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1. Einleitung
Autismus als Krankheitsbild bereitet nicht nur den Betroffenen sondern auch ihrem nahen sozialen Umfeld große Schwierigkeiten. Alltagssituationen werden zu anspruchsvollen Aufgaben und diese fordern Zeit und Aufwand ein. Dazu gehört auch das Aneignen eines Bildungsniveaus, welches zum gewünschten sozialen und beruflichen Erfolg führt. Es gibt bisher nur wenige Autisten von denen man hört, dass sie berufliche Erfolge erzielt haben. Schaffen es Menschen mit dem „Asperger-Syndrom“ im Berufsleben Ansehen zu erlangen, hört sowie liest man in den Medien von ihnen und sie rücken somit mehr in den Mittelpunkt der Gesellschaft. So auch Therese Joliffe. Vor einigen Jahren war sie die erste Person mit dem Krankheitsbild des Autismus, die ihren Doktortitel in der Autismus-Forschung machte. Das Ansehen ihrer Person verschaffte den anderen Menschen mit Autismus neue Hoffnung und lässt die These aufstellen, dass Autisten sowohl die Selbstständigkeit als auch die Kompetenzen besitzen um im Berufsleben erfolgreich zu sein. Dabei spielt offenbar nicht nur die persönliche Leistung, trotz der Behinderung einen hohen Bildungsgrad zu erreichen, eine wichtige Rolle, sondern auch die Tatsache, dass Erfolg ebenfalls die Akzeptanz und die Bereitschaft, einen angemessenen Umgang mit der Behinderung der Betroffenen zu pflegen, im beruflichen Umfeld voraussetzt. Die Kompetenzen der Autisten und die des sozialen Umfelds können gefördert werden um die beruflichen Erfolge ihrerseits zu erhöhen. Doch wie sieht es mit den Bildungschancen von Autisten im Allgemeinen aus? Können Menschen mit dem Krankheitsbild des Autismus im Beruf genauso erfolgreich werden, wie Menschen ohne Behinderung und welche Bildungschancen werden ihnen ermöglicht?
Diese Arbeit erklärt zunächst den Begriff des Autismus und zeigt auf, im welchen Zusammenhang er zu dem „Asberger-Syndrom“ steht. Des Weiteren werden die Merkmale eines Autisten beschrieben, sowie die Begrifflichkeit von Bildung definiert. Wird der Begriff der Bildung im Zusammenhang mit den Bildungschancen von Autisten genauso definiert oder weist der inflationär verwendete Begriff der Bildung Unterschiede auf? Weiterer Bestandteil des Hauptteils wird die Analyse der Kompetenzförderung im Kindergarten, in der schulischen Bildung und in der beruflichen Bildung von Autisten sein. Nachfolgend werden die Grenzen der Bildung von Autisten aufgezeigt und ein Beispiel für ein Förderprogramm dargestellt. Die These, dass Autisten sowohl die Selbstständigkeit als auch die erforderlichen
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Kompetenzen zur beruflichen Bildung erlangen können, wird am Ende der Analyse erläutert und in einem abschließenden Fazit bewertet.
2. Begriffserklärungen und Bildung im Diskurs
Um genauere Aussagen darüber zu machen, welche Bildungschancen Menschen mit Autismus haben, müssen zunächst ein paar Begriffserklärungen folgen. Was ist überhaupt Autismus und welche Krankheitsmerkmale weist der Autismus auf? Des Weiteren wird der Bildungsbegriff definiert und der Diskurs darüber geführt, inwiefern sich der Begriff der Bildung im Allgemeinen mit dem Bildungsbegriff im Zusammenhang mit dem Autismus unterscheidet.
2.1 Der Autismus
Das Krankheitsbild eines Autisten ist in groben Zügen generell in unserer Gesellschaft bekannt. Man weiß im Allgemeinen, dass ein Autist eine Behinderung besitzt, die ihn im Vergleich zu nichtbehinderten Menschen das Leben erschwert. Ein Autist besitzt nicht die Fähigkeit, sich mit nichtbehinderten Menschen verständnisvoll kommunizieren zu können. Des Weiteren vermutet man als Laie, dass ein Autist auch ein anderes Auffassungsbild und Wahrnehmungsbild von der Umwelt hat, was den Interaktionsprozess mit Menschen ohne Behinderung deutlich erschwert. Doch was bedeutet letztendlich der Begriff des Autismus und welche Symptome treffen auf das Krankheitsbild eines Autisten zu?
