zunehmend die Frage, „was tatsächlich von der international gelobten Welt des Schönen lebendig ist.“ 7
Eine solche Rezeptionserfahrung, die über skeptische Distanzierung bis zu Frustration verläuft, ist mir selber aufgrund meiner Praxis der Teezeremonie in Japan nicht unbekannt. Der Kontrast zwischen einer überformalisierten Praxis und hochfliegenden Theorien regte mich zu einer soziologischen Fragestellung an. Dazu beigetragen hat auch die Einsicht, dass diese Domäne erst Ende des 19. Jahrhunderts „feminisiert“ wurde, der Anteil der Frauen bei den Teepraktizierenden liegt heute bei 90 %. Die Theorie ist aber Sache der Männer geblieben, die sich gewöhnlich nicht mit der Praxis abmühen, wie etwa auch der erwähnte K. Okakura. 8 Solche Widersprüche bieten Anlass dazu, die Blickrichtung einmal umzukehren und statt in das allgemeine Lob der „wahren Tee-Ästhetik“ und des „wahren
Teemenschen“ einzustimmen, nach der historischen und sozialen Standortsgebundenheit solcher Kategorien zu fragen. Dazu soll die Entstehung der wabi- Teezeremonie im 16. Jahrhundert mit einem Fokus auf den Teemeister Sen Rikyu betrachtet werden. Die von ihm entwickelte „wabi“ -Ästhetik mit ihrem Schönheitsideal des Ärmlichen und Schlichten 9 steht in einem auffallenden Gegensatz zur elitären gesellschaftlichen Position seines Schöpfers. In welchem Verhältnis der wabi - Geschmack zum sozialen Feld seiner Genese passt, ist daher die Leitfrage dieser Arbeit.
Sekundärliteratur und Fragestellung
Soziologische Fragestellungen haben in der Japanologie allgemein erst Ende der sechziger Jahre Einzug gehalten. Speziell im Blick auf die Teezeremonie herrschen bis heute in der deutschsprachigen Literatur rein historische, philosophisch-religiös oder kunsttheoretisch orientierte Betrachtungsweisen vor. Das repräsentative und einflussreiche Buch von H. Hammitzsch favorisiert die ideologische Verbindung mit dem Zen-Buddhismus, neuere Publikationen wie die im Jahre 1994 erschienene Darstellung von H. Hennemann sprechen mit Vorliebe von „Teekunst“ oder „Tee-Ethik“. 10 Für unbefriedigend halte ich, dass diese Terminologie weder geklärt noch hinreichend begründet wird. Im Japanischen wird die Teezeremonie seit den Anfängen cha no yu genannt, was einfach „heisses Wasser“ bedeutet.
7 H. Danzer, Ästhetik, 13.
8 Vgl. dazu E. Kato, The Tea Ceremony and Women`s Empowerment In Modern Japan, New York 2004, v.a. 23-25, 69-71.
9 Der Begriff wabi stammt aus der klassischen japanischen Literatur und hat die Bedeutungen Mangel, Verlorenheit, Verlust und Kummer. Das sich darin ausdrückende höfische Ideal einer verfeinerten Gefühlswelt (ga) verbindet Schönheit mit Traurigkeit und der buddhistischen Empfindung der Vergänglichkeit der Dinge (mujokan). Vgl. dazu: T.u.T. Izutsu. Die Theorie des Schönen in Japan. Beiträge zur klassischen japanischen Ästhetik, Dumont, 1988.
10 H. Hammitzsch, Cha-do. Der Tee-Weg, 1958; gekürzte Neuausgabe: Zen in der Kunst der Tee-Zeremonie, 1977; zur Kritik vgl. etwa E. Kato, Tea Ceremony.8, Die Ersetzung der Bezeichnung „Teezeremonie“ durch „Teekunst“ geht zurück auf F. Ehmke, Der japanische Teeweg. Bewusstseinsschulung und Gesamtkunstwerk. (1991) Ihr folgt ohne Begründung: H. Hennemann, Chasho. Geist und Geschichte der Theorien japanischer Teekunst, 1994.
