S e i t e 1
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Übergangsrituale im Hinduismus 6
3 Vivâha - das Hochzeitsritual 7
3.1 Bedeutung und Symbolik der Ehe 7
3.2 Hochzeitsvorbereitungen 8
3.2.1 Das Ehe-Arrangement 8
3.2.2 Mitgift und Geschenke 9
3.2.3 Polygamie und Kinderehen 9
3.3 Typen der Ehe 9
3.4 Zeremonie und verbindende Rituale 10
3.4.1 Rites de séperation - Die Vorbereitungen 11
3.4.2 Rites de marge - Die Durchführung der Hochzeit 11
3.4.3 Rites d’aggrégation - Die Braut wird heimgeführt 14
4 Hindu-Hochzeit im modernen Indien (und bei Indern im Ausland) 14
Literaturverzeichnis 19
1 Einleitung
"In jeder Gesellschaft besteht das Leben eines Individuums darin, nacheinander von einer Altersstufe zur nächsten und von einer Tätigkeit zur anderen überzuwechseln. … Bei den halb zivilisierten Völkern sind solche Handlungen in Zeremonien eingebettet, da in der Vorstellung des halb Zivilisierten keine einzige Handlung ganz frei von Sakralem ist.
Jede Veränderung im Leben eines Individuums erfordert teils profane, teils sakrale Aktionen und Reaktionen, die reglementiert und überwacht werden müssen, damit die Gesellschaft als Ganzes weder in Konflikt gerät, noch Schaden nimmt. Es ist das Leben selbst, das die Übergänge von einer Gruppe zur anderen und von einer sozialen Situation zur anderen notwendig macht. Das Leben eines Menschen besteht somit in einer Folge von Etappen, deren End- und Anfangsphasen einander ähnlich sind: Geburt, soziale Pubertät, Elternschaft, Aufstieg in eine höhere Klasse, Tätigkeitsspezialisierung.
Zu jedem dieser Ereignisse gehören Zeremonien, deren Ziel identisch ist: Das Individuum aus einer genau definierten Situation in eine andere, ebenso genau definierte hinüberzuführen. Da das Ziel das gleiche ist, müssen auch die Mittel, es zu erreichen, zwangsläufig wenn nicht in den Einzelheiten identisch, so doch zumindest analog sein. Jedenfalls hat sich das Individuum verändert, wenn es mehrere Etappen hinter sich gebracht und mehrere Grenzen überschritten hat. So weisen die Zeremonien anlässlich der Geburt, der Kindheit, der sozialen Pubertät, der Verlobung, der Heirat, der Schwangerschaft, der Elternschaft, der Initiation in religiöse Gemeinschaften und der Bestattung eine allgemeine Ähnlichkeit auf. In dieser Hinsicht gleicht das Leben eines Menschen den Abläufen in der Natur, von der weder das Individuum noch die Gesellschaft unabhängig sind. Selbst das Universum ist rhythmischen Veränderungen unterworfen, die sich wiederum auf das menschliche Leben auswirken. Auch hier gibt es Phasen und Übergangsmomente, Perioden der Bewegung und des relativen Stillstands. Man sollte deshalb in die Betrachtung der Übergangsriten im menschlichen Leben diejenigen mit einbeziehen, die sich auf kosmische Veränderungen beziehen: auf den Übergang von einem
Monat zum andern (Zeremonien bei Vollmond beispielsweise), von einer Jahreszeit zur andern (bei Sonnenwende, Tagundnachtgleiche), von einem Jahr zum andern (bei Jahresbeginn)." 1
Der Begriff "Rites de passage" wurde von Arnold van Gennep geprägt und ist unter der Bezeichnung “Rituale des Übergangs” verständlicher. Die Bezeichnung "Rituale des Übergangs" hebt das Wort "Übergang" hervor, denn im Zeitpunkt des Übergangs von einer Etappe zur nächsten liegt die eigentliche Bedeutung der Rituale. Durch diese Übergänge im Leben eines Individuums, seiner Familie und der Gesellschaft sind Rituale entstanden. Diese Übergänge können je nach Lebensphase ein erfreuliches Ereignis darstellen oder auch Probleme mit sich bringen. In jedem Fall aber sind diese Übergänge für die Menschen aller Kulturen und Zeiten eine Herausforderung, die es nach wie vor zu meistern gilt. Dies hat sich über die Jahrtausende nicht geändert.
Der Begriff "Ritual" hat sich innerhalb der Ethnologie in den letzten Jahrzehnten enorm gewandelt. Im eigentlichen Sinne und der ursprünglichen Bedeutung nach wird unter einem Ritual ein „Gottesdienst“ oder eine schriftliche Anweisungen dazu 1 verstanden. In der heutigen Zeit wird der Begriff für symbolische Handlungen im Allgemeinen verwendet. Der Begriff "Religion" taucht auch in aktuellen Untersuchungen auf, spezifische Riten und das Ritual im Allgemeinen werden jedoch nur selten als ausschließlich religiöse Handlungen gesehen.
