Inhalt
Abk ürzungsverzeichnis II
Abbildungsverzeichnis III
1 Einleitung 1
1.1 Relevanz der Arbeit. 1
1.2 Vorgehensweise 2
1.3 Zur Quellenlage 3
2 Theoretische Grundlagen 4
2.1 Virtuelle Grundlagen 4
2.1.1 Das Social Web und Journalismus 2.0 5
2.1.2 Die Crowd und das Crowdsourcing. 7
2.1.3 Whistleblower und das Whistleblowing 8
2.1.4 Was ist WikiLeaks? 11
2.1.5 WikiLeaks-ähnliche Online-Informationsplattformen 20
2.2 Journalistische Grundlagen 21
2.2.1 Der investigative Journalismus 21
2.2.2 Das Gatekeeping und Nachrichtenfaktoren 25
2.2.3 Das Agenda-Setting und der Media-Setting-Effekt 27
2.3 Gesellschaftspolitische und rechtliche Einordnung von WikiLeaks 29
2.3.1 Der Espionage Act, das First Amendment und die Bill of Rights 30
2.3.2 WikiLeaks und die deutsche und amerikanische Politik 32
2.4 Forschungsleitende Fragen 34
3 Empirische Forschung. 35
3.1 Forschungsmethodik 35
3.2 Ergebnisse der empirischen Forschung 36
4 Fazit 53
5 Literaturverzeichnis 55
6 Anhang 61
Abkürzungsverzeichnis Seite II
Abkürzungsverzeichnis
BiTS Business and Information Technology School bzw. beziehungsweise CDU Christlich Demokratische Union CSU Christlich Soziale Union d. h. das heißt et al. et alia
Abbildungsverzeichnis Seite
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Wechselseitiger Agenda-Setting-Prozess (Quelle: Eigene Darstellung in
Anlehnung an Rogers/Dearing, 1988, zit nach Maurer, 2010, S 68)
Tabellenverzeichnis Seite IV
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Übersicht über weitere Online-Informationsplattformen 20
1 Einleitung Seite 1
1 Einleitung
Die Motivation, diese Arbeit zu schreiben, liegt in der Natur der Sache. Denn die Online-Informationsplattform WikiLeaks ist nicht nur eine spannende Neuzeiterscheinung, sondern kommt mit einer zunächst nobel erscheinenden Weltanschauung daher: Damit die Welt ein gerechterer Ort wird, darf es auf keiner staatlichen Ebene Geheimnisse geben und es muss totale Transparenz herrschen. Jeder Bürger hat diesem Gedanken zufolge das Recht, zu erfahren, was, warum, seit wann und wo im Verborgenen und hinter den verschlossenen Türen einer Regierung passiert. Ein weiteres Anliegen von WikiLeaks war und ist die totale Informationsfreiheit für den Journalismus. Diese Zielsetzung hat in den vergangenen Jahren gleich vier Watergate-ähnliche Situationen möglich gemacht: Die Veröffentlichungen der Irak- und Afghanistan-Kriegstagebücher, des Collateral Murder-Videos sowie zuletzt der U.S.-amerikanischen Diplomatendepeschen. Sowohl die Exportierbarkeit seiner Idee als auch die Frage, welche Bedeutung WikiLeaks für den Journalismus hat, machen die Plattform zu einem spannenden Gegenstand für Forschung und Gesellschaft.
1.1 Relevanz der Arbeit
Die Interneterscheinung WikiLeaks wurde bislang wenig erforscht, obwohl WikiLeaks.org bereits seit Ende 2006 besteht. Gleichwohl wurde on- und offline reichlich über die Plattform diskutiert, spekuliert und geschrieben. Es kursiert eine unerschöpfliche Menge von Meinungen über WikiLeaks. Des Weiteren gibt es bislang keine wissenschaftliche Fachliteratur darüber, welche Rolle WikiLeaks beim täglichen Agenda-Setting-Prozess - d. h. das tägliche Setzen von Themenschwerpunkten - des Journalismus‘ spielt oder wie die Informationsplattform den deutschen Investigativjournalismus beeinflusst. Mit großer Sicherheit kann gesagt werden, dass die Idee und die Wirkungsweise von WikiLeaks zukünftige Medienforscher und Medienwissenschaftler beschäftigen wird und viel Forschungspotential bietet. Die Relevanz dieser Arbeit zeichnet sich auch dadurch aus, dass die Medien regelmäßig sowohl über WikiLeaks selbst als auch über seinen australischen Gründer Julian Assange berichten, was nicht nur von einer hohen Aktualität und Relevanz, sondern vor allem von der Brisanz dieses Themas zeugt. Zudem ist die Quellenlage (siehe Kap. 1.3) zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Arbeit im Vergleich zu anderen Interneterscheinungen dürftig. Ein weiterer Relevanznachweis findet sich in der Tatsache der unproblematischen Exportierbarkeit von WikiLeaks‘ Idee: Beinahe täglich entstehen Nachahmerplattformen. Die Zahl solcher Informationsplattformen ist unübersichtlich.
