Kapitel 4: Aristoteles beginnt mit der Auseinandersetzung von Platons Konzeption des Guten und kritisiert Platons Annahme, dass die von vielen Dingen ausgesagte „Idee des Guten“ existiere. Hierfür führt er folgende Argumente an:
1. „Gut“ wird in mehreren Kategorien ausgesagt, wie beispielsweise in der Kategorie der Substanz, der Relation und der Qualität. Durch diese Tatsache kann es für Aristoteles keine gemeinsame „Idee des Guten“ geben, das allen Kategorien auf dieselbe Weise zukäme. 2. Selbst, wenn es die „Idee des Guten“ gäbe, die von der Erfahrungswelt der Menschen losgelöst ist, so wäre dieses Gut nicht durch menschliches Handeln erreichbar. Jedoch ist aber ein solches Gut, welches im Handeln erreichbar ist, Gegenstand der Überlegungen. 3. Die Erkenntnis des absoluten Gutes ist kein Hilfsmittel für ein Gut in einem bestimmten Handlungsbereich: Selbst wenn ein Zimmermann die Erkenntnis des absoluten Gutes besitzt, so kann er daraus keinen Nutzen für seine Arbeit ziehen.
Kapitel 5: Aristoteles führt die Überlegungen zum Gut fort: Bei jeder Handlung gibt es immer ein anderes Gut, somit sind nicht alle Ziele gleich Endziele. Gibt es denn ein letztes Gut, welches als Endziel aufgefasst werden kann? Wenn ja, dann muss es rein für sich genommen ein erstrebenswertes Ziel sein, was nicht Mittel zu einem anderen Zweck sein darf. Für Aristoteles erfüllt das Glück diese Eigenschaften, denn das Glück will man nur um des Glückes willen erreichen und um nichts anderes. Es genügt sich selbst und ist somit das Begehrenswerteste im menschlichen Handeln.
Kapitel 6: Aristoteles macht sich daran zu klären, was das Wesen des obersten Gutes sei: Hierbei setzt er voraus, dass jedes Wesen eine bestimmte Tätigkeit besitzt, die verrichtet werden muss, damit das Wesen Glückseligkeit erfahren kann. Als Unterstützung für seine These nimmt Aristoteles das Beispiel von Körperteilen, die alle eine besondere Funktion für den Körper erfüllen, so wie die Hand dazu erschaffen wurde, zu greifen und der Fuß, um laufen zu können. Mit Hilfe von drei inhaltlichen Aspekten lässt sich der Glücksbegriff näher definieren:
1) Glücklich ist also der Mensch, wenn er seine spezifische Tätigkeit ausführen kann. 2) Die spezifische Tätigkeit besteht aber nicht im bloßen Leben hinsichtlich der Ernährung und des Wachstums, da diese Tätigkeiten auch Pflanzen ausüben können, noch besteht sie in der Sinneswahrnehmung, da wir diese mit den Tieren teilen, sondern sie beruht in der vernünftigen Tätigkeit der Seele. Dies bedeutet, dass das Leben nach der sittlichen Vernunft gelebt wird. 3) Die spezifische Tüchtigkeit besteht darin, das Können hervorragend auszuführen. Wichtig ist hierbei, ein Leben lang die spezifische Tüchtigkeit gemäß der sittlichen Vernunft zu führen, denn glücklich ist man nicht, wenn man diese „Regeln“ nur in ein paar bestimmten Phasen des Lebens beherzigt.
Kapitel 8: Durch die Untersuchung des Glücksbegriffes unterstützt Aristoteles seine Definition, indem er zunächst die traditionelle Ansicht der Dreiteilung der Güter aufgreift: Es gibt äußere (materielle), leibliche (Gesundheit) und seelische (innere Werte) Güter, wobei hier die seelischen Güter als die höchsten gelten. Da sowohl in der traditionellen Ansicht sowie in Aristoteles Glücksbestimmung die seelischen Güter im Mittelpunkt stehen, fühlt er sich in
seiner Annahme bestätigt. Zusätzlich setzt er das Sprichwort: „Der Glückliche lebt gut und handelt gut“ in Beziehung zu seinem Eudaimonie- Begriff, denn bei beiden Bestimmungen gründet das Glück auf das Handeln.