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Daneben finden sich auch die Bezeichnungen sado oder chado („Teeweg“), die erst später gebräuchlich wurden. Mir ist keine Publikation bekannt, welche den auch englischsprachig üblichen Begriff „Teezeremonie“ ritualtheoretisch diskutieren oder begründen würde. Dennoch bleibe ich in dieser Arbeit bei dieser herkömmlichen Bezeichnung.
Einige wenige Betrachtungen zur Teezeremonie aus soziologischer, soziokultureller oder kulturanthropologischer Sicht liegen in englischsprachigen Publikationen vor, die hier kurz vorgestellt seien. Die Soziologin B. L.R. Mori gibt Einblick in die heutige Situation der Teezeremonie-Ausbildung, indem sie ihre Erfahrungen als Schülerin der bekanntesten Teezeremonieschule Urasenke schildert und die Schwierigkeiten erörtert, diese japanische Tradition in Amerika zu akkulturieren. 11
Eher in die Nähe meiner Fragestellung kommen die in diesem Buch enthaltenen Beiträge zur Macht- und Autoritätsstruktur der Urasenke-Institution und zu ihren Monopolisierungs-Expansionsstrategien im modernen Japan. Bei diesem grossen Unternehmen lässt sich heute noch das Phänomen einer Umwandlung von Kapitalformen beobachten, natürlich unter völlig anderen Bedingungen als im 16. Jahrhundert. Soziologisch ausgerichtet ist auch die Untersuchung von E. Kato, die nach der sozialen Funktion der Teezeremonie für praktizierende Japanerinnen heute fragt. 12 Die Verfasserin bezeichnet diese Funktion als „empowerment“, insofern diese Frauen sich durch das Erlernen der Teezeremonie kulturelles und symbolisches Kapital aneignen, das dem Ökonomie- und Bildungskapital ihrer Ehemänner durchaus gleichwertig sei. Dieses Ergebnis ist m.E. insofern problematisch, als die Möglichkeit einer Umwandlung in ökonomisches Kapital für die betreffenden Frauen gerade nicht gegeben ist. Auch diesbezüglich nimmt die Verfasserin den Ansatz von P. Bourdieu nicht konsequent auf. Ausserdem verwendet sie den Begriff „empowerment“ ohne sozialkritische Perspektive. Kulturanthropologisch ausgerichtet ist schliesslich das Buch von E. Ikegami über die Rolle der Ästhetik in der Geschichte Japans. Untersucht wird die Transformation ästhetischer Bilder vom Mittelalter bis in die Meiji-Zeit. Dabei kommt sie zum Urteil, die Teezeremonie sei „an independent art form“, ein Raum für die „formation of congenial egalitarian relationships among the members.“ 13 Damit unterstützt sie eine verbreitete Ansicht, die hier bestritten werden soll.
In der vorliegenden Arbeit möchte ich zunächst das historische und soziale Umfeld der Entwicklung der Teezeremonie des wabi-Stils im 16. Jahrhundert Japans skizzieren (1). Darauf soll auf dem Hintergrund der zeitgenössischen Teepraxis und ihrer Vertreter der Teemeister Sen Rikyu vorgestellt werden (2). Einer Beschreibung seines neuen Teestils (3) folgt dessen soziologische Betrachtung, wozu Theoriekonzepte von P. Bourdieu aufgenommen werden (4). Das Ganze wird zum Schluss kurz zusammengefasst (5).
11 B.L.R. Mori, „Americans studying the traditional Japanese Art of the Tea Ceremony“, 1992.
12 E. Kato, “The Tea Ceremony and Women's Empowerment in Modern Japan. Bodies representing the past.” 69,
13 E. Ikegami, Bonds of Civility. Aesthetic Networks and the Political Origins of Japanese Culture, 120f. Nicht zugänglich war mir D. Kondo, The Tea Ceremony: A Symbolic Analysis, 1985. Hier wird der Versuch unternommen, die Teezeremonie im Rahmen des symbolischen Interaktionismus zu deuten.
