Inhaltsverzeichnis:
Einleitung S. 1
1. Die Presse im Kaiserreich: Das Werden eines Massenphänomens 2
2. Die Arbeiterpresse 3
2.1 Die Sozialdemokratie forciert eine sozialdemokratische Presse 3
2.2 Organisationsform und die Frage der inhaltlichen Eigenständigkeit
gegen über der SPD 5
2.3 Die Journalisten der sozialdemokratischen Presse 8
2.4 Die sozialdemokratische Presse: Redaktioneller
Aufbau und inhaltliche Schwerpunkte 9
3. Die Repression gegen die Arbeiterbewegung 11
3.1 Die Parteipresse unter den Sozialistengesetzen 11
3.2 Repression nach dem Ende der Sozialistengesetze 13
3.3 Die Folgen der Repression: Solidaritätsgefühl und Motivation 15
4. Die Wirkung der sozialdemokratischen Presse 16
5. Fazit 18
Einleitung
Das Kaiserreich zeichnete sich durch verschiedene politische und wirtschaftliche Entwicklungen aus, die Zäsuren darstellten und die Geschichte Deutschlands dauerhaft prägten: Eine der bedeutendsten davon ist der rasante Aufstieg der Arbeiterbewegung. Selbst staatliche Repression, deren Höhepunkt die Sozialistengesetze waren, konnte deren Anwachsen nicht aufhalten. Zugleich entstanden in dieser Zeit in Form von Zeitungen und Zeitschriften die ersten Massenmedien, in deren Mehrzahl sozialistische Ideen meist negativ kommentiert und oftmals gar scharf kritisiert wurden. Aber auch die Arbeiterbewegung begann sich in zunehmendem Maße dieses Mediums zu bedienen.
Die anleitende Frage dieser Arbeit soll sein, in welcher Form die Sozialdemokratie die neuen Möglichkeiten der Massenmedien nutzte und welche Rolle dies für die Entwicklung der Sozialdemokratie als Teil der Arbeiterbewegung spielte.
Einleitend soll die Presselandschaft im Ganzen während des Kaiserreiches skizziert werden, um auf dieser Grundlage die Bedeutung der sozialdemokratischen Presse einordnen zu können. Bei der Untersuchung dieser sind dann mehrere Themenkomplexe von Bedeutung. Hierzu gehört die Motivation zur Herausgabe eigener Zeitungen und Zeitschriften sowie die Frage, welche Funktionen sie erfüllen sollten und welche sie tatsächlich erfüllten. Hier muss berücksichtigt werden, welches Selbstverständnis die Herausgeber und die Journalisten hatten. Die Rekrutierung der Redaktionen ist dabei ebenso zu beleuchten wie die inhaltlichen Ausrichtungen der Zeitungen. Bei diesem Punkt ist zudem zu fragen, wie unabhängig die Verlage von den Parteiorganen der Sozialdemokratie waren. Ob es sich dabei also, in Anlehnung an Frank Bösch, um Parteipresse, also um Mitteilungsorgane der Parteiführung handelte, oder ob sie sich allein sozialdemokratischen Grundsätzen verpflichtet sah, aber die nahestehende Partei kritisch begleiteten. 1 Ein besonderes Augenmerk wird auch auf staatliche Repression gegenüber der Sozialdemokratie im Allgemeinen und der Arbeiterpresse im Besonderen gelegt. Schließlich ist insgesamt zu bewerten, welche Bedeutung die sozialdemokratische Presse als Teil der Arbeiterbewegung hatte.
Diese Fragen sollen an einem konkreten Beispiel untersucht werden, nämlich an der Magdeburger Volksstimme, deren erste Ausgabe am 01. Juli 1890 erschien. Schon vor dem Sozialistengesetz gab
1 Frank Bösch: Zwischen Populärkultur und Politik. Britische und deutsche Printmedien im 19. Jahrhundert, in: Archiv für Sozialgeschichte (45) 2005, S. 549 - 584, S. 572
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es mit der „Magdeburger Freien Presse“ eine sozialdemokratische Zeitung, die aber für diese Arbeit nicht herangezogen werden kann. Ernst Wittmaack stellte schon 1910 in einem Artikel anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums der Magdeburger Volksstimme fest, dass von deren Vorläufer keine Ausgaben mehr zu finden seien. 2 Diese Feststellung hat sich bis heute nicht geändert.
