Master-Thesis
An der
Hochschule Regensburg Fakultät: Angewandte Sozialwissenschaften Sommersemester 2011
Masterstudiengang „Soziale Arbeit - Inklusion und Exklusion“
Vorgelegt von:
Philipp Rösel
Inhalt
Abk ürzungsverzeichnis III
1 Einleitung: Kritische Soziale Kulturarbeit. 1
1.1 Kultur und Kulturbegriff. 2
1.2 Soziale Kulturarbeit 4
1.3 Kulturkritik 6
1.4 Kulturindustrie 9
1.5 Kritik, Kritische Theorie und die Soziale Kulturarbeit. 11
2 Methodenreflexion 16
2.1 Hermeneutik: allgemeine Klärung des Begriffes. 16
2.1 Verstehen, Auslegung und Applikation nach Gadamer. 16
2.2 Der Automatismus der Applikation. 18
3 Kritische Theorie 20
3.1 Die Dialektik der Aufklärung 20
3.1.1 Adornos und Horkheimers Begriff der Aufklärung. 20
3.1.2 Die Kulturindustrie und der Massenbetrug. 24
3.2 Ästhetik und Theorie nach Adorno. 29
3.2.1 Der Doppelcharakter der Kunst 30
3.2.2 Kunst und Utopie 31
3.2.3 Natur- und Kunstschönes. 33
3.2.4 Das Hässliche. 35
3.3 Frankfurter Schule und der Film: Theodor W. Adorno und Walter Benjamin als
Beispiele für eine Kontroverse 38
3.4 Kritische Reflexion: Adornos Relevanz, Aktualität und Aussagekraft aus heutiger
Sicht 41
3.4.1 Negative Dialektik, Nihilismus und Utopie. 42
3.4.2 Die Manipulationsmacht der Kulturindustrie heute. 43
3.4.3 Emanzipation und pädagogischer Wert Kritischer Sozialer Kulturarbeit 45
3.4.4 Kulturindustrie und Populärkultur: Erkenntnisse und Ergänzungen durch die
Cultural Studies. 47
4 Der Film als Medium Kritischer Sozialer Kulturarbeit. 49
4.1 Weshalb Film? 49
4.2 Ästhetische Erfahrung und Film 50
4.3 Bildung und Medien - medienpädagogische Perspektiven 54
4.4. Filmästhetik und -didaktik 59
4.4.1. Affektivität und Emotionen 59
4.4.2 Didaktik der Erzählung: ein medienintegratives Modell. 64
I
4.5 Filme verstehen: kurze Einführung in die Filmanalyse 69
4.5.1 Inhaltliche Analyse des Films. 69
4.5.2 Publikum und mehrdimensionales Modell der Filmanalyse. 71
5 David Lynch 75
5.1 „Lynchville“: einige Fakten und Aspekte. 76
5.2 Schein, Fassade und das Böse in David Lynchs Werken 81
5.3 Exemplarische Analysen. 86
5.3.1 Twin Peaks: das tragische Ende der zivilisierten Gesellschaft. 86
5.3.2 Dune: über einen gescheiterten Messias und den Faschismus 89
5.4 Weshalb Lynch? 93
6 Vergleich: Adorno und Lynch 98
6.1 Schnittmengen zwischen Kritischer Theorie und David Lynch 98
6.2 Unterschiede in den beiden Positionen. 102
6.3 Fazit 105
7 Erträge für Kritische Soziale Kulturarbeit - Gesamtfazit 107
7.1 Kritische Theorie 107
7.1.1 Kritische Theorie und ihr Wert für die Kritische Soziale Kulturarbeit 107
7.1.2 Bedingungen und Einschränkungen 110
7.2 Das Medium Film 111
7.2.1 Erträge und Potenziale für Kritische Soziale Kulturarbeit 111
7.2.2 Ergänzende Anmerkungen. 113
7.3 Kritische Soziale Kulturarbeit mit dem Medium Film und Kulturelle Inklusion114
7.3.1 Kulturelle Inklusion und Kritische Theorie 114
7.3.2 Kulturelle Inklusion und Film. 117
7.3.3 Abschließende Anmerkungen, Ergänzungen. 118
8 Filmverzeichnis diskutierter/erwähnter Werke. 121
9 Kleines Lynch-Stichwortverzeichnis. 122
10 Literatur 124
11 Abbildungsverzeichnis. 129
II
1 Einleitung: Kritische Soziale Kulturarbeit
Gegenstand der hier vorliegenden Arbeit soll sein, eine theoretische sowie praktikable Darstellung des Ansatzes Kritischer Sozialer Kulturarbeit [KSK] nach den theoretischen Vorlagen Theodor W. Adornos und den Werken des Regisseurs David Lynch zu leisten. Der Ansatz soll folglich Inhalte der Sozialen Kulturarbeit mit jenen der Kritischen The-orie [KT] sowie Werken Lynchs verbinden. Hierfür sollen sowohl Berührungspunkte (z.B. Ästhetik und Gesellschaftskritik) wie auch Unterschiede aufgezeigt werden. Das zugrunde liegende Medium des hier dargestellten und erarbeiteten Konzeptes ist - bezogen vor allem auf David Lynch - der Film.
Zunächst soll jedoch der Ansatz der KSK allgemein dargestellt und begründet werden, was eine grundlegende Erläuterung zentraler Begrifflichkeiten wie Soziale Kulturarbeit und Kulturkritik voraussetzt. Weiter werden anschließend die relevanten, theoretischen Überlegungen von Theodor W. Adorno erläutert, kritisch reflektiert, auf ihre Aktualität hin geprüft und ggf. an die somit neuen Anforderungen und Gegebenheiten angepasst. Hierzu sei bereits an früher Stelle angemerkt, dass viele der in dieser Master-Thesis aufgeführten Begriffe - wie beispielsweise jene der Kulturindustrie, der Kulturkritik und andere theoretische Ausführungen der Frankfurter Schule - zumindest in Teilen einer an die Gegenwart angepassten Neubeurteilung bedürfen, da sie heute teilweise umstritten sind, bzw. als veraltet gelten. Die Frage, ob die Rhetorik von Adorno, Benjamin und Horkheimer etwa noch zeitgemäß und für moderne Kulturarbeit anwendbar ist, scheint daher durchaus berechtigt. Dennoch sei bereits in den hier einleitenden Gedanken angemerkt, dass sowohl Kulturkritik wie auch Kulturindustrie gerade in Zeiten der Ökonomisierung sämtlicher Schutzbereiche der Kultur durchaus die Chance einer Renaissance eingeräumt werden sollte.
Zusätzlich zu Adornos theoretischer Grundlage wurde als methodisches Element der Film und im Genaueren - als Inspirations- und Ideenquelle - das Werk des amerikanischen Regisseurs David Lynch ausgewählt. Wieso gerade Lynch sich für KSK eignet, wird daher ebenfalls beleuchtet. Sowohl was die Behandlung der Frage nach der Ästhetik wie auch der Gesellschafts- bis Kulturkritik anbelangt, kann vermutet werden, dass sich sowohl in Lynchs Werken wie auch in Adornos Theorie durchaus Parallelen finden lassen, die für den hier zu erarbeitenden Ansatz wertvoll sind. Angangs jedoch bedarf es einer näheren Erläuterung vorausgesetzter Begriffe, die dieser Master-Thesis zugrunde liegen, wie etwa den Kulturbegriffen, jenem der Sozialen Kulturarbeit, der Kulturkritik und der Kulturindustrie, bevor anschließend tiefer in die theo-
retischen Überlegungen der verwendeten Positionen - angefangen mit der KT von A-dorno und Horkheimer etc. - eingestiegen wird. Begonnen werden soll mit dem Begriff der Kultur allgemein, in aller Kürze, jedoch unausweichlich als Basis für ein Verständnis von Kulturtheorie und somit Sozialer Kulturarbeit.
1.1 Kultur und Kulturbegriff
Trotz des Umstandes, dass der Begriff Kultur ein quasi omnipräsenter ist, bedarf er in den einleitenden Gedanken zu dieser Arbeit einer zwar kurzen, jedoch genaueren, wissenschaftlichen Betrachtung, was genau mit welchem Begriff von Kultur beschrieben werden soll, bzw. wird. Die Notwendigkeit einer Definition und wissenschaftlichen Erläuterung von Kultur kann anhand einfacher Überlegungen aus dem Alltag belegt werden. Was ist Kultur? Wovon spricht man, wenn von Kultur die Rede ist? Was z.B. manche Personen unter Kultur verstehen, mag für andere als Geschmacklosigkeit oder Kitsch gelten. Bei wissenschaftlicher Betrachtung und der Formulierung eines Ansatzes für professionelle Soziale Kulturarbeit kann also folglich nicht die Rede von einem rein durch Geschmack und Interesse bzw. durch subjektive Bewertung gefärbten Kulturbegriff sein. Im Folgenden sollen daher die in dieser Arbeit vorausgesetzten Begriffe und Definitionen von Kultur bestimmt werden, da sie für das Verständnis der Ausführungen und deren wissenschaftliche Fundierung wichtig sind.
