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"Da kam raus, sie hatten keine Ahnung, was das überhaupt ist, philosophiegeschichtlich. Sie wussten gar nichts vom Positivismus, nichts vom älteren, nichts vom neuen. Positivismus war irgendetwas Böses."
Jean Améry (* 31.10.1912; † 17.10.1978) zu einem Angriff von Studenten, die ihn während eines Vortrages des „Positivismus“ bezichtigten, ohne zu wissen, was man darunter versteht.
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort 5
Einleitung 6
I. Die begriffliche Basis 9
I.1 Positivismus und Neopositivismus 9
I.2 Erkenntnistheorie 10
II. Die Verbreitung des Positivismus im 19. Jahrhundert 12
II.1 John Stuart Mill zum Positivismus 12
III. Der Neopositivismus im 20. Jahrhundert 15
III.1 Der Wiener Kreis 15
III.2 Rudolf Carnap als Vertreter des Neopositivismus 18
III.3 Karl Popper und seine Kritik am Neopositivismus 19
IV. Stellungnahmen zur Erkenntnisphilosophie und zu den Geistes- und 22
Sozialwissenschaften
IV.1 John Stuart Mills Logik der Geisteswissenschaften und die 22
Verknüpfung des logischen Empirismus des Wiener Kreises mit der
empirisch -positivistischen
„Tradition“ nach John Stuart Mill
IV.2 Rudolf Carnap über Mills Theorien der Logik 25
Schlussbetrachtung 26
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Vorwort
Diese Hausarbeit wurde im Wintersemester 2008 / 2009 unter der Leitung von Herrn Dr. Thomas Fiegle im Rahmen des Seminars „Der Gesetzesbegriff in den Sozialwissenschaften - historischsemantische Perspektiven auf ein erkenntnistheoretisches Problem“ geschrieben. Das Thema der vorliegenden Arbeit soll im Kern die chronologische Entwicklung des Positivismus hin zum Neopositivismus beschreiben und darüber hinaus die unterschiedlichen Standpunkte ausgewählter Vertreter des Positivismus und Neopositivismus zu den Fragen der Erkenntnisphilosophie und des Gesetzesbegriffs in den Sozialwissenschaften erläutern. Hierbei stehen die Ansichten zur Erkenntnisphilosophie nach John Stuart Mill im Mittelpunkt der sozialwissenschaftlichen Analyse. Mit John Stuart Mill und der Frage nach der Entstehung und der europäischen Verbreitung des Positivismus soll auch das Kapitel II eingeleitet werden. Um eine Diskussionsgrundlage zu schaffen, sollen zuvor im ersten Kapitel die Begriffe Positivismus, Neopositivismus, Erkenntnisphilosophie und der Begriff des positiven Rechts eine Definition erhalten. In Kapitel III werden die Theorieansätze und Untersuchungen zum Naturalismus bzw. zur Erkenntnisphilosophie im Sinne des Wiener Kreises erläutert. Aus diesem Kreise zahlreicher Mathematiker, Philosophen, Natur- und Geisteswissenschaftler soll in dieser Darstellung die Wissenschaftslogik nach Rudolf Carnap, Mitbegründer des Wiener Kreises und somit des Neopositivismus, in die Untersuchung der Fragestellung mit einbezogen werden. Ferner sollen im dritten Kapitel die Aussagen und Kritiken zum Neopositivismus seitens des Philosophen und bekanntesten Vertreters des kritischen Rationalismus im 20. Jahrhundert, Karl Popper 1 , in den sozialwissenschaftlichen Vergleich integriert werden. Im Anschluss werden in Kapitel IV die Grundannahmen zur Erkenntnisphilosophie und zu den Geistes- und Sozialwissenschaften seitens des hier ausgewählten Personenkreises hervorgehoben. Daran anknüpfend soll anhand der für diese Arbeit ausgewählten Quellen geklärt werden, wie der Einfluss John Stuart Mills auf den Neopositivismus in den Sozialwissenschaften beurteilt wird. Dabei steht die Verknüpfung des logischen Empirismus des Wiener Kreises mit der empirisch-positivistischen Tradition nach John Stuart Mill im Focus der Analyse. Des Weiteren sollen die Verbindungen zwischen den Theorien von John Stuart Mill zu den Theorien von Rudolf Carnap verdeutlicht werden. Im letzten Abschnitt soll die Frage aufgegriffen werden, inwieweit John Stuart Mill noch heute eine Rolle in den Geisteswissenschaften spielt. Ferner soll ein Resümee erscheinen, das den Kontext zwischen dem Positivismus und dem Neopositivismus zu bewerten versucht.
