Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1. Einleitung 3
1.1. Aneignung? Raum? Städtisch? 3
2. Wie kommt der städtische Raum in den Text? 3
2.1.Zur Stadtbeschreibung 5
3. Aneignungsstrategien 6
4. Gehen als narratives Modell 9
5. Der Pariser Himmel 9
6. Resümee 11
7. Primärwerke / Erzähltexte 12
8. Sekundärliteratur 12
2
1. Einleitung
„"Die Stunde der wahren Empfindung" ist, grob gesprochen, die Geschichte einer Erfahrung des Todes. Eines Todes, der sich im Ekel vor jedem und allem ankündigt, in einem Aus-der-Welt-Fallen, einem Blindwerden, das daraus resultiert, daß K. alles schon erwartet, einordnet, abschätzt, was ihm widerfährt, so daß er nur noch dem eigenen namenlosen Schrecken ausgesetzt ist. Handkes Buch ist ein Buch über Gewalt und wie sie entsteht.“ 1 So schreibt Hellmuth Karasek im Spiegel 1975. Diese kafkaesk anmutende Erzählung ordnet sich stilistisch in die Kategorie des Entwicklungsromans ein. Gregor Keuschnig erfährt seinen Prozess der Ver-wandlung und der persönlichen Verfremdung in Paris. Der Traum, ein Mörder zu sein, verschiebt im Moment des Erwachens seine gesamte Wahrnehmung. Diesen Prozess einer Verzerrung verortet Handke in Paris. In jener urbanen Umgebung findet der Protagonist den fruchtbaren Nährboden für seine verstörende Entwicklung.
1.1. Aneignung? Raum? Städtisch?
Die Aneignung des städtischen Raumes, als Ausgangsthese zu verstehen, wirft gleich zu Beginn mehrere Fragen auf. Welche topographischen Fixpunkte macht der Text fassbar? Was macht den städtischen Raum aus? Welche Strategien einer Aneignung bietet Handkes Text? Wo liegen die Grenzen zwischen dem Städtischen und dem Peripheren?
2. Wie kommt der städtische Raum in den Text?
Es wäre wohl ohne Zweifel verkürzt, wenn nicht engstirnig, den städtischen Raum als Form eines architektonischen, wirtschaftlichen und stark bevölkerten Epizentrums wahrzunehmen und dabei gleichzeitig die literarischen Optionen einer Stadtkonzeption auszuklammern. Der städtische Raum, Paris in diesem Fall, wird nicht durch seine geopolitischen Grenzen in der Erzählung Handkes festgemacht, in der Form, dass Keuschnig sich ausschließlich in einigen wenigen Arrondissements bewegt und auch dadurch, dass er die Urbanität innerhalb seiner psychologischen Entwicklung und seiner Wahrnehmungsstörung differenzierter verarbeitet. Die Grenzen können demnach nicht topographisch an Paris, im Sinne der cité, oder in weiterer Folge an der Ile de France abgesteckt werden. Die Grenzen sind diffus durch die poetische Konstruktion.
Wenn grundsätzlich von dem Mechanismus und dem Verfahren der Konstitution des Ortes oder des Raumes gesprochen wird, so kann einerseits auf Techniken des Innerliterarischen
1 Karasek 1975. [3]
Bezug genommen werden, andererseits auch auf die vorgelagerten Praxen. Dies seien hermeneutische und psychologische Prinzipien der Wahrnehmung und Beschreibung von Orten. 2 Nach Gerhard Hoffmann müsse man „die grundlegenden Auffassungen und Gliederungen des Raums […] von ihrer Konkretisierung im Text trennen.“ 3 Im Gegensatz dazu argumentiert Dietrich Krusche, dass die spezifische Wirkung von literarischen Texten nur dadurch entwi- ckeltwerden kann, indem „sie uns in anschauliche Verhältnisse versetzen, in denen wir uns ebenso orientieren, wie in der Wirklichkeit.“ 4 Die Ansichten der beiden Autoren scheinen augenscheinlich schwer vereinbar. Es soll hier der Versuch unternommen werden, diese beiden Ansätze anhand des Beispiels „Die Stunde der wahren Empfindung“ zu verknüpfen. Um diesen Ansatz zu konkretisieren, sei auf Stefan Alker verwiesen: „Wer einen Text liest, orientiert sich in einem imaginären Raum. Er tut das aufgrund von Merkmalen und Bezugspunkten, die der Text auf je spezifische Weise bereitstellt und aufgrund von Mechanismen, die der Text auslöst. Zugleich sind diese Mechanismen, solche eines elementaren Orientierungsverhaltens, das als nicht spezifisch literarisches dem literarischen Diskurs vorgelagert ist, wohl aber spezifische Anwendung erfährt, die es zu untersuchen gilt.[…] Was der Leser als Bezugspunkt seiner Orientierung gelten lässt, ist keine Frage, die rein auf der Ebene der „Konkretisierung im Text“ zu behandeln wäre.“ 5 Die Ebene der Konkretisierung der Orte darf demzufolge nicht Hauptbestandteil einer Untersuchung sein. Allerdings kann einerseits die individuell-erfahrene Kenntnis der Stadt Paris die Leser*Innenschaft dazu verleiten, die topographisch verortbaren Wege die Gregor Keuschnig beschreitet, mit dem eigenen Bildgedächtnis zu überlagern (Trocadero, Montmatre, Place de la Concorde etc.). Daraus folgt, dass die poetisch konstruierten Räume möglicherweise durch eine nicht Pariser Leser*Innenschaft und deren vermeintliche Vorstellung einer Postkartenidylle der Stadt an Qualität verlieren könnten. Weiters muss auch davon ausgegangen werden, dass über eine Stadt wie Paris ein kollektives Bild (im Sinne einer image) besteht. Diesem Argument wird Rechnung getragen, indem Peter Handke zwar die Wege und Plätze in ihrer Bezeichnung in Form eines Lesbarmachens des Stadtplans vorgibt, Gregor Keuschnig diese allerdings mit neuem Gehalt, oder auch dem Image des Kollektivs der Leser*Innenschaft füllt.
2 Vgl. Alker 2005, S. 19.
3 Hoffmann 1978, S. 7.
4 Krusche 2001, S. 9.
5 Alker 2005, S. 20. [4]
Arbeit zitieren:
Daniel Skina, 2011, Die Aneignung des städtischen Raumes , München, GRIN Verlag GmbH
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