Der Begriff Kultur stammt aus dem Lateinischen (cultura: Pflege, Landbau) und bezeichnet Relationen von zunächst unbestimmtem Handeln zu unbestimmten Beobachtungen. Werden diese Elemente dann jedoch von unbestimmten zu bestimmten Faktoren transferiert, wird die Kultur selbstverständlich. 1 Dieser sehr abstrakte Gedanke, der jedoch in einer gewissen Form allen Kulturbegriffen zugrunde liegt, beschreibt ein wesentliches Element der Kultur: die Festlegung auf eine Bestimmtheit des Handelns, also eine Definition.
Im Laufe der Geschichte können unterschiedliche Definitionen - bzw. Wandlungen dieser - von Kultur entdeckt werden. Von der Antike bis in die Neuzeit hat sich der Begriff immer wieder und weiter verändert. Er wurde von unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen - von der Philosophie bis hin zur Soziologie und den Kulturwissenschaften - unterschiedlich verwendet. So beschrieb etwa Immanuel Kant gemäß seiner „Kritik der Urteilskraft“ die Kultur als die Hervorbringung von Tauglichkeit des
1 Vgl. Baecker, D., 2006, Kultur, In: Trebeß, A. (Hrsg.), Metzler Lexikon Ästhetik, Kunst, Medien, De-
sign und Alltag, Stuttgart: J.B. Metzler & Carl Ernst Poeschel, S. 211-214.
vernünftigen Wesens allgemein, wobei der Zweck beliebig ist. 2 Der Soziologe Niklas Luhmann beschrieb Kultur hingegen wie folgt:
„[…]als das Gedächtnis der Gesellschaft, in dem sie festhält, vergleicht und bewertet, aber auch vergisst und wieder erinnert, welche Lebensformen sie dafür befindet, den Menschen würdig und zuträglich zu sein.“ 3
Während Kant die Kultur also vor allem im Sinne von Vernunft und Zivilisation schilderte, setzte Luhmann an Bewertungsmaßstäben für bestimmte Werte und Normen an, also in Form eines Ansatzes von gesellschaftlich akzeptablen Lebensformen bzw. -weisen. Es wird somit deutlich, dass Kultur unterschiedlich definiert werden kann, globaler und konkreter, vom jeweiligen Interesse und Standpunkt sowie der wissenschaftlichen Nutzung des Kulturbegriffs abhängig. Daher soll sich im Folgenden auf eine relativ simple, für die Soziale Kulturarbeit jedoch praktikable und ausreichende Eingrenzung von drei Kulturbegriffen beschränkt werden. Diese werden im weiteren Verlauf dieser Ausführungen bei Verwendung mit Kultur I, II und III benannt. Es wird sich dabei auf die Kategorisierung des Kulturbegriffs nach Hansen berufen. Dieser nennt zwar vier Kulturbegriffe - wie auch Baecker -, wobei der vierte für Soziale Kulturarbeit auf-grund seiner technischen Natur jedoch weitgehend uninteressant ist und daher in dieser Arbeit unberücksichtigt bleibt. 4
1. Kulturbegriff I: Dieser bezeichnet den sogenannten „Kulturbetrieb“. Kultur ist demnach das Ergebnis künstlerischen, kreativen und damit kulturellen Schaffens. Kultur I bezeichnet z.B. das Gemälde, die Oper oder auch den Film, also kurz: Kultur als Kunst.
2. Kulturbegriff II: Kultur II beschreibt Kultur als eine Lebensart. Dieser Kulturbegriff kann z.B. in Form von Bewertungen der Lebensstile anderer Menschen („die haben doch keine Kultur, nehmen nicht einmal Messer und Gabel!“) oder auch zur Beschreibung kultureller Zuordnung zu bestimmten Strömungen wie z.B. sogenannten Subkulturen (kann jedoch auch unter Kultur III fallen) gebraucht werden.
3. Kulturbegriff III: Der dritte Kulturbegriff ist der globalste der hier vorgestellten. Er beschreibt die Kultur als Eigenarten, Besonderheiten, Werte, Normen
2 Vgl. Kant, I., 2007, Die drei Kritiken, Eine kommentierte Auswahl, Stuttgart: Kröner, S. 348-349.
3 Baecker, 2006, Kultur, S. 213.
4 Vgl. Hansen, K.P., 1995, Kultur und Kulturwissenschaft: Eine Einführung, Tübingen und Basel: Fran-
cke, S. 9-17.
und Sitten einer Gesellschaft. Die Kultur ist also als all jenes, was eine bestimmte Gruppe von Menschen - z.B. eine Gesellschaft - gemein hat, definiert. Der amerikanische Ausdruck way of life kommt der Bedeutung von Kultur III wohl am nahesten.
Müller-Funk beschreibt Kultur III ähnlich, geht aber in seiner Definition noch etwas weiter. Mit seinen Beispielen wie der „Kultur der Mayas“ oder der „Kultur der Griechen“ zeichnet er zwar - ähnlich wie Hansen - ein Bild von Kultur III als Normen- und Sozialstruktur bzw. way of life. Er nennt jedoch zusätzlich die Komponente des Menschgeschaffenen. Dies bedeutet, Kultur als all jenes große Ganze, was der Mensch (z.B. die Griechen) geschaffen, erfunden oder hinterlassen hat. 5
Obwohl sich Soziale Kulturarbeit zwangsläufig größtenteils an Kultur I orientieren muss, da Kultur II und III durch ihre jeweiligen Exklusionspotenziale für Nichtangehörige der jeweiligen In-Groups problematisch erscheinen können, sollen hier dennoch drei Kulturbegriffe eingeführt werden. Dies ist vor allem vor dem Hintergrund der später erläuterten KT und allgemein jenem der Kulturkritik nötig, da jene ihre Kritik an allen drei Kulturbegriffen ansetzen. Soziale Kulturarbeit jedoch arbeitet als Methode vor allem mit Kunst, im hier zugrunde liegenden Ansatz mit dem Film. Im Folgenden soll nun kurz einleitend eine grobe Veranschaulichung und Einordnung der Sozialen Kulturarbeit selbst erfolgen, also was sich hinter dem Begriff im Wesentlichen verbirgt.
1.2 Soziale Kulturarbeit
KSK setzt sich aus zwei Elementen zusammen: dem Ansatz der Sozialen Kulturarbeit sowie Elementen der Kulturkritik bzw. im spezifischen Fall dieser Ausführungen jenen der KT. Beide Termini sollen nun einleitend genauer betrachtet und erläutert werden. Soziale Kulturarbeit oder auch Kultursozialarbeit geht aus einer Verbindung von Kulturarbeit und Sozialarbeit hervor. Folglich ist eine Kulturarbeit gemeint, die wie auch immer geartete soziale Zwecke zumindest anteilig verfolgt. Diese können je nach Auffassung und theoretischem Selbstverständnis sehr unterschiedlich sein. Je nachdem, ob die Frage nach einer Definition der Sozialen Kulturarbeit eher aus kulturtheoretischer oder aber der Perspektive Sozialer Arbeit erfolgt, können unterschiedliche Ansätze und Schwerpunkte lokalisiert und definiert werden. So reichen die Ideen der Ziele und Inhalte Sozialer Kulturarbeit von ihrer sozialarbeiterisch/sozialpädagogisch präventiven
5 Vgl. Müller-Funk, W., 2006, Kulturtheorie, Einführung in Schlüsseltexte der Kulturwissenschaften,
Tübingen: Narr Francke Attempto, S. 1-7.
