1
1 Einleitung
Diese Arbeit beschäftigt sich mit einem ganz speziellen Werk zum Thema Literaturgeschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts. Es geht um das Buch Die Aufklärung in Spanien, Portugal und Lateinamerika, das im Jahr 1972 fertig gestellt und 1973 in München veröffentlicht wurde. Der deutsche Romanist Werner Krauss gilt als Autor des Buches, trotzdem enthält es auch Essays und andere wichtige Konzepte zur Aufklärung seiner hispanistischen Mitarbeiter Carlos Rincón, Karlheinz Barck und Fritz Rudolf Fries sowie von Francisco de Freitas Branco. Es ist die umfangreichste und vielseitigste Arbeit, die Krauss über die spanische Aufklärung veröffentlich hat. 1 Sein methodisches Grundprinzip hierbei war die Erforschung der Geschichte durch eine Annäherung über kulturelle Besonderheiten und über die Bedeutung von gesellschaftlichen Stammbegriffen (wie z.B. Volk, Menschheit, Stand und Beruf), denen für eine bestimmte Epoche eine besondere Erschließungskraft zukommt. 2 Bevor mit der Analyse des Werkes Die Aufklärung in Spanien, Portugal und Lateinamerika begonnen wird, soll in einem ersten Kapitel der Autor Werner Krauss ausführlich vorgestellt werden. Werner Krauss, der im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gelebt hat, kann als eine ausgesprochen besondere Persönlichkeit bezeichnet werden. Er war deutscher Romanist, hat zwar nur zwei wirklich bedeutende Werke geschrieben, aber hat auch durch seine Arbeitsgruppe zur Geschichte der deutschen und französischen Aufklärung die Forschung in diesem Gebiet neu begründet und wichtige Erkenntnisse gewonnen. Des Weiteren hat Krauss in seinem Leben sehr prägende Ereignisse durchlebt. Beispielsweise hat er während des Nationalsozialismus aktiven Widerstand geleistet und wurde kurz darauf zum Tode verurteilt. Es sollen zunächst in Kapitel 2.1 seine wichtigsten Lebensdaten anhand einer Kurzbiographie dargestellt werden und daraufhin sollen in Kapitel 2.2 seine politischen Einstellungen und unterschiedlichen Lebensabschnitte genauer untersucht werden. In dem dritten Kapitel sollen dann zuallererst die Gliederung des hier zu untersuchenden Werkes dargelegt und die Inhalte der einzelnen Kapitel kurz angerissen werden. Da dieses Werk eine Literaturgeschichte darstellt, soll als nächstes die Literaturgeschichtsschreibung kurz erläutert und daraufhin das besondere Vorgehen dieser Literaturgeschichte analysiert werden. Analog hierzu sollen im dritten Teil dieses Kapitels zuerst die Besonderheiten der Kultur- und der Begriffsgeschichte gezeigt und
1 Vgl. KRAUSS (1996: 750-753).
2 Vgl. KRAUSS (1996: 623, 631).
2
dann das vorliegende Werk auf diese Besonderheiten hin untersucht werden. In dem vierten Teil dieses Kapitels soll dann das Layout des Werkes und dabei vor allem auch die Benutzerfreundlichkeit gezeigt werden. Als letzter Punkt sollen noch die Kritikpunkte und die Wirkung des Buches erläutert werden.
