INHALTSVERZEICHNIS
1. Die kodifizierte Mündlichkeit 3
2. Syntax und Topologie nach Haas 7
2.1. Interpunktion 7
2.2. Konjunktionen 11
2.3. Syntaktische Diskontinuitäten 15
2.3.1. Die Links- und Rechtsherausstellungen 16
2.3.2. Die Ausklammerung 19
2.4. Ellipsen 23
2.5. Parenthesen 27
3. Resümee 28
Literaturverzeichnis 30
2
1. Die kodifizierte Mündlichkeit
„Schreibe, wie Du redest, so schreibst Du schön.“ 1
G.E. Lessing
Dieses Zitat Gotthold Ephraim Lessings, entnommen aus einem Brief an seine Schwester, könnte man durchaus als Credo des Autoren Wolf Haas hinsichtlich der stilistischen Gestaltung seiner Brenner-Reihe verstehen.
Bereits bei der oberflächlichen Betrachtung der Werke fällt eine stark an die Mündlichkeit anknüpfende Schriftsprache der Kriminalromane auf. Haas kreiert eine für ihn eigene Stilistik, die seinen Brenner-Romanen wie ein Fingerabdruck obliegt.
Sein Stil induziert den Eindruck einer spontanen Sprechhandlung, die nicht konstruiert wirkt und beim Rezipienten eine Vorstellung von Nähe im doppelten Sinn evoziert. Der Ich-Erzählerein Untermieter im Hause der Großeltern Simon Brenners - steht nicht nur in einem Näheverhältnis zum Protagonisten, sondern auch zum Rezipienten selbst. Er ist das Bindeglied, das Haas’ sprachliche Gestaltung der Werke transportiert sowie ihr die notwendige Authentizität zukommen lässt. Es ist merklich, dass ihm eine Rolle zugesprochen wird, der nicht nur der Umgang mit Brenner selbst, sondern auch der mit seinen Zuhörern familiär und vertraut ist.
Haas überwindet die typische Konstellation von Werk/Schrift einerseits und dem Leser andererseits, deren Verbindung die verbale Interaktion eines meist hochstilisierten Erzählers wäre.
Die Atmosphäre, Tiefe und Besonderheit der vorliegenden Romane entsteht primär durch die eigentümliche Ausstaffierung der Texte als Erzähltexte im wahrsten Sinne des Wortes. Hierbei
1 Zoozmann, 2001. S. 466.
3
versäumt es Haas nicht bestimmte Reglements der geschriebenen Sprache bzw. eines kodifizierten Textes aufzusprengen, um seine Romane in ein verbales Kostüm zu kleiden.
Der Schriftsprache werden weitgehend unterschiedliche Merkmale im Gegensatz zu der gesprochenen zugeschrieben. 2 Ein niedergeschriebener Text ist geplant und passiert vorsätzlich. Er besitzt eine rein monologische Struktur, ist ausformuliert und verständlich. 3 Sein Tempo ist gemäßigt, da Gedankengänge erst nach abgeschlossener Konstruktion als Einheit aufs Papier gebracht werden. Situationen und Räume müssen aufgrund der lokalen Distanz sowie der damit einhergehenden Ermangelung deiktischer Elemente detailliert beschrieben werden, um ein Bild vor dem inneren Auge des Betrachters zu erzeugen. 4
Als ein nach diesem Muster gestalteter Romananfang könnte jener der Wiener Autoren Schilddorfer und Weiss gelesen werden:
„Der dunkle Wagen glitt fast lautlos über das Kopfsteinpflaster der Innenstadt in Richtung Donaukanal. Die beiden Männer hinter den getönten Scheiben hingen ihren Gedanken nach und hatten für die erleuchteten Fassaden der Palais und Patrizierhäuser, die draußen vorbeizogen , keinen
Blick.“ 5
Haas weicht von diesem Modell weitgehend ab und übernimmt in seine Texte eine Vielzahl von Besonderheiten der gesprochenen Sprache.
Diese zeichnet sich durch Eigenschaften wie Reduziertheit, Spontaneität oder die dialogische Struktur aus. 6 Auch das Sprechtempo erscheint in der Brenner-Reihe höher, da „das Sprechen von einer Idee zu der nächsten vorschreitet“. Der Sprechakt entwickelt sich in einer face-to-face
2 Die Betrachtung bezieht sich ausschließlich auf die Textgattung des Romans, andere werden nicht in dieser Kategorisierung berücksichtigt. S. 466.