bis kulturkritisch politischen Dimension. Man könnte also durchaus bewusst die These formulieren, der Sozialen Kulturarbeit sei zumindest in Teilen ihrer Protagonisten die Kulturkritik bereits in die Wiege gelegt worden. So werden ihr durchaus emanzipatorische und politische Aufträge zugerechnet, sowie die Bildung einer gar widerständigen, demokratischen Kultur gefordert. 6
Andererseits kommt Soziale Kulturarbeit nicht umhin, sich auch Überlegungen zum Verständnis von Ästhetik zu stellen. Der Frage nach einem geeigneten Ästhetikbegriff ist in dieser Arbeit anschließend ein eigener Teil gewidmet. Trotz allem existieren schon seit den frühen Tagen der Sozialen Kulturarbeit Befürchtungen, dass durch eine allzu sehr politische Inanspruchnahme der Kulturarbeit, der ästhetische Faktor in den Hintergrund gerät und damit an Qualität zu verlieren droht. Geht man davon aus, das Hauptaugenmerk kulturarbeiterischer Projekte ist lediglich der künstlerisch-ästhetische Aspekt und der soziale Nutzen dieser Arbeit quasi ein Nebenprodukt, wird die Kritik an einer allzu sehr politischen Ausrichtung Sozialer Kulturarbeit zumindest teilweise nachvollziehbar. Die Gefahr der Umdefinition der Kulturarbeit als Methodenlieferant der Sozialen Arbeit ist ein Kritikpunkt, den sich die Soziale Kulturarbeit durchaus gefallen lassen musste bzw. muss. Ihr wird nachgesagt, vorrangig sozialarbeiterische/sozialpädagogische Ziele zu verfolgen und dabei Fragestellungen der Kulturtheorie sowie der Ästhetik zu vernachlässigen und qualitative Einbußen der künstlerischen Tätigkeit zumindest billigend in Kauf zu nehmen. 7
Aus den dargestellten Positionen zu Sozialer Kulturarbeit wird deutlich, dass Projekte dieser Teildisziplin - trotz unterschiedlicher Standpunkte im wissenschaftlichen Diskurs - stets eine Vereinigung von Zielsetzungen Sozialer Arbeit und Methoden der Kulturarbeit auszeichnet. Die Frage nach einem Qualitätsverlust des künstlerischen Aspekts soll an dieser Stelle durchaus kritisch hinterfragt werden. Die Beurteilung von Laienkunst, welche für große Teile der Sozialen Kulturarbeit entscheidend ist, sowie die mehr oder minder breite Auslegung eines eher instrumentellen oder globaleren Begriffes der Kulturarbeit sind entscheidende Faktoren, die bei der Beurteilung Sozialer Kulturarbeit zu berücksichtigen sind. 8 Für die hier vorliegende Arbeit ist daher festzuhalten, dass weder ein strikt instrumenteller Kulturarbeitsbegriff, noch eine Überbetonung des künstlerischästhetischen als sinnvoll erscheint. Das hier vorliegende Verständnis plädiert daher für
6 Vgl. Hiltmann, G., 1989, Kulturarbeit und die Neubestimmung des Kulturbegriffs, In: Koch, G. (Hrsg.),
Kultursozialarbeit, Eine Blume ohne Vase?, Frankfurt am Main: Brandes & Apsel, S. 12-13.
7 Vgl. Hiltmann, 1989, S. 13-14.
8 Vgl. Hiltmann, 1989, S. 13-14.
einen Mittelweg der Sozialen Kulturarbeit als Symbiose zwischen instrumentellkulturkritischen/politischen sowie ästhetisch, künstlerisch anspruchsvollen Zielsetzungen und einer daran angeglichenen Theorie- und Methodenwahl. Im Falle der instrumentellen Zielsetzung wird folglich auf das Element der Kulturkritik zurückgegriffen. Künstlerisch anspruchsvolle, ästhetische und damit methodisch angemessene Aspekte werden schließlich anhand des Mediums Film und im Genaueren anhand der Werke von David Lynch und der daraus resultierenden Verwertbarkeit, für Projekte Sozialer Kulturarbeit erläutert.
Nun soll jedoch zunächst noch dargelegt werden, weshalb in dieser Master-Thesis für einen kulturkritischen und damit durchaus politisch-emanzipatorischen Ansatz Sozialer Kulturarbeit plädiert wird. Hierzu folgen einige Anmerkungen (und Schlüsse daraus) zu Kulturkritik im Allgemeinen.
1.3 Kulturkritik
Der Begriff Kulturkritik bezeichnet im Allgemeinen eine Form der Kritik, die sich auf Werte, Umgangsformen, Normen bzw. Sichtweisen und Einstellungen bezieht. Die Kulturkritik unterliegt dabei verschiedenen epochalen Variationen und Auslegungen ihrer selbst. Zusammenfassend haben alle Strömungen die Gemeinsamkeit, den Status Quo, der Gegenstand der Kritik ist, zu verwerfen. 9
„[…]der Tendenz nach ist sie totalisierend, zielt also eher aufs Allgemeine als auf einzelne Kulturprodukte.“
10
Demzufolge richtete sich Kulturkritik an das gesellschaftlich Ganze, Globale und kritisiert nicht einzelne Fragmente der Kulturarbeit als Produkte. Bereits diesem Anspruch an Kulturkritik kann eine politische Relevanz entnommen werden, übertragen auf Soziale Kulturarbeit also durchaus ein emanzipatorischer, sozialpolitischer Auftrag der Kritik als solches, nicht auf das Produkt sondern die Allgemeinheit z.B. des Kulturbetriebs und seine Zielsetzungen bezogen. Reitz nennt weiter als Gegenstände von Kulturkritik verschiedene Möglichkeiten, die je nach Umfang der kulturkritischen Bedeutung unterschieden werden können: ästhetische und diskursive, politische, ökonomische, technische Phänomene oder aber nichtnatürliche, zivilisatorische Einrichtungen. 11
9 Vgl. Reitz, T., 2006a, Kulturkritik, In: Trebeß, A. (Hrsg.), Metzler Lexikon Ästhetik. Kunst, Medien,
Design und Alltag, Stuttgart: J.B. Metzler & Carl Ernst Poeschel, S. 215-216.
10 Reitz, 2006a, S.215.
11 Vgl. Reitz, 2006a, S. 215.
Der Begriff Kulturkritik als solcher wird, obwohl die Tätigkeit historisch bis ins 18. Jahrhundert rückverfolgbar ist, erst ab dem 20. Jahrhundert explizit geführt und wird mit größter Wahrscheinlichkeit an Rousseau als den frühesten, prominenten Vertreter der dann so genannten Kulturkritik festgemacht. Rousseau formulierte in seiner Kulturkritik wie auch seinen pädagogischen Konzepten eine Kritik an der Zivilisation. Er bedauerte das Verlassen des Naturzustandes durch den Menschen in Form dieser und schrieb neben der Wissenschaft auch den Künsten eine schädliche Wirkung auf den Menschen (durch „Sitten“) zu. Seine Kulturkritik wandte sich insbesondere gegen die ästhetische Kulturvierung in Form des Bühnenschauspiels. 12 Auch was Rousseaus Bedeutung für die frühe Pädagogik anbelangt, sind eben jene Elemente seiner Kulturkritik, insbesondere in Form seiner Kritik an menschlicher Zivilisation und der Gefahr durch sie bereits im Kindesalter verdorben zu werden, prägend. 13 Eine Verwandtschaft zur KT kann hier durch das Thema der Natur bereits festgestellt werden. Auch für die Frankfurter Schule und ihre Kritik spielt dies eine feststellbare Rolle, dazu jedoch an späterer Stelle (siehe 3.).
Folgende Entwicklungen der Kulturkritik beziehen sich vor allem auf Defizite der Entwicklungen von Moral und Werten sowie einer mehr oder minder weit ausgefeilten Kritik an technischer Massenproduktion und Konsumgesellschaft. Genannt werden können z.B. Protagonisten wie Nietzsche, Freud und auch Benjamin (als erster Vertreter der Frankfurter Schule). Theodor W. Adorno unterstützte in seiner Weiterführung der Kulturkritik nach dem Zweiten Weltkrieg Benjamins These des Zusammenhanges zwischen Kultur und Barbarei als quasi zwangsläufig, auch wenn die Diskussion um Kulturkritik dieser Zeit trotz allem vordergründig darum bemüht war, Errungenschaften der Zivilisation überhaupt zu retten. Adorno bezog sich in seiner radikalen Kulturkritik folglich immer wieder auf Thematiken im Zusammenhang mit den Schrecken des Zweiten Weltkrieges. Mit „Zwang und Schein“ verwirft diese Form der Kulturkritik jede Chance auf Befreiung. Sie thematisiert vor allem den Holocaust - in Form des Massenvernichtungslagers Auschwitz als Symbol dafür - als Beleg für das komplette Misslingen jeglicher Kultur im Gegensatz zur beispielsweise von Rousseau und seinen direkten Nachfolgern noch kritisierten Verwerflichkeit der Kultur. 14
12 Vgl. Reitz, 2006a, S. 215.
13 Vgl. Raithel, J., Dollinger, B. & Hörmann, G., 2005, Einführung Pädagogik, Begriffe, Strömungen,
Klassiker, Fachrichtungen, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S. 105-111.
