Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Transkulturelle Identitätskonstruktion: Gustafssons „Palast der Erinnerung“ 3
2.1. Vertikala memoarer - Vertikale Erinnerungen 3
2.2. Ars memorativa - Gedächtniskunst im „Palast der Erinnerung“ 4
2.3. Die Raumstruktur als sinnstiftendes Moment 6
2.4. „Palast der Erinnerung“ - ein autobiographischer Text 9
2.5. Persönliche Identität in autobiographischen Texten 12
2.6. Transkulturelle Identität 13
3. Literaturverzeichnis 17
2
1. Einleitung
Autobiographien bilden - so die landläufige Meinung - das Leben ihrer Verfasser ab. Die Erwartung des Lesers an eine autobiographische Schrift ist meist durch den Wunsch begründet, mehr über das wahre Leben einer einzelnen Person zu erfahren. Wie im Verlauf der vorliegenden Arbeit deutlich werden wird, ist dies so einfach nicht. Ein autobiographischer Text ist - wie alle anderen Texte auch - Gesetzen der Fiktionalität unterworfen, die auch der Autor nicht vollständig zu kontrollieren vermag. Am Beispiel des schwedischen Autors Lars Gustafsson mit seiner Autobiographie „Palast der Erinnerung“ lässt sich dennoch zeigen, wie Identität und im speziellen Fall eine transkulturelle Künstleridentität autobiographisch konstruiert wird.
2. Transkulturelle Identitätskonstruktion: Gustafssons „Palast der Erinnerung“
2.1. Vertikala memoarer - Vertikale Erinnerungen
Als Lars Gustafsson dem deutschen Nachrichtenmagazin FOCUS 1996 ein Interview betreffend die Neuerscheinung seiner autobiographischen Erinnerungen mit dem Titel „Der Palast der Erinnerung“ gibt, liefert der schwedische Autor selbst einen Hinweis auf die Verfasstheit dieses Textes. „Ich habe den Untertitel „Vertikale Erinnerungen“ gewählt. Das bedeutet, daß es keine zusammenhängende Erzählung ist, ich bohre tief an einigen Stellen.“ 1 Tatsächlich erschien der Band Gustafssons im Jahr 1994 unter dem Originaltitel „Ett Minnespalats. Vertikala Memoarer“. Dieser Untertitel ging für die zwei Jahre später in Deutschland erschienene Übersetzung verloren, er besitzt für die Betrachtung des Textes jedoch eine nicht zu vernachlässigende Bedeutung.
1 http://www.focus.de/kultur/medien/kultur-im-labyrinthischen-gefaengnis_aid_158860.html (Zugriff am 03.12.2009)
3
Wie Lars Gustafsson in dem oben zitierten Interview erwähnt, handelt es sich bei „Palast der Erinnerung“ um keine zusammenhängende Erzählung im Sinne einer chronologisch korrekt erzählten Abfolge von Ereignissen aus Gustafssons Leben. Seine Erinnerungen verlaufen vertikal, durchbrechen somit eine horizontale Chronologie seines Lebens. Will man sich Gustafssons Text interpretatorisch nähern, kommt man indes nicht um das titelgebende erste Kapitel des Bandes herum, das sozusagen die theoretische Basis für die sich anschließenden Lebenserinnerungen zu bilden vermag.
2.2. Ars memorativa - Gedächtniskunst im „Palast der Erinnerung“ Gustafsson bedient sich hierbei des Konzeptes der Gedächtniskunst, die aus der Antike stammend jahrhundertelang großen Einfluss hatte. Welches Schema dieser Kunst zu Grunde liegt, verdeutlicht sich an der Anekdote des Dichters Simonides. 2 Cicero erzählt von diesem Initiationsmythos der Mnemotechnik in „De Oratore“. Der genannte Simonides habe bei einer Festveranstaltung vor der versammelten Gesellschaft ein Gedicht vorgetragen, habe nach Beendigung des Vortrages durch glückliche Vorsehung den Saal verlassen, da bald darauf die Saaldecke einstürzte und alle Festteilnehmer nicht nur tötete, sondern auch zur Unkenntlichkeit entstellte. An dieser Stelle kommt jedoch der Erinnerungskünstler Simonides wieder ins Spiel, der sich die Sitzordnung der Getöteten genau eingeprägt hatte und somit jeden Einzelnen identifizieren konnte. „Der springende Punkt dieser Anekdote ist die Verräumlichung der Erinnerung.“ 3 Mithilfe von Bildern in einer räumlichen Anordnung kann der Erinnernde sich den Zustand vor der Katastrophe buchstäblich vor Augen führen. Gustafsson erwähnt denn auch im ersten Kapitel seines Textes „Palast der Erinnerung“ die Relevanz der imagines und loci, die das artifizielle Gedächtniskonzept konstituieren.
2 Vgl. Assmann. S.337.
3 Assmann. S.337.
4
Der Theorie folgt die Praxis. Gustafsson gibt an, er habe sich innerhalb von fünf Minuten vor dem Einschlafen „einen Palast der Erinnerung konstruiert. Ich versichere, es hat nicht länger als fünf Minuten gedauert.“ 4 Dabei kann diese Aussage durchaus als Scharnier zwischen Theorie und Praxis gesehen werden. Auf die theoretischen Gedanken zur antiken ars memoria folgt die konkrete praktische Umsetzung des Konzeptes; der Autor erinnert sich an das gymnasiale Schulgebäude seiner Jugendzeit und weist diesem Produkt seiner Erinnerung eine neue Funktion als Erinnerungsspeicher zu. Zur Aufbewahrung der Erinnerungen dient ihm somit ein ebenfalls erinnertes Gebäude. Er habe „das Gymnasium von Västerås gewählt, so wie es 1947 aussah, als ich dort anfing.“ 5 Geht man vom Zeitpunkt der Veröffentlichung des Textes aus, so stellt man fest, dass die Erinnerungen an dieses zwar real existierende Gymnasium etwa vierzig Jahre alt sein müssen, denn Gustafsson gibt an, er habe es „seit einem Frühlingstag in den fünfziger Jahren nicht mehr besucht“ 6 . Es lässt sich feststellen, dass es einerseits wichtig erscheint, dass ein tatsächlich existierender Ort Aufbewahrungsort für Gustafssons Erinnerungen sein soll, es aber andererseits nicht so sehr auf die Authentizität und Genauigkeit der Schilderung dieses Schulgebäudes ankommt. Gustafssons Erinnerung an Västerås muss schon aufgrund der zeitlichen Spanne zwischen tatsächlichem Erlebnis und dem Moment der Erinnerung Konstruktion bleiben, auch wenn Gustafsson behauptet, sein inneres Auge habe sich mit Sicherheit in dem erinnerten Gebäude zurechtfinden können, da es auf ihn als kleinen Jungen einen erheblichen Eindruck gemacht hatte. 7 In diese Richtung zielt die Aussage von Hoffmann: „die Wirklichkeit, die beschrieben werden soll, (…) [ist dem beschreibenden Subjekt] nie auch nur annähernd vollständig zugänglich“ 8 . Auf diese
4 Gustafsson: Der Palast der Erinnerung. S.12.
5 Gustafsson: Der Palast der Erinnerung. S.12.
6 Gustafsson: Der Palast der Erinnerung. S.14.
7 Gustafsson. Palast der Erinnerung. S.14.
8 Hoffmann: Die Konstitution der Ich-Welt. S.134.
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Arbeit zitieren:
Dominik Hämmerl, 2010, Transkulturelle Identität, München, GRIN Verlag GmbH
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