Vorwort
„Der Begriff „Prätorianer“ ist für immer mit negativen Vorstellungen behaftet; man verachtet ihre Bataillone, hinter denen gewisse Regimes ihre Ideologien und ihre Ängste verstecken. Aber haben die Prätorianer einen so schlechten Ruf verdient?“ 1 Der überaus negativ konnotierte Bekanntheitsgrad, mit denen die Prätorianergarde belastet sind, hängt maßgeblich mit ihrer Rolle im römischen Reich zusammen. Hans Dieter Stöver bezeichnete diese Militärelite von ihrer wirklichen Bedeutung her sogar als ,Kaisermacher bzw. -mörder.‘ Die folgende Abhandlung soll sich den Anfängen der Garde und ihrer inneren Struktur unter Augustus als reines Herrschaftsinstrument der Machtkonsolidierung und ihrer gewandelten Funktion unter Nero bzw. bei dessen Sturz widmen. Hierfür ist die Prätorianerführung im Jahr 68 n. Chr. von zentraler Bedeutung, da sie aktiv den Untergang der julisch-claudischen Dynastie bewirkte und somit zu ihrem Totengräber avancierte. Dabei hatte sie sich von einer ursprünglichen Ordnungsmacht zu einer selbständigen Inthronisierungsformation transformiert.
Der Autor ist nicht bestrebt, eine umfassende Entwicklung der Prätorianergarde unter jedem Kaiser von Augustus bis Nero aufzuzeigen, sondern sich primär auf die Geschehnisse zu Beginn des Vierkaiserjahres zu konzentrieren, die eindeutig beweisen, dass die Prätorianer einen „Staat im Staate“ gebildet hatten, welcher dem Senat ,seine‘ Kaiserwahl diktierte und selbst über Macht und Ohnmacht ihrer vermeintlichen Dienstherren entschied. Die beiden Prätorianerpräfekten Tigellinus und Sabinus hatten eine für den Prinzeps gefährliche Machtfülle inne, mit der sie die Herrschaft Neros beenden und sich selbst an die Spitze des Prinzipats stellen konnten. Hauptsächlich sollen die Ereignisse vom Beginn des Aufstandes des Vindex bis zum Sturz respektive Ermordung Galba durch die Prätorianer beleuchtet werden.
Die soziokulturelle Prägung, welche die Soldaten vor ihrer Laufbahn in der Prätorianergarde erhalten hatten, bewirkte, dass die Loyalität zum oder zu den eigenen Kommandeuren größer war als zur Zentralgewalt, weshalb dadurch erst die Umstürze möglich wurden. Natürlich trifft dies auch auf die Erhebungen der Grenzlegionen zu, jedoch könnte damit allein ein ganzes Werk verfasst werden, was an dieser Stelle nicht realisierbar ist.
1 Stöver, Hans Dieter: Die Prätorianer. Kaisermacher, Kaisermörder. München 1994, S. 9.
1
Schon allein in ihrem Wesen barg die prätorianische Leibgarde den Keim des Umsturzes bzw. der zu ihren Gunsten ausgerichteten Prinzipatsherrschaft, worauf in dieser Abhandlung das besondere Interesse gerichtet sein soll.