14 Vgl. Reitz, 2006a, S. 215-216.
Vor allem jedoch die KT als quasi eigenständige Kulturtheorie muss im Zusammenhang der Kulturkritik und folglich vor dem Hintergrund dieser Arbeit hervorgehoben werden. Voran sei hier bereits angemerkt, dass KT mehr als „nur“ Kulturkritik ist, sondern den Anspruch einer abgeschlossenen Theorie für sich verbucht. Die u.a. von Horkheimer und Adorno formulierte Theorie galt über zwei Jahrzehnte lang - nicht nur im deutschen Raum - als tonangebend unter den Kulturtheorien. Sie wird daher häufig als Schlüsseltheorie des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Allerdings ist sie aus heutiger Sicht aus verschiedenen Gründen in den Hintergrund gerückt, vor allem was die Ausführungen zum Begriff der Kulturindustrie (siehe 1.3) und der Kritik an jenem, ökonomisierten Kulturbetrieb anbelangt. Die komplette Verdammung der populären Massenkultur war nur ein Element, was der KT selbst Kritik einbrachte. Aus heutiger Sicht ist jedoch bereits hier anzumerken, dass auch die überschwängliche Euphorie über jene moderne Popkultur als quasi genau invertiertes Phänomen wiederum längst selbst der Vergangenheit angehört. 15
Insbesondere daher scheint die KT einer Reflexion wert. Sie soll im mittleren Teil ohnehin inhaltlich ausführlich erläutert und somit für KSK anwendbar gemacht werden. Jedoch bereits an dieser Stelle - die aufgrund ihrer Verdammung der Popkultur teilweise als marxistisch, totalitär und altmodisch verrufene Kulturkritik Adornos und Horkheimers einerseits und die doch längst überwundene Illusion einer glorifizierten, modernen Massenkultur andererseits betrachtet - wird deutlich, welchen Wert eine aktuelle Aufarbeitung der KT für die Soziale Kulturarbeit haben kann und welche Potenziale sie zu bieten hat.
In der Folge und im Hinblick der Entwicklungen des postmodernen Zeitalters kam es vor allem zu gegenseitigen Unterstellungen von Totalitarismus: einerseits an die Kulturkritik selbst und wiederum als Reaktion darauf an eben jenes Urteil über die Kritik an der Kulturkritik gerichtet. Reitz nennt zwei Basisprobleme der Kulturkritik, tatsächlich als solche verbleibend. Zum einen stellt sich für ihn die Frage, inwieweit eine Kulturkritik welche die politische und ökonomische Funktion der Kultur ausblendet, nicht tatsächlich zu stark vereinfacht. Weiter nennt er das Problem, dass auch Kulturkritik ihren eigenen Charakter als Kultur berücksichtigen muss. 16 Für die KSK stellt sich somit die Frage, inwieweit sie sich diesen an die Kulturkritik geäußerten Anschuldigungen stellen, bzw. sie berücksichtigen muss? Eben deshalb gilt es hervorzuheben, dass mit der KT mehr als nur Kulturkritik formuliert ist, sie sich somit als eigenständige Kulturtheo-
15 Vgl.Müller-Funk, 2006, S. 124-125.
16 Vgl. Reitz, 2006a, S. 216.
rie für KSK als theoretische Grundlage eignet. Trotz allem muss ebenso festgehalten werden, dass KSK die KT kritisch reflektieren muss, dazu jedoch an späterer Stelle. Zuvor soll im Folgenden noch kurz auf den Begriff der Kulturindustrie eingegangen werden, um einleitend ein kurzes Verständnis hiervon zu liefern, bevor an späterer Stelle detailliert auf die damit verbundene Theorie der Frankfurter Schule und vor allem Theodor W. Adornos eingegangen wird.
1.4 Kulturindustrie
Der Terminus Kulturindustrie ist ideologisch und bedingt durch seine Schöpfer eng mit jenem der Kulturkritik bzw. der KT verbunden. Dies trifft vor allem dann zu, wenn sich Kulturkritik auf politische, ökonomische und technische Phänomene bezieht. Genauer betrachtet, zielt der Begriff Kulturindustrie vor allem auf zwei Faktoren ab: Ästhetik und die soziale Funktion von Kultur im Nachkriegskapitalismus, also vor allem in Form von Kultur für die Massen. Geprägt wurde der Terminus vorrangig durch Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Allem voran das Werk „Dialektik der Aufklärung“ verleiht dem Begriff seine Gestalt und räumt ihm einen zentralen Stellenwert innerhalb der Kulturkritik der Frankfurter Schule ein. 17
Wird von Kulturindustrie gesprochen, so werden verschiedene Entwicklungen der Kultur im Kapitalismus thematisiert, bzw. kritisiert. Zu einen ist mit Kulturindustrie eine weitgehend auf ökonomische Produktion zurückgeführte Standardisierung des Kulturbetriebs gemeint, der die künstlerische Freiheit und Kreativität in weiten Teilen verdrängt bis zerstört. Zum anderen unterzieht die Kritik an der Kulturindustrie eben jene Kulturökonomie einer eigenen Dialektik, nämlich dass sie eben nicht - wie dem ökonomischen Prinzip des Angebots und der Nachfrage gemäß zu erwarten wäre - primär an den Wünschen und Bedürfnissen der Kunden (des Publikums) interessiert bzw. orientiert ist. Vielmehr ist es das Interesse der Konzerne, die hinter dem Produkt „Kultur“ stehen, welchem eine zentrale Stellung und damit Macht in Form von Entscheidungsgewalt eingeräumt wird. 18
Außerdem erfüllt die Kulturindustrie einen politischen Auftrag für die Herrschenden, indem durch ihr Angebot vor allem konformes Verhalten gefördert und nonkonformes hingegen unterbunden wird. Eine gewisse Verwobenheit von Begrifflichkeiten der Frankfurter Kulturkritik und einer allgemeinen Kritik am Kulturkonservatismus ist also definitiv zu attestieren und grundlegend charakterisierend für den durch Adorno und
17 Vgl. Reitz, T., 2006b, Kulturindustrie, In: Trebeß, A. (Hrsg.), Metzler Lexikon Ästhetik, Kunst, Me-
dien, Design und Alltag, Stuttgart: J.B. Metzler & Carl Ernst Poeschel, S. 215.
18 Vgl. Reitz, 2006b, S. 215.
Horkheimer geprägten Begriff. Wichtig zu erwähnen ist hier jedoch auch, dass es sich bei Horkheimers und Adornos Verständnis von Kulturindustrie um eine Analyse handelt, mit welchen Mitteln der Ästhetik sich Faschismus und Monokapitalismus gleichermaßen ihre Macht erhalten, also konformes Verhalten generieren. Der Begriff beschreibt daher weder eine konservative Verachtung moderner Massenkultur, noch will er - wie bei Benjamin - eine positive Wirkung der Massenkultur für die Demokratie unterstellen. 19 Die KT erfasst folglich mit ihrem Begriff der Kulturindustrie vor allem die Kulturbegriffe I und III, die jedoch eng miteinander in Verbindung stehen. Kultur I wird als Mittel zum Zweck der Macht somit vor allem als Vorinstanz von Kultur III interpretierbar.
Die kulturindustrielle Theorie lässt sich laut Reitz in drei Schwerpunkte aufteilen: 20 1. Vereinseitigung der Dialektik autonomer Kunst: Diese bewegt sich wiederholt und gleichmäßig zwischen Stilzwang und Ausdruck, Warencharakter und Selbstzweck, Glücksversprechen und Ersatzerfüllung. Schließlich verbleiben hierdurch nur die Routine im Schaffen, der kalkulierte Gewinn und schließlich das Partizipieren zum Zwecke der reinen Vergnügung.
2. Als vorausgesetzt hierfür gilt die Entwicklung freier Unternehmen hin zu großen, dominanten und mit dem Staat in engem Kontakt stehenden Kulturkonzernen.
3. Im Ergebnis behauptet sich durch die ersten beiden Punkte eine zentralisierte und mechanisierte Produktion von Kulturerzeugnissen. Diese sind von ihrer Struktur her bereits so konstruiert, dass sie nur den Rückgriff auf die neue Form der Produktion kultureller Güter erlauben und Alternativen somit von vorneherein ausschließen.
