Inhaltsverzeichnis
Vowort 1
1. Einleitung 3
I. Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftssoziologie:
Perspektiven für eine integrative Analyse wissenschaftlichen
Wissens
2. Entwicklungslinien in der Wissenssoziologie und Wissenschaftssoziologie 6
2.1 Die Wissenssoziologie von K. Mannheim 6
2.2 Die funktionalistische Wissenschaftssoziologie von R. K. Merton. 9
2.3 Die anti-positivistische Wende in der Wissenschaftsforschung 12
2.3.1 T. S. Kuhns Konzept der Wissenschaftsentwicklung 13
2.3.2 Epistemologische Kritik an T. S. Kuhns Paradigmabegriff. 22
2.4 Die Soziologie wissenschaftlichen Wissens 25
3. Wissenschaftssoziologie und Wissenschaftsphilosopie: Die Frage nach der
Geltung wissenschaftlichen Wissens 30
4. Ein integrativer Ansatz für die Wissenschaftssoziologie: Soziale und
kognitive Faktoren als konstitutive Elemente wissenschaftlichen Wissens 36
II. Etablierung und Entwicklung eines neuen Paradigma in der
Kriminologie :
Die kritische Kriminologie und der AJK als scientific community
5. Die soziale Organisation des AJK und ihre Entwicklung von 1969-1996. 49
5.1 Ziele des AJK 49
5.2 Formalisierung der Eintritts- und Austrittsbedingungen im AJK und
seiner differenzierten Binnenstruktur 52
5.3 Geschäftsführung des AJK. 62
5.4 Redaktion des KrimJ 69
5.5 Sozialpolitischer Ausschuß des AJK 73
5.6 Personelle Zusammensetzung des AJK. 74
5.7 Regionale Schwerpunkte im AJK. 81
5.8 Der AJK und seine Beziehungen zur Umwelt 84
5.8.1 Beziehungen zur Öffentlichkeit 84
5.8.2 Beziehungen zur Sektion „Soziale Probleme und soziale Kontrolle“
der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 85
5.8.3 Beziehungen zur Deutschen Forschungsgemeinschaft 85
5.8.4 Beziehungen zu anderen kriminologischen Gesellschaften in Deutsch-
land. 89
5.9 Personelle Institutionalisierung an den Lehrstühlen deutscher Universitäten 94
6. Die Analyse der Entwicklung der sozialen Organisation des AJK in bezug
auf seine Funktion als scientific community. 97
7. Das KrimJ als Kommunikationsmedium des AJK 111
7.1 Intention und Aufbau des KrimJ 111
7.2 Zwanzig Jahre KrimJ und ein virtuelles Beiheft 112
7.3 Bibliometrische Analyse zur thematischen Entwicklung der kritischen
Kriminologie 115
7.3.1 Die Untersuchungskonzeption. 115
7.3.2 Themenanalyse des Kriminologischen Journals 118
7.3.3 Autorenanalyse des Kriminologischen Journals 138
7.3.4 Auswertung der Datenbank SOLIS zum Schlagwort
„labeling approach“ 140
8. Das Theorieprogramm der kritischen Kriminologie und seine Entwick-
lung von 1969-1996. 144
8.1 Die Krise der traditionellen Kriminologie als konstitutives Element eines
neuen Paradigmas in der Kriminologie. 144
8.2 Die Grundpositionen der kritischen Kriminologie Anfang der 70er Jahre 146
8.2.1 Der negative Konsensus im AJK als Ausgangspunkt einer kritischen Kriminologie: Die Kritik an der traditionellen Kriminolgie...............................146 8.2.2 Der fehlende positive Konsensus im AJK: Die kontroverse Kons-
8.3 Abgesänge auf den labeling approach vs. Weiterentwicklung: Die Disku-
sion Jahre in der kritischen Kriminologie Ende der 70er..........................................179 8.4 Der Abolitionismus als Kriminalpolitik der kritischen Kriminologie...........................191 8.4.1 Die Diskussion um den Abolitionismus ..........................................................191 8.4.2 Bezüge der abolitionistischen Perspektive auf die Habermassche Ge-
sellschaftstheorie ..........................................................................................200 8.4.3 Abolitionismus und labeling approach............................................................203 8.5 Die gesellschaftstheoretische Wendung der Etikettierungstheorie: Ein Ausbruchsversuch aus den disziplinären Schranken der Kriminologie ............................205 8.6 Historisierung in der Kriminologie: Erweiterung oder Verengung der kritischen Kriminologie durch historische Forschung? ...................................................210 8.7 Die Diskussion um den „linken Realismus“ in der Kriminologie ................................214 8.8 Feministische Theorie und kritische Kriminologie ....................................................218 8.9 Die Ersetzung eines Begriffes? „Soziale Kontrolle“ vs. „Soziale Ausschlie-
ßung“ als Zentralbegriff einer kritischen Kriminologie ..............................................221 8.10 Die kritische Kriminologie am Ende (des 20. Jhd.)?..............................................224
8.10.1 Das Thema „Gewalt“ (von rechts): Kritische Kriminologen als
atypische Moralunternehmer .....................................................................224 8.10.2 Die Krise der kritischen Kriminologie am Ende der 90er Jahre: Kritische Ätiologie als Metamorphose der kritischen Kriminologie?............230
III. Das Interdependenzverhältnis zwischen scientific community und Theorieprogramm als konstitutives Element eines Paradigmas
9. Interdependenz zwischen der Entwicklung der sozialen Organisation des AJK und dem Theorieprogramm der kritischen Kriminologie...............................240
10. Ausblick...................................................................................................................251
IV. Anhang
