Inhalt
Einleitung 2
1. Die Gruppe und der Zugang zum Feld 3
2. Der direkte Kontakt 5
3. Das Interview 7
3.1. Das Leitfaden-Interview 9
3.2. Das narrative Interview 10
3.3. Das problemzentrierte Interview 11
4. Der Interviewbericht 12
Schlussbetrachtung 12
Literatur 14
1
Einleitung
Ob Helmut Kohl, Dieter Bohlen oder Joschka Fischer: Biografien erfreuen sich großer Beliebtheit und werden von Millionen Lesern gekauft. Sie stellen Lebensgeschichte dar - allerdings nicht nur wie in den obigen Beispielen auf einer literarischer Ebene, sondern auch auf einer wissenschaftlichen. Immer aber ist sie eins :Eine subjektive Darstellung. Die wissenschaftliche Biografieforschung befasst sich daher mit der sozialen Wirklichkeit, wie der einzelne Mensch selbst sie wahrnimmt. Sie möchte erforschen, wie das Individuum, wie eine Gruppe einzelne Passagen seines bzw. ihres Lebens selbst einordnet. Wie stark hat der Aufenthalt im Heim das Leben geprägt? Was war es, was den Drogenabhängigen vom Drogenkonsum abgebracht hat? Wie erlebt der Studierende seine Studienzeit? Zeigt sich ein Unterschied zwischen Bachelor- und Magister-Studierenden?
Das alles wären Fragen für biografische Untersuchungen. Dabei soll allerdings nicht vom Einzelfall her verallgemeinert werden. Vielmehr soll die unterschiedliche Lebensgeschichte analysiert werden und Rückschlüsse darauf zulassen, welche Rolle die Sozialisation des Menschen in seinem Leben gespielt hat und spielt - aber auch, wie Institutionen in die Lebensgestaltung des Einzelnen mit einwirken.
Bei diesen Untersuchungen ist jedoch mit Vorsicht vorzugehen. Biographien sind in der Regeln nicht gradlinig, sie sind nicht einfach anhand eines Lebenslaufs ablesbar. Biografien werden in vielen Stunden von Menschen erzählt und von Menschen analysiert. Dabei kann es zu Missverständnissen kommen. Vielleicht hat der Interviewpartner etwas ganz anders gemeint, als der Forscher es auffasst. War seine Kindheit wirklich so schön, wie er sie jetzt darstellt? Ist sein Eheleben so glücklich wie es scheint? Oft ist Biografieforschung ein Lesen zwischen den Zeilen. Doch dabei kann es leicht zu Fehlinterpretationen kommen. Dieses Risiko so weit wie möglich zu minimieren - dazu soll diese Arbeit ihren Beitrag leisten. Sie soll zuerst darstellen, wie der Forscher Zugang zu seinem Untersuchungsfeld bekommen und wie er sich auf die Befragungssituation vorbereiten kann. Anschließend werden die verschiedenen Formen des Interviews vorgestellt und möglichen Fehler untersucht, um abschließend mögliche Lösungsansätze anbieten zu können.
2
1. Die Gruppe und der Zugang zum Feld
Bevor der Forscher eine sinnvolle Befragung beginnen kann, braucht er nicht nur ein eingegrenztes Thema - er braucht in Regelfall auch eine Gruppe, die genau zu seiner gewählten Thematik passt 1 . Daher sollte zuerst der Zugang
zum zu erforschenden Feld gelingen. So kann der Forscher die genaue Thematik und Interviewpartner parallel finden. Schließlich ist es wenig zweckmäßig, ein Thema einzugrenzen und dann festzustellen, dass sich niemanden dazu bewegen lässt, dazu seine Lebensgeschichte zu erzählen (Fuchs-Heinritz 2005, 236).
Doch da der Schwerpunkt dieser Arbeit auf die Interviewführung selbst liegt, soll an dieser Stelle auf diesen Komplex nur am Rande eingegangen werden.
