Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Strukur und Aufbau der Szene 2
2.1. Strukturanalyse 2
2.2. Der Ölberg als Ort der Hitler’schen Bergpredigt 3
2.3. Die Figur Adolf Hitler 5
3. Analyse der Rede 6
3.1. Lukaslesung 6
3.2 Seligpreisungen 7
3.4. Antithesen 9
3.5. Die exponierte Seligpreisung. 11
4. Fazit 13
5. Literaturverzeichnis 15
1
1. Einleitung
Religiöse Begriffe und Bilder sind in der Propagandasprache des Nationalsozialismus stark vertreten. Dabei griffen die Redner und Schreiber „weniger auf vergangene oder zeitgenössische Denkansätze zurück, sondern fast nur auf deren Terminologie.“ 1 Durch das Aufnehmen religiöser Anschauungen bekam der Nationalsozialismus eine „geschichtliche Pseudorechtfertigung“ 2 . Cornelia Berning schreibt: „In der Zeit, in der Herrschaftsordnung und Glaubenssysteme von jahrhundertealter Tradition ihren Einfluss auf den Menschen verloren hatten, in der Religion nicht mehr lebenschaffende Wirklichkeit war, lag es nah, die Bereitschaft der Masse für neue innerweltliche Teil- systemepolitisch auszunutzen.“ 3
Auf diese Verwendung von religiöser Rhetorik untersucht Alexandra Heberger den grotesk-satirischen Roman „Der Nazi und der Friseur“ 4 von Edgar Hilsenrath, der ihrer Meinung nach diese Sprachelemente der Nazis aufgreift und parodiert. 5 Diese satirische Form der Sprachkritik findet auch Hans Otto Horch. 6
In dieser Arbeit soll ebenfalls die religiöse Rhetorik des Romans untersucht werden. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob die diese im Roman neben der satirischen Sprachkritik an Propagandaverfahren des Nationalsozialismus 7 auch als literarisches Verfahren zur Religionskritik zu lesen ist. Diese Untersuchung soll exemplarisch an einer Szene des Romans, der Ölbergpredigt 8 , durchgeführt werden.
1 Heberger, Alexandra: Faschismuskritik und Deutschlandbild in den Romanen von Irmgard Keun 'Nach Mitternacht' und Edgar Hilsenrath 'Der Nazi und der Friseur'. Ein Vergleich. Osnabrück: Der andere Verlag 2002. S. 82.
2 Heberger 2002. S. 82.
3 Berning, Cornelia: Die Sprache im Nationalsozialismus. In: Zeitschrift für deutsche Wort-forschung 17/1961. S. 173.
4 Hilsenrath, Edgar: Der Nazi & Der Friseur. München: dtv 9 2007. Im Folgenden zitiert als: ‚NF‘.
5 Heberger 2002. S. 83.
6 Vgl. Horch, Hans Otto: Grauen und Groteske. Zu Edgar Hilsenraths Romanen. In: Stüben, Jens; Woesler, Winfried *Hrsg+: „Wir tragen den Zettelkasten mit Steckbriefen unserer Freunde. Acta-Band zum Symposium „Beiträge jüdischer Autoren zur deutschen Literatur seit 1945. Darmstad: Häusser 1994. S. 215-231. S. 224.
7 Also als Faschismuskritik, wie Heberger das auch im Titel ihrer Untersuchung formuliert.
8 Aufgrund der Nähe zur neutestamentlichen Bergpredigt und der Verortung der Szene auf einem sogenannten Ölberg scheint dies eine treffende Bezeichnung für die Szene zu sein, die im 7. Kapitel stattfinden. NF S. 47.-60.
2
2. Struktur und Aufbau der Szene
2.1. Strukturanalyse
Die zu untersuchende Szene ist im siebten Kapitel des Romans angelegt. In dieser Szene redet die Figur Hitler zu dem zuhörenden Volk. Man kann die Rede Hitlers in mehrere Teile aufteilen, die einzeln analysiert werden sollen. Folgende Struktur kann an die Ölbergpredigt bei Hilsenrath angelegt werden.