Anhang A: Übersicht über die Themen der Schwerpunkthefte des KrimJ.........................254
Anhang B: Übersicht über die AJK-Symposien und Tagungen von 1969 bis 1996 ..........256
Anhang C: Codebuch der Themenanalyse des KrimJ ......................................................263
Anhang D: Zusammensetzung der Herausgeberschaft des KrimJ von 1969 bis 1996........269
Anhang E: Herkunftsdisziplin und Arbeitsstätte der Herausgeber des KrimJ aus den Jahren 1969, 1972, 1980 und 1996 .......................................................270
Anhang F: Geburts- und Promotionsjahrgang der Herausgeber des KrimJ aus
den Jahren 1969 und 1972 ...........................................................................271
Anhang G: Konzept für das 3. Beiheft des KrimJ über Reflexionen zur zwanzigjährigen Geschichte des KrimJ und des AJK .................................................272
Anhang H: Aufstellung der ausgewerteten AJK-Rundschreiben und -briefe, sowie der Protokolle des wissenschaftlichen Beirats des KrimJ ................................273
Anhang I: Akzente für eine zukünftige AJK-Politik ........................................................274
Verzeichnis der Abkürzungen...........................................................................275
Literaturverzeichnis ..............................................................................................276
- 1 - Vorwort
Die ursprüngliche Idee zu der vorliegenden Diplomarbeit ist aus einem im WS 1994/95 vorgetragenen und anschließend ausgearbeiteten Referat zum Thema „Zur Positionsbestimmung der `Kritischen Kriminologie´“ entstanden. Damals ist es die Idee gewesen, eine ideengeschichtliche Aufarbeitung des labeling approach zu leisten und die Rezeption der Habermasschen Gesellschaftstheorie innerhalb der kritischen Kriminologie aufzuzeigen. Diese Idee konnte sich allerdings in zahlreichen Gesprächen mit dem Erstgutachter dieser Arbeit nicht durchsetzen. Um dem sozialwissenschaftlichen Studiengang, in dessen Rahmen diese Diplomarbeit geschrieben worden ist, Tribut zu zollen, ist einvernehmlich ein wissenschaftssoziologischer Ansatz für die Beschäftigung mit der kritischen Kriminologie gewählt worden. Mit dieser Entscheidung und meiner Präferenz für ideengeschichtliche und wissen-schaftstheoretische Fragestellungen (siehe beispielsweise Kapitel 3) ist dann auch die Grundlage für den nicht unerheblichen Umfang dieser Diplomarbeit gelegt worden.
Durch die wissenschaftssoziologische Fragestellung besteht diese Arbeit eigentlich aus drei verschiedenen Zugängen zum Untersuchungsgegenstand und stellt damit die Anforderung, in verschiedenen „Bindestrichsoziologien“ sozialisiert zu sein: In der Wissenschaftssoziologie, für die Erarbeitung der Untersuchungskonzeption, der Organisationssoziologie, für die Aufarbeitung der sozialen Organisation des AJK und der Soziologie abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle für die Darstellung des Theorieprogramms der kritischen Kriminologie. Aufgrund meiner akademischen Sozialisation, in der ich vor dieser Arbeit nicht mit organisationssoziologischen Fragestellung konfrontiert worden bin, ist die Beschäftigung mit der Organisationssoziologie in dieser Arbeit etwas zu kurz gekommen. Trotzdem bin ich der Meinung, daß die Erarbeitung der sozialen Organisation des AJK, soweit sie als solche überhaupt existiert, im Hinblick auf die Fragestellung der Arbeit geglückt ist.
Während der Erarbeitung der einzelnen Teile dieser Arbeit, (1) die wissenschaftssoziologische Untersuchungskonzeption, (2) die soziale Organisation des AJK, (3) das Theorieprogramm der kritischen Kriminologie und (4) das Interdependenzverhältnis, mußte ich leider mit Entsetzen feststellen, daß die Arbeit immer umfangreicher geworden ist. Obwohl ich mir am Anfang ein Limit von maximal 200 Seiten (plus Anhang) gesetzt habe, sind daraus 300 (inklusive Anhang) geworden. Trotz dieses, für eine Diplomarbeit schon ungewöhnlichen Umfangs bin ich der Meinung, daß dieser gerechtfertigt ist. Der Umfang der Arbeit liegt zum einen darin begründet, daß es sich eigentlich um drei verschiedene Zugangsweisen zum Untersuchungsobjekt handelt und es zur Entwicklung der sozialen Organisation des AJK noch keine Vorarbeiten gibt, auf die ich mich hätte stützen können oder auf die ich hätte verweisen können, so daß ich, die Fragestellung immer im Blick, auch teilweise De- tails in die Arbeit aufnehmen mußte. Zum anderen denke ich, stellt die Reduktion von sie-
- 2 -ben großen Elba-Ordnern voller Kopien (zuzüglich der nicht fotokopierten Monographien) schon eine erhebliche Reduktion von Komplexität dar. Außerdem ist die Erarbeitung eines Koordinatenkreuzes über die in der kritischen Kriminologie behandelten Themen, auf der Grundlage der Artikel des Kriminologischen Journals, in eine Themen- und Autorenanalyse des Kriminologischen Journals gemündet. Natürlich hätte man das Kapitel über das Theo-rieprogramm der kritischen Kriminologie auch kürzen können, aber nur unter Verlust der Rekonstruktion auch kleinerer Verästelungen der Theoriediskussion und des Verständnis-ses. Hinzu kommt, daß es sich um die Rekonstruktion von sozialer Organisation und Theo-rieprogamm von fast drei Jahrzehnten handelt.