Wichtig für das Interview selbst wie auch das Finden von Interviewpartner ist das Vertrauensverhältnis zu den Mitgliedern der Gruppe, die der Forscher untersuchen möchte. Vertrauen kann der Wissenschaftler umso besser aufbauen, je mehr Erfahrungen er in dem Feld hat, das es zu untersuchen gilt. Gerade praktische Erfahrung im Feld kann von Vorteil sein. Diese lässt sich z.B. durch die Mitarbeit im Jugendamt, das Arbeiten als Pflegehelfer oder die Führung durch einen entsprechenden Betrieb sammeln. Eine zu enge Beziehung zum Feld kann eine gelungene Befragung allerdings auch behindern. Befragt zum Beispiel der „Street Worker“ einen der Jugendlichen, die er betreut, stehen beide in einem direkten Machtverhältnis zueinander. Der Jugendliche könnte also seine Lebensgeschichte so erzählen, wie er vermutet, dass der „Street Worker“ sie hören möchte - und nicht so, wie er sie wirklich empfindet und einem Unbefangenen erzählen würde (vgl. Fuchs-Heinritz 2005, 238).
Eine weitere Möglichkeit, Interviewpartner zu finden, ist die Suche im Bekannten- oder Freundeskreis. Dies hat den Vorteil, dass der Forscher bereits eine vertrauliche Beziehung zu seinem Interviewpartner hat. Hierin kann aber auch ein Nachteil liegen: Interviewer und Befragten teilen gemeinsame Erfahrungen und verfügen über die gleichen oder ähnliche Hintergrundinformationen. Dies kann dazu führen, dass der Interviewer nicht
1 Es sei denn es handelt sich um die Untersuchung eines Einzelfalls, bei der häufig jedoch ohnehin auf eine lebensgeschichtliche Befragung verzichtet werden muss (s. z.B. Elias 1991, Mozart: Zur Soziologie eines Genies).
3
nach gewissen Dingen fragen kann, ohne sich bloß zu stellen. Der Befragte könnte sich darüber wundern, warum der Freund ihn en detail über Dinge befragt, die eigentlich beiden gut bekannt sind. Anders herum kann es sein, dass der Befragte verschiedene Punkte auslässt, weil er sie beim Forscher als bekannt voraussetzt. Dadurch können dem Forscher bei seiner Arbeit wichtige lebensgeschichtliche Aspekte verloren gehen (Fuchs-Heinritz 2005, 236).
Ein ähnliches Risiko besteht, wenn der Forscher durch eine Art „Schneeballverfahren“ an Interviewpartner zu gelangen versucht. Hierbei nennt der erste bereitwillig Befragte dem Forscher weitere potentielle Interviewpartner. Der Vorteil besteht darin, dass der Befragte den Forscher als vertrauenswürdig weiter empfehlen kann. Aber auch hier ist Vorsicht geboten. Der nächste Interviewpartner könnte bereits im Vorfeld einen falschen Eindruck über die Befragung oder den Forscher vermittelt bekommen haben, die Gruppe könnte „Tabus“ absprechen und einzelne Personen könnten die Mitarbeit verweigern, wenn sie durch dieses System „zu spät“ befragt werden (Fuchs-Heinritz 2005, 238f).
Es ist also geboten, sich möglichst gut in dem zu untersuchenden Feld auszukennen. Nur so kann der Forscher den Befragten vermitteln, dass er sie richtig versteht und damit ein Vertrauensverhältnis aufbauen (vgl. Berk/Adams 1978, 98ff).
Nicht vergessen darf der Forscher, dass es sich bei der Befragung nicht nur um die private (teils intime) Lebensgeschichte einer Person handelt. Hinzu kommt dass der Interviewpartner einen zeitlichen und kommunikativen Aufwand auf sich nimmt. Daher sollte der Wissenschaftler nicht das Motiv unterschätzen, das er seinen potentiellen Interviewpartnern anbieten kann 2 .
Beispiele für diese Motive könnte das Opfer für die Wissenschaft sein oder ein gemeinsames Forschungsziel von Wissenschaftler und Befragten. Ein Forscher der bspw. untersucht, welche Gründe Parteimitglieder für ihren Eintritt in die Partei hatten oder welchen (subjektiven) Einfluss die Mitgliedschaft auf ihr Leben hatte, kann mit der Unterstützung der Parteimitglieder rechnen - eine solche Untersuchung wäre auch für die Partei selbst und ihre Mitglieder von Interesse (Fuchs-Heinritz 2005, ).
2 Meist wird dies ein immaterielles Motiv sein, da im seltensten Fall den Interviewpartnern Geld als Aufwandsentschädigung angeboten werden kann (vgl. Fuchs-Heinritz 2005, 253f)
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Arbeit zitieren:
Sascha Wandhöfer, 2009, Interviewsituation in der Biografieforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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