Inhalt
1. Einleitung 1
2. Frankreich in Hitlers außenpolitischem Programm 2
2.1 Revisionismus und Revanchekrieg 2
2.2 Bündnispolitik gegen Frankreich 3
2.2.1 Bündnis mit Italien 3
2.2.2 England als möglicher Bündnispartner? 4
2.2.3 Das deutsch-russische Bündnis 5
2.3 Vom Revisionismus zum Eroberungskrieg im Osten 6
3. Vorfeldabsicherung im Westen 8
3.1 Die deutsche Frankreichpolitik bis 1939 8
3.2 Der Westfeldzug: Besetzung und Teilung Frankreichs S.10
3.2.1 Der Waffenstillstand S.11
3.2.2 Das besetzte Frankreich und die deutsche Militärverwaltung S.13
3.2.3 Das Vichy - Regimes S.14
4. Die Neugestaltung Westeuropas und Frankreichs Zukunft S.16
4.1 Territoriale Neuordnungspläne S.16
4.2 NS Wirtschaftspolitik S.18
5. Frankreich als Faktor deutscher Interessensabsicherung:
Das Unternehmen Attila S.19
6. Schlussbetrachtung S.22
7. Literatur S 24
1
1. Einleitung
Vielseitig und kompliziert, von Hass geprägt, feindlich und unnahbar, misstrauisch und von Vorurteilen zerfressen. All diese Attribute beschreiben das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich zu Beginn der dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Wen sollte dieser Umstand auch verwundern. Die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland waren im Laufe der Geschichte mehr als nur einmal von kriegerischen Auseinandersetzungen oder gegensätzlichen politischen Auffassungen bestimmt worden, was auf eine starke historische Vorbelastung hinweist. Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg festigte sich in den Köpfen der Menschen in beiden Ländern ein vordefiniertes Bild des jeweiligen Nachbarn, das die zwischenstaatlichen Interaktionen nachhaltig prägte.
Allein in den letzten 200 Jahren standen sich beide Länder in gleich 5 Kriegen gegenüber, wobei der Zweite Weltkrieg den Höhepunkt der deutsch-französischen Erbfeindschaft markierte. Dies mag wohl vor allem an der untergeordneten Stellung ja bis zur von den Deutschen herbeigeführten Bedeutungslosigkeit Frankreichs während des Krieges gelegen haben.
Die Rolle Frankreichs in den Vorstellungen der Nationalsozialisten, speziell im Programm Hitlers, das dessen Zukunftsvisionen eines unter deutscher Vorherrschaft gestalteten Europa widerspiegelte, war keineswegs durchweg klar definiert. Viel mehr veränderte sich im Laufe der Zeit die der Frankreich zugedachten Position im neuen Europa. Entsprechend fiel die deutsche Frankreichpolitik jener Zeit aus. Während zunächst eine Revision der Beschlüsse des Versailler Vertrage angestrebt und Frankreich als derjenige Gegenspieler betrachtet wurde, der Deutschlands „angemessene Stellung“ in Europa gefährdete, wandelte sich diese Einschätzung hin zu einer untergeordneten Rolle, die Frankreich in den Plänen der Nationalsozialisten spielte. 1
Eine genaue Betrachtung der sich stetig verändernden Pläne für die Berücksichtigung Frankreichs in Hitlers Europa soll mit Hilfe dieser Arbeit entstehen. Hierbei soll geprüft werden, welche grundlegenden Vorstellungen von Frankreichs Zukunft existierten und wie sich diese aufgrund der ständig ändernden Rahmenbedingungen entwickelten. Darüber hinaus wird ein Blick auf die Einbindung Frankreichs in die deutsche Kriegsplanung und die daraus resultierende deutsch-französische Zusammenarbeit während des Krieges geworfen. Abschließend sollen die gewonnenen Erkenntnisse einer Wertung unterzogen werden.
1 Vgl. Jäckel, Eberhard: Frankreich in Hitlers Europa: Die deutsche Frankreichpolitik im Zweiten Weltkrieg,
Stuttgart 1966, S. 18.