Abschließend möchte ich noch bemerken, daß ich im Hinblick auf die Fragestellung der Arbeit versucht habe, eigene Stellungnahmen bei der Rekonstruktion der sozialen Organisation und des Theorieprogramms zu unterdrücken oder in Fußnoten zu verbannen. Rückblickend betrachtet ist mir dies aber leider nicht immer gelungen, daher bitte ich um Nachsicht, die Versuchung war manchmal einfach zu groß.
Bedanken möchte ich mich in diesem Zusammenhang im besonderen bei Frau Dr. H. Cremer-Schäfer, die das Anliegen meiner Arbeit im AJK unterstützt und sich die Zeit genommen hat, mir eine erste Einführung in die soziale Organisation des AJK zu geben. Außerdem möchte ich mich bei Herrn Prof. Dr. M. Brusten bedanken, der mir freundlicherweise seine Materialien über den AJK, insbesondere die AJK-Rundschreiben und alle Rundschreiben des wissenschaftlichen Beirats des KrimJ zur Verfügung gestellt hat, ohne die das Kapitel über die soziale Organisation des AJK nicht möglich gewesen wäre.
Mein ganz besonderer Dank gilt Frau S. Wagener, die sich der mühsamen Aufgabe unterzog, das Manuskript zu redigieren. Darüber hinaus hat sie die für mich inspirierende und wohltuende Rolle übernommen, den Text ohne fachspezifische Scheuklappen zu kritisieren. Außerdem möchte ich mich bei Frau Dipl.-Des. C. Wozniak für die Hilfe bei der graphischen Umsetzung der Entwicklung des Formalisierungsgrad im AJK und der aus ihm ent-standenen Institutionen (Abb. 02) bedanken.
Wuppertal, im Mai 1997 Stefan Drees
- 3 - 1.Einleitung
Die vorliegende Diplomarbeit beschäftigt sich mit der Frage, in welcher Weise sich die soziale Organisation einer scientific community und ihr Theorieprogramm gegenseitig beeinflussen. Dahinter steht die These, daß die Entstehung, Entwicklung und Geltung von wissenschaftlichen Wissen abhängig ist von kognitiven und sozialen Faktoren. Beide Faktoren sind für das wissenschaftlichem Wissen konstitutiv. Exemplarisch wird diese Frage in dieser Arbeit anhand der sozialen Organisation des Arbeitskreises Junger Kriminologen (AJK) als die scientific community der kritischen Kriminologie und dem Theorieprogramm der kritischen Kriminologie behandelt.
Der erste Teil dieser Arbeit legt die wissenschaftssoziologische Untersuchungskonzeption dieser Arbeit dar. Ich beginne in Kapitel 2 und 3 mit der Erörterung der bisherigen Konzepte zum Verhältnis von kognitiven und sozialen Elementen bei der Genese und Geltung wissenschaftlichen Wissens. Dabei wird auf Ansätze der Wissenschaftsphilosophie undsoziologie sowie der Wissenssoziologie zurückgegriffen. Auf der Grundlage der konstruktiven Auseinandersetzung mit diesen Ansätzen in Kapitel 2 und 3 wird in Kapitel 4 der eigene Untersuchungsansatz präsentiert.
Der zweite Teil dieser Arbeit dient der Rekonstruktion der beiden Elemente soziale Organisation und Theorieprogramm, deren Interdependenzverhältnis im Untersuchungszeitraum von 1968 bis 1996 analysiert werden soll. In Kapitel 5 wird die soziale Organisation des AJK beschrieben und anschließend in Kapitel 6 erste analytische Schlüsse im Hinblick auf ihre Funktion als eine scientific community gezogen. Anschließend gibt in Kapitel 7 eine Themenanalyse der Fachzeitschrift des AJK einen Überblick über die von der kritischen Kriminologie im Untersuchungszeitraum behandelten Themen. Danach erfolgt in Kapitel 8 die Rekonstruktion des Theorieprogramms der kritischen Kriminologie, wobei ich auch auf die aktuellen Entwicklung in den Jahren 1996 und 1997 eingehen werde.
Der dritte Teil dieser Arbeit versucht die in Kapitel 5 bis 8 isoliert dargestellten Elemente in einen interdependenten Zusammenhang zu bringen. Abschließend gibt Kapitel 10 einen Ausblick auf weiterführende Fragestellungen im Zusammenhang mit der Entwicklung der kritischen Kriminologie, die über diese Arbeit hinausweisen.