Kapitel 9: Weiterhin findet er Parallelen zwischen seiner und den der allgemeinen Bestimmung des Glücks:
a) Es finden sich Menschen, die das Glück in der sittlichen Vortrefflichkeit finden. Aristoteles stimmt damit überein, da hierunter das Handeln fällt, welches die Tugenden hervorscheinen lässt. Wichtig ist hierbei aber, dass die Tugend aktiv ausgeübt wird.
b) Für viele liegt das Glück in der Lust, in der Freude, wobei diese zu den seelischen Gütern zählt. Für Aristoteles kann auch nur derjenige sittlich gut handeln, der Freude an der Ausübung findet. Diese ist also eine notwendige Bedingung für sittliches Handeln, letztere wiederum ist eine Bedingung für die Glückseligkeit.
c) Manche aber sprechen nur dann von Glück, wenn sie mit äußeren Gütern umgeben sind. Auch Aristoteles sieht die Wichtigkeit solcher Güter, da das Fehlen dieser das Glück trüben könnten.
Kapitel 10: Aristoteles untersucht nun, ob das Glück erlernt werden kann oder ob es sich um ein Geschenk der Götter handelt, das durch baren Zufall jemandem zuteil kommt. Hierzu sagt er, dass das Glück vielen offen steht, wenn sie sich darum bemühen, richtig und gut zu handeln, denn schließlich besteht das Glück ja in der „Tätigkeit der Seele im Sinne der ihr wesenhaften Tüchtigkeit“. Dadurch aber können Kinder zwangsläufig nicht Anteil am Glück haben, da sie zu jung zum ethischen Handeln sind, und zudem wegen ihres Alters auch noch nicht unter Beweis stellen können, dass sie das Glück ihr ganzes Leben lang ihr eigen nennen. Die Tatsache, dass das Glück das ganze Leben lang als Wegbegleiter dient und nicht nur in bestimmten Phasen, ist unabdingbar dafür, jemanden wirklich glücklich nennen zu dürfen. Kapitel 11: Diesen letzten Aspekt greift Aristoteles auf und stellt sich zum einen die Frage, ob man dann zu Lebzeiten eines Menschen diesen nicht glücklich nennen darf, nur weil das Ende noch fehlt und zum anderen, ob ein Toter dann, weil ja dann das gesamte Leben (und in diesem Falle glücklichen Leben) ersichtlich ist, als glücklich bezeichnet werden kann. Für Aristoteles ist hierbei wichtig, dass das echte Glück von der Verwirklichung der sittlichen Vollkommenheit abhängt, wobei diese so beständig ist, dass es gar keinen Zustand einer nichtsittlichen Trefflichkeit geben kann. Denn wenn jemand stets nach seinen Tugenden lebt, wird er diese auch nie mehr ablegen. „Der Glückliche wird also in der Tat die gesuchte Beständigkeit des Glücks besitzen und wird so wie er ist sein ganzes Leben bleiben“ (vgl. NE, I, 25).
Außerdem zeichnet sich der Glückliche auch dadurch aus, dass ihn nichts so leicht aus seinem Gleichgewicht bringt. So können auch große Veränderungen in seinem Leben stattfinden, nichtsdestotrotz wird er diese gelassen ertragen können und er wird versuchen, aus jeder noch so denkbar schlechten Situation, das Beste herauszuholen.
Um die Frage zu beantworten, ob dann nur Tote glücklich genannt werden dürfen, sofern sie ein glückliches Leben hatten, betont Aristoteles, dass es hier um Menschen gehe, und nicht um Tote. Sicherlich können Letztere zwar auch Anteil am Glück oder Unglück der Nachfahren und der Freunde haben, jedoch werden diese den Zustand des Glücks oder Unglücks des Toten nicht verändern können.
Kapitel 12: Auf die Frage, ob das Glück zu den lobenswerten oder zu den verehrenswerten Dingen gehört, antwortet Aristoteles, dass das Glück eine Grundgegebenheit und Ursache der Güter ist, weil alles Handeln darauf gerichtet wird. Deshalb ist das Glück göttlich und wertvoll und somit im höchsten Sinne verehrenswert.
Kapitel 13: Da das Glück davon abhängt, dass die Seele gemäß ihrer Tugenden handelt, so stehen nun die Tugenden im Vordergrund. Hierbei bedeutet der Begriff der Tugend die Tugenden der Seele und nicht die des Körpers. Um die Frage nach der spezifischen Tüchtigkeit der Seele zu beantworten, ist es zunächst wichtig, die Seelenkunde des Aristoteles zu erläutern:
Die Seele wird in das Irrationale und das Rationale aufgeteilt, wobei beide wiederum in ebenfalls zwei Teile gespalten werden. Das Irrationale wird erstens durch das Ernährungsvermögen und zweitens durch das Strebevermögen charakterisiert. Das Ernährungsvermögen ist jedem Lebewesen gemein und hat keinen Anteil an dem Rationalen. Im Gegensatz hierzu steht das Strebevermögen, welches sehr wohl auch an dem rationalen Element teilhaben kann. Es beinhaltet eine Kraft, die nach richtigen und guten Zielen strebt, aber auch eine, die sich dem Rationalen widersetzt. Zugleich hat auch das Rationale zwei Aspekte: Zum einen das eben genannte, nämlich das Strebevermögen, und zum anderen das Rationale im eigentlichen Sinne.