1 vollständiger Name: Sir Karl Raimund Popper (* 28. Juli 1902; † 17. September 1994)
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Einleitung
Um John Stuart Mills Verständnis des Positivismus sowie seine Bestrebungen hin zu einer europäischen Verbreitung des Positivismus und der Ideen von Auguste Comte nachvollziehen zu können und um den hiesigen Forschungsgegenstand, nämlich die Lehre des Positivismus greifbarer zu machen, scheint zunächst eine kurze Einführung in den von Auguste Comte begründeten Positivismus als Grundvoraussetzung für die weitere Analyse sinnvoll zu sein. Der von Auguste Comte im 19. Jahrhundert institutionalisierte Positivismus kann der neuzeitlichen Wissenschaftsgeschichte zugeordnet werden, dessen eigentlicher Beginn schon mit der Renaissance um 1500 beschrieben werden kann. Comte befürwortet eine „positive“, also nicht mehr kritische Orientierung der Philosophie an den Wissenschaften. 2 Als positiv definiert Comte zum einen den „Gegebenheitsstandpunkt“, d.h. diejenige Richtung der Philosophie und Wissenschaft, welche vom Positiven, Gegebenen und Erfassbaren ausgeht und nur in diesem Abschnitt eine exakte Beschreibung des Forschungsobjektes erblicken lässt. Eine metaphysische Transzendenz des Forschungsobjektes soll vermieden werden. 3 Anlehnend an die Naturwissenschaften sollen räumliche und zeitliche Abhängigkeiten, Erscheinungen und Empfindungen „möglichst“ mathematisch formuliert werden. Notwendige Ergänzungen und Erneuerungen seien hier gemäß den Worten des Empirikers David Hume über Erfahrungen, Erkenntnis und Forschungsobjekte mit einzubeziehen. Humes Worte lauten: „Es gibt ja keine wichtigere Forderung für einen wahrhaften Philosophen als die, dass er das ungezügelte Verlangen, nach Ursachen zu forschen, unterdrückt und, wenn er eine Lehre auf eine genügende Anzahl von Beobachtungen aufgebaut hat, sich damit zufrieden gibt, sobald er sieht, dass eine weitere Untersuchung ihn in dunkle und ungewisse Spekulationen führen muss.“ 4
Comte geht nun einen Schritt weiter, indem er Kritik übt an der Metaphysik. Seine Kritik besagt, dass die Metaphysik nur als „Anfangsstadium des menschlichen Wissens von der Metaphysik“ zu überwinden sei, und das neue Stadium ein Zeitalter der positiven Wissenschaft von Natur und Gesellschaft sein müsse. 5 Im Werk von Ernst Cassirer zur Thematik der philosophischen Erkenntnis werden hierzu u.a. die Auffassungen von Wilhelm von Humboldt und Leopold von Ranke 6 eingebunden; diese plädieren, die „Achtung für die Wirklichkeit“als höchstes Gebot anzusehen,
2 vgl. Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung - 19. Jahrhundert (Positivismus, Historismus, Hermeneutik), S. 266-267
3 Die klassischen Fragen der Metaphysik, u.a. Sinnfragen, werden hier ausgenommen bzw. von den Positivisten kritisiert oder grundsätzlich abgelehnt.
