Einleitung
Die Rekonstruktion der gesprochenen Sprache der letzten Jahrhunderte stellt seit einiger Zeit ein sehr interessantes und umfangreiches Forschungsgebiet dar, weil sie in der diachronen Sprachbetrachtung über lange Zeit vernachlässigt wurde. Schon alleine aus dem Grund, dass wir heutzutage keine mündlichen Quellen für gesprochene Sprache in der Geschichte besitzen, wurde bis weit ins 20. Jahrhundert nur der Stand der geschriebenen Sprache untersucht. 1
Auf diese Weise stellte sich den Sprachwissenschaftlern zum Ende des 20 Jahrhunderts eine neue Herausforderung, und zwar die, nach authentischen Zeugnissen der Mündlichkeit in der Geschichte zu suchen. So entstand beispielsweise 1991 das Teilprojekt B9 ‚Nähesprachlich geprägtes Schreiben in der Kolonialhistoriographie Hispanoamerikas (1500-1615)’ im Freiburger Sonderforschungsbereich 321 ‚Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit’. Unter der Leitung von Professor Wulf Oesterreicher wurden so zwischen 1991 und 1996 nicht-literarische Texte zur Entdeckung und Kolonialisierung der Neuen Welt auf nähesprachlich geprägte Merkmale untersucht, um so ein Bild des gesprochenen Spanisch zwischen 1500 und 1615 zu formen. Im Mittelpunkt der Analyse standen die Werke von semiculto-Autoren. Zu beachten ist hier, dass diese nicht aufgrund ihrer meist sogar eher geringen historiographischen Informationen von Interesse waren, sondern aufgrund ihres nähesprachlich geprägten Schreibstils. 2 Das Ziel dieser Arbeit ist es, dem Beispiel des Teilprojektes B9 folgend, den Stand des gesprochenen Spanisch (‚coloquial’) zur Mitte des 16. Jahrhunderts herauszuarbeiten. Hierzu soll die ‚Relación de algunas cosas de las que acaecieron al Muy Ilustre Señor Don Hernando Cortés, Marques del Valle, desde que se determinó ir á descubrir tierra en la Tierra Firme del Mar Océano’ von Andrés de Tapia, einem semiculto-Autor, auf sprachliche sowie textpragmatische Merkmale des gesprochenen Spanisch untersucht werden.
Vorab sollen jedoch in Kapitel 1 und 2 einige Hintergrundinformationen gegeben werden, die für das weitere Verständnis dieser Arbeit von großer Bedeutung sind. So wird zunächst das von Wulf Oesterreicher sowie Peter Koch entwickelte Modell einer Nähe- und Distanzsprache erläutert. Hier wird festgestellt, dass die von Oesterreicher
1 Vgl. Koch/Oesterreicher (1985: 25)
2 Vgl. Oesterreicher (1998: 211-222), Oesterreicher (1996: 151-153), Oesterreicher (1994a: 155)
und Koch so bezeichnete Nähesprache auch unter der Bedingung, dass sie verschriftlicht wird, der gesprochenen Sprache entspricht. Gegeben dieser Voraussetzung kann man sich also auf die Suche nach geeigneten Quelltexten zur diachronen Analyse der gesprochenen Sprache begeben. Dieses stellt allerdings insofern eine Herausforderung dar, als dass die Mehrheit der heute noch erhaltenen historischen Texte literarischer Art sind, die nähesprachlich geprägten Texte hingegen bis auf wenige Ausnahmen nicht-literarischer Art sind. 3 In Kapitel 1.2 dieser Arbeit werden wir dann sehen, dass uns dennoch eine Reihe von Möglichkeiten bleiben, die gesprochene Sprache der vergangenen Jahrhunderte anhand nicht-mündlicher, also dementsprechend anhand graphischer Quellen zu analysieren.
In Kapitel 2 werden als erstes die Besonderheiten der kolonialhistorischen Geschichtsschreibung dargestellt, die die Voraussetzung für das Entstehen von semiculto-Werken bilden. Daraufhin werden in Kapitel 2.2 sowie 2.3 das Ideal der Schriftlichkeit und die Diskurstraditionen der damaligen Zeit erläutert, um so im nächsten Kapitel die semiculto-Autoren von den für uns uninteressanten gebildeten Autoren abgrenzen zu können.