Nun zurück zu der Frage nach der spezifischen Tüchtigkeit der Seele: Ihre Tugend wird in die dianoetische und die ethische Tüchtigkeit differenziert. Dabei bezeichnet die letztere die Vorzüge des Charakters, wie beispielsweise die Besonnenheit eine ist, und die dianoetische Tüchtigkeit beschreibt die Vorzüge des Verstandes, so wie die Intelligenz eine ist. Schließlich bestimmt Aristoteles Wesensvorzüge als Haltungen, die Anlass zum Lob geben.
Zweites Buch: Tugend
Kapitel 1: Die dianoetischen Vorzüge werden durch Lehre ausgebildet, die ethischen durch Gewöhnung. Durch bestimmte Alltagssituationen erwachsen daraus Handlungen, die durch Wiederholung verfestigt werden. Diese festen Grundhaltungen bestimmen dann unseren Charakter und somit wird deutlich, dass dieser tatsächlich nur durch Gewöhnung entsteht. Es ist also sehr erheblich, wie wir unseren Mitmenschen gegenüber treten, denn solche Haltungen und Handlungen bestimmen unser Wesen (II, Kapitel 1).
Kapitel 2: Aristoteles betont, dass Philosophen deshalb philosophieren, weil sie das Ziel verfolgen, bessere Menschen zu werden. Es geht ihnen nicht nur um eine Erkenntnis, die man theoretisch daraus gewinnen kann, sondern es geht um das Handeln, welches einem dazu verhelfen soll, ein wertvoller Mensch zu werden.
Die sittliche Tugend, die man in seinem Verhalten aufgenommen hat, wird nur durch eine entsprechende Tätigkeit erst gelernt. Es ist wichtig, erst die Tätigkeit auszuführen, um dann eine feste Grundhaltung erwerben zu können. Als Beispiel führt Aristoteles an, dass jemand, der tapfer sein will, sich erst daran gewöhnen muss, Gefahren ohne Furcht zu meistern, bis er
zu dem Punkt gelangt, dieses spielerisch leicht tun zu können. Aber woher weiß man, dass man an eben diesem Punkt angelangt ist? Das Anzeichen hierfür ist die Empfindung von Lust oder Unlust. Hat man das Gefühl von Freude, wenn man bestimmte Taten ausführt, so weiß man, dass man die entsprechende Tugend erworben hat. Empfindet man aber Unlust und muss man sich immer noch zwingen, etwas Bestimmtes auszuführen, so kann noch nicht von der entsprechenden Tugend die Rede sein. Aristoteles bringt acht Aspekte an darüber an, inwiefern sich unser Charakter durch Lust oder Unlust entfaltet:
1. Von Natur aus streben wir danach, nur lustvolle Dinge zu tun und Unlustvolles zu vermeiden. Daher ist eine richtige Erziehung vonnöten, die uns Lust- und Unlustempfindungen an den richtigen Stellen lehrt, also die Wichtigkeit bestimmter Aspekte zeigt und diese mit Lust oder Unlust verbindet. 2. Unsere Tugenden sind mit Lust-/Unlustempfindungen verbunden 3. Aus diesem Grund werden Strafen eingesetzt, damit durch die hervorgebrachte Unlustempfindung das Gegenteil ausgeübt wird und man somit zur entsprechenden Tugend gelangt. 4. Der vortreffliche Charakter ist in der Lage, in Bezug auf Lust und Unlust vorbildlich zu handeln, also ungeachtet dieser beiden Empfindungen das Richtige zu tun. 5. Solch einem vortrefflichen Charakter ist es möglich, die richtige Entscheidung zwischen dem, was man erstrebt, also das Schöne, das Nützliche und das Angenehme, und dem, was man vermeidet, also dem Hässlichen, dem Schädlichen und dem Unangenehmen, zu treffen. 6. Da die Lust von Beginn an in uns vorhanden ist, ist es sehr schwer, nicht in Bezug auf sie zu handeln. 7. An unserem Handeln legen wir daher auch den Maßstab der Lust oder Unlust an. 8. Da es viel schwerer ist, gegen die Lust anzukommen als gegen den Zorn, ist es höherwertig, wenn man dies aber trotzdem schaff. Daran misst sich dann auch der vortreffliche Charakter. Als Ergebnis ist dann festzuhalten, dass
a) die Tugenden sich bezüglich der Lust- und Unlustempfindungen herausbilden
b) sie sich aus dieser Ursache heraus verfestigen können
c) sie sich überhaupt verwirklichen können, wenn bereits vorher nach ihnen gehandelt wird.