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1. Zum historischen Hintergrund
Das 16. Jahrhundert Japans war gezeichnet vom Zusammenbruch und der Umformierung politischer Mächte. Seit vier Jahrhunderten hatte das Shogunat (militäraristokratische Regierung) die kaiserliche Herrschaft zunehmend in die politische Bedeutungslosigkeit abgedrängt. 14 In der „Periode der kämpfenden Reiche“ (sengoku 1467-1568) verarmte der Kaiserhof vollends und das Shogunat verlor seinerseits durch Dezentralisierungsprozesse seine Macht. Das Land zerfiel in viele kleine Fürstentümer, die sich gegenseitig aufs blutigste bekämpften. Die militärischen und politischen Wirren gingen einher mit aufblühendem Kunstsinn und Mäzenentum unter Rittern und Händlern. Die Wirren der Zeit fanden Ausdruck in dem zeitgenössischen Sprichwort gekujo: „Das Untere besiegt das Obere.“ Bauern und Samurais niedrigen Standes bildeten Bündnisse (ikki), um sich gegen die Machtansprüche der Oberen zu schützen und nach eigenen Vorteilen vertikal zu verbünden. 15 So löste sich die Rittergesellschaft in den Machtkämpfen um die Einigung des Landes langsam auf.
Gleichzeitig expandierte der Aussenhandel, die ersten europäischen Händler trafen in Japan ein und brachten Feuerwaffen mit (1543). In die Rolle des ersten militärischen Reichseinigers stieg der Samurai Oda Nobunaga (1534-1582) auf, durch eine kompromisslose Mischstrategie von Zerstören und Taktieren. Die nötigen finanziellen Mittel holte er sich durch Raubzüge und schaffte es, die Gegenden der bedeutenden Städte Kyoto (Kaiser-, Tempel- und Kulturstadt) und Sakai (Handelsstadt) 1578 unter seine Kontrolle zu bringen. Durch geschickte Pflege der Beziehung zu den traditionellen Mächten (Shogunat und Kaiserhof) stabilisierte er seine Macht. Nach seinem Tod führte Toyotomi Hideyoshi (1537-1598) die Reichseinigung fort durch Einführung von Landvermessung, Steuersystem und rigider Ständeordnung. Auf ihn folgte der nachmalige Shogun Tokugawa Ieyasu (1542-1616). In der Edo-Zeit (1600-1868) bildete sich ein zentralistisches Staatswesen aus, an deren Spitze der Schwertadel stand und das für die kommenden 270 Jahre dem Ausland gegenüber eine Politik der Abschliessung betrieb.
Ins Zentrum der Entwicklung des wabi-Tees rückte in dieser Zeit die Stadt Sakai, die seit 1484 von einem lokalen Konzil (egoshu) autonom verwaltet war und sich, von Kriegswirren verschont, zur reichsten und mächtigsten Handelsstadt entwickelte. Die dort und in anderen Freihandelsstädten ansässigen Händler, die oft dem niedrigen Schwertadel entstammten, gewannen an ökonomischer Macht und dominierten zunehmend auch den Geldhandel. Aus ihren Kreisen gingen die bedeutendsten Teemeister der Zeit hervor, zu denen auch Sen Rikyu gehörte.
14 Vgl. dazu etwa: G. Elison u. B.L. Smith ( Hgg.); Warlords, Artists, & Commoners: Japan in the sixteenth century, 1981.
15 Dazu bes. E. Ikegami, Bonds of Civility. Aesthetic Networks and the Political Origins of Japanese Culture, 2005.
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2. Der Teemeister Sen Rikyu (1522-1591) und sein soziales Feld
In der Literatur wird der Teemeister Sen Rikyu als Träger ausserordentlicher künstlerischer Fähigkeiten präsentiert und mitunter sogar zum Heiligen der japanischen Nation stilisiert. 16 Von Rikyu selber ist wenig Geschriebenes erhalten. Als Basis seines Persönlichkeitsbildes und seiner Teelehre gelten die von ihm signierten Aufzeichnungen seines Schülers und Gefährten Yamanoue no Soji (1544-1590). In der Schrift Yama no Sooji-ki stellt Yamanoue Rikyu als Erbe der drei damals bekannten Tee-Schulen dar. 17 Diese Konstruktion ist historisch nicht zutreffend, da einige dieser Teelehrer eine Generation früher lebten. Hinter der falschen Aussage steht wahrscheinlich nicht die Unkenntnis des Yamanoue, sondern dessen Absicht, seinen Lehrer als den bedeutendsten Teemeister darzustellen. In zeitgenössischen Teeaufzeichnungen wird Yamanoue auch sonst als eigenwilliger Teemeister erwähnt, dessen unabhängige Äusserungen dazu führten, dass der Herrscher Hideyoshi ihm Nase und Ohren abschneiden und 1590, eine Jahr vor Sen Rikyu, hinrichten liess.