1. Kurze Einführung zur Gründung der Garde unter Augustus
1.1 Aufbau und Funktionen
Die Prätorianergarde bestand aus der Leibgarde des Prinzeps mit neun bis zwölf Kohorten, der römischen Stadtwache mit drei Einheiten (cohortes urbanae) und der auch militärisch organisierten hauptstädtischen Feuerwehr (cohortes vigilum), die gewöhnlich aus sieben Kohorten zusammengesetzt war und aus Freigelassenen mit wenig Ansehen bestand. Jedoch besaßen diese einen geringen Einfluss auf die Regierung, wobei ihre Kommandeure durch die Macht ihrer Militärstellung gelegentlich einen politischen Faktor bilden konnten. 2 Zur kaiserlichen Leibwache (corporis custodes) zählte außerdem eine kleine germanische Truppe, die sich aus den rheinländischen Germanenstämmen rekrutierte und die als sehr zuverlässig galt, da sie als ‚Barbaren’ nicht in die machtpolitischen Kämpfe Roms involviert war. 3
1.2 Besonderheiten der Prätorianergarde
Die Prätorianer genossen gegenüber den römischen Legionen umfassende Privilegien, wobei ihre Präfektenführung, aufgrund ihrer großen Machtfülle, schnell in politische Auseinandersetzungen hineingezogen werden konnte. Der Ehrgeiz einzelner Präfekten sorgte für die eher ungewollte politische Einflussnahme, da die Truppe an sich nicht an Politik interessiert war. 4
Unter den Präfekten herrschte das Prinzip der Kollegialität, weshalb meistens zwei Prätorianerpräfekten gleichzeitig bestellt wurden, die für gewöhnlich aus dem Ritterstand stammten, wobei unter Nero diese ,Tradition‘ durchbrochen wurde, da er Präfekten, die nicht
2 Vgl. Bleicken, Jochen: Verfassungs- und Sozialgeschichte des Römischen Kaiserreiches. Paderborn 1978, S.
230ff.
3 Vgl. Ziegler, Konrat; Sontheimer, Walther: Der kleine Pauly (KlP). Lexikon der Antike. Bd. IV, Stuttgart
1972, S. 263.
4 Vgl. Ebd., S. 263.
2
aus dieser Gesellschaftsschicht stammten, ins Amt einsetzte. Durch ihre Gleichstellung gingen alle Anordnungen und Befehle von ihnen gemeinsam aus; auch war ihre Amtsdauer gesetzlich nicht geregelt, weshalb sie bei tadelloser Dienstverrichtung auf Lebenszeit im Amt belassen oder nach ihrem Abschied in den Senat aufgenommen werden konnten. Anfangs waren die Präfekten Offiziere der Legionen und wurden deshalb vornehmlich wegen ihrer großen kriegsdienstlichen Erfahrung sowie der Eignung zur Führung von Heeresteilen ausgewählt. 5
Um sich die Loyalität der Gardisten zu sichern, versprachen und gewährten ihnen die neuen Kaiser bei Amtsantritt ein stattliches donativum, womit aber auch die Prätorianer von potentiellen Gegenkaisern bestochen werden und somit den alten Herrscher zu Fall bringen konnten (Neros Sturz und Galbas Aufstieg). 6
Bei den Soldzahlungen nahmen die Prätorianer eine Sonderstellung ein. Der durchschnittliche Sold in der Legion zu Zeiten Augustus‘ lag bei 225 Denaren im Jahr, der Gardesoldat hingegen erhielt 750 Denare und die Entlohnung bei den Offizieren war um ein Vielfaches höher. 7
Auch die Dienstzeit differenzierte im Vergleich zu den Legionären, denn die Prätorianer dienten 16 Jahre und konnten bei Bedarf in die Truppe reintegriert werden, während ein Legionärssoldat 20 Lebensjahre im Dienst verbrachte. 8 Von den neun cohortes praetoriae waren drei in Rom untergebracht, obwohl dort normalerweise keine Truppen stationiert waren. Die Soldaten trugen Zivilkleidung mit Seitenwaffen und Schilden, was der republikanischen Fassade der augusteischen Herrschaft dienen und somit die Vorbehalte der Bürger und Senatoren gegenüber der Garde zerstreuen sollte. Augustus war sich der machtpolitischen Bedeutung dieser Einheit im Herrschaftszentrum des römischen Staates bewusst, weshalb er anfangs selbst die Kontrolle über die Prätorianer ausübte, ergo sein eigener Präfekt war, aber bereits 2 v. Chr. die Kontrolle auf zwei Prätorianerpräfekten übertrug. 9
2. Die Rolle der Prätorianerführung beim Sturz Neros 68 n.Chr.
5 Vgl. Kromayer, Johannes; Veith, Georg: Handbuch der Altertumswissenschaft. Heerwesen und Kriegführung
der Griechen und Römer. Bd. II, München 1963, S. 504ff.
6 Vgl. Cancik, Hubert; Schneider, Helmuth: Der neue Pauly (DNP). Enzyklopädie der Antike. Bd. X,
Suttgart/Weimar 2001, S. 263.
