II
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Die Rezeption und Indienstnahme des Nibelungenliedes während des Nationalsozialismus 2
2.1 Historischer Hintergrund 2
2.2 Indienstnahme des Nibelungenliedes zu Zwecken des Nationalsozialismus 7
2.3 Rezeption des Nibelungenliedes während des Nationalsozialismus 11
2.3.1 Musik 11
2.3.2 Literaturwissenschaft 12
2.3.3 Kunst 14
2.3.4 Film 15
3. Zusammenfassung 16
Literaturverzeichnis
1
1. Einleitung
Das Thema dieser Hausarbeit ist „Die Rezeption und Indienstnahme des Nibelungenliedes während des Nationalsozialismus“.
Um die Umstände, die zu der Funktionalisierung des Nibelungenliedes zu nationalsozialistischen Zwecken geführt haben, zu klären, werde ich im ersten Teil meiner Arbeit den historischen Hintergrund beleuchten. Um keinen wesentlichen Punkt zu vernachlässigen, reicht dieser historische Exkurs zur Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes bis ins 18. Jahrhundert zurück. Im Wesentlichen werde ich mich jedoch auf die Stärkung des Nationalbewusstseins im 19. und 20. Jahrhundert konzentrieren, da diese maßgeblich zum Missbrauch des Nibelungenliedes beigetragen hat.
Auf dieser historischen Grundlage aufbauend, werde ich im Kern meiner Hausarbeit, der Indienstnahme des Nibelungenliedes während des Nationalsozialismus, versuchen, die Indienstnahme des Nibelungenliedes zu Zwecken der Nationalsozialisten darzustellen. Der Begriff „Indienstnahme“ macht bereits deutlich, dass ich voraussetze, dass das Nibelungenlied - entgegen seinem eigentlichen Inhalt - zu übergeordneten Zwecken missbraucht wurde. Es gilt also in diesem Zusammenhang nur noch zu klären, welche Umstände seiner Rezeptionsgeschichte (vgl. Punkt 2.1 Historischer Hintergrund) zu diesem Missbrauch geführt haben und welche Zwecke damit verfolgt wurden.
Da das Nibelungenlied während des Nationalsozialismus nicht allein in Textgestalt rezepiert wurde, werde ich versuchen in einem dritten Schritt zu klären, in welchen Formen die Menschen zu dieser Zeit mit dem Nibelungenstoff in Berührung gekommen sind. Der Sinn dessen ist Probleme dieser veränderten Textgestalt deutlich zu machen und darin ebenfalls Gründe für Fehldeutungen des Nibelungenliedes darzulegen. Hier werden also sowohl die teilweise veränderten Inhalte der Adaptionen, als auch die Form in Bezug auf die Wirkung beim Rezipienten im Mittelpunkt der Untersuchung stehen.
Um die Hausarbeit abzurunden, folgt eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse der Hausarbeit.
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2. Die Rezeption des Nibelungenliedes während des Nationalsozialismus
2.1 Historischer Hintergrund
Die Rezeption des Nibelungenliedes, als eine historische Entwicklung, steht in Zusammenhang mit anderen historischen Prozessen. Daher wird im Folgenden die Rezeption des Nibelungenliedes im Spiegelbild des deutschen Nationalbewusstseins bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 1 dargestellt. Die Entstehung bzw. Herausbildung eines verstärkten deutschen Nationalgefühls während des 19. und 20. Jahrhunderts ist ein entscheidender Einfluss, der die Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes in dieser Zeit mitbestimmt hat. Daher werde ich im Verlauf dieser Arbeit immer wieder Verknüpfungen zwischen diesen beiden Aspekten, dem Nationalgedanken und der Rezeption des Nibelungenliedes, herstellen. Ausgangslage ist das Hl. Röm. Reich Deutscher Nation unter der Besetzung der napoleonischen Franzosen, deren Leitgedanken seit der Französischen Revolution Liberté, Egalité und Fraternité sind. Der Kontakt zwischen Franzosen und Deutschen des Hl. Röm. Reiches Deutscher Nation hat also zwei Seiten: 1. Die aufklärerischen Freiheits-, Gleichheits- und Brüderlichkeitsgedanken der Franzosen haben für viele Deutsche eine Vorbildfunktion. 