Inhaltsverzeichnis
1. Zur Datierung des Evangelienbuches 3
2. Die Volkssprache zur Zeit der Entstehung des Evangelienbuches 3
3. Das Evangelienbuch Otfrid von Weißenburgs
3.1. Allgemeiner Überblick 7
3.2. Aufbau des ersten Kapitels 7
3.3. Untersuchung der Legitimierungsstrategie Otfrids von 9
Wei ßenburg
4. Der weitere Verlauf der Verwendung der Volkssprache im 14
Mittelalter
Literaturverzeichnis 16
1. Zur Datierung des Evangelienbuches
Um die Stellung und die Bedeutung der Volkssprache in der Literatur zur Zeit der Entstehung des Evangelienbuches untersuchen zu können, muss zunächst einmal die Entstehungszeit desselben eingegrenzt werden. Horst Dieter Schlosser stellt in seinem Artikel „Zur Datierung von Otfrids Evangelienbuch“ dazu folgendes fest:
Für die Datierung von Otfrieds ‚Evangelienbuch‘ hat sich anhand von Lebensdaten zweier Widmungsempfänger der Zeitraum 863-71, nach Erzbischof Luitberts von Mainz Amtsantritt (30.11.864) und vor Bischof Salomos I. von Konstanz Tod (5.3.871), (…) eingebürgert, (…). 1 Dieser ‚eingebürgerten‘, recht engen Eingrenzung steht die von Roswitha Wisniewski entgegen. Sie konstituiert, dass das von Otfrid in seinem ersten
Kapitel gezeichnete Bild der Franken eher zur Zeit Karls des Großen passe 2 . Dies bedeutet, dass sich der Zeitraum der Entstehung, von dem ersten Drittel des 9. Jahrhunderts, bis hin zur Zeit kurz vor Salomos I. von Konstanz‘ Tod ausweitet. Da diese Annahme Wisniewskis allerdings nicht sehr weitverbreitet und auch nicht ausreichend belegt ist, möchte ich mich in dieser Arbeit zunächst der gängigen Datierung als Orientierungshilfe bedienen.
2. Die Volkssprache zur Zeit der Entstehung des Evangelienbuches
Für die nachfolgenden Untersuchungen wird also der Zeitraum ab 863 interessant und die von Schlosser weitergeführten Präzisierungsversuche werden vernachlässigt. Schließlich soll hier nur eine grobe Einschätzung des Entstehungsrahmens für einen grundlegenden Abriss der Stellung der Volkssprache vorgenommen werden.
Die Entwicklung der deutschen Sprache bis hin zu dem Zeitraum, an dem hier anfangen werden soll speziell die Volkssprache zu betrachten, kann ebenfalls in einem kurzen Abriss zusammengefasst werden.
1 Schlosser, Horst Dieter: Zur Datierung von Otfrids Evangelienbuch. In: ZfdA 125 (1996), S.386.
Wisniewski, Roswitha: Deutsche Literatur vom achten bis elften Jahrhundert. Berlin: Weidler 2003. S.189 f.
Nach dem Zusammenschluss der urgermanischen Kleinstämme zu Stammesverbänden und der damit einhergehenden Trennung der spätgermanischen und deutschen Geschichte, wurde das Deutsche, trotz der vorhandenen und unterschiedlichen Völkerschafts-Sprachen stets durch verschiedene Übereinstimmungen zusammengehalten 3 . Im Laufe der weiteren Entwicklung der deutschen Sprache durch diverse Vokalwandel und Lautverschiebungen, hatte das Deutsche „seinen Eigencharakter gewonnen
und gefestigt, obschon der Prozeß noch nicht zum Stillstand gekommen war.“ 4 So begannen im 8. Jahrhundert die ersten Bemühungen, das Deutsche zur Schriftsprache zu machen.
Doch nicht allein die Entwicklung der deutschen Sprache ist für die literarische Stellung der Volkssprache von Interesse. Vielmehr muss auch die politische Entwicklung in einer knappen Zusammenfassung erläutert werden, um die Situation adäquat darstellen zu können.