4 Eisler, Rudolf: „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“, 1904, URL: http://www.textlog.de/4871.html (aufgerufen am 05.03.2009)
5 vgl. Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung - 19. Jahrhundert (Positivismus, Historismus, Hermeneutik), S. 268
6 Friedrich Wilhelm Christian Carl Ferdinand von Humboldt (dt. Gelehrter und Staatsmann, * 22. Juni 1767; † 8. April 1835);
Franz Leopold von Ranke (Historiker und preußischer Staatsmann, * 21. Dezember 1795; † 23. Mai 1886)
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wobei jedoch das Physische (das Materielle) zugleich verbunden ist mit dem Sinnlichen. Folglich sei ein bloßes Auflösen in Naturkausalitäten nicht ausreichend.
Eine Erklärung zu gewissen Erscheinungen (gesellschaftlichen Erscheinungen) könne auf diese Art und Weise nicht entwickelt werden. An diesem Punkt, so Cassirer, setze Comte und der Positivismus an. Comte propagiere einen „hierarchischen“ Aufbau der Wissenschaften, welcher zu den ersten Prinzipien aller „positiven“ Philosophien gehöre. Bestandteile dieser Prinzipien seien vor allem die Mathematik und weitere anorganische Naturwissenschaften wie z.B. die Astronomie, die Physik und die Chemie. Diese Prinzipien einer „positiven“ Philosophie bilden laut Comte nicht das Ziel des Wissens; das Ziel liege in der Wissenschaft selbst, welche von Comte mit dem neuen Namen der „Soziologie“ benannt wird. Cassirer meint, dass für Comte diese neue Wissenschaft die eigentliche Substanz der echten philosophischen Erkenntnis ausmache. 7 Daran anknüpfend sei das Hauptziel der positivistischen Philosophie eine erweiterte Form der naturwissenschaftlichen Physik, nämlich die sogenannte „soziale Physik“. Die Hauptaufgabe der positivistischen Philosophie sei es nun, diese soziale Physik aufzubauen. Laut Cassirer wird Comte hinsichtlich der Unterscheidung von Geistes- und Naturwissenschaften oftmals missverstanden. Comte habe stets eine Unterscheidung beider Wissenschaften bejaht; eine Fusionierung beider Wissenschaften sei nicht die Meinung von Comte. Laut Comte besteht der Wesenszug der hierarchischen Wissenschaften darin, dass eine fortlaufende Entwicklung besteht, in der jedes Glied der Wissenschaft seine „spezifische Eigenart“ besitzt. Eine Rückführung auf frühere Glieder der Wissenschaft sei ausgeschlossen. Der Entwicklungsgedanke von Comte bezüglich des Übergangs zur Lehre vom Menschen, zur Anthropologie sowie zur Soziologie steht parallel zu den „Stufen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis“, nämlich des wissenschaftlichen Aufstieges von der Physik über die Chemie hin zur Biologie. Ein Ausscheiden des menschlichen Wesens aus den Gesetzen sei nicht möglich, da auch der Mensch ein Lebewesen sei, und die organische Natur ihn somit beherrsche. Laut Comte sei die spirituelle Natur des Menschen reiner Schein, von der sich die Metaphysik täuschen lasse. 8
Der Autor Wolfgang Bunzel fasst die wissenschaftliche Verfahrensweise von Auguste Comte wie folgt zusammen. Comte verwerfe in seinem Grundlagenwerk (Cours de philosophie positive) 9 die bis dahin allgemein anerkannten Instrumente zur Gewinnung von Erkenntnis sowie die von der idealistischen Philosophie legitimierte spekulative Methode. Wie auch bei Cassirer beschrieben, betont Bunzel die ablehnende Haltung Comtes bezüglich der Heranziehung metaphysischer Erklärungsprinzipien. 10 Comte lasse nur zwei Erklärungsmodi zu: die minutiöse Beobachtung und
7 vgl. Cassirer, 3. Kap., S. 250 f.