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2 Der Autor: Werner Krauss
2.1 Kurzbiographie
Werner Krauss wurde am 7. Juni 1900 in Stuttgart in eine liberal-konservative Familie geboren, die seit vielen Generationen dem Großbürgertum angehörte. Sein Vater Rudolf Krauss war Geheimer Archivrat sowie Literaturhistoriker. 3 Im Jahre 1918 machte Krauss sein Abitur an einem humanistischen Gymnasium und trat dann für einige Monate in den Militärdienst. Nach Ende des Ersten Weltkrieges begann Krauss in München Jura zu studieren, wechselte aber kurze Zeit später zur Literatur- und Kunstwissenschaft. 4
1922 begann Werner Krauss ein Auslandsstudium in Madrid und blieb vier Jahre in Spanien, bis er nach einem Gefängnisaufenthalt das Land verlassen musste. Im Anschluss studierte er wieder in München Kunstgeschichte und Romanistik. 1932 wurde er Assistent und Privatdozent am Lehrstuhl des bekannten Romanisten Erich Auerbach an der Universität Marburg. Erst 1942 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt. 5 Während des Zweiten Weltkrieges, im Jahre 1940, wurde Krauss zum Kriegsdienst nach Berlin einberufen. Dort wurde er Mitglied der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ und im Januar 1943 wegen aktiver Teilnahme am Widerstandskampf zum Tode verurteilt. Eineinhalb Jahre später wurde das Todesurteil in eine fünfjährige Zuchthausstrafe umgewandelt, der er schon 1945 entfliehen konnte. 6 Gegen Ende 1945 konnte er dann erneut seiner Beschäftigung an der Marburger Universität nachgehen, trat der KPD bei und heiratete Doris Schumacher, von der er sich wenige Jahre später aber wieder scheiden ließ. Im Jahre 1947 verließ Krauss den Westen und folgte einem Ruf an die Universität Leipzig. 1955 gründete er eine Arbeitsgruppe zur Aufklärungsforschung in Berlin und übte seine Professur an der Leipziger Universität nur noch nebenamtlich aus. 1965 wurde er schließlich erimitiert und starb am 28. August 1976. 7
3 Vgl. KRAUSS (1984: 522, 523).
4 Vgl. CHRISTMANN/HAUSMANN/ BRIEGEL (1989: 116) und KRONE/PAULUS/WÜNSCH (2003).
5 Vgl. GUMBRECHT (2002: 181-182), KRONE/PAULUS/WÜNSCH (2003) und ETTE /FONTIUS /HAßLER
/JEHLE (1999: 20)
6 Vgl. KRAUSS (1984: 528, 529) und CHRISTMANN/HAUSMANN/ BRIEGEL (1989: 128, 151).
7 Vgl. GUMBRECHT (2002: 181-183), KRAUSS (1984: 529-531), KRAUSS (2002: 956-990). und
KRONE/PAULUS/WÜNSCH (2003).
4
2.2 Politische Einstellungen und wissenschaftliches Denken
2.2.1 Ein prägender Auslandsaufenthalt in Spanien
Während Krauss' Studium der Literatur- und Kunstwissenschaften in München besuchte er auch Vorlesungen des bekannten Romanisten Karl Vossler, der ihn zum Auslandstudium in Spanien inspirierte. 8
Die vier Jahre in Spanien prägten Krauss in vielerlei Hinsicht. Er lernte wichtige und in Spanien sehr einflussreiche Gelehrte kennen (wie Claudio Sánchez-Albornoz, Ramón Gómez de la Serna, José Ortega y Gasset, Ramón Pérez de Ayala und Pedro Salinas) 9 . Durch die Begegnung mit der spanischen Literaturwissenschaft vergrößerte er den Abstand zu den in Deutschland vorherrschenden Forschungsrichtungen und wurde zum lebenslangen Hispanisten. 10 So promovierte Werner Krauss 1929 mit der Dissertation Das tätige Leben und die Literatur im mittelalterlichen Spanien bei Vossler und habilitierte sich im Jahre 1932 mit der Arbeit Die ästhetischen Grundlagen des spanischen Schäferromans am Lehrstuhl Erich Auerbachs. Dieser war so überzeugt von Krauss Fähigkeiten als junger Romanist, dass er sich persönlich für Krauss Ernennung zum Privatdozenten an der Universität Marburg einsetzte. 11 Allerdings machte Krauss in Spanien auch negative Erfahrungen. Er verbündete sich dort mit Anhängern des Anarchismus und wurde im April 1926 verhaftet, weil er beschuldigt wurde, einen Anarchisten beauftragt zu haben, einen Revolver zu beschaffen. Er selbst behauptete, dass dies eine Intrige der Deutschen Gesandtschaft war. Krauss verblieb einige Monate in Haft und wurde dann nach Deutschland ausgewiesen. So wird deutlich, dass Krauss in Spanien zusätzlich lernte, politisch zu denken. 12
2.2.2 Ein Romanist zu Zeiten des Nationalsozialismus
Ideologien, besonders die des Deutschen Nationalsozialismus, gehen immer mit einer sehr gefährlichen Denk- und Handelsweise einher, da sie davon ausgehen, alleine die Wahrheit zu kennen und auch zu besitzen. Die Wissenschaft hingegen versucht die Wahrheit zu finden und besitzt dabei immer eine gewisse Toleranz und