7 Vgl. Bleicken, a.a.O., S. 220.
8 Vgl. Ebd., S. 219.
9 Vgl. Cancik, a.a.O., S. 262.
3
2.1 Überblick über Gaius Ofonius Tigellinus‘ Werdegang bis zum Beginn des Umsturzes
Tacitus beschreibt Tigellinus in einem sehr schlechte Lichte, sodass dieser noch ,finstrer‘ als Nero selbst erscheint: Ofonius Tigellinus obscuris parentibus, foeda pueritia, impudica senecta praefecturam vigilum et praetorii et alia praemia virtutum, quia velocius erat, vitiis adeptus, mox crudelitatem, deinde avaritiam, virilia scelera, exercuit, corrupto ad omne facinus Nerone, quaedam ignaro ausus ac postremo eiusdem desertor ac proditor. 10
Dabei darf aber nicht übersehen werden, dass Tacitus der Aristokratie angehörte und aus Prinzip den Aufstieg von Personen der unteren Bevölkerungsschicht ablehnte. 11 Tigellinus war zugleich Machtinstrument seines Kaisers, von dem er abhängig war, und Befehlshaber über die militärische Eliteformation im römischen Reich, die selbst den Prinzeps stürzen konnte. Ihm verdankte der in Agrigent geborene Sizilianer seinen steilen Aufstieg zu einer der mächtigsten Männer Roms. Tigellinus stammte aus einfachen Familienverhältnissen und wuchs im Hause der Agrippina auf. Nach einem Verhältnis mit der Schwester (Iulia Livia) des Kaisers Caligula wurde er in die Verbannung geschickt. Daraufhin verbrachte er einige Zeit in Griechenland und kehrte danach in seine Heimat Sizilien zurück. Dort errichtete er ein Rennpferdegestüt und erwirtschaftete damit ein Vermögen. Tigellinus wurde als Rechts- und Verwaltungsexperte Chef der römischen Stadtpolizei. Im Jahre 62 n. Chr. starb der alte praefectus praetorio Burrus, woraufhin beschloss der Prinzeps, das Kommando über die Prätorianer zu teilen und Ofonius Tigellinus sowie Faenius Rufus in das Präfektenamt einzusetzen. Tigellinus’ Passion waren Geheimdienstaktivitäten, die ihn verleiteten, ein Überwachungsnetz von Spitzeln und Geheimagenten in Rom zu installieren. Nachdem er Nero von der Wiedereinführung des Straftatbestandes der Majestätsbeleidigung überzeugt hatte, weckte er den Unmut in der Bevölkerung. 12
10 Cornelli Taciti: Historiarum libri qui supersunt. Ed. Heraeus, C., Leipzig/Berlin 1904, I, 72.; "Sophonius
Tigellinus, von unberühmten Eltern, schandbefleckt in seiner Jugend, unzüchtig in seinem Alter, verübte, als er
den Oberbefehl über die Nachtwache, die Prätorianer und andere Auszeichnungen für Verdienste durch Laster,
weil es schneller ging, erlangt, bald Grausamkeit, dann Habsucht und Verbrechen der Männlichkeit, indem er
Nero zu bewegen wußte, manches auch ohne sein Wissen wagend, und zuletzt selbst ihn verlassend und
verratend.“ (Bötticher, Wilhelm: Die Historien des Cornelius Tacitus, Reclam, Leipzig, ca. 1890).
11 Vgl. Suetonius Tranquillus, Gaius: Nero. Lateinisch / Deutsch. Übers. und Hrsg.: Giebel, Marion, Stuttgart
1978, S. 129f.
12 Vgl. Fini, Massimo: Nero. Zweitausend Jahre Verleumdung. Die andere Biographie. München 1994, S. 141ff.
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Arbeit zitieren:
Stefan Rudolf, 2007, Die Rolle der Prätorianer beim Sturz Neros unter besonderer Berücksichtigung der Präfekten Gaius Nymphidius Sabinis und Gaius Ofonius Tigellinus, München, GRIN Verlag GmbH
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