Der Begriff Kulturindustrie ist heute teilweise schwierig zu gebrauchen und gilt mitunter als altbacken. Grund hierfür ist nicht zuletzt die an ihm geäußerte Kritik. Nicht nur die häufig vorgeworfene und teilweise tatsächliche Vernachlässigung ökonomischer Funktionsweisen des kulturwirtschaftlichen Apparats machte den Terminus letztlich angreifbar. Seinen Erschaffern wurde vor allem unterstellt, eine Manipulation ohne Ausnahmen im gesamten massenkulturellen Bereich zu diagnostizieren, ohne aber auf tatsächliche Analysen der medialen Struktur und der jeweiligen Konsumformen dieses Bereichs zurückzugreifen, geschweige denn, selbst Überlegungen hierzu anzustellen. Ebenso kritisiert wurde die vorgeworfene Propagierung eines elitären Kulturbegriffs
19 Vgl. Reitz, 2006b, S. 215.
20 Vgl. Reitz, 2006b, S. 215.
gegen niedere Formen der Kunst, was vor allem im Zusammenhang mit Adorno zumindest teilweise nachvollziehbar erscheint. Schließlich wurde durch die Cultural Studies außerdem auf eine sogenannte widerständige Rezeptionshaltung verwiesen, womit nichts anderes als eine gewisse Nichtakzeptanz neuer medialer Übertragungsmittel gemeint ist. Bei aller Kritik ist jedoch anzumerken, dass sie an den zentralen Themen, welche durch den Kulturindustriebegriff angesprochen werden, grundlegend vorbeigeht: der nicht abzustreitenden kapitalorientierten Prägung des Kulturapparats und der Frage, weshalb dieser so viel unhinterfragte und zwangslose Zustimmung erfährt. 21 Vor allem durch die Ausführungen zur Kritik am Begriff der Kulturindustrie wird klar, dass mit dieser Formulierung vorsichtig umgegangen werden muss. Durch die Nutzung dieser Rhetorik besteht die Gefahr, Reaktionen zu provozieren, welche die Reanimierung verstaubter und ökonomiefeindlicher Theorien bzw. totalitärer bis linker Kulturkritik unterstellen. Insofern muss ein moderner Ansatz der KSK sich dessen bewusst sein und sich auf solche Kritik vorbereiten, wenn er denn den Begriff Kulturindustrie einzubeziehen gedenkt. Dass dieser jedoch gleichzeitig nicht komplett zu verwerfen ist und durchaus noch seine Aktualität besitzt, zeigt sich allein an den oben beschriebenen zentralen Punkten der Theorie, die durch die Kritik an ihr unangetastet blieben und bis heute sind. Insofern ist also eine modernisierte, auf neue Medien, Rezeptionsformen und Publikumsstrukturen abgeänderte Theorie, die auch den Begriff der Kulturindustrie beinhaltet, durchaus interessant bis aktuell, wobei in vielen Bereichen wohl eher von Pop- oder Unterhaltungsindustrie gesprochen werden müsste. Gerade im Hinblick auf das Medium Film ist dies von Interesse, da vor allem mit Hollywood eine beispielslose Kulturindustrie existiert, die in ihren Randbereichen jedoch auch Rückzugsräume zulässt, bzw. diese nach wie vor parallel existieren. Hierzu jedoch an späterer Stelle mehr ( David Lynch).
1.5 Kritik, Kritische Theorie und die Soziale Kulturarbeit
Nachdem in den vorangegangenen Punkten Begriffserklärungen und Definitionen erfolgt sind, soll daraus mit dem so erarbeiteten Hintergrund nun die Begründung des Ansatzes der KSK resultieren. Was bietet also die KT für die Soziale Kulturarbeit? Weshalb sollte Soziale Kulturarbeit überhaupt Elemente der Kulturkritik beinhalten? Ist die von Horkheimer und Adorno geäußerte Kulturkritik überhaupt noch in einen zeitgemäßen Kontext zu übertragen, bzw. weshalb erscheint dieser Schritt als lohnenswert?
21 Vgl. Reitz, 2006b, S. 215.
Zunächst soll sich mit der Frage nach kritischen Positionen innerhalb der Sozialen Kulturarbeit überhaupt befasst werden. Wie unter 1.2 erläutert, ist Soziale Kulturarbeit immer auch ein Betätigungsfeld, welches mit Elementen von Kritik und politisch Unangenehmen agiert. An dieser Stelle ein Teil der Definition Sozialer Kulturarbeit, wie sie durch Vertreter der Universität Hamburg vorgenommen wurde:
„Die Soziale Kulturarbeit nutzt Kunst als Mittel zur Kommunikation. Sie stellt vor allem kommunikative Strukturen bereit und unterstützt Menschen dabei, aus den Selbstverständlichkeiten des Alltags herauszutreten. Durch Denkanstöße, bis hin zur Provokation, will die Soziale Kulturarbeit mit vielfältigen Wahrnehmungen ein Denken in Alternativen ermöglichen und unterstützen.“ 22
Geht es also darum, Denkanstöße bis in das Feld der bewussten Provokation vorzunehmen, verdeutlicht sich die Notwendigkeit eines kritischen Elements in der konzeptionellen Arbeit. Sowohl die Provokation als Auslöser für den Denkanstoß, als auch die Distanz zur Selbstverständlichkeit der alltäglichen Wahrnehmung setzen voraus, dass Soziale Kulturarbeit eine Art Alternative zum Status Quo der alltäglichen gesellschaftlichen Wahrnehmung anbietet. Sinnvollerweise kann dies nie ohne ein kritisches Element geleistet werden. Wer etwa ein Betätigungsfeld für Nischenkünste abseits des etablierten Ästhetikbegriffs eröffnen möchte, kommt nicht umhin, zu begründen, weshalb er dies tut. Dies wiederum setzt die Notwendigkeit von Alternativen voraus, die ihre Begründung in einer Kritik am Konsum von Massenkultur erfahren. Sei dies hier nur ein Beispiel, weshalb kritische Positionen in der Kulturarbeit nötig sind, so folgt zwangsläufig auch durch die soziale Komponente ein zweiter Punkt. Soziale Kulturarbeit ist - wie bereits erläutert - sozialarbeiterischen bzw. sozialpädagogischen Zielsetzungen verpflichtet. Hier stellt sich nun die Frage, wie diese aussehen könnten? Ohne vorweg greifen zu wollen, sei hier angemerkt, dass dies auch zwangsläufig immer eine Frage der jeweiligen Zielgruppe ist. Richten sich Projekte z.B. an das ohnehin kulturell interessierte Publikum - beispielsweise eines Jugend- und Kulturzentrums - oder aber haben sie z.B. inkludierenden Charakter, also sollen sie benachteiligte Jugendliche durch ästhetische Bildung vor Ausgrenzung schützen, bzw. diese überwinden oder abmildern? In beiden Fällen setzt die Konzeption des Projekts ein kritisches Moment voraus. Zum einen setzen Konzeption und Markt diese Inhalte beinahe implizit voraus. Projekte der
22 Universität Hamburg, o.J., Soziale Kulturarbeit, [Online], http://www.sign-lang.unihamburg.
de/projekte/slex/seitendvd/konzeptg/l53/l5383.htm, Zugriff: 19.04.2011.
Sozialen Kulturarbeit haben in der Regeln weder kapitalintensiven Charakter, noch nehmen sie ihre Rechtfertigung aus der Bedienung des Breitengeschmacks. Als Konkurrenz zu großen, finanzstarken Veranstaltungsunternehmen könnten sich Träger der Kulturarbeit weder behaupten, noch würde sich daraus eine Rechtfertigung für ihre Arbeit überhaupt ergeben. Bedient man also Nischenkünste, autonome Kunstformen oder sogenannte Laienkunst, ist die Kritik z.B. in Form von Gesellschafts- oder Kapitalismuskritik meist ohnehin in irgendeiner Form vorhanden. Zweitens verbleibt jedoch zu hinterfragen, weshalb es Alternativen zur Massenkultur überhaupt bedarf? Eine Begründung hierfür soll an späterer Stelle die Kulturkritik und im Detail die KT liefern. Im zweiten Fall - gemäß des Beispiels eines inkludierenden Ansatzes Sozialer Kulturarbeit - ergäbe sich folgerichtig eine gesellschafts- bzw. sozialpolitische Position, die eine Kritik an den Exklusionsmechanismen der gegenwärtigen Gesellschaft beinhaltet, bzw. voraussetzt.