1 Einleitung Seite 2
Die Erkenntnisse aus der Empirie dieser Arbeit werden veranschaulichen, welchen Einfluss WikiLeaks tatsächlich auf journalistische Prozesse in deutschen und U.S.amerikanischen Medien hat.
1.2 Vorgehensweise
Diese Arbeit ist in vier Teile aufgeteilt: Die Einleitung, der theoretische Teil, der empirische Teil und das Fazit. Der theoretische Teil ist aufgegliedert in Virtuelle Grundlagen und Journalistische Grundlagen. Das Unterkapitel Virtuelle Grundlagen beschäftigt sich in seinen Teilkapiteln zunächst mit dem virtuellen Kontext von WikiLeaks sowie mit virtuellen Phänomenen, die eng im Zusammenhang mit WikiLeaks stehen. Es werden Begriffe und Phänomene erklärt, die stets mit WikiLeaks einhergehen. Es wird beschrieben, was WikiLeaks überhaupt darstellt, was es ausmacht, und es werden verschiedene Meinungen, Sichtweisen und Prognosen aufgezeigt. Zudem wird ein tabellarischer Überblick über WikiLeaks-ähnliche Informationsplattformen gegeben. Das Unterkapitel Journalismus-Grundlagen befasst sich in seinen Teilkapiteln mit der Bestandsaufnahme des investigativen Journalismus‘ und wesentlichen
Journalismustheorien, die potentiell von WikiLeaks beeinflusst werden können. Im Anschluss wird WikiLeaks gesellschaftspolitisch und rechtlich eingeordnet, in dem zum Einen auf den Ist-Zustand eingegangen und die Plattform aus einem politischen Blickwinkel beleuchtet und zum Anderen die Bedeutung des US-amerikanischen Espionage Act sowie des First Amendement des amerikanischen Bill of Rights für WikiLeaks, Julian Assange und den Journalismus aufgezeigt wird. Für den dritten, empirischen Teil dieser Arbeit wurden sieben Experten interviewt. Hier liegt der Fokus darauf, ob WikiLeaks tatsächlich Einfluss auf das tägliche Agenda-Setting von deutschen Journalisten und Redaktionen nimmt. Zudem finden sich hier sowohl Antworten auf allgemeine als auch auf spezifische Fragen in Bezug auf WikiLeaks, Whistleblowing und investigativen Journalismus. Zum Schluss wird WikiLeaks aus dem rechtlichen Blickwinkel eines deutschen Anwalts beleuchtet, soweit dies möglich und im Rahmen dieser Arbeit sinnvoll war.
Vereinzelt werden im Laufe dieser Arbeit englische Begriffe wie Whistleblowing bzw. Whistleblower oder Leaking bzw. Leak als Substantive oder in Verbform erwähnt, weil es im Deutschen kaum treffendere und den Umstand besser charakterisierende Begriffe für den Vorgang des Geheimnisverratens oder den Vorgang des Whistleblowing gibt. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Die verwendeten Formulierungen richten sich jedoch ausdrücklich an beide Geschlechter.