2. Die Besatzung unter Napoleons Regiment führt zu einem allen Deutschen gemeinsamen Hass gegenüber den Franzosen. 2 Diese Vorbildfunktion gepaart mit der Abneigung gegen ein anderes Volk trägt maßgeblich dazu bei, dass man sich nach einer eigenen Nation mit einer eigenen nationalen Vergangenheit sehnt. Solch eine eigene Nation wird zu damaliger Zeit in dreifachem Sinn verstanden: 1. als geistige Kulturgemeinschaft (Klassik), 2. als völkische Schicksalsgemeinschaft (mittelalterliche Reichsidee) und 3. als politische Gemeinschaft (Vorbild: frz. Nationalstaat). 3 Diese Idee eines geeinten Nationalstaates der Deutschen wird seitdem von vielen einflussreichen Persönlichkeiten auf unterschiedliche Art verbreitet und gefördert: Au-toren wie Friedrich Hölderlin oder Heinrich von Kleist, Textdichter wie z.B. Max von Schen-kendorf, und sogar Sportler wie Friedrich Ludwig Jahn, nahmen Einfluss auf die Stärkung eines deutschen Nationalbewusstseins: Kleist entwirft in seiner ‚Hermannsschlacht’ ein Modell für die nationale Erhebung (hier: gegen die französische Besatzung), Max von Schenken-dorf z.B. schreibt nationale Lieder und Friedrich Ludwig Jahn ist noch heute dafür bekannt, dass er die nationale Turnbewegung ins Leben ruft. 4
Um von einer Nation mit einer nationalen Vergangenheit sprechen zu können, fehlt es den Deutschen allerdings an einem schriftlich überlieferten Dokument, dessen Gegenstand die
1 vgl. Kinder/Hilgemann, S. 471. 2 vgl. Frembs, S. 11. 3 vgl. Frembs, S. 310. 4 vgl. Kinder/Hilgemann, S. 310.
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gemeinsame Vergangenheit ist. Es entsteht ein zunehmendes Interesse an der Bestimmung eines Nationalepos, ähnlich dem ‚Chanson de Roland’ in Frankreich. Zu dieser Zeit - genauer im Jahre 1755 - wird auch die heute als Handschrift C bekannte Version des Nibelungenliedes von Jacob Herman Obereit in Hohenems entdeckt. 5 Es folgen Studien, die erforschen sollen, welches mittelalterliche Stück sich am besten als Nationalepos eignet. Das Nibelungenlied weise, laut Johann Jakob Bodmer, Ähnlichkeiten mit dem gr. Epos ‚Ilias’ auf und sei daher, im Gegensatz zu z.B. ‚Hermann der Cherusker’, dazu geeignet, als Nationalepos anerkannt zu werden. 6
Mit der Bezeichnung des Nibelungenliedes als Nationalepos steigt das Interesse an der Rezeption des Nibelungenliedes und es gibt erste Ansätze, die versuchen das Nibelungenlied als Nationalepos zu deuten, was natürlich dazu führt, dass nur bestimmte exemplarische Textstellen bzw. Ausschnitte des Nibelungenliedes hervorgehoben werden und somit die Gesamtbedeutung des Textes verloren geht.
Im Jahre 1807 hebt Friedrich Heinrich von der Hagen dementsprechend die, im Nibelungenlied vermeintlich beschriebenen, positiven Merkmale der Deutschen hervor:
„Gastlichkeit, Biederkeit, Redlichkeit, Treue und Freundschaft bis in den Tod, Menschlichkeit, Milde und Großmuth in des Kampfes Noth, Heldensinn, unerschütterliche[r] Standesmuth, übermenschliche Tapferkeit, und willige Opferung für Ehre, Pflicht und Recht; Tugenden, die in der Verschlingung mit den wilden Leidenschaften und düsteren Gewalten der Rache, des Zorns, des Grimmes, der Wuth und der grausen Todeslust nur noch glänzender und mannichfaltiger erscheinen, und uns, zwar trauernd und klagend, doch auch getröstet und gestärkt zurücklassen, uns mit Ergebung in das Unabwendliche, doch zugleich mit Muth zu Wort und That, mit Stolz und Vertrauen auf Vaterland und Volk, mit Hoffnung auf dereinstige Wiederkehr Deutscher Glorie und Weltherrlichkeit.“ 7
Bereits in dieser Lesart des Textes wird der Heldentod gepriesen und sogar gefordert: In Zeiten der Besetzung des Hl. Röm. Reiches Deutscher Nation durch die Franzosen gleicht diese Interpretation des Nibelungenliedes einer Aufforderung zum Krieg bzw. zur Auflehnung gegen die napoleonisch geführte, französische Besatzung.