2
2. Frankreich in Hitlers außenpolitischen Programm
2.1 Revisionismus und Revanchekrieg
Noch bevor Hitler seine Visionen vom Lebensraum im Osten zum außenpolitischen Programm Deutschlands festlegte, hielt er ähnlich wie traditionelle und konservative Kräfte der deutschen Parteienlandschaft an Bemühungen zur Revision des Versailler Vertrages fest. Eine totale Revision der wirtschaftlichen und vor allem territorialen Beschlüsse, das bis dato wichtigste außenpolitische Ziel Hitlers, schien für ihn nur durch einen Revanchekrieg gegen den Erbfeind Frankreich möglich zu sein. Hierbei sollte die französische Vormachtstellung in Europa gebrochen und dafür eine deutsche Hegemonialstellung aufgebaut werden. Damit ging auch die Verschiebung der Außengrenzen Deutschlands einher. 2 Über den üblichen Revisionismus hinaus manifestierte Hitler hierbei Frankreich erneut zum deutschen Hauptgegner, den es zu bekämpfen galt. Dies tat er in einer bekannten und direkten Art und Weise, wie folgendes Zitat zeigt. „Für uns sitzt der Feind jenseits des Rheins, nicht in Italien oder sonstwo“. 3
Die radikalen revisionistischen Ansätze Hitlers und der damit verbundene Aufruf erneut gegen Frankreich zu Felde zu ziehen, resultierten ganz klar aus dem Ausgang des verlorenen Ersten Weltkriegs und den damit verbundenen und gleichzeitig von Deutschland als Schmach empfundenen Friedensbestimmungen von 1919. Zudem erkannte Hitler, dass sich Frankreichs Ambitionen, selbst die Führungsrolle in Europa übernehmen und Deutschland schwächen zu wollen, zu einer großen Gefahr und Behinderung für die eigene innereuropäische Zukunft entwickelten. 4 Daher sah er nur in einem alles entscheidenden Krieg gegen den „Todfeind“ die Möglichkeit die deutschen Interessen wahren zu können, was Frankreich für Hitler in jener Zeit zu dem Hauptfaktor der deutschen Außenpolitik machte. Hitlers Kerngedanke wurde von Franz Knipping in seinem Beitrag zur Außenpolitik des Dritten Reiches treffend formuliert: „Das Hauptziel der Deutschen Außenpolitik musste sein, Vorbereitungen zu treffen, um den Erbfeind in einer endgültigen Abrechnung auf die Linien von 1914 zurückzuwerfen und seine Vormachtstellung zu beseitigen.“ 5
2 Vgl. Deist, Wilhelm/ Messerschmidt, Manfred/ Volkmann, Hans-Erich/ Wette, Wolfram: Das Deutsche Reich
und der Zweite Weltkrieg: Band 1, Ursachen und Voraussetzungen der deutschen Kriegspolitik, Stuttgart
1979, S. 535-540.
3 Vgl. Deist, Wilhelm/ Messerschmidt, Manfred/ Volkmann, Hans-Erich/ Wette, Wolfram, S. 539.
4 Vgl. Knipping, Franz: Frankreich in Hitlers Außenpolitik, in: Funke, Manfred (Hg.): Hitler, Deutschland und
die Mächte: Materialien zur Außenpolitik des Dritten Reiches, Düsseldorf 1976, S. 612-616.
5 Ebd., S. 613.
3
2.2 Bündnispolitik gegen Frankreich
Für die Erfolg versprechende Umsetzung der Frankreich feindlichen Politik war es notwendig, die Front der Siegermächte des Ersten Weltkrieges zu durchbrechen und die bis dahin Deutschland eher negativ gegenüberstehende Mächtekonstellation in Europa entsprechend zu beeinflussen und Bündnispartner für sich und gegen Frankreich zu gewinnen.