1 Einleitung Seite 3
1.3 Zur Quellenlage
Es existieren mehr Onlinequellen als gedruckte Literatur über WikiLeaks. Dementsprechend übersichtlich war die Quellenlage. Die meisten Quellen fanden sich online in Form von Essays, Kommentaren, Blog-Einträgen oder Magazin-Berichten, welche zum Teil als Grundlage für das Verfassen dieser Arbeit verwendet wurden. Bis jetzt gibt es keine wissenschaftlichen Abhandlungen über WikiLeaks. Trotz mehrmaliger Nachfrage war es nicht möglich, eine ausführliche Stellungnahme zu WikiLeaks von Mitarbeitern der amerikanischen Regierungsinstitutionen (US-amerikanischer C.I.A.
Auslandsnachrichtendienst, JB) und des United States Department of Defense (USamerikanisches Verteidigungsministerium, JB) zu erhalten. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass jeder Mitarbeiter auf präsidiale Anordnung von Präsident Barack Obama dazu verpflichtet ist, zu keiner Zeit weder über WikiLeaks zu recherchieren, noch eine Meinung darüber zu kommunizieren bzw. mit Dritten über WikiLeaks zu sprechen. Eine Verletzung dieser Anordnung würde schwerwiegende Strafen nach sich ziehen. Um die prekäre Quellenlage noch einmal zu verdeutlichen, wird folgendes Beispiel aufgezeigt: Selbst Studierenden der amerikanischen Columbia University wurde jüngst nahe gelegt, weder WikiLeaks-Material herunterzuladen, noch die Informations-Plattform in einem Sozialen Netzwerk zu erwähnen oder gutzuheißen oder ihre Einschätzungen mit den Medien zu teilen. Ihre Jobaussichten in einer Regierungs- oder regierungsnahen Institution sehen andernfalls schlecht aus (MacAskill, 2010, p. 1).
Zudem sei angemerkt, dass es in der Entstehungsphase dieser Arbeit zwei wichtigen Quellen (Alan Dershowitz, amerikanischer Anwalt und Harvard-Professor und Daniel Domscheit-Berg, IT-Experte, ehemaliger WikiLeaks-Pressesprecher und OpenLeaks-Gründer) aus persönlichen Gründen nicht mehr möglich war, wie versprochen einen wertvollen Beitrag zur Entstehung dieser Arbeit zu leisten.
Sämtliche Transskripte, die Transskripte der wissenschaftlichen Interviews, die indirekten Stellungnahmen von Mitarbeitern des U.S. Department of Defense und des C.I.A. in schriftlicher Form, ein Fotobeweis, die Audio-Interviews, zwei Umfrageergebnisse sowie die empirischen Fragebögen in englischer und deutscher Sprache finden sich im elektronischen Anhang auf CD.
2 Theoretische Grundlagen Seite 4
2 Theoretische Grundlagen
Um WikiLeaks zu begreifen und um verstehen zu können, wie und ob diese globale Informationsplattform auf nationale oder internationale journalistische Prozesse einwirkt, soll in dieser Arbeit seine Wirkungsweise auf den Journalismus, die Gesellschaft und die Politik sowie den virtuellen Kontext, in dem sich WikiLeaks bewegt, untersucht werden. Ebenfalls soll auf die Folgen der verschiedenen Veröffentlichungen von Geheimdokumenten der letzten Jahre eingegangen werden. Dem virtuellen Umfeld (u. a. das Social Web) wird dabei eine ebenso große Wichtigkeit zugemessen, wie virtuellen Phänomenen (z. B. Whistleblowing und Crowdsourcing) und Journalismustheorien (z. B. der Agenda-Setting-Effekt und der Gatekeeping-Ansatz). Zudem werden in dieser Arbeit der investigative Journalismus und dessen Ist-Zustand beleuchtet.
Der theoretische Teil dieser Arbeit ist in zwei Kapitel aufgeteilt: Virtuelle Grundlagen und Journalismus-Grundlagen. Während im Unterkapitel Virtuelle Grundlagen verschiedene Internetphänomene beschrieben und erläutert werden und WikiLeaks definiert wird, werden im Unterkapitel Journalismus-Grundlagen zunächst der Investigativjournalismus und theoretische Journalismuskonstrukte beleuchtet. Dann finden eine
gesellschaftspolitische und rechtliche Einordnung von WikiLeaks statt. Es folgt die Thematisierung des Espionage Act der USA und wie und ob dieser für WikiLeaks eine Gefahr bedeutet.