Rahmen
Seligsprechungen
Im Vorfeld der Rede werden also die Personenkonstellation und der Ort bereits erklärt. Max Schulz hört von der Rede, entschließt sich dort hinzugehen, verliert vor Ort Slavitzki und seine Mutter und trifft seinen ehemaligen Deutschlehrer Siegfried von Salzstange, mit dem er ein längeres Gespräch folgt, bis die Predigt beginnt.
Einen Rahmen um die Rede bildet dann - mit Überschneidungen zum Gespräch mit von Salzstange - die Beschreibung des Auftritts Hitlers gemeinsam mit der Beschreibung der Situation am Berg nach der Rede (der Abgang Hitlers kommt nicht vor, siehe weiter unten). Die Predigt beginnt mit einem Einstieg Hitlers, der in indirekter Rede formuliert ist. Der eigentliche Kern der Predigt, die Max auch nicht mehr mit eigenen Gedanken unterbricht, beginnt also mit der Lukaslesung und endet mit einer einzelnen Selig- sprechung.
3
Die Struktur erinnert an die Bergpredigt des Matthäusevangeliums, die „eine einzigartige Ringkomposition“ 9 ist. Allerdings stehen im Matthäusevangelium alle Seligsprechungen hintereinander. Darauf folgen, wie bei Hilsenrath zwar die Antithesen, es schließt sich aber nicht noch eine Seligpreisung an. Diese Strukturveränderung deutet auf die exponierte Stellung der letzten Seligpreisung bei Hilsenrath hin.
Die einzelnen Teile der (direkten) Rede Hitlers sollen im Folgenden genauer analysiert werden. Im Vorfeld soll allerdings noch ein Blick auf den Aufbau der Szene geworfen werden, insbesondere auf den Ölberg als Ort und auf den ‚Führer‘ als zentrale Figur.
2.2. Der Ölberg als Ort der Hitler’schen Bergpredigt Das siebte Kapitel des Romans beginnt mit den Worten:
„Eines Tages herrschte in unserer Stadt große Aufregung. Es hieß: Der Führer kommt nach Wieshalle, um auf dem Ölberg zu sprechen. Kennen sie den Ölberg? Der heißt so, weil dort einmal jährlich von der Speiseöl-Firma Meyer ein Schützenfest veranstaltet wird, eine raffinierte Werbekampagne für das berühmte Meyer-Speiseöl.“ 10
Mit der an den Rezipienten gerichteten, scheinbar naiven Frage „Kennen Sie den Öl- berg?“löst Hilsenrath bei diesem, sofern er christlich vorgebildet ist, die Assoziation mit dem biblischen Ölberg aus - um sie im Folgesatz sofort wieder aufzulösen. Schon an dieser Stelle ist die Verknüpfung mit der biblischen Welt vielschichtig. Zunächst ist die Verknüpfung des biblischen Ölbergs mit einer Speiseölfirma nicht so weit entfernt, wie es vielleicht scheint. Denn auch der Ölberg, der bei Jerusalem liegt und im biblischen Kontext wiederholt erwähnt wird, heißt so, weil dort Olivenbäume zur Speiseölproduktion angebaut wurden und werden. 11
9 Ebner, Martin: Das Matthäusevangelium. In: Einleitung in das Neue Testament. Hrsg. von Martin Ebner und Stefan Schreiber. Stuttgart: Kohlhammer 2008. S. 125-153. S.128.
10 NF S. 47.
11 Vgl. Küchler, Max: Ölberg. Biblisch. In: LThK. Bd. 7. Freiburg: Herder 3 2006. S. 1035.
Arbeit zitieren:
Matthias Grammann, 2008, Der Anti-Messias: Die Ölbergpredigt des 'Adolf Hitler' im Roman "Der Nazi und der Friseur" von Edgar Hilsenrath, München, GRIN Verlag GmbH
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