2.2.1 Bündnis mit Italien
Für Hitler kam als erster möglicher Bündnispartner das faschistische Italien in betracht. Hierbei versuchte er sich den italienisch-französische Gegensatz, der sich vor allem im Fiume-Zwischenfall 6 und einige Zeit später im Abessinienkrieg 7 deutlich zeigte, zu Nutze zu machen, um Italien für Deutschland zu gewinnen: „Wir müssen hierzu alle Hebel in Bewegung setzen, hauptsächlich die Gegensätze zwischen Frankreich und Italien ausnützen, damit wir Italien für uns bekommen.“ 8
Ziel war es demnach den italienisch-französischen Zwist zu vertiefen und gleichzeitig jegliche deutsch-italienische Gegensätze zu vermeiden, um Italien aus dem Kreise der Gegner herauszulösen. Das setzte jedoch voraus, dass die Interessen zwischen Italien und Deutschland miteinander vereinbar waren und keinerlei Reibungsflächen zwischen beiden Staaten entstünden. 9
Der deutsch-italienischen Annäherung standen jedoch der Anschluss Österreichs an Deutschland und die Zugehörigkeit Südtirols im Wege, was durchaus als Reibungspunkt zwischen beiden Staaten betrachtet werden konnte. Hitler wirkte dem entgegen, indem er Südtirol nicht länger zum Ziel Deutschlands erklärte und es zugunsten eines deutsch-
6 UmItalien während des Ersten Weltkrieges zum Kriegseintritt auf der Seite der Entente Mächte zu gewinnen,
wurde Italien im Londoner Vertrag vom 26.04.1915 Südtirol und Fiume zugesichert. Nach Kriegsende wurde
die Vereinbarung hinsichtlich Fiumes aufgrund französischen Interesses auf dem Balkan nicht erfüllt. Der
Verrat Frankreichs führte schließlich dazu, dass Italien ähnlich wie Deutschland Zweifel an der Richtigkeit der
Nachkriegsregelungen hatte. Am 12.09.1919 besetzte der italienische Dichter und bekennende Patriot Gabriele
D’Annunzio mit Hilfe eines Freikorps Fiume, was für weltweites Aufsehen sorgte und gleichzeitig
verdeutlichte welche Folgen die Entscheidung von 1919 für die zukünftigen Beziehungen zwischen Italien und
Frankreich hatte. Vgl. Kuhn, Axel: Hitlers außenpolitisches Programm: Entstehung und Entwicklung 1919-
1939, Stuttgart 1970, S. 42-43.
7 Im Zuge des Italienisch-Äthiopische Krieges bzw. Abessinienkrieges, der vom 3.10.1935 bis zum 9.05.1936
andauerte, annektierte Italien Äthiopien, das damalige Kaiserreich Abessinien. Dieses aggressive
außenpolitische Vorgehen führte zur politischen Isolierung Italiens und zu dessen Verurteilung durch den
Völkerbund, der Sanktionen gegen das faschistische Regime beschloss. Die Nichtteilnahme Deutschlands an
dieser Verurteilung verbesserte das deutsch-italienische Verhältnis, worauf 1936 die Achse Berlin-Rom
entstand. Vgl. Altgeld, Wolfgang (Hg.): Kleine italiensche Geschichte, Stuttgart 2002.
8 Vgl. Kuhn, Axel, S. 42.
9 Vgl. Jäckel, Eberhard, S. 13-15.
4
italienischen Bündnisses und der damit verbundenen Politik gegen Frankreich opferte. Der Verzicht auf Südtirol sollte die erhoffte Zustimmung Italiens zum Anschluss Österreichs an Deutschland erbringen. Zudem glaubte er, dass Italien eine Bindung Österreichs an das westlich-französische Mächtesystem nicht hinnehmen und damit den Anschluss aus rein politischen als auch militärischen Gründen zulassen würde. 10
Aus den Überlegungen Hitlers heraus war Italien ähnlich wie Deutschland zur Absicherung seiner nationalen Existenz dazu gezwungen die Nachkriegsordnung in Frage zu stellen und eine aggressive Expansionspolitik gegen seine europäischen Nachbarn durchzuführen. Diese sollte schließlich aufgrund des italienisch-französischen Gegensatzes in einem Krieg gegen Frankreich münden, in dem sich Deutschland und Italien zur Seite stünden. 11 Hitlers Gedankenspiel ging letztlich 1936 auf und sicherte Deutschland mit der Achse Berlin-Rom das erhoffte Bündnis mit Italien, das 1939 rechtskräftig wurde. Damit war eine wichtige Grundvoraussetzung für die politische Isolierung Frankreichs und der erste Schritt für ein erfolgreiches militärisches Vorgehen gegen den Feind jenseits des Rheins geschaffen worden.