8 Vgl. KRAUSS (1984: 522) und KRAUSS (1995: 11).
9 Vgl. KRAUSS (2002: 955).
10 Vgl. KRAUSS (1984: 522-524).
11 Vgl. CHRISTMANN/HAUSMANN/ BRIEGEL (1989: 117-118, 145-146).
12 Vgl. KRAUSS (2002: 955), KRAUSS (1984: 523) und KRAUSS (2004: 9-10, 27).
5
Korrigierbarkeit. Somit stehen Ideologien immer im Gegensatz zur Wissenschaft. 13 Auch die Tatsache, dass Hitler die Wissenschaft verachtete, erschwerte den Romanisten sowie anderen Vertretern der Wissenschaft zu Zeiten des Nationalsozialismus das Leben. 14 Dennoch bot die Wissenschaft Nischen, in denen es sich leben ließ, solange man nicht, wie Krauss später, zum aktiven Widerständler wurde. 15 Noch 1932 dachte Krauss, dass Hitler nie Reichskanzler werden würde. 16 Schon früh war Krauss durch sein konventionelles Elternhaus sowie durch das humanistische Gymnasium von der Denkweise nationalsozialistischer Ideologien fern gehalten und zur Ablehnung von Diktatur und Gewalt erzogen worden. Dies kann durchaus als Grund für seine spätere Beteiligung am Widerstand gegen den Nationalsozialismus gesehen werden. 17
Auch die Beschäftigung mit dem Marxismus ab 1932 trägt seinen Teil dazu bei, dass Krauss begann, oppositionell zu denken und zu handeln. 18 Seine Beschäftigung galt dem wissenschaftlichen Marxismus, dieser stellte für ihn also keine Glaubensbotschaft dar, sondern forderte ihn zur Aneignung auf intellektuellem Weg auf und führte ihn zu einer Neuorientierung der eigenen Forschung. 19
1933 gründete er eine Arbeitsgemeinschaft von jungen sozialistischen Studenten, in der marxistische, leninistische und soziologische Schriften diskutiert wurden. Dieser Studentenbund diente zur Sammlung oppositioneller Kräfte sowie zur Befestigung marxistischer Grundpositionen. Krauss war sich im Klaren darüber, dass diese Arbeitsgemeinschaft keinerlei Wirkung haben werde. Dennoch kann sie als erste Form seines Widerstandes gesehen werden. 20
Seine resistente Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus stand allerdings seiner Karriere im Weg. 21 So hatte der nazistische Dozentenbund ihm 1933 den Lehrstuhl des jüdischen Professors Auerbach versprochen, wenn er im Gegenzug dafür den Kontakt zu Auerbach unterlasse und seine Vertreibung aus Marburg unterstütze. Krauss war dazu natürlich nicht bereit. 22 Auerbach wurde dann 1935 aus dem Amt gejagt und ist
13 Vgl. CHRISTMANN/HAUSMANN/ BRIEGEL (1989: 5-6).
14 Vgl. HAUSMANN (2000: 31-32).
15 Vgl. CHRISTMANN/HAUSMANN/ BRIEGEL (1989: 145).
16 Vgl. KRAUSS (1984: 525-526).
17 Vgl. KRAUSS (2004: 195).
18 Vgl. KRAUSS (2004: 195).
19 Vgl. CHRISTMANN/HAUSMANN/ BRIEGEL (1989: 148-149), KRAUSS (1984: 524-525), KRAUSS (1995:
15) und GUMBRECHT (2002: 194-195).