- 4 - I.Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftssoziologie:
Perspektiven für eine integrative Analyse wissenschaftlichen Wis sens
Die Wissenschaftsphilosophie analysiert die interne Gesetzmäßigkeit wissenschaftlicher Entwicklung. Dagegen untersucht die traditionelle Wissenschaftssoziologie die externen Faktoren der wissenschaftlichen Entwicklung sowie die sozialen Strukturen der Wissenschaft. Der Untersuchungsgegenstand der traditionellen Wissenschaftssoziologie wird bis zum Ende der 60er Jahre von den normativen Vorstellungen der analytischen Wissenschaftsphilosophie geprägt. Die analytische Wissenschaftsphilosophie weist bekanntermaßen dem wissenschaftlichen Wissen gegenüber dem Alltagswissen eine epistemologische Sonderstellung zu, da dieses durch zeitlos gültige Verfahrensregeln und universale Beurtei-lungsstandards rational bestimmt sei. Innerhalb dieses Prozesses ordnet sie soziale Faktoren als externe Determinanten ein, die das wissenschaftliche Wissen während seiner Genese kontaminieren und deshalb möglichst eliminiert oder zumindest kontrolliert werden müssen. Der Einfluß der sozialen Faktoren und somit auch der Untersuchungsgegenstand der traditionellen Wissenschaftssoziologie beschränkt sich demnach nur auf die Genese wissenschaftlichen Wissens und nicht auf seine Geltung, wobei unter Geltung eine rationale Geltung, das heißt die Übereinstimmung zwischen einer Aussage und der als unabhängig von einem erkennenden Subjekt gedachten Realität, verstanden wird. 1 Von der Frage nach der Gültigkeit wissenschaftlichen Wissens und der Analyse des Prozesses, wie wissenschaftliches Wissen Gültigkeit erlangt, wird demnach die traditionelle Wissenschaftssoziologie völlig ausgeschlossen. Die traditionelle Wissenschaftssoziologie hat noch die daraus resultie- 1 DieserGedanke, daß der Mensch mit seinen sinnlichen Erfahrungen Zugang zu einer bewußtseinsunabhängigen Wirklichkeit hat, wird in der Erkenntnistheorie als „Realismus“ bezeichnet. Innerhalb des „Realismus“ kann man verschiedene Richtungen differenzieren. Diese erstrecken sich von einem sogenannten „naiven Realismus“, der behauptet, daß uns unsere Sinneserfahrungen einen direkten und sicheren Zugang zur Wirklichkeit vermitteln, sich also die Wirklichkeit in unserem Bewußtsein abbildet, bis zu einem sogenannten „repräsentativen Realismus“, der davon ausgeht, daß unsere sinnlichen Erfahrungen zwar von der physischen Wirklichkeit verursacht sind, uns aber niemals sichere Erkenntnis vermitteln können, sondern unsere Erkenntnis immer vermittelt ist durch unsere Sinneseindrücke. Hinzu kommt noch der sogenannte „empirische Realismus“ im Sinne von Kant. Dieser behauptet, daß die Erfahrungswelt zwar unabhängig von dem einzelnen erkennenden Subjekt existiert, nicht aber unabhängig von der Möglichkeit, daß überhaupt erkennende Subjekte existieren, da die Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung nach Kant im Subjekt selber liegt. Die Sinnesempfindungen liefern nur das Material, welches in seiner Mannigfaltigkeit durch das Denken syntheti- siert wird.
- 5 -rende Arbeitsteilung akzeptiert. Wissenschaftsphilosophie und (traditionelle) Wissen-schaftssoziologie sind infolgedessen säuberlich voneinander geschiedene Untersuchungsan-sätze und exemplifizieren dadurch die Dichotomie von internen und externen Determinanten der Genese wissenschaftlichen Wissens.
Eine frühe Ausnahme stellt dabei die Wissenssoziologie, deren Untersuchungsgegenstand insofern von dem der (traditionellen) Wissenschaftssoziologie abweicht, indem sich die Wissenssoziologie nicht nur für das Zustandekommen des wissenschaftlichen, sondern aller Formen des Wissens in einer Gesellschaft interessiert, von K. Mannheim dar. Hier wird die soziale Gebundenheit des Wissens, nicht nur seiner Genese, sondern auch seines Inhalts, in den Mittelpunkt gerückt. K. Mannheim postuliert nicht mehr eine epistemologische Unterscheidung zwischen wissenschaftlichem Wissen und Alltagswissen, klammert dabei allerdings das naturwissenschaftliche Wissen aus. Die traditionelle Wissenschaftssoziologie, die lange Zeit von der Wissenssoziologie getrennt gewesen ist, geht dagegen grundsätzlich von einem epistemiologischen Sonderstatus allen wissenschaftlichen Wissens aus und b eschränkt sich auf die Analyse der institutionellen Rahmenbedingungen und der sozialen Organisation der Wissenschaft. Demnach erfolgt innerhalb der traditionellen Wissenschaftssoziologie in der Zeit nach K. Mannheim eine Verengung auf die Genese des wissenschaftlichen Wissens, die K. Mannheim bereits überwunden hat. Erst nach der antipositivistischen Wende, die den epistemologischen Sonderstatus allen wissenschaftlichen Wissens in Frage stellt, näherten sich Wissens- und Wissenschaftssoziologie wieder anein-ander an, und die Verengung auf die Genese wissenschaftlichen Wissens wird wieder aufgehoben. Die nun entstandene „Soziologie wissenschaftlichen Wissens“ tritt wieder mit dem Anspruch auf, die soziale Gebundenheit der Genese und der Geltung wissenschaftlichen Wissens zum Gegenstand soziologischer Untersuchungen zu machen. Innerhalb dieser neuen Richtung der Wissenschaftssoziologie werden die Erkenntnisse aus der antipositivistischen Wende radikal angewendet und dem wissenschaftlichen Wissen ein er-kenntnistheoretischer Sonderstatus konsequent abgesprochen. Die radikalsten Vertreter einer „Soziologie wissenschaftlichen Wissens“ postulieren sogar die Ersetzung der Wissen-schaftstheorie durch die Wissenssoziologie.
Die Entwicklung dieses Konflikts zwischen einer idealistischen und einer historischmaterialistischen Vorstellung der Wissenschaftsentwicklung wird in diesem Kapitel anhand exemplarischer Beispiele nachvollzogen, um das Potential eines möglichen integrativen Interpretationsrahmens zwischen Wissenschaftsphilosophie und -sozio-logie, zwischen kognitiven und sozialen Elementen der Wissenschaftsentwicklung aufzuzeigen. Dabei werden weder alte, bereits „geschlagene Schlachten“ nocheinmal ausgetragen, noch wird ein l ückenloser historischer Abriß der Geschichte der Wissens- und Wissenschaftssoziologie ge- leistet. Die Ausführungen im folgenden Kapitel dienen nur dazu, den jeweils in den materia-
- 6 -listisch/externen und auch idealistisch/internen Positionen weilenden Determinismus aufzu-decken, um ihn dann in einer integrativen Perspektive überwinden, sowie die Potentiale dieser beiden Positionen für einen integrativen Ansatz herauszuarbeiten zu können.
