Argumente und Motive für die russische Expansion in Zentralasien (1864-1884)
1. Einleitung
1.1 Fragestellung und historische Relevanz
Es mangelt nicht an Darstellungen der russischen Expansion in Zentralasien. Zumeist handelt es sich dabei um Darstellungen ereignisgeschichtlicher Art, in denen die Beschreibung des Kolonisierungsvorganges beziehungsweise die Belastung der diplomatischen Beziehungen zwischen Russland und Großbritannien (bedingt durch das beiderseitige Engagement in Asien) im Vordergrund stehen. Die eigentlichen Motive, welche ausschlaggebend für die Kolonisierung waren, bleiben dabei jedoch zumeist im Dunkeln. Russlands Eroberungen in Mittelasien erscheinen im Rahmen der Epoche des Imperialismus geradezu zwangsläufig stattgefunden zu haben. So spricht John P. LeDonne beispielsweise von einer „logic of expansion“, die Russland bis nach Merv geführt habe. 1 Da die Eroberung, vor allem jedoch die Kontrolle über ein Territorium stets Risiken barg und mit Kosten verbunden war, ist nicht davon auszugehen, dass die Unterwerfung des späteren Turkestans, des Emirates von Buchara und des Khanats von Chiva, um der Eroberung Willen stattgefunden haben. Es drängt sich daher die Frage auf, was Russland dazu bewog eine Region von der Größe Zentralasiens zu erobern, deren Bevölkerung weder religiös noch gesellschaftlich integrierbar war.
Dort, wo in der Literatur Ursachen für die russische Expansion genannt werden, wiederholen sich vor allem zwei Begründungen: Zum einen seien ökonomische Erwägungen verantwortlich zu machen und zum anderen die Suche nach einer (strategisch) sicheren Grenze. Daneben existieren noch eine ganze Reihe weiterer Begründungen, denen jedoch eine geringere Beachtung zugemessen werden kann, da sie im Zusammenhang der oben genannten Argumente behandelt werden können. In der vorliegenden Arbeit stehen die Motive der Expansion im Mittelpunkt. So sollen die gängigsten Forschungsthesen dargestellt und diskutiert werden. Neben der Frage, welche Argumente für die Inkorporation Mittelasiens in den russischen Staat aufgeführt wurden, ist auch die Frage nach ihrer Gewichtung von Relevanz. Zu untersuchen wird hierbei sein, inwieweit sich die genannten Gründe, anhand von Aussagen, vor allem aber anhand von Handlungen russischer Entscheidungsträger belegen lassen.
1 LEDONNE, JOHN P.: The Russian Empire and the World. 1700-1917. The Geopolitics of Expansion and Containment. New York, Oxford 1997, S. 130.
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Argumente und Motive für die russische Expansion in Zentralasien (1864-1884)
1.2 Die verwendete Literatur, unter Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes
Neben einer Vielzahl von Darstellungen, welche das Thema der vorliegenden Arbeit nur am Rande behandeln, sollen an dieser Stelle drei Werke hervorgehoben werden, welche maßgeblichen Einfluss auf das Wirken hatten. Das älteste der drei Werke, Ot-to Hoetzschs Russland in Mittelasien, 2 ist trotz seiner russophilen Sichtweise und seiner offenen Bewunderung für Černjaev und von Kaufmann als Standardwerk zu betrachten. Die Stärken seines Werkes liegen in der ausführlichen Darstellung der ereignisgeschichtlichen Begebenheiten, wie auch der diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen Großbritannien und Russland, welche sich durch ihre Quellenvielfalt auszeichnen. Des Weiteren muss an dieser Stelle MacKenzies Aufsatz The
Conquest and Administration of Turkestan 3 Erwähnung finden, der die wichtigsten Thesen (zumindest bis zum Erscheinungsjahr des Aufsatzes 1989) zu den Ursachen der Kolonisierung Mittelasiens aufgreift. Eine abweichende Perspektive bestimmt Andreas Kappelers Arbeit, in der die Geschichte der Kolonisierung als Prozess einer Entwicklung zum russischen Vielvölkerstaat verstanden wird. Demzufolge konzen-
triert er sich in seinem Werk, Russland als Vielvölkerreich 4 , vor allem auf sozialgeschichtliche Ansätze und bereichert die Diskussion mit neuen Sichtweisen, die auch die Darstellung der muslimischen Bevölkerung mit einschließen. Auf eine Trennung zwischen Literatur und Quellen wurde im Literaturverzeichnis be-
wusst verzichtet, da einige Werke wie zum Beispiel Albrechts Russisch Centralasien 5 und Krahmers Russland in Mittelasien 6 dem Anspruch nach zwar Darstellungen sind, aus heutiger Perspektive, aufgrund ihrer historischen Nähe zum Geschehen und des enthaltenen umfangreichen statistischen Materials, gleichermaßen Quellencharakter besitzen.