3 Nindl 2010, S.24.
4 Filpus 1994, S. 64.
5 Schilddorfer und Weiss 2011, S.5.
6 Nindl 2010, S. 23.
4
Kommunikation beinahe parallel zu jenen ihn vorangegangenen Gedankengängen, wodurch ein schneller Redefluss entsteht. 7
Wolf Haas gelingt es, seinen - niedergeschriebenen - Werken jene Eigenschaften zu injizieren. Zieht man in diesem Zuge den Romananfang von Der Knochenmann hinzu kann dies veranschaulicht werden:
„Jetzt ist schon wieder was passiert.
Aber der Frühling ist eine herrliche Zeit, da gibt es Gedichte und alles, und weiß ein jeder, daß im Frühling das Leben erwacht. Da hat es am Anfang niemand glauben wollen, daß es auf einmal umgekehrt sein soll. Aber so ändern sich die Zeiten. […] Und das ist nur drei Wochen später gewesen, und immer noch Frühling, den Sommer hat es dann ja fürchterlich verregnet, Juli überhaupt zum
vergessen, aber Frühling eins a.“ 8
Es findet sich beispielsweise häufig die wiederkehrende Floskel zur Einführung in den Erzählvorgang „jetzt ist schon wieder was passiert.“ 9 , die dem Rezipienten einen Wiedererkennungswert liefert und ihn durch vertrautes Terrain schneller in die Handlung einsteigen lässt; der Eintritt in den Roman erfolgt spontan und ohne Umschweife, doch ausschweifend, was die inhaltliche Gestaltung betrifft. Geschriebene Sprache ist effizienter, da sie durchdachter ist, im Gegensatz zu verbalen Sprachäußerungen. 10
Durch die Erwähnung entbehrlicher Details, wie für die Handlung nicht relevante Wetterangaben, erweckt der Autor eher das Gefühl es würde ein wenig aus dem Nähkästchen geplaudert, wie es beispielsweise Freunde oder besser bekannte Personen untereinander tun.
7 Filpus 1994, S. 59.
8 Haas DKM, S. 5.
9 Haas 2006, DKM, S. 5.
10 Nindl 2010, S. 24.
5
Ersichtlich wird an dieser Stelle auch das höhere Erzähltempo sowie die Entwicklung eines Gedankengangs aus einem anderem.
Des Weiteren belässt es Haas in der Sprachführung seines Erzählers nicht bei der Verwendung des Personalpronomens ich; wird ein Ereignis reproduziert und der Leser nicht durch ein direktes „Aber jetzt pass auf.“ 11 in den Vorgang eingebunden, so verkleinert er die Distanz von Zugetragenem zum Zuhörer durch die Personal- bzw. Indefinitpronomen du und man.
„Die ist mit einem Tempo die Pötzleinsdorfer Straße hinuntergerauscht, daß man von Glück reden muß, daß die schwarze Ningnong das einzige Opfer geblieben ist. […] Ich weiß jetzt nur nicht, ob das mehr Unglück bringt oder weniger, wenn du die schwarze Katze totfährst, die dir über den Weg
läuft.“ 12
Neben der Verwendung der genannten Pronomina finden sich außerdem unterschiedliche Abtönungspartikeln zur Generierung der Mündlichkeit. Diese schließen jene wie ja, aber, bloß, doch, nur, mal etc. ein. 13
Das Einflechten dieser Partikeln in einen Textkorpus lässt Rückschlüsse über die Haltung des Sprechers gegenüber seinen Äußerungen zu. Sie können „die Redeabsicht verstärken, modifizieren und abmildern […]“ 14 . Bei Wolf Haas sind besonders ja sowie aber zu finden.
Es kann als erwiesen angesehen werden, dass die sprachliche Gestaltung seiner Werke, für den Autoren Haas eine zentrale Rolle spielt. Um diese zu erzeugen, dient neben den bereits genannten Besonderheiten, der für einen Roman unkonventionelle Einsatz syntaktischer bzw. topologischer Mittel, durch den Haas das Konzept der kodifizierten Mündlichkeit in dieser Intensität überhaupt umsetzen kann.