2.1 Virtuelle Grundlagen
Wir leben in einer Zeit, in der sich das Internet so schnell wie nie zuvor weiterentwickelt. Internetnutzer bewegen sich heute wie selbstverständlich durch das so genannte Social Web, einem Internet, das von seinen Nutzern aktiv mitgestaltet und weiterentwickelt wird und sekündlich wächst. Längst wird es nicht mehr nur dazu genutzt, um Informationen abzurufen oder diese auszutauschen, wofür es ursprünglich einmal gedacht war. Gesprächsforen, Chats, Blogs und Social Communities sind die dominierenden Online-Arenen und bieten Möglichkeiten zur sozialen Interaktion.
Das Social Web hat vieles möglich gemacht - auch WikiLeaks. Dadurch gewannen virtuelle Prozesse wie Whisteblowing, Crowdsourcing und Journalismus 2.0 (die im Verlauf dieser Arbeit erläutert werden), welche ihrerseits erst durch WikiLeaks und die entsprechende mediale Berichterstattung prominent geworden sind, zunehmend an Bedeutung. Darauf wird in den folgenden Kapiteln eingegangen.
2 Theoretische Grundlagen Seite 5
Das Internet hat sich nach der Jahrtausendwende in ein „soziales Netz“ (Simons, 2011, S. 140) verwandelt. Seither ist es möglich, dass Menschen ihre sozialen Bedürfnisse auch in einem virtuellen Kontext bedienen können - besser als vorher. Dieses Phänomen des individualisierbaren Mitmach-Web wird als Social Web bezeichnet. Anders als noch beim Web 1.0, welches seine Nutzer voneinander isolierte und ihnen keinerlei Raum und Möglichkeit bot, ihre Meinungen und Emotionen auszutauschen und das zudem nur als reines Informationsmedium galt, brachte das Social Web (auch bekannt als Web 2.0) eine kommunikative und soziale Revolution mit sich: Es existieren Feedback- und Interaktionsmöglichkeiten und Plattformen, auf denen mediale Inhalte diskutiert bzw. selbst produziert werden können (Simons, 2011, S. 140). Laut Alby (2008) steht dieser Begriff für „alles, was sich im Netz und um das Netz herum weiter entwickelt [sic!] hat, seien es die wirtschaftlichen Aspekte des Web, seien es soziale Phänomene wie Partizipation“ (S. 18).
Nach Alby (2008) ist die kollektive Intelligenz des Social Web in der Lage, erstaunliche Dinge zu erschaffen. Es werden komplexe Aufgaben gelöst, zu denen ein einzelner Nutzer nicht imstande wäre (S. 182). Wikipedia ist ein Vorzeigeprojekt des Social Web und ein gutes Beispiel dafür, was Social Software - ihrerseits Bestandteil des Social Web - leisten kann; so gehört Wikipedia zu den beliebtesten Seiten im Internet (S. 92). Zudem ist die so genannte Schwarmintelligenz (siehe Kap. 2.1.2) im Hinblick darauf, was sie in Bezug auf das Lösen gesellschaftsrelevanter Probleme zu leisten imstande wäre, ein interessantes Forschungsfeld (S. 182).
Nach Simons (2011) gibt es mittlerweile eine unüberschaubare Zahl an Angeboten, in die Internetnutzer freiwillig und ohne finanzielle Entlohnung Zeit, Selbstdisziplin und Wissen investieren (S. 137). Gleichzeitig wird durch das Social Web ein grundlegendes menschliches Bedürfnis befriedigt - das des Wahrgenommenwerdens (S. 138). Alby (2008) schildert, Internetnutzer können sich selbst darstellen, direkt miteinander kommunizieren und einander Internetinhalte empfehlen. Zudem können sich Dank des Social Web Netzwerke bilden, die bislang unmöglich gewesen sind. Denn vorher gab es für Menschen mit gemeinsamen Interessen (gleich welcher geographischer oder soziokultureller Herkunft) keine ähnliche Möglichkeit, sich zu finden, einen Kontakt herzustellen, diesen zu halten und sich miteinander auszutauschen (S. 118).