2 HOETZSCH, OTTO: Russland in Asien. Geschichte einer Expansion. Stuttgart 1966.
3 MACKENZIE, DAVID: The Conquest and Administration of Turkestan, 1860-85. In: RYWKIN, MICHAEL (Hrsg.): Russian Colonial Expansion to 1917. London, New York 1989, S. 208-234.
4 KAPPELER, ANDREAS: Russland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall. München 1993.
5 ALBRECHT, MAX: Russisch Centralasien. Reisebilder aus Transkaspien, Buchara und Turkestan. Hamburg 1896.
6 KRAHMER, GEORG: Russland in Mittelasien, Reprint der Ausgabe Leipzig 1897. Münster, Hamburg 1994 (Imperium Russicum).
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2. Ökonomische Erwägungen
Die Erschließung von Kolonien wurde im 19. Jahrhundert nicht zuletzt aufgrund wirtschaftlicher Interessen vorangetrieben: Zum einen waren die Kolonialmächte stets darauf bedacht, neue Rohstoffquellen und Absatzmärkte für die eigenen Produkte zu erschließen, auf der anderen Seite war man gezwungen ökonomisch zu handeln, um dem militärischen und organisatorischen Aufwand, der zur Durchsetzung der Staatsgewalt notwendig war, Rechnung zu tragen. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass nicht nur in Hugh Seton-Watsons Darstellung der russischen Expansion in Mittelasien die ökonomischen Beweggründe im Vordergrund stehen: In the 1860’s the Russian textile industry was becoming more interested in Turkestan as a source of supply of raw cotton. The difficulties caused to Russian imports by the American Civil War increased this interest. The local factors making for a forward policy - border clashes and raids, and suspicion of British designs - remained effective. 7
Während des amerikanischen Sezessionskrieges (1861-1865) und der damit ver-bundenen Seeblockade gegen die Südstaaten, kam es zu einer drastischen Unter-versorgung der russischen Textilindustrie mit Baumwolle. Als alternative Lieferanten boten sich die mittelasiatischen Gegenden an. Darüber hinaus sehnte man sich nach der Erschließung neuer Märkte, da den russischen Industrieprodukten die Konkurrenz aus West- und Mitteleuropa schwer zusetzte. 8
Tatsächlich mochte der militärische Aufwand zur gewaltsamen Eingliederung Mittelasiens, im Vergleich zu dem erhofften Nutzen recht gering erscheinen, jedoch gewährleistete die Eroberung allein längst nicht die Ausbeutung der Rohstoffe und den Zugang zu den lokalen Märkten:
[…] Turkestan remained for long a place apart. Its only transport links with Russia and Siberia were the camel caravans that crossed the vast desert and arid steppes. Until the railroad obliterated this obstacle, economic integration could only be a dream. 9
7 SETON-WATSON, HUGH: The Russian Empire. 1801- 1917, 2. Auflage. Oxford 1989, S. 441.
8 KAPPELER, ANDREAS (2001), S. 162.
9 Siehe BROWER, DANIEL R., LAZZERINI (Hrsg.): Russias Orient. Imperial Borderlands and Peoples, 1700-1917. Bloomington, Indianapolis 1997, S. 75.