Zur Mediengeschichte des Kaiserreichs gibt es einige Publikationen, von denen mehrere auch die Entwicklungen in Großbritannien, oftmals in vergleichender Perspektive, untersuchen. Einen lesenswerten Überblick bietet Frank Bösch. 3 Die Fragestellungen sind vielfältig: So werden die Gründe der raschen Verbreitung von Printmedien analysiert. Viele Veröffentlichung zeichnen sich durch ihre enge Anlehnung an die politische Geschichte aus: Hier wird beispielsweise nach dem Verhältnis zwischen Regierung und Medien gefragt. Im Mittelpunkt steht bei diesen Untersuchungen der Aspekt der Pressefreiheit, aber auch die Versuche von staatlichen Organen, Medien zu instrumentalisieren. Andere Autoren stellen die Frage, welche Wirkungen Medienveröffentlichungen auf die Leserschaft erzielten. Die Literaturlage speziell zur sozialdemokratischen Presse ist dagegen, zumindest was Erscheinungen nach der Weimarer Republik betrifft, überschaubar. Erwähnenswert ist insbesondere Kurt Koszyk, der sich in mehreren Publikationen mit dieser Thematik beschäftigt. Die Quellenlage ist dank der Arbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung wesentlich besser. Mehrere Zeitungen und Zeitschriften sind auf ihrer Homepage digitalisiert einsehbar, unter anderem die hier untersuchte Magdeburger Volksstimme ab dem Jahrgang 1895. Als Quellen herangezogen werden können auch zeitgenössische Berichte, wie etwa ein 1910 von der SPD anlässlich eines Parteitages in Magdeburg herausgegebener Sammelband zur dortigen Geschichte der Arbeiterbewegung. 4 Mehrere Berichte beziehen sich dort auch auf die Magdeburger Volksstimme: Auf eben diese greifen auch Autoren aktueller Sekundärliteratur vornehmlich zurück.
1. Die Presse im Kaiserreich: Das Werden eines Massenphänomens
Die Geschichte der Printmedien reicht Jahrhunderte zurück. Eine wesentliche Voraussetzung dafür war die Erfindung des Buchdruckes durch Gutenberg. 5 Aber erst in der zweiten Hälfte des 19.
2 Vgl. Ernst Wittmaack: Die „Volksstimme“, in: Parteitagskomitee (Hrsg.): Von Fehden und Kämpfen. Bilder aus der Geschichte der Arbeiterbewegung Magdeburgs, Magdeburg 1910, S. 52 - 58, S. 53
3 Vgl. Bösch
4 Parteitagskomitee (Hrsg.): Von Fehden und Kämpfen. Bilder aus der Geschichte der Arbeiterbewegung Magdeburgs, Magdeburg 1910
5 Vgl. Johannes Raabe: Pressegeschichte des 15. bis 20. Jahrhunderts, in: ders. / Heinz Pürer (Hrsg.): Presse in
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Jahrhunderts wurden Zeitungen und Zeitschriften zu einem Massenphänomen. Das hat mehrere Gründe. Erstens sind diese technischer Natur. Mit der Verwendung des Rotiationsdrucks 6 sowie der Stereotypie 7 als Beispiele für wichtige Neuerungen wurde überhaupt erst die Möglichkeit geschaffen, innerhalb kurzer Zeit hohe Auflagen zu drucken. Auch die besseren Transportmöglichkeiten, vor allem hinsichtlich einer überregionalen Presse, müssen berücksichtigt werden. Zudem kommt der Telegraphie eine große Bedeutung zu 8 : Durch diese konnten Nachrichten schnell weiter verbreitet werden, sodass auch Lokalblätter außerhalb der politischen Zentren tagesaktuell berichten konnten. Eine internationale Berichterstattung konnte so ebenfalls Platz in den Publikationen finden. Zudem differenzierten sich die Inhalte aus, zunehmend fanden beispielsweise Ratgeberartikel und Unterhaltungsartikel Platz und sprachen somit ein breiteres Publikum an. Ein weiterer Grund für die stark ansteigenden Auflagen ist außerdem in kostenlos verteilten Anzeigenblättern zu sehen.
Das ist die Angebotsseite: Ein entsprechendes Angebot ist Voraussetzung für die Nachfrage, welche aber dennoch weiterer Erklärungen bedarf. Die Politisierung der Bevölkerung wird von vielen Autoren als Begründung angeführt. Auch ein steigendes Bildungsniveau wird genannt. Zudem ist die Erhöhung der Kaufkraft breiter Bevölkerungsschichten zu berücksichtigen: Viele Menschen waren somit erst in der finanziellen Lage, sich mehrmals wöchentlich eine Zeitung leisten zu können. Das Bevölkerungswachstum schuf zugleich einen größeren Markt: Schon in früheren Phasen der Mediengeschichte waren solche demographischen Entwicklungen laut Faulstich wichtig. 9 Nicht zu vernachlässigen ist die Urbanisierung: In Großstädten konnte angesichts der kurzen Wege und der dichten Besiedlung das Produkt in kurzer Zeit dem Käufer oder Abonnenten zur Verfügung gestellt werden. Dort gab es deswegen sogar von einigen Publikationen mehrmals täglich erscheinende Ausgaben.