Der Begriff des Autismus wurde erstmals 1911 von dem Schweizer Psychiater Eugen Bleuer eingeführt. 1 Er charakterisierte mit diesem Begriff das Verhalten schizophren Erkrankter, die sich gedanklich in eine Binnenwelt zurückziehen, zunehmend weniger Kontakt zu ihren Mitmenschen aufrechterhalten und sich durch traumhaft-phantastischen Gedanken in sich kehren und sich umweltabgewandt hingeben. 2 Fast gleichzeitig wurde der Begriff des Autismus von dem Amerikaner Kanner und dem Österreicher Asperger auf zwei Arten gestörter Kinder angewandt. 3 Kanner spricht von einer „autistischen Störung des affektiven Kontakts“, welches heutzutage als frühkindlicher Autismus beschrieben wird, Asperger dagegen von einem „gestörten Kontaktverhalten“, einer „Einengung auf das eigene Selbst“ und einer damit verbundenen Beschränkung der Reaktionen, der Antworten auf die Reize der Umwelt, das als Asperger-Syndrom bekannt wurde. 4 Die Forschung
1 Vgl. Remschmidt (2005) S.9
2 Vgl. Remschmidt (2005) S.9
3 Vgl. Eichhorn, Goetze, Klein (1982) S.16
4 Vgl. Eichhorn, Goetze, Klein (1982) S.16
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verfolgt die Erstbeschreibungen dieses Phänomens mit großem Interesse und trotz allem wird der Begriff des Autismus von vielen Autoren als ein nicht eindeutig festzulegender Begriff, der in vielerlei Hinsicht angewandt wird, verstanden. Es haben sich in der Vergangenheit mehrere autistische Erscheinungsbilder herauskristallisiert, die aufzeigen, dass das Verhalten von Autisten sehr vielfältig ist und sich im Laufe des Lebens verändern kann. 5 In den heutigen Diagnosekriterien wird der Autismus allgemein zwischen dem frühkindlichen Autismus und dem Asperger-Syndrom differenziert, die sich im Wesentlichen durch ihre Entwicklung dadurch unterscheiden, dass Kinder mit Autismus bereits vor dem dritten Lebensjahr auffällig werden, Kinder mit dem Asperger-Syndrom dagegen nicht. 6 Generell lässt sich sagen, dass der frühkindliche Autismus und das Asperger-Syndrom die Autismus-Spektrum-Störung bilden, von der heutzutage gesprochen wird, wenn im Allgemeinen von Autismus die Rede ist. 7
Im Katalog für „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“, kurz gefasst ICD-10, gehört die Autismus-Spektrum-Störung zur Gruppe der Entwicklungsstörungen. 8 Der Autismus galt früher, etwa im siebtzehnten Jahrhundert als eine seltene Erkrankung. 9 Die Prävalenzrate der autistischen Störung liegt je nach der gewählten Erhebungstechnik und der angewandten Diagnosekriterien zwischen vier und achtunddreißig Fällen auf Tausend Geburten. 10 In epidemiologischen Untersuchungen ist die Prävalenz für das autistische Spektrum seit dem zwanzigsten Jahrhundert auf ca. sechs pro tausend gestiegen und weist heutzutage somit eine Erhöhung der Anzahl von Menschen mit der Autismus-Spektrum-Störung auf. 11 Probleme zeigten sich bei der Untersuchung im Hinblick auf die Komorbidität, also auf die Begleiterkrankungen. Untersuchungen haben eine Reihe unterschiedlicher Behinderungs- und Krankheitsbilder gezeigt, die häufig mit dem Autismus einhergehen. Detailliert formuliert, haben in etwa siebzig Prozent aller Menschen mit einer autistischen Störung eine zusätzliche Behinderung. 12 Ätiologische Zusammenhänge zwischen Autismus und weiteren Erkrankungen konnten allerdings bisher nicht nachgewiesen werden. 13
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Vgl. Poustka, Bölte, Feineis-Matthews, Schmötzer (2004) S.8
6 Vgl. Poustka, Bölte, Feineis-Matthews, Schmötzer (2004) S.15
7 Vgl. Noterdaeme, Enders (2010) S.29
8 Vgl. Noterdaeme, Enders (2010) S.29
9 Vgl. Noterdaeme, Enders (2010) S.31
10 Vgl. Müller (2007) S.20
11 Vgl. Noterdaeme, Enders (2010) S.31
12 Vgl. Müller (2007) S.20
13 Vgl. Müller (2007) S.21
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Das Krankheitsbild von Menschen mit der Autismus-Spektrum-Störung weist vielfältige und stets veränderte Symptome auf. Generell lassen sich aber einige Merkmale als immer wieder genannt und essentielle Symptome des Autismus aufzeigen. Das Einsetzen der Symptomatik mit dem Lebensbeginn, spätestens jedoch bis zum dritten Lebensjahr, gilt als eines der essentiellen Erkennungsmerkmale. 14 Autisten haben ein zwanghaftes Bedürfnis nach Gleicherhaltung der dinglichen Umwelt und häufig auch eine pathologische Bindung an bestimmte Objekte. 15 Ein weiteres Symptom für Menschen mit der Autismus-Spektrum-Störung ist die auffällige Sprachentwicklung, die entweder ganz ausbleibt, stark verzögert ist oder zu einer nichtkommunikativen Echolalie-Spache, das heißt durch ständige Wiederholungen der gleichen Sätze erkennbar, führt. 16 Letztes allgemeines Merkmal für Autismus sind die motorischen Handlungsstereotypien von häufig ritualisiert-zwanghaftem Charakter, die sich zum Beispiel durch dauerhaftes fixieren eines Gegenstandes oder Laufen auf einer Stelle bemerkbar machen. 17