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Da man sich in St. Petersburg nicht offiziell zu den ökonomischen Erwägungen bekannte, lassen sich die dargestellten, wirtschaftlichen Motive als Ursache der russischen Expansion nur schwer nachweisen. Hinweise auf ökonomische Interessen, welche hinter der russischen Expansion gestanden haben, lassen sich jedoch aus den Anstrengungen gewinnen, die geleistet wurden, um die eroberten Gebiete ökonomisch zu erschließen. Dieser Annahme geht die Vermutung voraus, dass der ökonomische Einfluss auf den Kaiser unmittelbar vor und nach der Inkorporierung Mittelasiens vergleichsweise gleich bleibend war, so dass die Interessengruppen, welche eine Kolonisierung aus wirtschaftlichen Gründen befürworteten, auch weitere Maßnahmen zur ökonomischen Erschließung vorantreiben konnten. Wie bereits erwähnt, erfolgte der Zugang zu den begehrten Märkten und Rohstoffen bis zur Verbindung mit dem Eisenbahnnetz nur mittels Kamelkarawanen; 10 eine ökonomische Ausbeutung wurde somit praktisch unmöglich. Die Lage besserte sich erst, als 1886 die erste Eisenbahnverbindung zwischen dem Kaspischen Meer und Merv fertig gestellt wurde (der Bau war 1881 aus strategischen Gründen begonnen worden) 11 , 1888 folgte der Anschluss Samarkands, 1898 Taschkents und schließlich Andischians. 1906 wurde eine direkte Verbindung zwischen Orenburg und Taschkent erbaut, über welche der größte Teil des Baumwollhandels abgewickelt werden konnte.
Die (sich nach dem Bau der Eisenbahn stetig entwickelnden) Handelsbeziehungen zwischen dem Zentrum und der mittelasiatischen Peripherie waren geprägt durch ihren typisch kolonialen Charakter: In Turkestan, Buchara und Chiva wurden Rohstoffe, vor allem Baumwolle, Rohseide, Pelz- und Lederwaren produziert, deren Veredelung jedoch in den Gebieten des „alten“ Zarenreiches stattfand. Die entstandenen Fertig- produktewaren teilweise für den russischen Markt bestimmt, teilweise strömten sie in die produzierenden Gebiete zurück, wo sie der ansässigen Kleinindustrie (vor allem
dem baumwollverarbeitenden Gewerbe) starke Konkurrenz machten. 12 Im Baum-
10 SieheAnlage 2.
11 Eine detailreiche Beschreibung des Eisenbahnbaus und der Reise mit derselben findet sich in dem zeitgenössischen Reisebericht von Max Albrecht. Vor allem das erste Kapitel bezieht sich auf die Entstehung des Schienennetzes in Zentralasien. Vgl. ALBRECHT, MAX (1896), S. 1-21.