Nach van Gennep ist es das Leben selbst, „das die Übergänge von einer Gruppe zur anderen und von einer sozialen Situation zur anderen notwendig“ macht und eine Bewältigung derartiger Situationen durch Riten erfordert. Das Ziel derartiger Übergänge, so van Gennep, sei identisch; nämlich „das Individuum aus einer genau definierten Situation in eine andere, ebenso genau definierte hinüberzuführen.“ Und da das Ziel identisch sei, so van Gennep, müssen „auch die Mittel es zu erreichen [...] zumindest analog sein.“ 2
Als Mittel für diese Transformation bezeichnete van Gennep die sogenannten
1 GENNEP, van A.: Übergangsrieten, 1986
2 GENNEP, van A.: Übergangsrieten, 1986
Übergangsriten, die er in drei Phasen aufgliedert, den „Drei-Stufen-Modell des Übergangsritus“:
a) Rites de séperation: Trennungsriten, die Ablösung aus dem alten Zustand
b) Rites de marge: Schwellenriten, die Schwellen - bzw. Zwischenphase
c) Rites d’aggrégation: Angliederungs- oder Wiedereingliederungsriten, die Integration in den neuen Zustand 3
Van Gennep untersuchte und systematisierte als erster diese Übergangsrituale. Er unterschied zwischen Riten, die der Aufnahme in eine andere soziale Gruppierung dienen und in denen, die mit dem eigenen Lebenszyklus verbunden werden können. Die grundlegende Entdeckung von van Gennep ist, dass all diese Riten eine typische dreiphasige Struktur aufweisen: Auf Trennungsrituale, die "Rites de séparation", folgen Schwellenrituale, die "Rites de marges". Den Abschluss bilden Wiedereingliederungsrituale, "Rrites d´agrégation". Die Ausgestaltung und die Betonung der einzelnen Elemente sind recht verschieden. Ihnen wird je nach Situation, Funktion und Kulturkreis eine andere Bedeutung beigemessen.
In Anlehnung an van Gennep untersuchte Victor Turner die zweite Phase, Liminalphase (Schwellenphase), eingehend. 4 Weiterhin vertiefte er die theoretischen und systematischen Aussagen von van Gennep. Bezeichnend für die Liminalphase ist nach Turner der Zustand "Betwixt and Between" - eine Situation, in der sich eine Person oder eine Gruppe zwischen zwei exakt definierten Status befindet. Ein solcher Status ist ein gut strukturierter Zustand mit einem kompletten Regelwerk. Somit kann die Liminalphase als eine seltsame Situation "dazwischen" mit einer ganz eigenen Struktur bezeichnet werden. 5
Bezeichnend für die Liminalphase sind innere Vorgänge, die für Außenstehende nicht sichtbar sind. Der Mensch ist durch seine Einbindung in eine Kultur konditioniert, in einer bestimmten Weise wahrzunehmen, zu definieren und zu klassi-
3 Vgl. MICHAELS, A.: Die neue Kraft der Rituale, S. 240
4 Vgl. MICHAELS, A.: Die neue Kraft der Rituale, S. 257
5 Vgl. TURNER, V., 1964: Betwixt and Between: The Liminal Period in Rites de Passage. In:
Symposium on New Approaches to the Study of Religion, herausgegeben von Melford E. Spiro;
Seattle, American Ethnological Society.
fizieren. Was "dazwischen" liegt, d. h. nicht konditioniert, ist, ist für ihn in der Regel "unsichtbar", d. h. nicht klassifizierbar. Dennoch zeigt die elementare Erfahrung, dass es dieses "Dazwischen" gibt. Übergänge sind nicht genau zu definieren: Ab wann ist ein Kind kein Kind mehr, sondern erwachsen? Ab wann genau ist eine Frau, deren Mann verstirbt, eine Witwe? Ab wann ist sie wieder eine heiratsfähige Frau? Wann genau beginnt die Nacht, ab wann der Tag? - Was nicht genau eingeordnet, klassifiziert werden kann, macht die Menschen unsicher, macht ihnen angst und vermittelt das Gefühl von Chaos.
Übergangsrituale entstehen nicht von selbst, sie werden von den Menschen gestaltet und entwickelt, weil sie damit ihr Bedürfnis nach Verbundenheit, Sinn für Gemeinschaft und Zusammenhalt, Geborgenheit, Ehrfurcht und Verehrung, Andacht und Unterstützung zum Ausdruck bringen möchten. Rituale haben deshalb eine wichtige Funktion. Sie markieren kritische Übergangsmomente und helfen den Menschen bewusst, von einer Lebensphase in die nächste zu wechseln. Weiterhin begleiten und tragen Rituale bedeutsame Lebensübergänge.
Jedes Ritual entspricht der Erfahrung der Menschen, die in einer bestimmten Kultur und Zeit leben. Des Weiteren unterstützt ein Ritual die Identitätsfindung eines Menschen an besonderen Stationen des Lebens, z. B. bei der Geburt, der Taufe, dem Schuleintritt, der heiligen Kommunion/Konfirmation, der Schulentlassung, der Hochzeit oder beim Versterben - immer dann, wenn sich der Mensch aus seiner alten Rolle löst und eine neue Identität übernimmt.
Arbeit zitieren:
Dajana Geffken, 2009, Übergangsrituale im Hinduismus am Beispiel von Hochzeitsritualen, München, GRIN Verlag GmbH
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