2.2.2 England als möglicher Bündnispartner?
Nach anfänglicher Skepsis gegenüber England, das aus Sicht Hitlers als Siegermacht des Ersten Weltkrieges für die desaströse Lage Deutschlands mitverantwortlich war, wandelte sich das Bild vom großen Widersacher hin zu einem potenziellen und vor allem für die Zukunft überaus wichtigen Bündnispartner Deutschlands. Ähnlich wie im bereits zuvor erläuterten Fall Italiens beruhte Hitlers Umorientierung auf der Gegensatztheorie, die er nun auf Frankreich und Großbritannien anwandte. Hierbei sah er in den französischen Hegemonialbestrebungen in Europa und in den Bestrebungen Englands das Gleichgewicht der Mächte auf dem Kontinent zu bewahren einen unüberwindbaren Gegensatz beider Großmächte, den es auszunutzen galt. 12
„Zwei Mächte sind maßgebend für die kommende Entwicklung Europas: England und Frankreich. England mit dem ewig gleich bleibenden Ziel, Europa zu balkanisieren und ein europäisches Gleichgewicht herzustellen, so dass seine Weltstellung nicht bedroht wird. Es ist nicht ein prinzipieller Feind Deutschlands, sondern der Macht, die die erste Stellung in Europa zu erringen versucht. Frankreich ist der ausgesprochene Feind Deutschlands. So wie
10 Vgl. Deist, Wilhelm/ Messerschmidt, Manfred/ Volkmann, Hans-Erich/ Wette, Wolfram, S. 539-540.
11 Vgl. ebd., S. 540.
12 Vgl. Kuhn, Axel, S. 87-91.
5
England die Balkanisierung Europas braucht, so braucht Frankreich die Balkanisierung Deutschlands, um die Hegemonie in Europa zu erringen.“ 13 Der englisch-französische Interessenkonflikt beruhte demnach auf der Annahme Hitlers, dass Frankreich neben seinen Hegemonialbestrebungen auch die Absicht hatte Deutschland in viele kleine Staaten zu zerschlagen, was sich seiner Meinung nach bereits in der Besetzung des Ruhrgebietes ankündigte. Ganz im Sinne der traditionellen Gleichgewichtspolitik Englands war Hitler davon überzeugt, dass das Empire dies nicht zulassen konnte und damit am Forbestand Deutschlands als kontinentales Gegengewicht zu Frankreich interessiert sein musste. 14 Dies machte England und Frankreich in den Vorstellungen Hitlers zu Widersachern, womit die Basis für ein gemeinsames Vorgehen Englands und Deutschlands gegen Frankreich geschaffen worden war. 15 Somit nahm Großbritannien fortan eine wichtige Position in den zukünftigen Plänen Deutschlands, besonders in der angestrebten Revidierung der Nachkriegsordnung von 1919, ein. Daher kann durchaus die Meinung von Axel Kuhn vertreten werden, dass „Hitler den Gedanken, mit England ein Bündnis zu schließen, aus dem Bedürfnis nach Revision des Versailler Vertrages“ 16 entwickelt hatte. Obwohl sich die Grundvoraussetzungen und Beweggründe für ein Bündnis mit England im Laufe der Herrschaft des nationalsozialistischen Regimes wandelten, kam es jedoch nie zu dem von Hitler erhofften Bündnis zwischen Großbritannien und Deutschland. Ohnehin hatte der ursprüngliche Zweck des Bündnisses mit England, nämlich ein gemeinsames Vorgehen gegen den Erzfeind Frankreich spätestens im Jahr 1940 an Relevanz verloren, da es dem Dritten Reich auch ohne Unterstützung gelungen war erfolgreich gegen Frankreich vorzugehen.
2.2.3 Das deutsch-russische Bündnis
Aus vielerlei Hinsicht kam für das nationalsozialistische Deutschland ein Bündnis mit Russland zunächst nicht in Frage. Viel zu groß waren die Gegensätze zwischen den innenpolitischen Gegebenheiten im Sowjet-Russland und dem politischen Programm des Dritten Reiches. Für Hitler war Russland nach der Beseitigung der „nichtslawischen,
13 Vgl. Jäckel, Eberhard, S. 15-16.
14 Vgl. Kuhn, Axel, S. 88-90
15 Für Hitler waren Deutschland und England, als auch Italien, natürliche Verbündete, die gleiche bzw. keine
gegensätzlichen Interessen verfolgten. Hierbei ergab sich eine Art Interessenabgrenzung, bei der England als
Welt- und Seemacht, Italien als Mittelmeermacht und Deutschland als große Kontinentalmacht mit
Ausdehnung nach Osten betrachtet wurden. Frankreich war in diesem Gedankenspiel eher ein Störenfried, der
den Interessen der Anderen im Wege stand.
Vgl. Deist, Wilhelm/ Messerschmidt, Manfred/ Volkmann, Hans-Erich/ Wette, Wolfram, S. 540-542.
16 Kuhn, Axel, S. 95.
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Thomas Hallmann, 2008, Frankreich als Faktor der NS Außenpolitik, München, GRIN Verlag GmbH
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