In den darauf folgenden Kapiteln werden zum einen die erkenntnistheoretischen Probleme dieser Ansätze erörtert, insbesondere im Hinblick auf die Frage nach der Geltung wissenschaftlichen Wissens, und zum anderen wird der sich aus dem beschriebenen Potential ergebende integrative Ansatz dargestellt. Ausgangspunkt für diesen integrativen Ansatz ist dabei die Postulierung einer Interdependenz zwischen kognitiven und sozialen Elementen der Genese und Geltung wissenschaftlichen Wissens.
2. Entwicklungslinien in der Wissenssoziologie und Wissenschaftssoziologie
2.1 Die Wissenssoziologie von K. Mannheim
Die Ausgangsvorstellung der Wissenssoziologie stammt von K. Marx und beruht auf seiner allgemeinen Behauptung, daß das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt. Dabei wird für K. Marx das gesellschaftliche Sein oder der „Unterbau“ in erster Linie von den ökonomischen Verhältnissen bestimmt. Bei ihm und bei M. Weber wird die Grundlage für eine kultursoziologische Perspektive gelegt, die erst heute wieder für die Wissenschaftssoziologie bedeutsam wird. Diese kultursoziologische Perspektive stellt die Frage nach dem Bedingungsverhältnis von sozialen Strukturen auf der einen und Ideen, Werte und somit indirekt auch der Wissenschaft auf der anderen Seite. M. Weber weist zum Beispiel in seiner Abhandlung über „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ eindringlich darauf hin, daß es „... nicht die Absicht sein [kann], an Stelle einer einseitig `materialistischen´ eine ebenso einseitig spiritualistische kausale Kultur- und Geschichtsdeutung zu setzen. Beide sind zwar gleich möglich, aber mit beiden ist, wenn sie nicht Vorarbeit, sondern Abschluß der Untersuchung zu sein beanspruchen, der historischen Wahrheit gleich wenig gedient“ 2 . Allerdings erfährt man von M. Weber nicht, wie er sich eine Vermittlung vorstellt.
Die Beziehung zwischen dem sozialen Sein und Bewußtsein wird in der Nachfolge von K. Marx und M. Weber zum zentralen Thema der Wissenssoziologie. Auf der Grundlage des Marxschen Basis-Überbau-Schemas wird zum Beispiel von M. Scheler und vor allem K.
2 Weber, Max, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: ders., Gesammelte Aufsät- ze zur Religionssoziologie I, 4. Aufl., Tübingen 1947, S. 205-206.
- 7 -Mannheim der Begriff des „sozialen Seins“ und der Ideologiebegriff aus ihrem spezifischen theoretischen Zusammenhang herausgelöst und ausgeweitet. Das soziale Sein beschränkt sich bei beiden nicht mehr nur auf die ökonomischen Verhältnisse, sondern bezieht sich auf alle sozialen Faktoren, und der Ideologiebegriff wird auf das gesamte menschliche Denken ausgeweitet. K. Mannheim, der als Begründer der klassischen Wissenssoziologie in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts gilt, nimmt mit seinem totalen Ideologiebegriff, der über den Ideologiebegriff des Marxismus hinausgeht, die radikalste Position ein.
Die Wissenssoziologie ist für K. Mannheim eine soziologische Disziplin, „... die als Theorie eine Lehre von der sogenannten `Seinsverbundenheit´ des Wissens aufzustellen und auszubauen und als historisch-soziologische Forschung diese `Seinsverbundenheit´ an den verschiedenen Wissensgehalten der Vergangenheit und Gegenwart herauszustellen bestrebt ist“ 3 . Mit der „Seinsverbundenheit“ des Wissens meint K. Mannheim allgemein eine Perspektivität des Wissens. Das Wissen wird nicht „von der Sache her“ bestimmt, sondern entscheidend und nicht nur peripher von außertheoretischen Faktoren, die er „Seinsfaktoren“ nennt. 4 Alles Wissen ist demnach abhängig vom sozialen und historischen Standort des Denkenden, so daß man bei jeder historisch-politischen Leistung feststellen kann, „... von wo aus die Dinge gesehen wurden“ 5 . Daraus entwickelt K. Mannheim seine, über den marxistischen Ideologiebegriff hinausgehende, Ideologienlehre und führt die Unterscheidung zwischen einem partikularen und einem totalen Ideologiebegriff ein. Der partikulare Ideologiebegriff, der dem marxistischen Ideologiebegriff entspricht, unterstellt eine Seinsgebundenheit einzelner Ideen, die als bewußte Fälschungen entlarvt werden sollen. Demgegenüber unterstellt der totale Ideologiebegriff von K. Mannheim eine notwendige Standortge-bundenheit des gesamten Denkens, also aller Menschen und zu jeder Zeit. Da die daraus resultierende Einseitigkeit nicht auf eine bewußte Fälschung zurückgeht, sondern „... sich das gesellschaftliche Gefüge mit allen seinen Phänomenen offenbar notwendigerweise den an verschiedenen Punkten dieses Gefüges verankerten Beobachtern verschieden gibt“ 6 , wird diese Form der Ideologie für K. Mannheim zum Gegenstand der Wissenssoziologie.