In Kapitel 3 werden zunächst Hintergrundinformationen zu dem semiculto-Autor Andrés de Tapia und zu seinem Werk gegeben und im folgenden Teil wird mit der Analyse der nähesprachlich geprägten Merkmale in de Tapias relación begonnen.
3 Vgl. Cano Aguilar (1996: 376)
1. Schriftlichkeit und Mündlichkeit
1.1 Nähesprachlich geprägte Schreibkompetenz
Anhand des Modells der Nähe- und Distanzsprache von Peter Koch und Wulf Oesterreicher 4 sollen in diesem Kapitel die Termini ‚Schriftlichkeit’ und ‚Mündlichkeit’ erläutert und voneinander abgegrenzt werden. So wird für den weiteren Verlauf dieser Arbeit verdeutlicht, was damit gemeint ist, dass Texte von semiculto-Autoren ‚Spuren von Mündlichkeit’ oder eine nähesprachlich geprägte Schreibkompetenz’ aufweisen. Vorab sollte geklärt werden, welche Schwierigkeiten bzw. Widersprüche die Begriffe ‚Schriftlichkeit’ und ‚Mündlichkeit’ mit sich bringen. Angelehnt an Ludwig Söll 5 wird folgendes Schema angeführt:
Wenn man die letztgenannten Termini in Verbindung mit dem Medium ‚graphischer Kode’ und ‚phonischer Kode’ bringt, ist ersichtlich, dass deutliche Affinitäten zwischen den Begriffe ‚gesprochen’ und ‚phonisch’ (so z.B. ein Interview) sowie zwischen den Begriffe ‚geschrieben’ und ‚graphisch’ (z.B. ein Buch) bestehen. Jedoch sind diese Verbindungen nicht obligatorisch. So könnte man ein Interview auch protokollieren und durch einen graphischen Kode realisieren. Umgekehrt kann man auch ein Buch phonisch realisieren, indem man es vorliest. Wenn man die zwei Begriffe ‚gesprochen’ und ‚geschrieben’ einmal ohne das Medium betrachtet, wird deutlich, dass sie nicht nur die Bedeutungen ‚ausgesprochen’ (phonisch) sowie ‚ausgeschrieben’ (graphisch) besitzen, sondern dass ‚gesprochen’ sich
4 Vgl. hierzu und zu den folgenden Ausführungen Koch/Oesterreicher (1985: 15-24), Koch/Oesterreicher (1990: 5-12) und Koch (2003: 102-105)
5 Vgl. Söll (1980: 11-29)
auf eine mündliche Sprache bzw. Umgangssprache bezieht. Dahingegen spiegelt ‚geschrieben’ eine Schriftsprache wider, in der durch diverse Regeln vorgegeben ist, wie man zu schreiben hat. Ludwig Söll führt hierzu das französische Beispiel an, dass die gesprochene Äußerung ‚faut pas le dire’ (sp. ‚¡decirme la verdad!’) im Geschriebenen der Äußerung ‚il ne faut pas le dire’ (sp. ‚¡decidme la verdad!’) entspricht.
Von großer Bedeutung ist, dass die Termini ‚graphisch’ und ‚phonisch’ eine Dichotomie bilden, da eine Äußerung zu einem bestimmten Zeitpunkt nur entweder phonisch oder graphisch realisiert werden kann. Aus diesem Grund sind diese zwei Bereiche in Abbildung 1 durch eine durchgezogene Linie voneinander getrennt. Man kann auch erkennen, dass dahingegen die Konzeption ‚gesprochen’ bzw. ‚geschrieben’ nur durch eine gestrichelte Linie getrennt ist. Dies ist dadurch zu erklären, dass die beiden Termini ein Kontinuum zueinander bilden, also sozusagen zwei Endpunkte darstellen, zwischen denen es mehrere Abstufungen gibt. Als Bespiel sei an dieser Stelle nur genannt, dass ein Interview entweder sehr formal gehalten werden kann (z.B. mit Politikern) und sich so eher dem Pol ‚geschrieben’ annähert oder auch sehr vertraut in einer Art Umgangssprache ablaufen kann und sich dementsprechend dem Pol ‚gesprochen’ nähert.