Als integraler Bestandteil der Sozialen Kulturarbeit muss außerdem der Begriff der Soziokultur genannt werden. Soziokultur ermöglicht Menschen unabhängig von Einkommen, Geschlecht, Alter etc. den Zugang zu Kunst und Kultur - ist also inkludierend. Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur äußert sich zum Thema Soziokultur wie folgt:
„Soziokultur erleichtert den Menschen den Zugang zu Kunst und Kultur. … Sie bietet Menschen unterschiedlichen Alters, verschiedener sozialer Schichten und Ethnien die Möglichkeit, aktiv am kulturellen Leben teilzuhaben. Sie wählt ihre Themen mit engem Bezug zu gesellschaftlich relevanten Fragen und wirkt in den Lebensalltag der Menschen hinein. So bieten sich Möglichkeiten zur aktiven Teilhabe und Gestaltung.“ 23
Geht man davon aus, dass Soziokultur die ideale Zielvorstellung der Sozialen Kulturarbeit überhaupt ist, so deutet ein weiterer Aspekt auf die Notwendigkeit kritischer Momente hin, die Korrektur des Irrtums, man könne ein unpolitischer Kulturmensch sein. Allein die Forderung nach einem Bürgerrecht auf Kultur, die Integration des kulturellen Alltags in den gesamtgesellschaftlichen Raum und nicht begrenzt auf eine finanzstarke, (selbst-)definierte Elite etc., all das sind politisch motivierte Ideen und Ansätze, die gleichwohl eine Kritik beinhalten, dass es ohne die integrative Wirkung der Sozialen Kulturarbeit eben nicht selbstverständlich für jeden machbar wäre, am kulturellen Ge- 23 NiedersächsischesMinisterium für Wissenschaft und Kultur, o.J., Soziokultur, [Online],
http://www.mwk.niedersachsen.de/live/live.php?navigation_id=6313&article_id=18723&_psmand=19,
Zugriff: 22.04.2011.
schehen teilzuhaben. Kreft und Mielenz nennen dies die Korrektur des „Irrtums der deutschen Bürgerlichkeit“, dass Politik und Kultur voneinander trennbar seien. 24 Als letzter Punkt sei angemerkt, dass Soziale Kulturarbeit die Kunst neben anderen Aspekten vor allem auch als Kommunikationsmedium begreift und nutzt, eben auch zur Kommunikation von Zielsetzungen Sozialer Arbeit. Kultur wirkt dabei als eine Art Ka-talysator, indem das zunächst Gegensätzliche und im Widerspruch Stehende miteinander in Beziehung gebracht und Kommunikation so ermöglicht wird. Die dadurch bereitgestellten Kommunikationsstrukturen - quasi als gemeinsamer Nenner, mit dem der Diskurs und somit die Kommunikation ermöglicht werden - können in drei wesentliche Kategorien eingeteilt werden, die allesamt Ansatzpunkte für die KSK bieten: 25 1. Die Herstellung von Bereitschaft, die Selbstverständlichkeit des Alltags hinter sich zu lassen und somit das kritische Hinterfragen thematischer Inhalte möglich zu machen, bzw. anzustoßen oder zu fördern
2. Anstöße bis hin zur Provokation vermitteln, somit den dialektischen Diskurs einleiten und Denkprozesse animieren
3. Vermittlung von Pluralismus in Wahrnehmung, Standpunkten und Denkweisen Zusammenfassend kann also festgestellt werden, dass Soziale Kulturarbeit einen zumindest teilweise kritischen Ansatz ohnehin mehr oder minder voraussetzt. Denkanstöße vermitteln, Pluralismus, Diskurs etc., all jene Ziele sind nicht umzusetzen, wenn die Adressaten nicht über ein gewisses Ausmaß an Kritikfähigkeit verfügen. Gleichsam ist es fraglich, wie Denkanstöße überhaupt unternommen werden sollen, wenn auf Kritik und Dialektik verzichtet werden würde. Insofern ist KSK also auch immer im Dienste aufklärerischen Denkens zu sehen. Sie soll Adressaten dabei unterstützen, sich zu selbstständig denkenden Individuen zu entwickeln, die sich durch Kritikfähigkeit und argumentatives Talent in der Welt zu behaupten vermögen. Soziale Kulturarbeit ist also auch immer ein Stück Erziehung des Menschen zur Mündigkeit. Folgt man der Definition von Aufklärung, die Kant geliefert hat, schließt sich somit der Kreis und die Beziehung zwischen Kultur - Kritik - dem mündigen Individuum und Aufklärung wird deutlich:
24 Vgl. Kreft, D. & Mielenz, I., 2008, Wörterbuch Soziale Arbeit, Aufgaben, Praxisfelder, Begriffe und
Methoden der Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Weinheim und München: Juventa, S. 567.
25 Vgl. Kreft & Mielenz, 2008, S. 568.
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündig-
Weshalbbedarf es jedoch einer weiteren theoretischen Basis, um KSK zu ermöglichen? Wie kann Kritik aussehen und wie geäußert werden? Es bietet sich hierfür freilich eine Fülle direkter wie indirekter Methoden, kritisch zu arbeiten. In dieser Arbeit soll dies an späterer Stelle am Beispiel des Films gezeigt werden, Kritik also beispielsweise in Form der Ästhetik oder inhaltlicher Momente geäußert. Aber auch indirekt ist bereits mit der Wahl des Mediums oder der Kunstform die Möglichkeit zur kritischen Position und damit verbundenen Denkanstößen realisierbar, etwa wenn Alternativen zur Kulturindustrie geschaffen werden und diese somit hinterfragt wird. Für die theoretischen Grundlagen der KT bedarf es jedoch noch eines kurzen Exkurses, was die Bearbeitung und Analyse der zugrunde liegenden Originalliteratur der Frankfurter Schule und anderer Materialien anbelangt. Im Folgenden soll daher nun die Methode der Textanalyse in Form des hermeneutischen Ansatzes erläutert und reflektiert werden, bevor anschließend tiefer in die KT eingestiegen wird.
26 Kant, I., 1784, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, [Online], http://www.uni-
potsdam.de/u/philosophie/texte/kant/aufklaer.htm, Zugriff: 22.04.2001.
2 Methodenreflexion
2.1 Hermeneutik: allgemeine Klärung des Begriffes
Der Begriff Hermeneutik wird hier erläutert, um die Analyse der zugrunde liegenden Texte - z.B. jene der KT - methodisch zu erklären. Der aus dem Altgriechischen stammende Terminus beschreibt das im Zusammenhang mit Texten praktizierte Dolmetschen, Erklären oder auch Auslegen. Hermeneutik bezeichnet also stets eine Art der literarischen bzw. wissenschaftlichen Reflexion, in deren Ergebnis immer auch das Verstehen verortet sein soll. Diese bietet sich an, wenn Sinn und Intention des Geschriebenen nicht sofort offensichtlich sind, also z.B. in den meisten philosophischen Publikationen wie auch jenen von Theodor W. Adorno. Hiermit erklärt sich auch ihre Eignung für den dieser Arbeit zugrunde liegenden Kontext, wobei betont werden muss, dass die Auslegung von Texten immer einen Rest an Zweideutigkeit beinhaltet. Diese begründet sich in den Ursprüngen der Hermeneutik, als Übersetzung des göttlichen Willens und ihrem originär erklärenden bis anweisenden Charakter. Insofern verbleibt der Hermeneutik bis in ihre neuzeitlichen Formen mehr der Aufdruck einer Kunstform als einer reinen Wissenschaft. Die Hermeneutik ist wie das Schreiben oder das Reden ein Teil der künstlerischen Lehre und daher nie vollständig objektiv. Sie beinhaltet das Übersetzen, Verstehen und Erklären von Texten, um Unausgesprochenes, Verborgenes oder zunächst schwierig Zugängliches innerhalb der betrachteten Werke zum Ausdruck zu bringen. Im Unterschied zum antiken Begriff liegt dem heutigen Verständnis von Hermeneutik jedoch stets eine wissenschaftliche, theoretische Rechtfertigung zu Grunde, also ein akademischer Methodenbegriff. Der hermeneutisch Tätige besitzt die Kunst der Auslegung und weiß diese theoretisch zu fundieren. 27
2.1 Verstehen, Auslegung und Applikation nach Gadamer
Die hermeneutische Methodik nach Gadamer lässt sich im Wesentlichen in drei mitein-ander komplementäre Vorgänge unterteilen, die stets vor dem Hintergrund des historischen Kontextes stehen. Der geschichtliche Bezug ist für Gadamer sehr bedeutend, da er das Verständnis, welches der Leser in einen Text hineininterpretiert, zwangsläufig beeinflusst. Insofern ist der historische Gesichtspunkt - auch was den Autor anbelangtzu beachten, bei Adorno also z.B. die besondere Situation im Exil und in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg sowie in den 1960er und 1970er Jahren. Für Gadamer ist
27 Vgl. Gadamer, H.-G., 1993, Hermeneutik II, Wahrheit und Methode, 2. Auflage, Tübingen: J. C. B.
Mohr (Paul Siebeck), S. 92-117.