Diese Konzeption von K. Mannheim beinhaltet zwei erkenntnistheoretische Implikationen, die zu einer heftigen Kritik an seiner Konzeption führen, und gegen die sich K. Mannheim in verschiedener Weise zu schützen sucht. Zum einen handelt es sich dabei um das Relati-
3 Mannheim,Karl, Wissenssoziologie, in: ders., Ideologie und Utopie, 5. Aufl., Frankfurt a. M. 1969, S. 227.
4 Vgl. ebd., S. 230.
5 Ebd., Ist Politik als Wissenschaft möglich?, in: ders., Ideologie und Utopie, 5. Aufl., Frankfurt a. M. 1969, S. 109.
6 Ebd., Wissenssoziologie, in: ders., a. a. O., S. 228.
- 8 -vismusproblem, den die „... These der `Seinsgebundenheit´ des Wissens impliziert, radikal interpretiert, nicht nur, daß die Richtung, die das Denken nimmt, von sozialen Faktoren mitbeeinflußt ist, sondern behauptet zusätzlich eine `Seinsrelativität´ auch für den context of justification“ 7 . Das bedeutet, daß es keine übergreifende Evaluationskriterien für kon-kurrierende Geltungsansprüche gibt. Zum anderen handelt es sich dabei um ein Reflexivi-tätsproblem, da K. Mannheim auch die Wissenssoziologie selbst als ideologisch ansieht. Die Perspektive der Wissenssoziologie steht für K. Mannheim selbst nicht außen vor, son-dern ist genauso perspektivisch wie irgendein anderes Wissen auch und kann somit keine absolute Gültigkeit für sich beanspruchen. Um dem Relativismus-Vorwurf zu entkräften, entwickelt K. Mannheim zwei Strategien und zwar einerseits die Selbstbeschränkung und andererseits ein Konzept von Objektivität, das mit seiner These der „Seinsverbundenheit“ des Wissens zu vereinbaren ist. 8 Die Selbstbeschränkung bezieht sich darauf, daß, obwohl K. Mannheim in manchen Formulierungen von der Seinsverbundenheit „des Denkens“ 9 spricht, er den Bereich des naturwissenschaftlichen und des mathematischen Denkens da-von ausnimmt und sich nur auf „... das historische Denken ..., das politische Denken, das Denken in den Geistes- und Sozialwissenschaften und auch das Denken des Alltags“ 10 be-zieht.
K. Mannheim ist sich des Relativismusproblems für das nicht von der „Seinsverbundenheit“ ausgenommene Wissen durchaus bewußt 11 , aber er behauptet dagegen, daß aus seinem Konzept nicht folge, „... daß man das Postulat der Objektivität und Entscheidbarkeit sachhaltiger Diskussionen preisgibt oder einem Illusionismus huldigt, wonach alles Schein und nichts entscheidbar ist, sondern nur ..., daß diese Objektivität und Entscheidbarkeit nur auf Umwegen herstellbar ist“ 12 . Die Objektivität soll durch ein Übersetzen und Umrechnen der verschiedenen Perspektiven, oder Aspektstrukturen, wie K. Mannheim es nennt, ineinander erreicht werden. Für die Entscheidung, welche Perspektive die optimale ist, gibt K. Mannheim folgendes Kriterium an: „die größte Fassungskraft, die größte Fruchtbarkeit dem empirischen Material gegenüber“ 13 . Demnach stellt K. Mannheim die Existenz eines Ansichseins sozialer Phänomene nicht in Frage, aber der Mensch kann sie nur unter be- 7 Heintz,Bettina, Wissenschaft im Kontext, in: KZfSS, Jg. 45, 1993, H. 3, S. 531.
8 Vgl. ebd., S. 531-532.
9 Vgl. dazu u.a. Mannheim, Karl, Wissenssoziologie, a. a. O., S. 229 u. S. 230.
10 Ebd., Die Bedeutung der Konkurrenz im Gebiete des Geistigen, in: ders., Wissenssoziologie: Auswahl aus dem Werk:, eingeleitet und herausgegeben von Kurt H. Wolff, 2. Aufl., Neuwied a. R. und Berlin 1970, S. 569.
11 Vgl. dazu u.a. Mannheim, Karl, Ideologie und Utopie, a. a. O., S. 38 und S. 71.
12 Ebd., Wissenssoziologie, a. a. O., S. 258.
13 Ebd., S. 259.
- 9 -stimmten Perspektiven wahrnehmen. Damit folgt K. Mannheim erkenntnistheoretisch dem empirischen Realismus von I. Kant. Die Mannheimsche Objektivität postuliert demnach nicht eine Aufgabe dieser dem Denken inhärente Perspektivität, sondern eine Synthese von möglichst vielen Perspektiven. Je größer die Vielfalt der Perspektiven ist, die sich auf den Gegenstand des Denkens richten, umso deutlicher wird dieser. Das Erreichen einer absolu-ten Synthese ist aber nicht möglich, denn auch die Synthese verschiedener Perspektiven des Denkens unterliegt der Seinsgebundenheit. Die konkrete Vermittlung zwischen sozialen und kognitiv inhaltlichen Strukturen bleibt dabei unklar.
2.2 Die funktionalistische Wissenschaftssoziologie von R. K. Merton
In den dreißiger Jahren entsteht, neben der Entwicklung der Wissenssoziologie, die vorwiegend von R. K. Merton initiierte funktionalistische Wissenschaftssoziologie. Innerhalb dieser funktionalistischen Wissenschaftssoziologie geht es um die Frage der Funktionalität bestimmter sozialer Bedingungen für die Entstehung, die innere Entwicklung und den weiteren Bestand der modernen Wissenschaften.