Noch genauer wird diese Erkenntnis, wenn man das bisherige Modell, Koch und Oesterreicher folgend, um Kommunikationsbedingungen sowie Versprachlichungsstrategien erweitert:
Der Pol ‚gesprochen’ vereint Kommunikationsbedingungen wie Privatheit, Vertrautheit der Partner, Emotionalität, physische Nähe, etc. und kann deshalb auch als ‚Sprache der Nähe’ bezeichnet werden. Der andere Pol hingegen ‚Sprache der Distanz’ vereint die gegensätzlichen Kommunikationsbedingungen wie Öffentlichkeit, Fremdheit der Partner, keine Emotionalität und physische Distanz. Zwischen diesen beiden extremen Endpunkten gibt es reichlich Raum für graduelle Abstufungen und Mischformen. Passendere Beispiele als die kürzlich genannten wären für dieses Modell a = vertrautes Gespräch (Bereich A: phonisch + Sprache der Nähe), b = Privatbrief (Bereich B: graphisch + Sprache der Nähe), c = Vortrag (Bereich C: phonisch + Sprache der Distanz) und d = Verwaltungsvorschrift (Bereich D: graphisch + Sprache der Distanz). Die Reaktionen der Kommunikationssubjekte auf die unterschiedliche Positionierung innerhalb dieses Kontinuums werden in Abbildung 2 durch die Versprachlichungsstrategien dargestellt. So z.B. wäre ein vertrautes Gespräch unter Freunden verbunden mit Vorläufigkeit, geringem Planungsaufwand, etc. Außerdem ist eindeutig, dass es vielmehr störend wäre, wenn die genannten Gesprächspartner ihre Konversation beispielsweise mit einem hohen Planungsaufwand verbinden würden. Zusammenfassend ist der wichtigste Punkt in diesem Kapitel, dass Texte, die sich im Bereich B befinden, zwar graphisch realisiert sind, aber dennoch der gesprochenen Sprache entsprechen und sie demzufolge eine nähesprachlich geprägte Schreibkompetenz aufweisen. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll dementsprechend der Begriff ‚Nähesprache’ verwendet werden, der äquivalent zu den Begriffen ‚mündlich’ oder ‚Umgangssprache’ (im Spanischen ‚coloquial’) ist.
1.2 Zeugnisse der gesprochenen Sprache in der Geschichte
Bevor wir mit der Analyse des gesprochenen Spanisch im 16. Jahrhundert anhand eines Quelltextes eines semiculto-Autors beginnen, sollte zunächst geklärt werden, warum gerade dieser für die Analyse in dieser Arbeit bevorzugt wird und welche Quellen uns außerdem zur Verfügung stehen.
Ein großes Problem bei der adäquaten Quellenfindung, das uns allen einleuchten sollte, ist die Tatsache, dass es heutzutage keine phonischen Quellen der damaligen Zeit gibt. So gibt es heute weder lebendige Sprecher noch Tonaufnahmen, da einerseits diese Menschen schon seit hunderten von Jahren tot sind und es andererseits noch keine Geräte gab, um die Sprache festzuhalten.
Da wir demzufolge keine Quellen im Bereich des phonischen Mediums zur Analyse der gesprochenen Sprache des 16. Jahrhunderts nutzen können, bleibt uns nur die Suche nach passenden Quellen im graphischen Bereich, also dementsprechend die Suche nach schriftlichen Zeugnissen der Mündlichkeit.
Wie wir im vorherigen Kapitel gesehen haben, besteht ein großer Unterschied zwischen einer Sprache der Nähe und einer Sprache der Distanz. Durch diese Erkenntnis ist es uns nunmehr möglich, anhand der geschrieben Texte, die sich im Bereich B befinden und somit einen nähesprachlich geprägten Schreibstil aufweisen, das gesprochene Spanisch der vergangenen Jahrhunderte zumindest annähernd zu rekonstruieren. Die Quellen aus diesem Bereich sind verschiedenster Art und bieten ebenfalls auch unterschiedliche Grade an Adäquatheit:
• Zum einen wären da Texte, die von Schreibnovizen bzw. semicultos geschrieben wurden. Wie noch in Kapitel 2 ausführlich diskutiert wird, sind diese Texte von einfachen Leuten verfasst worden, die des Schreibens nur wenig mächtig waren, und zeigen daher viele Spuren einer konzeptionellen Mündlichkeit auf. In diesen Bereich fallen zusätzlich zu den Werken, wie den relaciones und crónicas, die von den soldados cronistas verfasst wurden, zahlreiche Texte anderer Art, wie Zeitungsannoncen, Familienbücher, Tagebücher oder Privatbriefe. Bei letztgenannten ist besonders hervorzuheben, dass die Autoren privater Briefe meistens ihren Bekannten schrieben, denen sie nur über alltägliche Dinge berichten wollten. Somit ist klar, dass sie weder für die Öffentlichkeit noch für die Ewigkeit schrieben und somit im Gegensatz zur Literatur eine ganz andere Absicht verfolgten. Aus diesem Grund war bei ihnen der Schreibstil im Gegensatz zu den soldados cronistas vollkommen irrelevant. So ergibt sich, dass auch Privatbriefe aus jener Zeit eine gute Quelle darstellen. Analysen zu diesem Gebiet bietet beispielsweise Rafael Cano Aguilar 6 .