Das Web 2.0 ermöglicht […] Interaktivität sowohl im Verhältnis zwischen Anbietern und Nutzern als auch zwischen Nutzern und Nutzern. Das Netz ist nicht länger ein Marktplatz mit klarer Trennung zwischen Anbietern und Kunden. Vielmehr gibt es jedem die
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Möglichkeit, nicht nur zu konsumieren, sondern eigene Inhalte zu erzeugen (Simons, 2011, S. 139).
Das Social Web selbst sowie der Kontext des Social Web haben WikiLeaks erst möglich gemacht und ihm eine gute, fruchtbare Basis geboten. Die Informationsplattform nutzt bewusst soziale Medien des Social Web wie beispielsweise Twitter und Facebook, um stets für ihre jüngst erworbenen Geheimdokumente zu werben. Julian Assange hält die Weltöffentlichkeit über seine Tätigkeiten und Gedanken unter Zuhilfenahme des Kurznachrichtendienstes Twitter auf dem Laufenden (Domscheit-Berg, 2011, S. 154 f.). Zudem nutzt WikiLeaks laut Stöcker (2011) wieder den Kurznachrichtendienst Twitter, um Internetnutzer zu der Auswertung der U.S.-Diplomatendepeschen aufzurufen.
Zu den eben erwähnten grundlegenden Bedürfnissen, die die Menschen seit Bestehen des Social Web nun auch virtuell erfüllen können bzw. erfüllt sehen, gehören nach Simons (2011) die Empfindung, einem höheren Wert zu dienen, etwas Bleibendes schaffen zu können, das befriedigende Gefühl, etwas in der Welt bewirken zu können und etwas Sinnvolles zu tun (S. 139). Rusbridger (2011) erkennt, dass jetzt nicht mehr nur Journalisten Texte, Fotos und Filme erzeugen und diese dann publizieren, sondern dass dies auch andere Menschen (d. h. Nutzer) gerne tun. „Seit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg hatten sie dazu 500 Jahre lang keine Möglichkeit“ (http://www.freitag.de/positionen/1113-gutenberg-f-r-alle).
Der Journalismus 2.0 ist ein Bestandteil des Social Web. Er steht für die Weiterentwicklung des traditionellen Journalismus‘, der sich vor allem durch eine Einbahnstraßenkommunikation auszeichnete.
Auf der Einbahnstraße herrscht nun auch Gegenverkehr: Die Anschlusskommunikation des Publikums der Massenmedien kann öffentlich verbreitet und zurück an den Journalismus adressiert werden. Das Massenpublikum kann über das Internet auch gemeinsame Maßnahmen gegen Anbieter (Proteste, Boykotts, Petitionen etc.) koordinieren. Nicht nur im Wirtschaftssystem, sondern auch im Öffentlichkeitssystem lässt sich deshalb ein Zuwachs an „Consumer Power“ beobachten (Neuberger & Nuernbergk, 2009, S. 40).
Die Sozialen Medien stellen hierbei einen maßgeblichen Einflussfaktor dar. Sie sind eine essentielle Säule des Social Web. Simons (2011) schreibt ihnen die Eigenschaft zu, dem klassischen Journalismus eine Vielzahl an Möglichkeiten zugänglich gemacht zu haben: Das Interagieren mit den Nutzern, die damit einhergehende Steigerung der Qualität und
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Attraktivität der medialen Angebote sowie breitere Distributionsoptionen sind erwünschte und gewollte Einflussfaktoren (S. 157). Die Möglichkeit, dass die Nutzer direkten Einfluss auf die Produktion eines Medienbeitrags nehmen oder selbst ein Teil der Berichterstattung sein können, ist eine wesentliche Charaktereigenschaft des Journalismus‘ 2.0 (S. 157) - auch wenn die Reaktion der Nutzer bzw. Rezipienten auf diese neue Form des partizipativen Journalismus‘ bisher eher verhalten war, wie aktuelle Studien belegen (Neuberger & Nuernbergk, 2009, S. 298). Die Rezipienten können journalistische Produkte kommentieren und so dem Journalisten oder dem Medium eine Rückmeldung geben und - ganz im Sinne des Web 2.0 - das journalistische Produkt einander empfehlen. Es handelt sich hierbei um einen „Echtzeit-Journalismus“, der „Mediennutzung zum Gemeinschaftserlebnis [macht]“ (Simons, 2011, S. 156). Jedes Medienunternehmen sollte dieses just beschriebene Potential ihrer Rezipienten nutzen (Simons, 2011, S. 156).
