und schalte damit als Eigentümer nach deinem Belieben! Nur lass mich
unberührt, auf dass ich imstande sei, Christo den Leib und die Seele makellos
entgegenzubringen an jenen schrecklichen Tage! Denn nur so vermag ich meine Sehnsucht
nach Gott zu stillen." 11
Die Abneigung der Melania gegenüber der Heirat erklärt sich diesem Auszug entsprechend vor allem vor dem Hintergrund des asketischen Enthusiasmus der jungen Frau, die wünscht, Christo den Leib und die Seele makellos entgegenzubringen (siehe obenstehendes Zitat). Die These, Melania habe in erster Linie der Tyrannei des Ehebetts entfliehen wollen, begegnet zuweilen in der Forschung. 12 Das mag für andere Asketinnen zugetroffen haben; nach Ansicht dieser Arbeit findet es jedoch im Falle Melanias keine Stütze in der Vita. Darüber hinaus erfolgte die Eheschließung nach heutigem Wissensstand für senatorische Kreise weder außergewöhnlich früh, noch stellte das elterliche Gebot etwas Besonderes dar 13 - die Idee von der „Liebesheirat“ ist ohnehin ein eher moderner Gedanke.
1.2. Der Weg zur Askese und damit verbundene Konflikte
Der Senat war Ende des vierten Jahrhunderts eine Institution, die an politischer Macht eingebüßt hatte- was vor allem in der Verdrängung der Senatoren aus den hohen Posten in Verwaltung und Armee sowie der zunehmenden Abwesenheit des Kaisers aus Rom begründet lag; dies hatte viel von der Möglichkeit einer steten, unmittelbaren politischen Einflussnahme genommen. 14 Dennoch hatten die Senatoren nichts von ihrem hohen Sozialprestige eingebüßt, gerade der Senat stand für Roms glanzvolle Vergangenheit. 15 Desweiteren blieb die wirtschaftliche Position des „Kerns“ der Senatorenschaft- den besonders alten und reichen Senatsfamilien- absolut überragend; sie waren als Besitzer jeweiliger patrimoniorum die größten Grundeigentümer im Reich. So lässt sich die Stellung gerade dieses engen, sorgsam gesiebten Kreises zusammenfassen als
11 GER. V. MEL. 1
12 So etwa bei: BROWN, Peter: Die Keuschheit der Engel. Sexuelle Entsagung, Askese und Körperlichkeit am Anfang des Christentums, München 1994, S. 419.
13 PETERSEN-SZEMERÉDY, Griet: Zwischen Weltstadt und Wüste: Römische Asketinnen in der
Spätantike, Göttingen 1993, S. 70ff.
14 KRAUSE, Jens-Uwe: Die Spätantike (284-565 n.Chr.), in: Gehrke, Hans-Joachim; Schneider, Helmuth
(Hrsg.), Geschichte der Antike. Ein Studienbuch, Stuttgart 2006, S. 409-478, davon S. 437.
15 KRUMEICH, Christa: Hieronymus und die christlichen Feminae Clarissimae, Bonn 1993, S. 40.
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2010, Die "Vita Melaniae Iunioris" - Nahtstelle zwischen "Alt" und "Neu", München, GRIN Verlag GmbH
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