20 Vgl. KRAUSS (1984: 526-527) und CHRISTMANN/HAUSMANN/ BRIEGEL (1989: 120-124).
21 Vgl. KRAUSS (1995: 13).
22 Vgl. JEHLE (1996: 130), KRAUSS (1984: 527-528) und CHRISTMANN/HAUSMANN/ BRIEGEL (1989:
150).
6
1936 emigriert. 23 Auch später, als Krauss im Jahre 1936 eine Professur in Rostock erhalten sollte, wurde ihm diese Stelle aufgrund seiner politischen Einstellung verwehrt, da er laut Gaudozentenbundführer Düring nicht als Lehrer der nationalsozialistischen Jugend geeignet wäre und er ständig eine kritische Grundeinstellung gegenüber dem Nationalsozialismus spüren ließe. 24
Nachdem Werner Krauss im Bereich der Fachwissenschaft bereits einige Möglichkeiten der Opposition ausgetestet hatte, ging er 1940 in den aktiven Widerstand über. 25 Als er 1940 zum Kriegsdienst in die Dolmetscher-Lehrkompanie nach Berlin einberufen wurde, folgte er diesem Ruf zwar, sei es aus Tarnungsgründen oder Zugehörigkeitswünschen zur romanistischen Hochschullehrerschaft, führte seine Arbeit aber nur gleichgültig aus. 26 Auch dies war der Grund dafür, dass er gleichzeitig mit der Tätigkeit im Kriegsdienst begann, in der Widerstandsgruppe um Schulze-Boysen (auch „Rote Kapelle“ genannt) mitzuwirken, mit der ihn sein langjähriger Freund Dr. John Rittmeister in Kontakt gebracht hatte. Man vergleiche hierzu Krauss' Bericht über die Aktion Schulze-Boysen: „Die Tatsache, dass ich nun doch Soldat Hitlers geworden war, machte mich für die Beteiligung an einem wie immer gearteten oppositionellen Unternehmen empfänglich. Die aufgelockerte Atmosphäre in Berlin begünstigte eine solche Entscheidung.“ 27
Im Mai 1942 unternahm die gerade erwähnte Widerstandsgruppe eine Aktion, mit der die Existenz sowie der Zusammenhalt der Gruppe bewiesen werden sollte. So wurden in Berlin Zettel mit dem Spruch: „Ständige Ausstellung das Naziparadies / Krieg Hunger Lüge Gestapo / Wie lange noch?“ 28 verklebt. Krauss selbst lehnte die Aktion zwar ab, beteiligte sich aber aus Gründen der Gruppendisziplin. Im November 1942 wurde er verhaftet und 2 Monate später zum Tode verurteilt. Während viele der anderen Beteiligten bereits hingerichtet wurden, mitunter auch Rittmeister, wartete Krauss noch auf die Vollstreckung des Urteils. 29 Circa eineinhalb Jahre später wurde das Todesurteil aufgrund von Unzurechnungsfähigkeit in eine fünfjährige Zuchthausstrafe umgewandelt. Zu verdanken hatte er diese Revision einer Vielzahl von Personen, wie seiner Mutter Ottilie Krauss, seinem Psychologen Hans von Hattingberg oder dem
23 Vgl. KRAUSS (2002: 9).
24 Vgl. JEHLE (1996: 132-133), KRAUSS (1984: 528) und CHRISTMANN/HAUSMANN/ BRIEGEL (1989:
150-151).
25 Vgl. CHRISTMANN/HAUSMANN/ BRIEGEL (1989: 130).
26 Vgl. ETTE /FONTIUS /HAßLER /JEHLE (1999: 34-37).
27 KRAUSS (2004: 76).
28 KRAUSS (2004: 79).
29 Vgl. KRAUSS (2004: 81-91) und JEHLE (1996: 143-145).
Arbeit zitieren:
Lisa Elsner, 2011, Literaturgeschichtsschreibung: Werner Krauss und "Die Aufklärung in Spanien, Portugal und Lateinamerika", München, GRIN Verlag GmbH
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