So waren die Entstehung des fränkischen Reiches und die Adaption der christlichen Kultur in ihrer spätantiken Ausformung durch die im fränkischen Reich vereinten germanischen Stämme entscheidend dafür, daß germanische Stammessprachen auf dem Kontinent erhalten blieben und daß diese bereits im 8. Jahrhundert zu Literaturträgern wurden. 5
Die Franken waren ein Verbund mehrerer, rechtsrheinischer, freier ungebundener germanischer Stämme, die nicht von den Römern beherrscht wurden. Zunächst unter Chlodwig, wobei dieser 498 das „Christentum in
katholischer Konfession“ 6 annahm und somit die religiöse Gesinnung des Volkes nachhaltig prägte, später unter seinen Nachfahren, setzte sich die Ausweitung des fränkischen Reiches kontinuierlich fort. „Als Chlodwig starb, hatte er das Fundament des fränkischen Reiches gelegt.“ 7
Unter den Nachfahren des Merowingers verlagerte sich im 7. Jahrhundert das Reich. Mit der späteren Salbung Pippins und seiner Söhne durch Papst Stephan II. war „eine neue Herrscherdynastie mit dem Bewußtsein, in
3 Vgl. Haubrichs, Wolfgang: Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bd. 1: Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis 1160. Tübingen: 1963, S.104.
4 Haubrichs 1963, S.105
5 Wisniewski 2003, S.19
6 Wisniewski 2003, S.21
7 Wisniewski 2003, S.20
göttlichem Auftrag und durch göttliche Gnade erhöht zu sein (…) inthronisiert
worden.“ 8 Durch das Schenkungsversprechen von Quiercy 754 stellte der Papst Rom unter den Schutz des fränkischen Königreichs, womit „die Grundlage für
den Kirchenstaat“ 9 gelegt worden war. Darauf folgten im 8. Jahrhundert einige Klostergründungen, was zur Ausweitung der Missionierung und zum Bruch mit der vorangegangenen germanisch-heidnischen Zeit führte. Somit wurde die Sorge um das Seelenheil zur wichtigsten Aufgabe der Politik, denn es galt, das Christentum, die religiöse Lehre, die in den Hochkulturen des Mittelmeerraumes verankert war, an barbarische Völker des Nordens zu vermitteln, die für die Aufnahme kaum Voraussetzungen besaßen. 10
Bis dahin war das Lateinische, welches dem gebildeten Klerus vorbehalten war, die Sprache der Literatur. Schließlich besaß das Lateinische im mittelalterlichen
orbis christianus universale Geltung 11 . Auch zu Beginn der Missionierung, verhielt es sich noch nicht anders, allerdings konnte das Hauptanliegen, die Verchristlichung, nur erreicht werden, wenn den Laien die kirchliche Lehre irgendwie zugänglich gemacht würde.
Dies erkannte auch, der von den Lehren Alcuins überzeugte, Karl der Große. Er mahnte ein christliches Zusammenleben nach Alcuins Ausführungen an und reformierte das vorhandene Bildungsgut. Wisniewski beschreibt Karls Situation folgendermaßen:
Gedanken, wie sie von Alcuin (…) in lateinischer Sprache entwickelt wurden, galt es an Menschen zu vermitteln, die weder die Sprache der antiken Kultur und der Kirche, das Latein, verstanden, noch lesen und schreiben konnten, und denen die gesamte christliche Denkweise fremd war. 12
Um also seinem Volk das Christentum zur Lebensgrundlage zu machen führte Karl 789 ein unvergleichliches bildungspolitisches Programm durch. 13 Neben der Einrichtung von Schulen, sollten vor allem die Predigten in der Volkssprache gehalten werden.
Karls Bemühungen wirkten noch über seinen Tod hinaus und wurden sogar von seinem Nachfolger zunächst weiterhin verfolgt.
8 Wisniewski 2003, S.23
9 Wisniewski 2003, S.23
10 Wisniewski 2003, S.26
11 Weddige, Hillkert: Einführung in die germanistische Mediävistik. München: Beck 1992 2 . S.45.
12 Wisniewski 2003, S.36
13 Wisniewski 2003, S.36
Arbeit zitieren:
Julia Eder, 2010, Die Volkssprache des Mittelalters in der Epik, München, GRIN Verlag GmbH
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