(1*) Das, was sich schmerzhaft anfühlt, ist identisch mit der Reizung der C-Fasern. Nach dem gleichen Muster wie bei (2) wäre dann nicht (1) kontingent, sondern (1*). Da der Ausdruck „sich schmerzhaft anfühlen“ nicht wie „Schmerz“ ein starrer Designator ist, kann es also in anderen möglichen Welten einen anderen Bezug haben und somit nicht identisch sein mit „Schmerz“. Dies aber macht keinen Sinn, da es im Falle von Schmerz keine kontingente, sondern eine wesentliche Eigenschaft ist, dass etwas sich schmerzhaft anfühlt. Es ist nicht möglich, sich Schmerz ohne die Eigenschaft, schmerzhaft zu sein, vorzustellen, sonst würde die Existenz von Schmerz verneint werden. Im Falle von Schmerz kann also die Erscheinungsweise (sich schmerzhaft anfühlen) von der Sache selbst (Schmerz) nicht getrennt werden. Da also die Analogie bei (1) nicht funktioniert, um die Intuition der Kontingenz zu erklären, schließt Kripke somit auf die Falschheit der Identitätsaussage. Levine zeigt, dass Kripkes Argumentation auch Auswirkungen auf den Funktionalismus hat: Jede funktionalistische Aussage hat stets die folgende Form (3) Schmerzen zu haben ist identisch damit, sich in Zustand F zu befinden. Solche Identitätsaussagen stehen vor der Aufgabe, in allen möglichen Welten wahr sein zu müssen, und können widerlegt werden.
Da Levine daran zweifelt, dass sich Kripkes Argument durchsetzt, will er den Widerstand gegen den Materialismus anders angehen. Dazu behandelt er den Unterschied zwischen Aussagen der Art (2) und der Art (1) und kommt zu dem Schluss, dass (2) aus den folgenden Gründen vollständig explanatorisch ist: 1. Unser Wissen von Hitze/Wärme umfasst ihre gesamte kausale Rolle. 2. Die Physik und die Chemie machen deutlich, dass die kausale Rolle der Temperatur als die Bewegung der Moleküle zu verstehen ist.
Doch können die beiden Aspekte nicht auch auf Schmerzen anwendbar sein, denn schließlich kennen wir doch auch die kausale Rolle von Schmerz? Wenn wir Schmerzen haben, so schreien wir oder wir versuchen, dem Schmerz zu entgehen bzw. wir beugen ihn vorher vor und vermeiden bestimmte Situationen, von denen wir annehmen, dass sie schmerzhaft sein könnten. Wir wissen, dass bei der Verletzung von Gewebe bestimmte Nervenenden erregt werden, die wiederum die C-Fasern reizen und die bestimmte Haltungen auslösen, um den Schmerz zu vermeiden. Levine selbst gibt zu, dass das alles den Mechanismus erklärt, der diese kausale Rolle hervorbringt, doch der Unterschied besteht für ihn darin, dass der qualitative Charakter von Schmerz dabei nicht erfasst wird, der definiert, wie das Gefühl eines Schmerzes auszusehen hat bzw. wie es sich anfühlt. Für Levine ist es wichtig zu erklären, warum Schmerzen sich anfühlen, wie sie sich eben anfühlen, und dieses wird nicht mit der C-Faserreizung erklärt. Da phänomenale Eigenschaften, so wie der qualitative Charakter des Schmerzes, nicht physikalisch erklärt werden können, so
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Roza Ramzanpour, 2010, zu: Joseph Levine - Materialismus und Qualia, München, GRIN Verlag GmbH
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