Der Journalismus 2.0 nutzt die Sozialen Medien auch für das Crowdsourcing (Simons, 2011, S. 157), das im nachfolgenden Kapitel erläutert wird. Partizipieren können Journalisten und Internetnutzer auch dann, wenn sie Geheimdokumente nach pikanten Informationen durchsuchen - so geschehen kurz nach der Veröffentlichung der U.S.-Diplomatendepeschen. Mit Hilfe des Crowdsourcing, das im nächsten Kapitel beschrieben wird, gelang es sowohl WikiLeaks als auch der Washington Post, einen Überblick über den Inhalt der Dokumente zu bekommen (Heidmeier, 2011).
2.1.2 Die Crowd und das Crowdsourcing
Das Wort Crowdsourcing bezeichnet „the practice whereby an organization enlists a number of freelancers, paid or unpaid, to work on a specific task or problem” (Oxford Dictionary, 2011). In der Literatur ist hierbei oft auch von Schwarmintelligenz und kollektiver Intelligenz die Rede (Rosenbach & Stark, 2011, S. 85). Crowdsourcing schöpft aus einer kollektiven Intelligenz (Simons, 2011, S. 157). Dabei werden Aufgaben an eine bestimmte Menge von Menschen teilausgelagert, die diese Aufgaben in ihrer Freizeit - und oft kostenlos - lösen (S. 115). Die Vorteile vom Schöpfen aus der Intelligenz der Masse liegen auf der Hand: Während die Kosten nur minimal sind, findet eine hohe Wertschöpfung statt, denn die Nutzer generieren freiwillig Inhalte, entwickeln diese weiter und sind bereit, ihre Kenntnisse und Erfahrungen, Kontakte und Manpower einzubringen (S. 137). Nachteilig ist nach Simons (2011) jedoch, dass die Mitarbeit in aller Regel auf dem Lust- und Granularitätsprinzip beruht. Das heißt, dass einzelne Nutzer meist nur wenig zu einem Gesamtergebnis beitragen wollen oder können (S. 118).
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Auch WikiLeaks baut auf diese Art der Webintelligenz, „bei der eine nicht näher bestimmte Gruppe digital vernetzter Akteure die eigentliche Interpretation des geheimen Materials übernimmt“ (Lovink & Riemens, 2011, S. 88). Als die amerikanischen Diplomatendepeschen bei WikiLeaks veröffentlicht wurden, wurden Freiwillige über das Internet zu einer Operation namens Leakspin aufgerufen. Wer teilnehmen wollte, sollte sich, nach interessanten Fakten Ausschau haltend, durch das Material der Depeschen klicken, einzelne Informationen nachrecherchieren und parallel dazu seine Ergebnisse möglichst akribisch dokumentieren. Eine Inhaltszusammenfassung dessen, was der Nutzer erstellt hatte wurde ebenfalls verlangt. Die Ergebnisse dieser freiwilligen Crowd sollten dann auf Blogs und bei YouTube veröffentlicht werden (Moorstedt, 2011, S. 130). Wie jüngst bekannt wurde, setzt WikiLeaks auch jetzt wieder auf die Weisheit der Massen und lässt Freiwillige der Internetgemeinde über 50 000 der insgesamt 250 000 U.S.-Diplomatendepeschen auf seiner Website nach interessanten Informationen durchsuchen (Stöcker, 2011).
Aber die Einbeziehung der Schwarmintelligenz der Internetnutzer bringt Rosenbach und Stark (2011) zufolge nur selten zufriedenstellende Ergebnisse hervor. Denn längst nicht alles können die Freiwilligen, die Julian Assange bei seiner Arbeit unterstützen, selbst bearbeiten. Denn WikiLeaks verfügte nicht über die entsprechenden Ressourcen wie beispielsweise Fremdsprachler oder Militärexperten. Weil es sich bei den Leaks unter anderem um Themen aus vielen verschiedenen Bereichen wie Wirtschaft, Wissenschaft, Geheimdienste, Klimaschutz und Politik handelt, greift Assange nach eigenen Angaben auf ein Netzwerk aus Experten zurück, auf „people who do things“ (Rosenbach & Stark, 2011, S. 85).
