ii
Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 1
2. Aktueller Forschungsstand 2
3. Rahmenbestimmungen der Analyse 4
4. Kommunikationsstrategie und politische Zielsetzung Al-Qaidas 5
5. Widersprüche zur politischen Realität 8
6. Ergebnis der Analyse und Fazit 10
7. Literatur- und Quellenverzeichnis 13
1
1) Einleitung:
„Eigentlich waren wir der Ansicht, dass die Bombenanschläge in Riad und al-Khobar ein deutliches Signal waren. Eigentlich hätten die intelligenteren Entscheidungsträger der USA daraufhin alles daransetzen müssen, einen ernsthaften Kampf zwischen ihren Streitkräften und der muslimischen Nation zu vermeiden. Aber offensichtlich verstanden sie das Signal nicht.“ 1 Dieser Auszug aus einem Interview der in London ansässigen palästinensischen Zeitung al-Quds al-Arabi mit Osama bin Laden vom November 1996 zeigt, dass es Terrorismus in seinem ursprünglichen Kern als Kommunikationsstrategie zu verstehen gilt. Eine Strategie, die durchaus auch scheitern kann. Die Opfer der Gewalt und das Publikum, an welche die Botschaft der Terroristen gerichtet ist, sind dabei keineswegs identisch. Wie Louise Richardson darlegt, sind die Opfer eines terroristischen Anschlages lediglich das Mittel, „um das Verhalten eines größeren Publikums zu beeinflussen, in der Regel einer Regierung.“ 2 Dass die Strategie von Terrorgruppen offensichtlich darauf abzielt, Zivilisten zu attackieren, um insbesondere demokratisch legitimierte Regierungen unter Druck zu setzen, um diesen politische Zugeständnisse abzuverlangen, daran besteht heute in der Terrorismusforschung kein Zweifel mehr. 3 Ganz im Gegensatz dazu ist jedoch über die Frage, inwieweit Terroristen mit dieser Strategie erfolgreich sind, eine ernste wissenschaftliche Debatte entbrannt. Ob Terrorismus wirklich als Erfolgsstrategie anzusehen ist, oder präziser ausgedrückt, ob es Terroristen wirklich gelingt, durch gezielte Anschläge auf die Zivilbevölkerung ihre politischen Forderungen gegenüber der ausgewählten Regierung durchzusetzen, soll sodann auch die übergeordnete Fragestellung sein, unter der nachfolgende Ausführungen stehen. Die Analyse der politischen Ziele des Terrornetzwerkes Al-Qaida unter Osama bin Laden steht dabei zunächst im Vordergrund. Sie sollen in einem zweiten Schritt der politischen Realität gegenübergestellt werden, um eine fundierte Beurteilung der politischen Erfolge von Al-Qaida zu ermöglichen. Die Ergebnisse dieses Fallbeispiels können so zu einer angemesseneren Einschätzung von Terrorismus als Erfolgsstrategie beitragen, wobei es abschließend deutlich zu machen gilt, dass eine bloße Einengung auf politische Motive den Blick für andere Faktoren versperrt, die den Terrorismus für seine Anhänger so attraktiv macht.
1 Osama bin Laden, Interview mit der Zeitung al-Quds al-Arabi, 1996. Abgedruckt in: Marwan Abou-Taam und
Ruth Bigalke (Hrsg.): Die Reden des Osama bin Laden. München 2006, S. 95-99, Zitat: S. 96.
2 Louise Richardson: Was Terroristen wollen. Die Ursachen der Gewalt und wie wir sie bekämpfen können. Bonn
2007, S. 29.
3 Vgl. dazu unter anderem Max Abrahams: Why Terrorism Does Not Work. In: International Security, Vol. 31,
No. 2 (2006a), pp. 42-78, hier: p. 42, Bruce Hoffmann: Terrorismus - der unerklärte Krieg. Bonn 2007, S. 79,
Robert A. Pape: The Strategic Logic of Suicide Terrorism. In: The American Political Science Review, Vol. 97,
No. 3 (2003), pp. 343-361, hier: p. 344 sowie Richardson (2007), S. 28f.