• Eine weitere Quelle stellen Protokolle nähesprachlicher Äußerungen dar, die zur damaligen Zeit aus verschiedenen Anlässen niedergeschrieben wurden. Beispiele hierfür sind Gerichtsprozesse, bei denen alles, was gesagt wurde, von einem escribano festgehalten werden musste. So beschäftigte sich z.B. Rolf Eberenz 7 mit den Inquisitionsakten des 16. Jahrhunderts und hat deren Wert für die heutige Rekonstruktion des Spanischen des besagten Jahrhunderts ermittelt.
6 Vgl. Cano Aguilar (1996: 375-404)
7 Vgl. Eberenz (1998: 243-266)
Diese Art von Zeugnissen kann als relativ authentisch eingestuft werden, weil die Aussagen insbesondere der Angeklagten einen sehr hohen Grad an spontaner Nähesprache enthalten. Allerdings lässt sich heute leider nicht feststellen, ob und inwiefern der escribano die Äußerungen während des
Verschriftlichungsprozesses verändert hat. Durch den eventuellen Einfluss des escribanos können auch diese Zeugnisse nur bedingt zur Lösung unserer Fragestellung beitragen.
• Des Weiteren können auch einige literarische Werke des 16. Jahrhunderts bedingt als Quelle angesehen werden. Hierzu zählen beispielsweise dramatische Dialoge in Komödien oder anderen Stücken (z.B. die „Entremeses“ von Cervantes), aber auch zitierte direkte Rede in narrativen Texten (z.B. die Äußerungen Sancho Panzas im „Don Quijote“ von Cervantes). Das Problem bei dementsprechenden literarischen Werken ist allerdings, dass die kommunikative Nähe durch den Autor nur simuliert wird. Außerdem können diese Dialoge und Aussagen durch den Autor mit einer zusätzlichen Intention versehen sein, so z.B. mit einer parodistischen, satirischen oder polemischen Intention, die die Authentizität dieser Zeugnisse für den Stand des gesprochenen Spanisch in Frage stellen würde. Gute Ansatzpunkte zur Analyse dieses Themas bieten beispielsweise José Jesús de Bustos Tovar 8 und Antonio Narbona Jiménez 9 .
• Eine vierte Quelle stellen die Arbeiten dar, in denen von Grammatikern sowie Lexikographen sprachliche Phänomene herausgearbeitet wurden, welche in Texten des Distanzbereichs des 16. Jahrhunderts nicht genutzt werden durften und somit als typisch für den Nähebereich eingestuft werden dürften.
• Als weitere Quelle der Mündlichkeit können Gesprächsbüchlein dienen, die ab dem 14. Jahrhundert entstanden sind und in denen Musterdialoge zur Verständigung zwischen zwei Sprachen notiert waren. Die Dialoge besitzen somit zwar einen gewissen Grad an konzeptioneller Mündlichkeit, es muss jedoch beachtet werden, dass sie nicht spontaner Natur sind und zudem einfach aufgebaut sind, um lediglich eine einfache Kommunikation zu ermöglichen. Außerdem ist bekannt, dass bei den Übersetzungshilfen wie den zahlreichen Glossen aus dem Mittelalter die Benutzer bei ihrer Übersetzung meist auf die Nähesprache zurückgriffen, weil ihnen diese besser bekannt war und so ein
8 Vgl. Bustos Tovar (1996: 359-374)
9 Vgl. Narbona Jiménez (2007: 65-111)
Arbeit zitieren:
Lisa Elsner, 2010, Das gesprochene Spanisch im 16. Jarhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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