Dabei unterstellt R. K. Merton bei seinen Ausführungen zwar einen positivistischen Wissenschaftsbegriff, wonach die Bedeutung von Begriffen identisch ist mit der Art ihrer empirischen Überprüfung und die Wissenschaft durch eine logischen Methode ausgezeichnet ist, aber durch seine funktionalistische Position, die die Motive und Folgen von Handeln, im Gegensatz zu den kognitiven Aspekten von Handeln, hervorhebt, ist er gezwungen, die Wissenschaft letztlich auf non-rationale Verpflichtungen zu gründen. Nach den Vorstellungen des Funktionalismus geben nicht bestimmte Ziele und Zwecke den Anstoß zum Handeln, sondern Gefühle und Werte. Aus diesem Grund versucht R. K. Merton aufzuzeigen, „... daß die Konformität des Wissenschaftlers mit den positivistischen Regeln wissenschaftlicher Untersuchung durch non-logische soziale Gefühle und nicht durch Vernunft garantiert wird“ 14 . Demzufolge schenkt R. K. Merton zwar den normativen Verpflichtungen von Wissenschaftlern große Aufmerksamkeit, aber nicht ihren kognitiven Verpflichtungen, also den Inhalten des Wissenschaftsprozesses.
14 King, M. D., Vernunft, Tradition und die Fortschrittlichkeit der Wissenschaft, in: Weingart, Peter, Hg., Wissenschaftssoziologie II: Determinanten wissenschaftlicher Entwicklung, Frankfurt a. M. 1974, S. 47.
- 10 -Wissenschaft ist für R. K. Merton ein Subsystem in einem größeren sozialen System mit einem spezifischen institutionellen Ziel, nämlich der „...Erweiterung abgesicherten Wis-sens“ 15 . In Anlehnung an das positivistische Wissenschaftsbild liefern die zu diesem Zweck eingesetzten Methoden die einschlägige Definition von Wissen. Die institutionellen (non-logischen) Verhaltensmaßregeln für das Subsystem Wissenschaft leiten sich aus diesem Ziel und den Methoden ab: „Die Verhaltensmaßregeln der Wissenschaft besitzen auch eine me-thodologische Grundlage, aber sie sind bindend nicht nur wegen ihrer prozeduralen Effi-zienz, sondern auch, weil sie für richtig und gut erachtet werden. Sie sind zugleich morali-sche und technische Vorschriften.“ 16 R. K. Merton nennt vier 17 institutionelle (non-logische) Verhaltensmaßregeln für die „moderne“ Wissenschaft, deren Einhaltung ein opti-males Funktionieren der Wissenschaft garantieren soll: 18
15 Merton, Robert K., Entwicklung und Wandel von Forschungsinteressen: Aufsätze zur Wissenschaftssoziologie, 1. Aufl., Frankfurt a. M. 1985, S. 89.
16 Ebd., S. 89-90.
17 Nach M. Mulkay werden diesen vier normativen Verhaltensmaßregeln noch die Normen der Originalität, von Merton selber in einem späteren Artikel, und des Individualismus, der in den Arbeiten verschiedener anderer Autoren erscheint, hinzugefügt. Vgl. Mulkay, Michael, Einige Aspekte kulturellen Wachstums in den Naturwissenschaften, in: Weingart, Peter, Wis senschaftssoziologie II, a. a. O., S. 77.
18 Vgl. Merton, Robert K., a. a. O., S. 90-99.
- 11 -Universalismus:
Universalismus bezieht sich darauf, daß wissenschaftliche Arbeiten, deren Annahme und Zurückweisung, unabhängig von den individuellen und sozialen Merkmalen des Autors beurteilt werden. Außerdem findet der Universalismus Ausdruck in der Forderung, wissenschaftliche Karrieren nicht aus anderen Gründen als Gründen des nicht ausreichenden Talents zu behindern.
Kommunismus:
Diese Verhaltensmaßregel besagt, daß wissenschaftliche Erkenntnisse nicht einer bestimmten Person, sondern grundsätzlich den Wissenschaftlern insgesamt gehören. Kein Wissenschaftler hat ein Eigentumsrecht an seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Ansprüche des Wissenschaftlers auf „seine“ Erkenntnisse beschränken sich auf Anerkennung und Ansehen. Dazu gehört auch die Pflicht, neue Erkenntnisse den anderen Wissenschaftlern mitzuteilen, sie öffentlich zu machen.
Uneigennützigkeit:
Der Wissenschaftler hat danach nicht aktiv nach persönlichen Vorteilen bei seiner Arbeit zu streben. Die Umsetzung dieser Norm wird dadurch unterstützt, daß die Wissenschaftler ihren Standesgenossen rechenschaftspflichtig sind, und somit sind die Wissenschaftler, stärker als andere Gruppen, einer strengen Kontrolle der Fachkollegen ausgesetzt.
Organisierter Skeptizismus:
Diese Norm verlangt von einem Wissenschaftler, grundsätzlich skeptisch gegenüber wissenschaftlichen Gültigkeitsansprüchen zu sein, die von ihm selber oder anderen vorgebracht werden. Er stellt nicht nur ein institutionelles, sondern auch ein methodologisches Gebot dar.
Nur wenn alle diese institutionellen (non-logischen) Verhaltensmaßregeln, die für R. K. Merton zeitlos sind, erfüllt werden, wird nach R. K. Merton die wissenschaftliche Produktivität maximiert. Die Wissenschaftsentwicklung, im Sinne einer Erweiterung gesicherten Wissens, hängt deshalb hauptsächlich von der verbreiteten Konformität mit diesen oben genannten (non-logischen) Verhaltensmaßregeln ab, die aber nicht den Inhalt des Wissens bestimmen oder erklären können. Durch diese (non-logischen) Verhaltensmaßregeln bzw. wissenschaftlichen Werte, die die Fortschrittlichkeit der Wissenschaft garantieren, erhält die Konformität des Wissenschaftlers mit den logischen Methoden ein soziales Motiv.