Diese nationale Erhebung wird schließlich in den Befreiungskriegen der Deutschen gegen ihre französischen Besatzer (1813-1815 8 ) Realität. Während dieser Kriege erfolgt erstmals eine politische Instrumentalisierung des Nibelungenliedes, indem Johann August Zeune die beiden Kriegsparteien mit Figuren aus dem Nibelungenlied vergleicht: Frankreich identifiziert
5 vgl. Frembs, S. 14. 6 vgl. Frembs, S. 15.
7 Härd, John E.: Das Nibelungenepos zit. n. Frembs, S. 21. 8 vgl. S. 315
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er mit dem Drachen, während Deutschland als der Drachentöter Siegfried dargestellt wird. 9 Es wird also sowohl die Kriegsbereitschaft gegen die Franzosen geschürt, als auch gleichzeitig das Nationalbewusstsein der Deutschen gestärkt.
Nach Auflösung des Hl. Röm. Reiches Deutscher Nation im Jahre 1806 10 und dem erfolgreichen Widerstand gegen Napoleon entsteht während des Wiener Kongresses im Jahre 1815 ein Staatenbund von 39 deutschen Einzelstaaten (1815-1866) 11 , der immer noch nicht das Verlangen nach einer geeinten deutschen Nation mit einer einheitlichen Nationalsprache und -kultur stillen kann. 12 Im Gegenteil: Der Zerfall in viele Kleinstaaten erschwert das Erreichen des gemeinsamen Zieles. Das einende Element zwischen den einzelnen Kleinstaaten bleibt jedoch die antifranzösische Stimmung, die sich auch in der Rezeption der Literatur niederschlägt: Es wird nicht länger französische (National-)Literatur, wie z.B. das beliebte ‚Chanson de Ro-land’, gelesen. Stattdessen findet eine Rückbesinnung auf alt-/mittelhochdeutsche Texte statt, in deren Mittelpunkt das Nibelungenlied steht. 13 Die Beschäftigung mit dem Nibelungenlied geht sogar so weit, dass Schlegel die Einführung des Epos in den Lehrplan deutscher Schulen fordert, was später auch geschieht. 14
Die Rezeption des Nibelungenliedes führt zur Zeit der Kleinstaaten u.A. dazu, dass es Forderungen nach der Einsetzung eines König (wie im Nibelungenlied) gibt, die während der Deutschen Nationalversammlung 1848 laut werden. 15
In der Zeit von 1848 bis 1852 entsteht Richard Wagners ‚Der Ring des Nibelungen’ 16 als die, auch für die Zeit des Nationalsozialismus, bedeutendste Umsetzung des Nibelungenstoffes (vgl. Punkt 2.3.1 Musik).
Während des deutsch-französischen Krieges 1870/1871 stehen die deutschen Einzelstaaten erneut dem Nationalstaat Frankreich gegenüber: Das Wir-Gefühl der Deutschen erstarkt von Neuem und wird durch die Gründung des Deutschen Kaiserreiches im Jahre 1871 gekrönt. 17 Die einenden Elemente „gemeinsamer Erbfeind Frankreich“, sowie der Rückbezug aller Einzelstaaten auf das Nibelungenlied als Basis der gemeinsamen Vergangenheit, tragen also erfolgreich dazu bei, dass es nun ein geeintes Deutsches Kaiserreich gibt.
9 vgl. Frembs, S. 17.
10 vgl. Kinder/Hilgemann, S. 307. 11 vgl. Kinder/Hilgemann, S. 311. 12 vgl. Frembs, S. 11f. 13 vgl. Frembs, S. 18. 14 vgl. Frembs, S. 19. 15 vgl. Frembs, S. 26. 16 vgl. Frembs, S. 26. 17 vgl. Kinder/Hilgemann, S. 353.
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Miriam Dauben, 2011, Die Rezeption und Indienstnahme des Nibelungenliedes während des Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag GmbH
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