Für Autisten, die oftmals noch eine zusätzliche Behinderung aufweisen, ist meistens eine lebenslängliche umfassende Betreuung und Versorgung notwendig, die durch eine Tagesbetreuung oder Vollzeiteinrichtung, beziehungsweise einer spezifischen Einrichtung für Autismus gewährleistet werden kann. 18
2.2 Bildung
„Der oft behauptete Einmaligkeitscharakter des deutschen Bildungsbegriffs scheint zunächst gegenüber den westeuropäischen, lateinisch beeinflussten Sprachen zu gelten: in direkter Ableitung lassen sich alle romanischen Sprachen und indirekt [...] auch Englisch auf ein lateinisches Grundwort educatio beziehen, in dem etymologisch der Gedanke des Herausführens aus einem Rohzustand […] angesprochen wird“. 19 Historisch betrachtet ist darauf hinzuweisen, dass es sich bei dem Begriff der Bildung um einen spezifisch deutschsprachigen Begriff handelt, der in seiner Bedeutungsschwere und in seiner Eigenständigkeit in anderen Sprachen so nicht existiert. 20 „Während im Deutschen nämlich zwischen »Erziehung« und »Bildung« zu unterscheiden ist, werden in anderen Sprachen, etwa im Englischen
14 Vgl. Eichhorn, Goetze, Klein (1982) S.17
15 Vgl. Eichhorn, Goetze, Klein (1982) S.17
16 Vgl. Eichhorn, Goetze, Klein (1982) S.17
17 Vgl. Eichhorn, Goetze, Klein (1982) S.17
18 Vgl. Aarons, Gittens (1999) S.124
19 Hörner, Drinck, Jobst (2008) S.9
20 Vgl. Lederer (2008) S.11
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und Französischen, beide Begriffe synonym verwandt (»education«)“. 21 Doch woran unterscheidet sich demnach Erziehung von Bildung?
Tenorth bezeichnet in seinem Buch „Geschichte der Pädagogik“ die Bildung als diejenige gesellschaftliche Praxis, in der sich die Subjekte selbstständig fortentwickeln und ihre Kultur aneignen und besagt, dass die Bildung von Subjekten nicht zeitlich zu begrenzen ist, sondern ein Leben lang andauert und dass sie das gesamte Bündel von universalen Kompetenzen und speziellen Fertigkeiten umfasst, die in dem Prozess der Aneignung von Welt genutzt werden. 22 Der Begriff der Erziehung lässt sich dagegen als Beschreibung für einen Prozess verwenden, in dem das Individuum an den und durch die „Reaktion der Gesellschaft, auf die Entwicklungstatsache“ die Kompetenzen überhaupt erstmals erwirbt, um somit selbstständig an der Auseinandersetzung mit der Kultur teilzunehmen, die der Bildungsprozess aufzeigt und sein Begriff beschreibt. 23 Der Erziehungsprozess hat in Abgrenzung zum Bildungsbegriff also nicht nur ein zeitliches Ende, sondern auch im Erwerb und in der Vermittlung von Kompetenzen, die zur Prämisse von Teilhabe werden, ein genuines Thema. 24
Der spezifisch deutsche Bildungsbegriff hat einen theologischen Ursprung, entstand im Mittelalter und wurde in der Zeit der Aufklärung säkularisiert. 25 Aufgrund der geschichtlichen Wandlungen unter anderen durch Pestalozzi, Herder, Goethe oder Kant blieb der Versuch eine einheitliche Definition von Bildung zu ermöglichen, erfolglos. „Es gibt […] keine Definition, mit der festgelegt werden könnte, was Bildung für allemal inhaltlich bedeutet, so daß jedermann einer solchen Bestimmung beipflichten müßte. Lediglich eine formale Kennzeichnung ist möglich, der zufolge sich Bildung als ein komplexer Prozeß begreifen lässt, in dem eine als wünschenswert ausgegebene Persönlichkeitsstruktur hervorgebracht werden soll. Der Prozeß selbst unterliegt gesellschaftlichen, ökonomischen, auch institutionellen Bedingungen“. 26 Aufgrund der Vieldeutigkeit des Bildungsbegriffs gilt aus pädagogischer Sicht, dass dieser durch keinen anderen zu ersetzen ist und sich somit theoretische Äquivalente und Ersatzbegriffe, beispielsweise Kompetenz, Lernen, Identität, Qualifikation, Emanzipation oder auch Sozialisation, für den
21 Lederer (2008) S.11
22 Vgl. Tenorth (2008) S.25
23 Vgl. Tenorth (2008) S.25
24 Vgl. Tenorth (2008) S.25
25 Vgl. Lederer (2008) S.12
26 Lederer (2008) S.15
Arbeit zitieren:
Britta Siegert, 2011, Bildungschancen von Autisten, München, GRIN Verlag GmbH
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