Rikyū wurde als Sohn des reichen Lagerhausbesitzers Tanaka in der Handelsfreistadt Sakai geboren. Sein Geburtsname war Yoshinase. Schon früh wurde er in die Kreise der bekanntesten Teemeister eingeführt und lernte bei ihnen. Da viele Tempel damals bedeutende Bildungsstätten waren, studierte er auch, wie das üblich war, Zen in einem Tempel in Sakai und erhielt den buddhistischen Namen Hosensai Soeki. Zeit seines Lebens pflegte Rikyu intensive Beziehungen zum Daitoku-ji Tempel in Kyoto, der sich später zur Hochburg der Teezeremonie entwickelte. Zwischen Händlern und Tempel bestanden da enge Beziehungen: Nach der Zerstörung des Daitoku-ji im Onin-Krieg (1467-1477) waren es die Händler aus Sakai, die dessen Wiederaufbau finanzierten.
Rikyu änderte seinen Geburtsnamen Tanaka und wählte den koreanischen Familiennamen Sen seines Großvaters, der aus Korea eingewandert war. Diese Tatsache scheint mir insofern bedeutsam, als Rikyu sich dadurch bewusst in Verbindung brachte mit dem Kulturfürsten und Shogun Ashikaga Yoshimasa (1435-90), in dessen Diensten schon sein Grossvater (als Kunstexperte?) gestanden hatte. 18 Unter dem Patronat von Ashikaga Yoshimasa bildete sich der Beruf des professionellen Tee-Experten (meikiki) aus. Zu diesem Milieu gehörte auch der begüterte Händler und Teemeister Takeno Joo (1502-1555), von dem Rikyu den informellen, sogenannten Grashütten-Teestil (soan) lernte. 19
Takeno Joo stammte aus dem Schwertadel, sein Vater hatte es im Handel mit Kriegsrüstungen zu grossem Vermögen gebracht. In jungen Jahren genoss er eine Ausbildung in einem Tempel in Kyoto und lernte dort in Künstlerkreisen Teezeremonie und Dichtkunst. Zurück in Sakai widmete er sich ausschliesslich der Teepraxis. Seine Sammlung von Teeutensilien war berühmt, und mit Unterstützung des Daitoku-ji Tempels brachte er es bis an die Spitze der Teemeister. Zu den Gästen seiner Teeveranstaltungen zählten Mitglieder der Elite aus Klerus, Kaiserhof und Schwertadel. Als Takeno Joo 1555 starb, erklärte sich Rikyu eigenmächtig zu seinem Nachfolger. Während er seinen eigenen Teestil (wabi) entwickelte, war er gleichzeitig in den Waffenhandel involviert. Sein u.a. daraus resultierender Reichtum wird dokumentiert durch die Sammlung von teuren Teeutensilien und Rollbildern. Er pflegte enge Beziehungen zum politischen Feld: Seine sieben Hauptschüler waren regionale Fürsten (daimyo), die nacheinander alle drei Reichseiniger (Nobunaga, Hideyoshi und Tokugawa) militärisch
16 Dazu bes. E. Kato, The Tea Ceremony. 69f.
17 Dazu zählen die Higashiyama-Schule (Noami, Shima Ukyoo, Kitamuki Doochin), die Nara-Schule (Murata Jukoo, Juushi-Ya Soogo) und die Sakai-Schule (Take no Joo); vgl. H.S. Hennemann, Chasho. Geist und Geschichte der Theorien japanischer Teekunst. 1994, 132-134.
18 Der politisch entmachtete Shogun (militärischer Oberbefehlshaber) Ashikaga Yoshimasa lebte zurückgezogen in seiner Villa in Higashiyama. Er pflegte Blumenkunst und Weihrauchzeremonie, förderte das No-Theater und hatte einen Kunstexpertenstab (doboshu ) um sich, der den Shoin-Teestil entwickelte.
19 Vgl. dazu unten S. 7f.
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Arbeit zitieren:
Rosmarie Wider, 2011, Japanische Teeästhetik als symbolisches Kapital , München, GRIN Verlag GmbH
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