Diese genannten, veränderten Rahmenbedingungen bei der Produktion von Zeitungen als auch hinsichtlich des Absatzmarktes betrafen alle Presseorgane. Sie waren also auch wesentliche Voraussetzungen für die Entstehung der sozialdemokratischen Presse.
Der Großteil der politisch bedeutenden Presse, also der sogenannten Leitmedien, war liberal ausgerichtet, zum Beispiel die Frankfurter Zeitung, die Vossische Zeitung oder das Berliner Deutschland, Konstanz ³2007, S. 37 - 80, S. 37 ff.
6 Konrad Dussel: Deutsche Tagespresse im 19. und 20. Jahrhundert, Münster 2004, S. 60
7 Vgl. Rudolf Stöber: Deutsche Pressegeschichte, Konstanz ²2005, S. 121
8 Vgl. Dussel, S. 59
9 Vgl. Werner Faulstich: Medienwandel im Industrie- und Massenzeitalter (1830 - 1900), Göttingen 2004, S. 24
3
Tageblatt, was von manchen Autoren als Glücksfall bezeichnet wurde. Oftmals gründeten die Presseaktivitäten der jeweiligen Verleger in der Vormärzzeit. Im Laufe der Jahrzehnte weiteten sie ihr Engagement aus. So entstand ein publizistisches Gegengewicht zu zunehmend nationalistischen, auch zu immer wieder auftretenden antisemitischen Strömungen. Zugleich war so eine kritische Berichterstattung über die Reichsleitung garantiert. Die Presse wurde zu einer vierten Gewalt, welche politische Entscheidungsprozesse beeinflusste. Sie konnte auch bei allen vorhandenen demokratischen Mängeln nicht von den Regierenden ignoriert werden.
2. Die Arbeiterpresse
2.1 Die Sozialdemokratie forciert eine sozialdemokratische Presse
Sozialdemokratische Positionen waren bei den privat finanzierten Zeitungen und Zeitschriften dagegen kaum vertreten, explizit so ausgerichtete Publikationen gab es nur vereinzelt. Zu nennen ist beispielsweise die Trierische Zeitung, die sich unter der Führung Friedrich Walthrs bereits in den 1840er Jahren frühsozialistischem, später dann anarchistischem Gedankengut verschrieb. 10 Die mangelnde Repräsentation sozialistischer Ideen ließ den Wunsch innerhalb der Sozialdemokratie entstehen, eine sozialdemokratische Presse zu organisieren. Lassalle propagierte dies in mehreren Reden bereits 1863. 11 Er forderte explizit, dass sich zu schaffende sozialdemokratische Zeitungen von der liberalen Presse zu unterscheiden haben. 12 Er verband dies mit zahlreichen scharfen Angriffen auf eben diese: Die Gewinnorientierung, insbesondere die Schaltung von Werbeanzeigen, führte seiner Meinung nach zu einer inhaltlichen Ausrichtung, die allein dem Kapital diene. Zugleich kritisierte er, dass durch diese Unternehmensform Journalisten zu einem geistigen Proletariat geworden seien, welches durch mangelnde Bildung auffiele und sich nicht durch eigenständiges Denken auszeichne, sondern sich in den Artikeln nach den Wünschen der Kapitaleigner richte. 13 Interessant ist Lassalles Stoßrichtung bei der Begründung. Als Hauptgegner macht er die liberalen Zeitungen und deren kapitalistische Organisation aus. Alternativ hätte er die sozialdemokratische Presse auch als Ergänzung des Medienspektrums bezeichnen können, ohne die liberale Presse in dieser Heftigkeit zu kritisieren.
10 Vgl. Dieter Dowe: Die erste sozialistische Tageszeitung in Deutschland: der Weg der „Trierischen Zeitung“vom Liberalismus über den „wahren Sozialismus“ zum Anarchismus, in: Archiv für Sozialgeschichte (12) 1972, S. 55 -107
11 Vgl. Kurt Koszyk: Die Arbeiterpresse: Organisation, Problem, Wirkung. Ein historischer Überblick, in: Gewerkschaftliche Monatshefte (3) 1989, S. 172 - 184, S. 172
12 Vgl. ebd.
13 Vgl. ebd. S. 172 f.
4
Arbeit zitieren:
Andreas Schmid, 2011, Die Rolle der sozialdemokratischen Presse im Kaiserreich für die Arbeiterbewegung am Beispiel der Magdeburger Volksstimme, München, GRIN Verlag GmbH
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