11 Haas 2006, AdT, S. 5.
12 Haas 2006, KsT, S. 5.
13 Helbig 1999, S. 97.
14 Filpus 1994, S. 62.
6
2. Syntax und Topologie nach Haas
Der Stil, in den Wolf Haas seine Brenner-Romane einfasst, ist vermutlich der Hauptgrund, weshalb die inhaltlich eher gewöhnlichen Kriminalgeschichten so erfolgreich sind. Die sprachliche Gestaltung der Werke ist auszeichnend - wirkt quasi stellvertretend pars pro toto für ihren Autoren sowie die Reihe selbst. Jeder, der Wolf Haas gelesen hat, wird ihn zunächst mit seiner ihm eigenen Stilistik in Verbindung bringen.
Es ist möglich Haas’ Konzept der Erzähltechnik, die m.E. nach weitgehend darauf abzielt die Erzähler-Leser-Distanz zu verringern und eine natürliche Erzählsituation zu kreieren, von mehreren Perspektiven aus zu analysieren.
2.1. Die Interpunktion
Bei der Betrachtung der Syntax und Topologie ist es nicht ungeschickt sich zunächst vor dem Einstieg in das Satzinnere mit seiner Interpunktion, ergo mit den Satzgrenzen zu befassen. Die meist verwendeten Satzzeichen der deutschen Schriftsprache sind der Punkt als Markierung von Satzgrenzen sowie das Komma (altgriechisch: Einschnitt) zur Gliederung des Satzes.
Spricht Haas’ Erzählfigur bei seiner Schilderung der Ereignisse um Simon Brenner zwar gerne auch einmal sprichwörtlich ohne Punkt und Komma, so tauchen diese beiden meistvertretenden Satzzeichen in Haas’ schriftlicher Darstellung der Romane dennoch in Hülle und Fülle auf. Er weicht jedoch hierbei häufig davon ab die Interpunktion lediglich in ihrer eigentlichen, literarisch unauffälligen Rolle zu belassen und gebraucht sie als ein bewusst
7
gewähltes rhetorisches Mittel, das wiederum den Eindruck eines mündlichen Gespräches verstärkt. 15
Erzeugt wird der Effekt des verbalen Texteindruckes beispielsweise durch die dem Inhalt angepasste Rhythmisierung der entsprechenden Passagen. Die Beistrich- bzw. Punktsetzung reguliert durch die bewusst gewählten Pausen das Lesetempo und unterstützt in dieser Folge die Steigerung des Spannungsbogens. Zusätzlich dient sie der authentischen Nachahmung von sich progressiv entwickelnden Gedankengängen, wie sie sonst nur in einer wirklichen face-toface Kommunikation zu finden sind.
Der folgende Auszug aus Auferstehung der Toten zeigt, wie leicht der Erzähler von seinem eigentlichen Thema, hier angestoßen durch das Klingeln einer Handglocke, abzuweichen vermag und für den Hergang des Romans irrelevante Informationen einwirft. Diese sind dann ebenso wie in einer wirklich passierenden mündlichen Kommunikation nicht ausgefeilt, sondern entwickeln sich auseinander heraus und es wird Rücksprache mit dem Gesprächspartner, dem Leser, gehalten.
Haas verknüpft die inhaltliche Ebene des Gedankensprungs, ausgelöst durch die assoziative Wirkung der Klingel, sowie die anschließende Abfolge der entstehenden Denkprozesse mit der syntaktischen Ebene und unterstreicht durch die Reihung der gesamten Schilderung in kurzen Sätzen, getrennt durch Kommata, diesen Prozess. Nach dem Punkt, die Abschweifung vom Thema war bereits beendet, fällt dem Erzähler ein neues Puzzlestück dieser Anekdote ein und er hängt sie an die eigentlich schon abgeschlossene an.
„Kaum daß der Pfarrer mit der Wandlung anfängt. Und wie dann direkt bei der Wandlung die linke Ministrantin mit ihrer Handglocke schellt, das ist gewesen wie bei diesen Hundeexperimenten, ich weiß nicht, ob du das schon einmal gehört hast, da klingelt es immer, wenn der Hund eine Wurst kriegt, und bald ist es soweit, da genügt das Klingeln allein, und dem Hund rinnt schon das Wasser im
Mund zusammen. Russische Hunde sind das gewesen.“ 16
15 Nindl 2010, S. 160.
16 Haas 2006, AdT, S. 75.
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Arbeit zitieren:
Sarah Diana König, 2011, Die Brenner Krimis von Wolf Haas - Besonderheiten der Wortstellung und Syntax, München, GRIN Verlag GmbH
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