2
2) Aktueller Forschungsstand:
Vor der eigentlichen Analyse ist es angebracht, das Augenmerk auf den aktuellen Forschungsstand zu richten, wobei auftretende Konfliktlinien kurz skizziert werden sollen. Im Wesentlichen gilt es zwischen Jenen zu unterscheiden, die grundsätzlich Terrorismus als erfolgreiches Druckmittel gegenüber der Politik ansehen und Jenen, welche den politischen Nutzen von Terrorangriffen auf die Zivilbevölkerung bezweifeln. Zu den Ersteren gehört beispielsweise Robert Pape. In seinem Buch „Dying to Win“ liefert er eine simple Erklärung für die steigende Anzahl an Selbstmordattentaten: „The main reason that suicide terrorism is growing is that terrorists have learned that it works.“ 4 Dem Buch voraus ging ein bekannter Beitrag Papes in der American Political Science Review. Pape untersucht darin 11 abgeschlossene Terrorkampagnen von 1980 bis 2001 im Hinblick auf die Verwirklichung der jeweiligen politischen Ziele und kommt zu dem Ergebnis einer 50-prozentigen Erfolgsrate, was im Vergleich zu alternativen politischen Zwangsmaßnahmen bemerkenswert sei. 5 Nichtsdestotrotz muss auch Pape eingestehen, dass die überwältigende Mehrheit der Kampagnen ihre politischen Ziele nur teilweise erreichte und Selbstmordterrorismus als probates Mittel dort an seine Grenzen stößt, wo die hochgesteckten Ziele der Terroristen mit den vitalen Interessen von Staaten kollidieren. 6 Zwei Dinge, welche die Beurteilung von Terrorismus als Erfolgsstrategie erschweren, werden hier bereits deutlich. Zum Einen die Tatsache, dass Erfolge nicht nur breiter definiert werden, sondern auch vieldeutiger erscheinen als Niederlagen. So werden ledigliche Teilerfolge oder nur vorübergehende Zugeständnisse oft als Beweis für erfolgreichen Terrorismus angeführt. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass ein bestimmtes Ereignis, welches Terroristen als ihren Erfolg propagieren, nicht zwangsläufig das Ergebnis ihrer Strategie sein muss, sondern in Wahrheit andere Gründe haben kann und so lediglich eine Scheinkorrelation darstellt. 7 Zum Anderen ist offensichtlich, dass erfolgreiche Terrorkampagnen wesentlich mehr Aufmerksamkeit erregen als gescheiterte. Nicht nur die Terroristen selbst schöpfen Zuversicht aus ihren (wenigen) großen Erfolgen, auch in der Forschung liegt der Schwerpunkt auf den seltenen aber umso populäreren „Siegen“ der Terroristen, namentlich der Hisbollah im Libanon 1983 und 1985 über zunächst französische und amerikanische dann über israelische Truppen, der Tamil Tigers auf Sri Lanka, die
4 Robert A Pape: Dying to Win. The Strategic Logic of Suicide Terrorism. New York 2005, p. 61.
5 Pape (2003), p. 351.
6 Ebd., pp. 355.
7 Als umstrittener Erfolg gilt beispielsweise die israelische Freilassung von Scheich Ahmed Yassin und auch die
Anschläge in Madrid können diesbezüglich kritisch hinterfragt werden. Zur Scheinkorrelation und der Freilassung
von Scheich Yassin vgl. Pape (2005), p. 63. Zu den Anschlägen von Madrid vgl. Max Abrahams, Rysia Murphy
und William Rose: Correspondence. Does Terrorism Ever Work? The 2004 Madrid Train Bombings. In:
International Security, Vol. 32, No. 1 (2007), pp. 185-192, hier insbesondere: pp. 189-192.