2.1.3 Whistleblower und das Whistleblowing
Ein Whistleblower ist nach Langenscheidt (2007) „someone who tells people in authority or the public about dishonest or illegal practices at the places where they work“ (S. 1882). Der Ausdruck wird regelmäßig im Zusammenhang mit der Informationsplattform WikiLeaks erwähnt. Whistleblower geben vertrauliche, interne und geheime Informationen preis. Nach Domscheit-Berg (2011) melden sich vermutlich die meisten Quellen aus dem Grund, weil sie ihr Wissen nicht länger für sich behalten können oder wollen und um es mit anderen Menschen zu teilen (S. 172). „Unsere Quellen konnten zum Beispiel frustrierte Angestellte, verprellte Wettbewerber oder auch moralisch motivierte Menschen sein - das Spektrum war groß“ (Domscheit-Berg, 2011, S. 168).
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Es gibt viele andere Gründe, weshalb Menschen sich dazu entschließen, geheime oder klassifizierte Informationen zu denunzieren. Dabei können neben moralischen Bedenken im Hinblick auf unethische Geschäftspraktiken eines Unternehmens auch soziale Ungerechtigkeit wie beispielsweise Diskriminierung eine Rolle spielen. Weitere Beweggründe für das Leaken (d.h. Durchsickernlassen) von internen und nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Dokumenten oder Informationen können auch BoykottÜberlegungen eines frustrierten Individuums gegenüber seiner Körperschaft sein mit dem Ziel, dieser bewusst zu schaden. Die individuelle Genugtuung spielt dann dabei eine Rolle. Doch es können auch philanthropische Motive in die Entscheidung des Geheimnisverräters einfließen, wenn das Individuum andere Individuen innerhalb einer Gesellschaft oder Körperschaft vor einem Missstand wie illegalen Handlungen, Korruption oder Menschenrechtsverletzungen warnen und die Aufmerksamkeit darauf richten will. Eine erwünschte Nebenwirkung dessen könnte sein, dass diese Skandalaufdeckung Anklang bei den Massenmedien findet und dann gar zu einem Gesellschaftsthema wird (Donato, 2009, S. 193 ff.).
Whistleblowing kann wie folgt anhand der Psychologie eines Arbeitnehmers beschrieben werden. Nach Treier (2009) gibt es in der Personalpsychologieforschung das Phänomen des psychologischen Vertrags. Hierbei handelt es sich um einen ungeschriebenen Kontrakt, der die subjektiv erlebte Bindung einer Person an ein Unternehmen oder eine Körperschaft abbildet. Wird dieser Vertrag von Unternehmensseite aus zum Beispiel durch Vertrauensmissbrauch gerochen, stellt dies auch einen Bruch des psychologischen Vertrags dar und führt zu einem massiven Vertrauensverlust des Individuums gegenüber seiner Körperschaft (S. 96). Unsicherheit, Wut und Frustration auf Mitarbeiterseite, eine fortschreitende Arbeitsunzufriedenheit, die Reduzierung des Engagements und eine erhöhte Fluktuationsneigung sind mögliche Folgen des Bruchs dieses impliziten Vertrags (S. 97). Aus dieser ablehnenden Haltung bzw. aus diesen Verhaltensveränderungen resultiert dann die sogenannte innere Kündigung des Arbeitnehmers - und somit das unwiderrufliche Ende der Arbeitsmotivation und der Arbeitszufriedenheit des Arbeitnehmers (S. 267).
Von diesem Gemütszustand aus ist dann der Schritt eines Individuums zum Whistleblowing bzw. zum Leaken von unethischen Unternehmensinterna nicht mehr weit. Zumal so nicht nur der eigenen Frustration Luft gemacht werden kann, sondern auch weil dem Whistleblower während des gesamten Prozesses des Einstellens seiner Dokumente bei WikiLeaks Anonymität garantiert wird (Schulzki-Haddouti, 2011b, S. 10). Dies bestätigt Domscheit-Berg (2011), denn diese garantierte Anonymität ist der große Vorteil
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Julian Borchert, 2011, Einfluss von globalen Informationsplattformen auf journalistische Prozesse, München, GRIN Verlag GmbH
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