jedoch nicht nur der historische Bezug von Bedeutung. Er fordert außerdem, diesen zu erneuern und den enthaltenen Wahrheitsgehalt zu aktualisieren. Gerade jener Punkt ist wichtig, da auch die Auslegung und Anwendung von Adornos Theorien aus heutiger Sicht einer kritischen Prüfung und Aktualisierung zumindest teilweise bedürfen. 28 Gadamers drei Schritte des methodischen Vorgehens der Hermeneutik bezeichnet er als Verstehen, Auslegen und Anwendung bzw. Applikation. Dem Verstehen des Textes als innere Erkenntnis folgt die Auslegung in Form der sprachlichen Erfassung. In der zugrunde liegenden Interpretation und philologischen Erfassung kann eine Haupttätigkeit der Hermeneutik verortet werden. 29
Zusätzlich zu Verstehen und Auslegen existiert die Anwendung bzw. die Applikation. In der Aplicatio liegt jedoch ein Grundproblem der Hermeneutik, dem Gadamer mit einem quasi revolutionären Ansatz begegnete. In der Methodologik galt die Anwendung vorher als sekundär bis verpönt, das rein kognitive Verstehen des Textes also als primär interessant und ausreichend. Gadamer hingegen kehrt nicht nur zur Trias der Hermeneutik bestehend aus Verstehen, Auslegen und Anwenden zurück. Er räumt der Aplicatio einen zentralen Stellenwert ein. 30
Des Weiteren ist sie für ihn nicht als dritte Instanz nach Verstehen und Auslegen ange-ordnet, sondern beginnt bereits mit dem Verstehen. Gadamer zieht aus der Lehre der pietistischen Aplicatio den Schluss, dass ein Verstehen ohne Übersetzung und Anwendung kein richtiges Verstehen sei. Er distanziert sich hierbei vom epistemologischen Ansatz, der die Interpretation der Intention des Autors/der Autorin ausblendet und das Anwendungsmoment bewusst offen lässt. Gadamer orientiert sich an der theologischen und juristischen Hermeneutik. Wenn etwa ein Richter/eine Richterin seine/ihre Lehren aus einem Text gezogen hat, wendet er/sie das gewonnene Wissen schließlich auch auf einen Fall an. Die gelungene Übersetzung des Textes in die jeweils historisch korrekte Sprache ist hierbei von großer Bedeutung. Die beste Übersetzung ist dabei jene, die nicht als solche auffällt. Mit anderen Worten: bemerkt der Leser/die Leserin die Übersetzungsleistung nicht, ist die Übersetzung perfekt. 31
28 Vgl. Litde, o.J., Von Gadamer zu Jauß: Hermeneutik und Ästhetik, [Online],
http://www.litde.com/literarische-sthetik-auflse/die-rezeptionssthetik-zwischen-hermeneutik-und-
phnomenologie/von-gadamer-zu-jau-hermeneutik-und-sthetik.php, Zugriff: 27.04.2011.
29 Vgl. Litde, o.J. .
30 Vgl. Grondin, J., 2000, Einführung zu Gadamer, Tübingen: Mohr Siebeck, S. 158-164.
31 Vgl. Grondin, 2000, S. 158-164.
2.2 Der Automatismus der Applikation
Gadamer kehrt mit seinem Ansatz der Aplicatio nicht zur pietistischen Dreiteilung der Hermeneutik zurück. Ebenso verneint er die Ausklammerung der Aplicatio, bedingt durch die romantische Verschmelzung von Verstehen und Anwenden. Applikation findet ihm zufolge automatisch mit den anderen Prozessen statt. Der Interpret/die Interpretin wendet den Text auf seine/ihre gegenwärtige Situation an. Die Anwendung ist weiter vor allem auch die Intention, weshalb man sich überhaupt mit dem Text beschäftigt. Er/sie versucht, ihn aufgrund seines/ihres konkreten Bedürfnisses der Anwendung heraus für sich zu erschließen und nutzbar zu machen. Insofern wird deutlich, dass die Applikation nicht vom Verstehen und Auslegen zu trennen ist. Sie ist vielmehr mit den anderen beiden Komponenten eng verwoben und quasi Voraussetzung des Verstehens überhaupt: 32
„Auch wir hatten uns davon überzeugt, daß [sic] die Anwendung nicht ein nachträglicher und gelegentlicher Teil des Verstehensphänomens ist, sondern es von vorneherein und im ganzen [sic] mitbestimmt.“
33
Zieht man den Grundgedanken dieses Zitats heran, wird jedoch deutlich, dass die Applikation somit bereits - zumindest teilweise - vorab über die Art der Interpretation durch den Leser/die Leserin entscheidet. Am konkreten Beispiel dieser Arbeit kann dies wie folgt verdeutlicht werden. Die Applikation der theoretischen Schriften von Theodor W. Adorno auf einen Ansatz Sozialer Kulturarbeit hin beeinflusst die Analyse der Texte nahezu zwangsläufig. Soziale Arbeit versucht, sich die Theorie aus ihrem speziellen Blickwinkel und aufgrund ihrer Interessenlagen nutzbar zu machen, interpretiert daher stellenweise jedoch wohl auch in speziell sozialarbeiterischer/sozialpädagogischer Weise. Insofern kann gefolgert werden, dass die methodische Hermeneutik immer die Gefahr beinhaltet, dass die Interpretation als applikatorischer Automatismus den Text ein Stück weit davon entfernt, was die ursprüngliche Intention des Verfassers/der Verfasserin anbelangt. Mit anderen Worten ist als ein Punkt dieser Methodenreflexion festzuhalten, dass Adorno aus der Perspektive der Sozialen Kulturarbeit interpretiert wird, nicht aus philosophischer. Insofern ist es ein Stück weit fatalistisch anzunehmen, dass diese „sozialpädagogische Brille“ die hermeneutische Übersetzung und Applikation der The-orie beeinflusst. Andernfalls ist jedoch auch anzumerken, dass das Bewusstsein über
32 Vgl. Gadamer, H.-G., 1990, Hermeneutik I, Wahrheit und Methode, 6. Auflage, Tübingen: J. C. B.
Mohr (Paul Siebeck), S. 312-346.
33 Gadamer, 1990, S. 329.
diese Vorbeeinflussung durch die Applikation ein Stück Objektivität zurückholt. Meta-phorisch ausgedrückt: Denn wer sich seiner Brille bewusst ist, kann sie auch selbst reflektieren, hinterfragen und auch über ihre Gläser hinwegsehen. Die Geschichtlichkeit des Verstehens und die im Interpreten/in der Interpretin vorhandenen Vorurteile 34 sind also bei der hermeneutischen Behandlung wissenschaftlicher Texte zu berücksichtigen. Dies sei nun abschließend verdeutlicht, da es im folgenden Abschnitt daran gehen wird, die theoretischen Inhalte der KT, Adornos Ästhetik etc. hermeneutisch verstehbar und anwendbar zu machen. Ziel ist dabei folglich die Applikation der Theorie für einen Ansatz der KSK.
34 Vgl. Gander, H.-H., 2007, Erhebung der Geschichtlichkeit des Verstehens zum hermeneutischen Prin-
zip, In: Figal, G. (Hrsg.), Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode, Berlin: Akademie Verlag, S.
105-125.
3 Kritische Theorie
Im nun folgenden Teil der Arbeit soll sich detailliert mit der zugrunde liegenden Theorie der Frankfurter Schule auseinander gesetzt werden. Herangezogen werden hierfür vor allem die Werke von Adorno, Horkheimer und am Rande Benjamin und Habermas zu den Themen der Kulturkritik, Aufklärung und schließlich der Ästhetischen Theorie. Anzumerken ist, dass - wie bereits unter 2. erklärt - der historische Kontext dieser Schriften von Bedeutung ist. So entstand Horkheimers und Adornos „Dialektik der Aufklärung“ beispielsweise im US-amerikanischen Exil und wurde somit durch die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und der sich abzeichnenden Niederlage Nazideutschlands in erheblichem Maße beeinflusst. Wie in der Methodenreflexion bereits ausführlich erläutert, ist also zu bedenken, dass sämtliche Schriften die in diesem Zusammenhang analysiert und dargestellt werden, stets vor ihrem historischen Hintergrund zu sehen sind, bei der methodischen Verwertung an dieser Stelle außerdem stets kritisch betrachtet und aktualisiert werden.
