I. EINLEITUNG: 1
II. GESCHICHTE DER MUSLIMBRÜDER: 3
A. GRÜNDUNG UND ENTWICKLUNG: 3
B. POLITISIERUNG: 6
III. DAS PARTEIPROGRAMM: 8
A. STRUKTUR UND AUFBAU: 8
B. KONTROVERSE IN BEZUG AUF FRAUEN KOPTEN: 10
C. KONTROVERSE IN BEZUG AUF DEN ŠURĀ-RAT: 13
IV. FAZIT: 16
V. QUELLENVERZEICHNIS: 20
VI. LITERATURVERZEICHNIS: 20
I. EINLEITUNG:
Im Spätsommer des Jahres 2007 verteilte die Muslimbruderschaft den ersten Entwurf eines Parteiprogramms, inmitten großer Erwartungen seitens der herrschenden Elite Ägyptens sowie seitens der Oppositionsbewegungen, an eine kleine Gruppe Intellektueller und Analysten. Dieser Programmentwurf kann weder als Dokument einer existierenden Partei, noch als eines einer sich in der Gründungsphase befindlichen Partei angesehen werden, da die Muslimbruderschaft weiterhin ohne rechtliche Anerkennung in Ägypten existiert. Ägyptens Herrscher und die von ihnen verabschiedeten Gesetze lassen die Aussicht auf eine baldige rechtliche Anerkennung der Muslimbrüder in weite Ferne rücken. Mit der Veröffentlichung eines Parteiprogramms wollte die Führungsriege der Muslimbrüder (al-iḫuwān al-muslimūn) jedoch deutlich machen, was für eine Partei sie wären, sollte ihnen eine Gründung gestattet werden. 1
Während der letzten Wochen des Monats August im Jahr 2007 wurde das eben erwähnte Parteiprogramm an circa 40 Intellektuelle, Analysten und Journalisten innerhalb und außerhalb Ägyptens mit der Bitte um Stellungnahme verschickt. Mit diesem Schritt wollte man sich erstens politisch positionieren, zweitens die verschiedenen Strömungen innerhalb der eigenen Organisation in politischen Grundsatzfragen auf eine gemeinsame Position verpflichten und drittens demonstrieren, dass man offen für einen Dialog mit anderen Kräften sei. Die Mehrheit derer, welche den ersten Entwurf des Programms erhielten, bevorzugte es, ihre Kommentare und Stellungnahmen in Zeitungsartikeln herauszugeben oder aber das Programm in der Öffentlichkeit zu kommentieren. Diese neu geschaffene Realität, sprich die nun öffentliche Debatte über die Ansichten der Muslimbrüder, zwang eine große Anzahl der Führungsriege dieser Oppositionsbewegung dazu, das eigene Programm inklusive der hierzu entstandenen Kritik zu kommentieren und zu verteidigen, vor allem in Bezug auf Kernsaussagen, die in weiten Teilen durch Widersprüchlichkeiten charakterisiert sind. 2
1 Brown, Nathan J./Ḥamzāwī, ʿAāmir (2008): The Draft Party Platform of the Egyptian Muslim
Brotherhood: Foray Into Political Integration or Retreat Into Old Positions?, In: Carnegie Papers,
Nr. 89, 01/2008, Washington D.C. (u.a.), S. 1f.
2 Ebd. S. 21 und Lübben, Ivesa (2009): Die Muslimbruderschaft und der Widerstand gegen eine
dynastische Erbfolge in Ägypten, In: GIGA Focus Nahost, Nr. 5, Hamburg: GIGA. S. 2f.
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Diese Arbeit will erläutern, welche spezifischen Kontroversen und Unvereinbarkeiten durch das Parteiprogramm der Muslimbrüder aufgeworfen wurden. Die zentrale Kernfrage, mit welcher sich diese Arbeit beschäftigen wird, ist zunächst einmal die der Widersprüchlichkeiten innerhalb des Parteiprogramms. Welches also sind die spezifischen Kontroversen, die das Parteiprogramm aufwirft? Hierzu sollen im weiteren Verlauf zwei ausgewählte Punkte aus dem Parteiprogramm aufgegriffen werden, die als besonders problematisch angesehen werden können, sie seien an dieser Stelle kurz genannt: Der Ausschluss von Frauen und Kopten von den obersten Staatsämtern sowie die Einführung eines Rats von Rechtsgelehrten (šūrā), die ein Gesetz zu Fall bringen können, sollte es gegen islamische Vorschriften verstoßen. Diese eben benannten Punkte sollen im Hauptteil dieser Arbeit ausführlich dargestellt, analysiert und bewertet werden, um des Weiteren auch auf die Frage einzugehen, in wie fern es möglich scheint, die vorhandenen Kontroversen seitens der Muslimbrüder aufzulösen. Zu diesem Zweck werde ich zunächst einen kurzen Überblick über die Geschichte, sprich Entstehung, Gründung und Entwicklung der Muslimbruderschaft geben, um mich anschließend im Speziellen dem Parteiprogramm zu widmen. Nach einem Überblick über Struktur und inhaltliche Elemente des Dokuments folgt eine Darstellung und Auswertung der für diese Arbeit zentralen Aspekte. Das Fazit der Arbeit wird die Fragestellung dann aufgreifen und die gewonnenen Erkenntnisse im Kontext der vorangegangenen Ausführungen abschließend präsentieren.