8 Ebd., S. 252
9 Grundlagenwerk von Auguste Comte in sechs Bänden: „Cours de philosophie positive“ (1830 - 1842)
10 Mit Hilfe metaphysischer Erklärungsprinzipien lassen sich auf dem Weg der Deduktion Ergebnisse gewinnen, vgl. Bunzel, S. 21
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das kontrollierte Experiment, so Bunzel. Folglich habe „jegliche Wissenschaft“ vom positiv, d.h. tatsächlich Gegebenen auszugehen. Eine Überprüfung der Ergebnisse der Erkenntnisforschung müsse durch genaue Beobachtungen ermöglicht werden.
Nach Bunzel ist das Hauptziel des Positivismus das Aufspüren unveränderlicher Gesetze und Gesetzmäßigkeiten im Bereich der sozialen Phänomene. Wie bei Cassirer taucht bei Bunzel der Begriff der „sozialen Physik“ auf. Bunzel schreibt, dass Comte eine „soziale Physik“ anstrebe, die den Menschen als Basiseinheit der Gesellschaft begreife und die Beziehungen zu seinen Mitmenschen in einer Weise vergleichbar den Elementen in den Naturwissenschaften untersuche. 11 Sowohl Cassirer als auch Bunzel bestätigen Auguste Comte als Gründungsfigur der Soziologie aufgrund seiner Schriften, u.a. „Système de politique positive, ou traité de sociologie“ (1851-1854). Für die weitere Entwicklung des von Auguste Comte begründeten Positivismus von besonderer Bedeutung ist John Stuart Mill 12 , der auf den Thesen Comtes seine Erkenntnistheorie aufbaut. Mill untermauert die Annahmen von Comte, indem er Erfahrungswerte als legitime Erkenntnisquelle definiert; ein rein spekulatives Denken ohne eine empirische Basis lehnt Mill ab. Mill verknüpft den Positivismus aber auch mit einem Rückgriff auf den Begriff des Gesetzes.
Mills Weg der europäischen Verbreitung des Positivismus und seine Auswirkungen auf den Neopositivismus sowie die Diskussionen in der Zeit des Wiener Kreises soll in der vorliegenden Arbeit im Fokus der Analyse stehen. Desweiteren soll analysiert werden, welche Auswirkungen John Stuart Mills Definition des Gesetzesbegriffs auf die Erkenntnisphilosophie bzw. den logischen Empirismus in der Zeit des Neopositivismus hatte?
Um die Diskussionen zum logischen Empirismus greifbarer zu machen, werden die Theorien von Rudolf Carnap und Karl Popper aus der Zeit des 20. Jahrhunderts aufgegriffen (Wiener Kreis). Darüber hinaus sollen Unterschiede und Gemeinsamkeiten hinsichtlich des Positivismus nach John Stuart Mill (19. Jahrhundert) herausgearbeitet werden, d.h. es soll zunächst der Neopositivismus unter Einbeziehung der Aussagen von Rudolf Carnap und Karl Popper definiert werden, anschließend geht es um die Kritik von Karl Popper am Neopositivismus. Schließlich soll eine Verknüpfung des logischen Empirismus des Wiener Kreises mit der empirisch-positivistischen „Tradition“ nach John Stuart Mill erfolgen.
Auf welche Art und Weise die Theorien von John Stuart Mill während und nach den Diskussionen des Wiener Kreises eine Rolle spielen, soll in den Kernkapiteln beschrieben und erläutert werden. Welche Auswirkungen die Geschichte des Positivismus auf die heutige Erkenntnis hat bzw. haben kann, soll im abschließenden Teil kurz aufgeführt werden.
11 vgl. Bunzel, 2. Kap., S. 21
12 weitere wichtige Personen für die Entwicklung, Verbreitung und Anwendung des Positivismus in den Wissenschaftsbereichen: Claude Bernard, Henry Thomas Buckle und Hippolyte Taine
Arbeit zitieren:
Dipl.-Pol. Carl-Martin Hißler, 2009, Vom Positivismus zum Neopositivismus, München, GRIN Verlag GmbH
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