3.1 Die Dialektik der Aufklärung
„Dialektik der Aufklärung“ [DdA] gilt als eines der zentralen Werke der KT überhaupt. Das Buch entstand - wie eingangs erwähnt - in Zusammenarbeit von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno im Exil und erschien erstmals im Jahre 1947. Der historische Kontext kann als stark beeinflussender Faktor angesehen werde, weshalb Horkheimer und Adorno dieses Werk so verfassten. Vor dem Hintergrund der Verbrechen Nazi-deutschlands beschreibt DdA den Rückfall der zivilisierten Menschheit in eine neue Form der Barbarei. Bereits in der Vorrede des Werkes wird verdeutlicht, weshalb die Aufklärung somit quasi gescheitert ist, Zusammenhänge zwischen Naturbeherrschung, Mystik und ökonomischen Zwängen sowie Fragen nach Kultur, Zivilisation und Fortschritt werden aufgeworfen. 35 Für Soziale Kulturarbeit in diesem Kontext stellt sich nächst die Frage, welchen Begriff der Aufklärung man der KT entnehmen kann? zu
3.1.1 Adornos und Horkheimers Begriff der Aufklärung
Adorno und Horkheimer stellen sich im ersten Abschnitt ihres Werkes der begrifflichen Definition des Terminus Aufklärung. Man könnte es auch als das Dilemma der Aufklärung bezeichnen, was nach Horkheimer und Adorno die Dialektik ausmacht: Der befrei-
35 Vgl.Horkheimer, M. & Adorno, Th.W., 1998, Dialektik der Aufklärung, Philosophische Fragmente,
In: Tiedemann, R. (Hrsg.), Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften (Band 3), Darmstadt: Wissen-
schaftliche Buchgesellschaft, S. 11-18, Im Folgenden abgekürzt mit: DdA.
te, aufgeklärte Verstand des Menschen der die Welt vom Mythos und Zauber in rational fassbare Gedanken einordnen kann, wird selbst patriarchalisch und kennt hierbei auch kaum Grenzen mehr. Sämtliches Wissen, Technik und andere Errungenschaften dienen doch letztendlich nur als Mittel der Herrschaft und in Folge dessen dem Kapital. Somit hat die Aufklärung als der Weg des Menschen aus seiner eigenen Unmündigkeit - wie es Kant sinngemäß formulierte 36 - in dieser Zwiespältigkeit ihr eigenes Scheitern verursacht, da sie nur wieder neue Unmündigkeit hervorbringt. Adorno und Horkheimer beschreiben dies als ein Vorgehen der Aufklärung gegen sich selbst, wobei im Ergebnis nur die Beherrschung und nicht das Ideal des mündigen Bürgers steht. 37
„Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen.“
38
Bereits bei der begrifflichen Grobeinordnung der Kritik am Terminus der Aufklärung zeigen sich zwei wesentliche Punkte, die für KSK zu beachten sind. Zum einen ist der Grundtenor der Kritik durchaus in seiner Aktualität zu bestätigen. Unterstellt man einen unweigerlichen, stetigen Fortschritt der Aufklärung, ist auch aus heutiger Sicht eine Dialektik und Widersprüchlichkeit kaum von der Hand zu weisen. Zum Einen kann eine laufende Fortentwicklung der Wissensgesellschaft konstatiert werden, zum anderen jedoch produziert dieser Prozess kontinuierlich Verlierer eben jener, die nichts als Objekte von Beherrschung und Unterdrückung zu werden drohen. In diesem Kontext ist aus sozialpädagogischer Perspektive von nichts anderem als von den Exkludierten die Rede, jene „Überflüssigen“, die am Fortschritt der Wissensgesellschaft scheitern und als quasi entmündigte Objekte abseits des über die Erwerbsrolle definierten Bereichs der inkludierten Gesellschaft am Rande zurückbleiben. Steinert beschreibt diese Problematik in seiner Kritik am Terminus der Überflüssigen, wobei jedoch auch das Grundproblem der Wissensgesellschaft und jener, die von ihr nicht profitieren können, angesprochen wird. 39
Die Verlierer der Wissensgesellschaft sind nur ein denkbares unter vielen Beispielen, die Adornos und Horkheimers Thesen aktualisiert in die heutige Zeit als immer noch
36 Vgl. Kant, I., 1784.
37 Vgl. DdA, S. 19-20.
38 DdA, S. 20.
39 Vgl. Steinert, H., 2008, Die Diagnostik der Überflüssigen, Bedauerliche Kosten der Wissensökonomie,
In: Bude, H. & Willisch, A. (Hrsg.), Exklusion, Die Debatte über die Überflüssigen, Frankfurt am Main:
Suhrkamp, S. 110-120.
haltbar erscheinen lassen. Weitere Beispiele wären die ökonomische Ausbeutung der Dritten Welt oder aber die schleichende Abschaffung des Datenschutzes und der Bürgerrechte durch die Anwendung moderner Technologien im IT- und Kommunikationsbereich. In all diesen Fällen steht Wissen, Technik, Fortschritt etc. konträr zu den Idealen der Aufklärung. Kritisch reflektiert werden muss bei der Lektüre der DdA jedoch die teilweise marxistisch gefärbte Rhetorik. Zum einen ist festzuhalten, dass weder Kapital noch Arbeiterklasse heute ausreichend deskriptive Reichweite für die moderne Gesellschaft besitzen. Zum anderen ist eben jene marxistische Grundlage ohnehin aus gegenwärtiger Sicht in großen Teilen zwar nicht vollkommen falsch, jedoch auch teilweise widerlegbar. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, anzumerken, dass weder Adorno noch Horkheimer als klassische Marxisten zu bezeichnen wären. Adorno bleibt Dialektiker und unterzieht auch Marx und Engels kritischer Betrachtungen. 40 Darüber hinaus ist klar festzuhalten, dass Adorno als entschlossener Verfechter der individuellen Freiheit als besonders hohes Gut, dem diktatorischen Sozialismus/Kommunismus in keiner Weise nahe stand. 41 Würde man die KT also als negativistischen Ableger des Marxismus bezeichnen, so täte man ihr Unrecht.
Im Kern wird der Aufklärung ein Hang zum Totalitarismus unterstellt. Sie unterdrückt durch diesen jegliches gegen sie gewandte Meinungsgut und akzeptiert keine Alternativen, die sie schließlich nur mit dem Label der Mystik als voraufklärerisches Halbwissen abtut. In diesem Punkt verbirgt sich eine weitere wichtige Erkenntnis aus der Kritik der Frankfurter Schule. Bereits Adorno und Horkheimer beschrieben es als einen Zwang zu Nützlichkeit und Berechenbarkeit. Alles außerhalb dieser Grenzen gilt als verdächtig. Dabei ist die Aufklärung den Mythen - Götterglaube, Dämonologie, Zauberei, Magie etc. -, die sie in ihren Ursprüngen verteufelte, nur scheinbar unähnlich. Beide Ansichten der Welt sind in ihren Ergebnissen und Intentionen durchaus verwandt, indem sie gleichsam die Beherrschung - z.B. der Natur - anstreben, bzw. bezwecken. Nur ist es einerseits das Rationale, Empirische und andererseits die Allmächtigkeit des Übernatürlichen, Mythischen, welches die Herrschaft rechtfertigt. Weitere Unterschiede zeigen sich z.B. in Subjektivierungs- hin zu Objektivierungstendenzen, die jedoch im Ergebnis vergleichbar sind: Auch das Tier im wissenschaftlichen Sinne als Objekt erfährt Beherrschung durch den Menschen. Das Besondere im Falle der Aufklärung ist, dass sie selbst
40 Vgl. Adorno, Th. W., 1998, Negative Dialektik, Jargon der Eigentlichkeit, In: Tiedemann, R. (Hrsg.),
Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften (Band 6), Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S.
41-45.
41 Vgl. Bevc, T., 2007, Politische Theorie, Konstanz: UVK, S. 49-50.
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M.A. Philipp Rösel, 2011, Kritische Soziale Kulturarbeit mit dem Medium Film , München, GRIN Verlag GmbH
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