3
(zeitweilig) einen unabhängigen tamilischen Staat durchsetzen konnten und der Hamas, die Mitte der Neunziger Jahre Israel zum Rückzug aus dem Gazastreifen und der West Bank drängen konnte. 8 Wenn Alan Dershowitz beispielsweise zu der Aussage gelangt, dass Terrorismus funktioniert, dann bezieht auch er sich bei seiner Argumentation ausschließlich auf die Erfolge der Palästinenser und bei Evelyn Gordon, die ebenfalls diesen Standpunkt vertritt, spielen Hisbollah und Hamas die entscheidende Rolle. 9 Gordon sieht den Erfolg der Terroristen insbesondere darin, mittelfristig das Opfer der Anschläge als Täter darzustellen. 10 Dagegen ist zunächst einzuwenden, dass dies in erster Linie von der Reaktion des Opfers selbst abhängt und nicht von den Terroristen. So hat im Hinblick auf die Situation im Nahen Osten Israel selbst durch teils ungerechtfertigte Maßnahmen gegenüber den Palästinensern zur wachsenden Kritik an seiner Sicherheitspolitik beigetragen, Gleiches gilt für die Überreaktion der USA nach 9/11, wie Richardson genauer ausführt. 11 Die zuvor angesprochene unzureichende empirische Basis, die über zahlreichen Niederlagen der Terroristen hinwegtäuscht, ist sodann auch einer der Hauptkritikpunkte, welche der Terrorismusforscher Max Abrahams seinen Kollegen vorwirft. 12 Abrahams ist entsprechend der gegenteiligen Ansicht, wie der Titel „Why Terrorism Does Not Work“ des von ihm verfassten Artikels in der International Security bereits zum Ausdruck bringt. In einer umfassenden Studie untersuchte Abrahams 28 Terrorgruppen und stellte dabei fest, dass lediglich sieben Prozent der von den Terroristen artikulierten politischen Ziele erreicht wurden, wobei mit Attacken auf Zivilisten die Durchsetzung von politischen Zielen systematisch fehlschlug. Dies führt Abrahams zu der Einschätzung, dass Terroristen nicht nur selten ihre politischen Ziele erreichen, sondern auch, dass der mangelnde Erfolg maßgeblich durch die Taktik selbst, die Zivilisten zur Zielscheibe macht, bestimmt ist. 13 Abrahams Ausführungen sowie das Echo, welches seine Schlussfolgerungen auslöste, bilden folglich auch wichtige Bezugspunkte der Arbeit. 14 Auf Seiten derer, die dem Terrorismus als Erfolgsstrategie skeptisch gegenüberstehen, sollte darüber hinaus ein Beitrag von Neumann und Smith Erwähnung finden, die in ihrem Buch
8 Vgl. dazu Pape (2003), p. 343 sowie Alan M. Dershowitz: Why Terrorism Works. Understanding the threat
responding to the challenge. New Haven und London 2002, p. 88. Zu weiterer Kritik vgl. Abrahams (2006a), pp.
45.
9 Zu Dershowitz vgl. Dershowitz (2002), pp. 57-88.
10 Evelyn Gordon: Terrorism Works. In: The Jerusalem Post, July 14, 2005. Online verfügbar unter:
www.jr.co.il/articles/politics/terrorism-works.txt (27.02.2010, 12:31 Uhr, MEZ).
11 Als ein Beispiel hierfür können vonseiten Israels die von den UN verurteilten, unverhältnismäßigen Luftangriffe
auf den Gazastreifen Ende 2008 angeführt werden. Zur Überreaktion der USA im Zuge der Kriegserklärung gegen
den Terrorismus vgl. Richardson (2007), S. 247-249.
12 Abrahams (2006a), pp. 45.
13 Ebd., pp. 43.
14 Vgl. dazu Abrahams (2006a), Abrahams u.a. (2007) sowie Abrahams: What Terrorists Really Want. Terrorists
Motives and Counterterrorism Strategy. In: International Security, Vol. 32, No. 4 (2008), pp. 78-105.
Arbeit zitieren:
Master of Arts Thomas Rohm, 2010, Terrorismus als Erfolgsstrategie - Fallbeispiel Al-Qaida, München, GRIN Verlag GmbH
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