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II. GESCHICHTE DER MUSLIMBRÜDER:
Im nachfolgenden Teil soll unter Teil A die Geschichte der Muslimbrüder in kurzen Zügen nachskizziert werden, angefangen bei der Gründungsphase bis hin zu der Etablierung einer politischen, oppositionellen Gruppierung. Unter Teil B soll aufgezeigt werden, in wie fern sich die ehemals a-politische Bewegung politisiert hat, sprich es soll nachgezeichnet werden, wie sie ihren Weg ins Parlament gefunden hat. Von einer legalen Partei kann noch nicht gesprochen werden, da die Muslimbrüder bis heute nicht als anerkannte Partei gelten. Vielmehr werden sie in der Regierungspresse als al-maḥẓūra (die Verbotene) bezeichnet. Allerdings bleibt festzuhalten, dass diese Bewegung auf eine lange Tradition zurückblicken kann. Ebenso verfügt sie über eine solide Basis unter der akademisch gebildeten Mittelschicht und verhält sich darüber hinaus so, als sei sie eine legale politische Partei. Dabei legen die Muslimbrüder mehr Professionalität an den Tag als andere, rechtlich anerkannte Organisationen. So haben sie beispielsweise im Parlament einen „Block“ gebildet, der wie eine Fraktion organisiert ist, die Abgeordnetenbüros haben sie zu Parteizentralen umfunktioniert, von denen aus sie Projekte in ihren Wahlkreisen organisieren, und über Internetportale informieren sie ihre Wähler über ihre parlamentarischen Initiativen. 3
A. GRÜNDUNG UND ENTWICKLUNG:
Die Muslimbruderschaft wurde im März 1928 von dem Lehrer Ḥasan al-Bannā zusammen mit sechs ägyptischen Arbeitern in der Stadt Ismāʿaīlīyah gegründet. Diese Gemeinschaft war zunächst eine von vielen unter der Leitung von Ḥasan al-Bannā und ihre Ursprünge unterscheiden sich nicht von den vielen ähnlichen Gruppen, welche zu jener Zeit in Ägypten tätig waren. In den ersten drei Jahren blieb die Anzahl der Muslimbrüder recht gering, der charismatische Ḥasan al-Bannā konzentrierte sich hauptsächlich auf die Anwerbung von Mitgliedern in und um Ismāʿaīlīyah. 1932 entschied er jedoch, dass die Gruppe nicht weiter wachsen könne, es sei denn sie zögen um in das Zentrum des politischen Geschehens nach Kairo. Umgesetzt werden konnte dieser Plan, weil der Bruder von Ḥasan al-Bannā die
3 Lübben, Ivesa (2009): Die Muslimbruderschaft und der Widerstand gegen eine dynastische Erbfolge
in Ägypten, S. 2.
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Führung einer in Kairo stationierten Gemeinschaft übernahm. Die Organisation begann damit, den ersten wöchentlichen Newsletter zu publizieren und hielt die erste offizielle Mitgliederversammlung ab. Während dieser Zeit begann die Zahl der Mitglieder schlagartig anzusteigen. Während es im Jahre 1930 nur fünf Zweigstellen gab, waren es 1932 bereits 15 und 1938 unglaubliche 300 Ableger. Obwohl genaue Zahlen über die Mitgliedschaft nicht erhältlich sind, wird trotzdem angenommen, dass die 300 Zweigstellen zwischen 50.000 und 150.000 Mitglieder der Muslimbrüder repräsentierten. 4
In ihren frühen Jahren war die Muslimbruderschaft eine explizit a-politische Organisation, die sich vielmehr religiösen Reformen und gegenseitiger Gesellschaftshilfe verschrieben hatte. Vorrangig konzentrierten sie sich auf die Anwerbung von Mitgliedern, private Diskussionen über religiöse sowie moralische Reformen und begannen damit, soziale Dienste aufzubauen. Einen politischen Ton bekamen ihre Aktivitäten erst in der späten Phase der 1930-er Jahre. Der Auslöser hierfür war der in Palästina stattfindende Generalstreik. Die Muslimbrüder boten den Palästinensern ausgiebige Unterstützung an und generierten ägyptische Sympathien sowie gemeinschaftliche Funds zur Unterstützung des Streiks. Gleichzeitig wurden in ihren Newslettern kritische Töne gegenüber der existierenden ägyptischen Regierung laut, besonders gegenüber der quasi Britischen Kontrolle über Ägypten. Erstmalig betraten die Muslimbrüder die politische Arena als sie 1941 ihre eigenen Kandidaten zu den Parlamentswahlen ankündigten. Es war zu dieser Zeit als sie begannen, Massenkundgebungen zu veranstalten und einen Aufruf für soziale Reformen durchzusetzen sowie den Rückzug der Briten zu fordern, woraufhin sie sich erstmalig Repressalien in Form von Inhaftierungen sowie dem Verbot von Massenkundgebungen gegenüber sahen. Diese Staatsmaßnahmen hielten allerdings nicht lange an. Auf Grund des Ausbruchs des 2. Weltkrieges wurden sie relativ schnell wieder gelockert, da das Regime sich auf Grund der vorherrschenden Situation mit anderen Themen als religiös motivierten Reformbewegungen zu beschäftigen hatte. Diese Gunst nutzen die Muslimbrüder, um ihre Treffen wieder aufzunehmen während ihre Führer aus den Gefängnissen entlassen wurden, woraufhin die Anzahl der Mitglieder abermals rapide anstieg. Aus der Vergangenheit lernend wurde der Teil der Muslimbrüder kreiert, welcher als „Geheimapparat“
4 Mitchell, Richard P. (1969): The society of the Muslimbrothers. New York: Oxford University
Press, S. 31f.
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Arbeit zitieren:
Jessica Plambeck, 2009, Widersprüchlichkeiten im Parteiprogramm der Muslimbrüder von 2007, München, GRIN Verlag GmbH
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