Wichtig ist dabei zu beachten, dass die Tugenden, die erworben wurden, durch ein Übermaß an ein Zuviel oder ein Zuwenig zerstört werden.
Kapitel 3: Aristoteles diskutiert die Problem-aufbringende Aussage, dass man erst dann tugendhaft wird, wenn man tugendgemäß handelt. Das Problem hierbei ist, dass ein tugendgemäßes Handeln jedoch Tugendhaftigkeit voraussetzt, wobei diese Tatsache der vorher genannten Aussage widerspricht. Aristoteles Lösung ist die Folgende: Es ist durchaus möglich, Handlungen als tugendgemäß zu bezeichnen, wenn drei Bedingungen dabei erfüllt werden, nämlich dass sie wissentlich, willentlich und unerschütterlich getätigt werden. Hingegen kann aber sich der ausführende Mensch nicht ohne Weiteres tugendhaft nennen, nur weil er eine tugendgemäße Handlung ausführt. Um als tugendhaft zu gelten, ist es nötig, die tugendgemäße Handlung auch „im selben Geiste“ (II, Kap. 3, 41) zu vollziehen.
Kapitel 4: Hier wird die Frage gestellt, was die sittliche Tüchtigkeit ist. Als Optionen bietet Aristoteles zum einem irrationale Regungen, zum anderem Anlagen und schließlich feste Grundhaltungen an. Irrationale Regungen werden deshalb ausgeschlossen, weil diese starke seelische Empfindungen beinhalten, die in bestimmten Situationen auftauchen. Die sittliche Tüchtigkeit hingegen taucht weder nur gelegentlich auf, sondern sie ist von Dauer, noch entsteht sie aus dem Affekt heraus, sondern aus guter Überlegung. Weiterhin können Menschen wegen ihrer irrationalen Regungen weder gelobt noch getadelt werden, wegen ihrer sittlichen Tüchtigkeit hingegen schon.
Aber auch die Anlagen können nicht als Definition für die sittliche Tüchtigkeit gelten, da auch sie keinen Anlass zum Lob oder Tadel geben. Mitunter sind sie uns angeboren, die sittliche Tüchtigkeit jedoch nicht. Übrig bleibt also nur die feste Grundhaltung.
Kapitel 5: Hier wird erläutert, dass die sittliche Tüchtigkeit eine Art von Mitte ist, durch die das Richtige in der richtigen Weise und in der richtigen Situation getroffen wird. Die sittliche Minderwertigkeit hingegen zeichnet sich entweder durch ein Zuviel, oder durch ein Zuwenig aus, nie aber durch ein richtiges Maß.
Aristoteles unterscheidet das Mittlere in Beziehung auf das Ding selbst, wobei hier die Rede vom arithmetischen Mittel ist, und in Beziehung zu uns, wobei hier die Mitte nicht ein und dasselbe für alle Menschen darstellt.
Kapitel 6: Hier beschreibt Aristoteles, dass die sittliche Tüchtigkeit dem Begriff nach eine Mitte ist, dem Rang nach ein Äußerstes. Weiterhin sagt er, dass nicht jede Handlung und jede irrationale Regung eine Mitte besitzen, da sie in sich selbst bereits negativ sind und sich auch nicht relativieren lassen. Beispielsweise kann weder Neid als irrationale Regung, noch Ehebruch als Handlung eine Mitte besitzen, sie sind an sich schon schlecht. Es kann also bei Übermaß und Unzulänglichkeit keine Mitte gefunden werden, zusätzlich kann eine Mitte an sich weder in die Richtugn des Übermaßes noch in die der Unzulänglichkeit ausschlagen. Kapitel 7: Der Begriff der Mitte wird exemplarisch auf Einzelfälle angewendet:
- Zügellosigkeit
- Verschwendungssucht
- Großmannssucht
- dummerStolz
- Jähzorn
Kapitel 8: Es gibt verschiedene Gegensatzverhältnisse zwischen den Extremen und der Mitte:
1.) So erscheint die Mitte ihrer entsprechenden Unzulänglichkeit als Übermaß, ihres Übermaßes hingegen als Unzulänglichkeit. 2.) Stärker noch ist der Gegensatz zwischen den beiden Extremen, da diese weiter voneinander entfernt sind.
Arbeit zitieren:
Roza Ramzanpour, 2011, Nikomachische Ethik, Buch I-III, V, VIII-IX, München, GRIN Verlag GmbH
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