12 KRAHMER, GEORG (1994), S. 140. Im Vergleich zum Baumwollgewerbe gestaltete sich die Wertschöpfung der einheimischen Pelz- und Lederwarenproduktion günstiger, da diese Waren nicht ausschließlich im Rohzustand, sondern auch in verarbeiteter Form ins europäische Russland ausgeführt wurden. Die aus Turkestan ausgeführte Menge wuchs, innerhalb von fünf Jahren, um mehr als das Dreifache an; 1889: 1064.700 kg, 1890: 1375.920 kg, 1891 2424.240 kg, 1892: 2047.500 kg (Cholera-Epidemie), 1893: 3619.980. Siehe ebenda, S. 132. Die Zahlen belegen einen deutlichen Zuwachs des Exportes in das europäische Zentrum, welcher weniger auf veränderte Produktionsmechanismen, als auf verbesserte Transportmöglichkeiten zurückzuführen ist. Ebenfalls wird durch
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wollhandel Turkestans zeigten sich dann auch die einschneidensten Veränderungen. Somit geriet die ansässige Produktion zunehmend unter die Kontrolle Moskauer Industrieller, welche amerikanische Pflanzen einführten und die einheimischen Arten verdrängten, da „die dortige Baumwolle sich nur zur Herstellung von minderwerthigen groben Gespinnsten eignet[e]“ 13 . Parallel stieg die Größe der Anbauflächen für Baumwolle von 490 Hektar (1884) bis auf 148 650 Hektar (1893) drastisch an. 14 Es lässt sich nicht eindeutig nachweisen, welchen Stellenwert ökonomische Interessen bei der Entscheidung zur Eroberung der zentralasiatischen Gebiete gehabt haben. Auffällig ist, dass die ökonomische Erschließung mit deutlich größerem Engagement betrieben wurde als die kulturelle Durchdringung der Region. 15 Auch ist erkennbar, dass die Ausbeutung der Ressourcen (insbesondere im Hinblick auf die Etablierung einer Baumwoll-Monokultur in Turkestan) sehr früh begann, 16 sodass die Pläne für die wirtschaftliche Erschließung Mittelasiens vermutlich bereits vor der militärischen Niederwerfung existierten. Ob diese Pläne ausschlaggebend für den Beginn der Kolonisierung waren oder ob sie lediglich die Durchsetzung des russischen Herrschaftsanspruches finanzieren sollten, 17 kann nicht zufrieden stellend beantwortet werden. Auch führt eine Übertragung französischer und britischer Absichten auf die russische Imperialpolitik nicht weiter, da in erstgenannten Ländern die Gesellschaftsstruktur, der Grad der Industrialisierung und damit gleichermaßen der Einfluss der Ökonomie auf die Politik große Unterschiede zu der Russlands aufwies. MacKenzie erscheint es überdies zweifelhaft, dass sich russische Fabrikanten, in einer Zeit, in der selbst im europäischen Russland nur unzureichende Kapitalmengen zur industriellen Entwicklung zur Verfügung gestanden haben, allzu sehr für Zentralasien
die bezifferten Mengen der Nachweis erbracht, dass im russischen Markt durchaus eine wachsende (oder bis dahin ungestillte) Nachfrage nach eben genannten Produkten bestand. Im Gegensatz dazu stagnierte nach Angaben Henry Landsdells (der sich wiederum auf die St. Petersburger Zeitung berief) der Import euro-russischer Waren nach Zentralasien zwischen 1851 und 1881. Vgl. LANDSDELL, HENRY: Russisch Central-Asien nebst Kuldscha, Buchara, Chiwa und Merw, erster Band, übers. von WOBESER VON, H.. Leipzig 1885, S. 371f.
13 Siehe ebenda, S. 114.
14 Vgl. ebenda, S. 114.
15 Vgl. dazu Kapitel 4, Die These der „Jagd nach der Grenze“ und der damit verbundene Anspruch auf zivilisatorische Mission.
16 So wurde in Turkestan beispielsweise bereits in den 1870er Jahren, also noch vor dem Abschluss der Unterwerfung Zentralasiens, mit amerikanischen Baumwollpflanzen experimentiert, um die Erträge zu maximieren. KRAHMER, GEORG (1994), S. 114.
17 Colonial plans for Turkestan had from the very start looked towards development. These plans promised to address the pressing need to cover the expenses of governing the vast, remote land. Siehe BROWER, DANIEL R., LAZZERINI (Hrsg.): Russia’s Orient. Imperial Borderlands and Peoples, 1700-1917. Bloomington, Indianapolis 1997, S. 75.
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M. A. Aaron Faßbender, 2006, Argumente und Motive für die russische Expansion in Zentralasien, München, GRIN Verlag GmbH
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