Für R. K. Merton gilt wissenschaftliches Wissen als erkenntnistheoretischer Sonderfall, das nicht durch soziale Faktoren kontaminiert werden darf. Aus diesem Grund fragt er sich,
- 12 -wie die Gesellschaft eingerichtet sein muß, damit wissenschaftliches Wissen nicht durch so-ziale Faktoren kontaminiert wird. Seine Antwort darauf sind die vier oben beschriebenen normativen Verhaltensmaßregeln bzw. Werte die den Ethos der Wissenschaft bilden sollen. Werden diese eingehalten, so kann das wissenschaftliche Wissen vor einer Kontamination durch soziale Faktoren geschützt werden.
2.3 Die anti-positivistische Wende in der Wissenschaftsforschung
Durch die Arbeiten von K. Mannheim und R. K. Merton bilden Wissenssoziologie und Wissenschaftssoziologie lange Zeit getrennte Bereiche. Die Wissenssoziologie von K. Mannheim untersucht die soziale Gebundenheit des Wissens, bezogen auf dessen „weiche“ Formen, wie politische und soziale Theorien sowie alltagstheoretische Deutungsmuster. Innerhalb dieser „weichen“ Formen des Wissens trifft er keine epistemologische Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen Wissen und Alltagswissen. Nur dem Wissen der Naturwissenschaften wird ein erkenntnistheoretischen Sonderstatus zugeschrieben, der sich erst durch die wissenschaftshistorischen Arbeiten von T. S. Kuhn, P. Feyerabend und anderen ändert. Die nach K. Mannheim entstehende Wissenschaftssoziologie R. K. Mertons hält an diesem epistemologischen Sonderstats des naturwissenschaftlichen Wissens fest und beschränkt sich auf die Analyse der institutionellen Rahmenbedingungen und der sozialen Organisation der (Natur-)Wissenschaft.
Erst durch die sogenannte „anti-positivistische Wende“ in der Wissenschaftsphilosophie und -geschichte in den frühen 60er Jahren, hervorgerufen durch die wissenschaftshistorischen Arbeiten von T. S. Kuhn, P. Feyerabend und anderen, verliert das naturwissenschaftliche Wissen seinen epistemologischen Sonderstatus. T. S. Kuhn kann in seiner Arbeit über die Wissenschaftsentwicklung zeigen, daß auch die Naturwissenschaften dem normativen Wissenschaftsideal der Positivisten und des Realismus nicht entsprechen. Damit wird die Voraussetzung für eine wissenssoziologische Betrachtung der Naturwissenschaften bzw. des naturwissenschaftlichen Wissen geschaffen. In der Nachfolge dieser wissen-schaftshistorischen Arbeiten rücken die Inhalte der Wissenschaft in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Die in den 80er Jahren entstandene „Soziologie wissenschaftlichen Wissens“ versteht sich auch entsprechend als Wissenssoziologie des naturwissenschaftlichen Wissens.
Nachfolgend wird ausführlich auf das Konzept T. S. Kuhns eingegangen, der in seiner Studie wissenschaftstheoretische, -geschichtliche und -soziologische Elemente miteinander verbindet, da dieses als Grundlage für die weitere Analyse der Entstehung und Etablierung
- 13 -des AJK und der kritischen Krmininologie als ein neues Paradigma in der Kriminologie dienen wird. Insbesondere wird in der nachfolgenden Untersuchung unter anderem einer möglichen Kongruenz der kognitiven und institutionellen Elemente des Kuhnschen soziolo-gischen Paradigmabegriffs mit der Entstehung und Etablierung des AJK und der kritischen Kriminologie nachgegangen.
2.3.1 T. S. Kuhns Konzept der Wissenschaftsentwicklung
T. S. Kuhn setzt in seinem Buch über „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ 19 dem traditionellen Bild von der Wissenschaftsentwicklung als ein kumulativer Prozeß, indem Einzelheiten zu einem immerwährend wachsenden Bestand zusammengefügt werden und junge Wissenschaftler auf den „Schultern“ der älteren Wissenschaftlern stehen, sein Konzept des Paradigmas und des Paradigmawechsels entgegen. Anhand einer Rekonstruktion der Entwicklung zentraler naturwissenschaftlicher Theorien versucht T. S. Kuhn aufzuzeigen, daß sich die Wissenschaftsentwicklung in revolutionären Sprüngen und Neu-orientierungen von einem Paradigma zu einem anderen Paradigma vollzieht. Dahinter steht erkenntnistheoretisch 20 die Ablehnung der Vorstellung einer wie auch immer gedachten absoluten Wahrheit, die die Wissenschaft erkennen oder an die sie sich im Verlauf ihrer Entwicklung durch eine universelle und non-soziale Vorgehenslogik annähern kann. Für T. S. Kuhn gibt es auch keine unabhängigen Daten, die in irgendeiner Weise die „Wirklichkeit“ repräsentieren. Damit bereitet er den Weg für die These der Theoriegeladenheit der empirischen Beobachtung, bei der davon ausgegangen wird, daß es keine voraussetzungslose Beobachtung gibt. Daten sind für ihn abhängig von den jeweiligen Theorien, auf deren Grundlage sie gewonnen und beschrieben werden, und Theorien wiederum werden nicht nach Grundsätzen des Falsifikationismus gewählt, sondern in Abhängigkeit von Paradigmata. 21 Außerdem verweist T. S. Kuhn auf den Umstand, „... daß auf eine gegebene Sammlung von Daten immer mehr als eine theoretische Konstruktion paßt“ 22 (die heute sogenannte These der empirischen Unterdeterminiertheit von Theorien 23 ). Dabei verfällt er aber nicht in einen bloßen Relativismus, sondern er geht von einer Gerichtetheit und Unumkehr-
19 Kuhn,Thomas S., Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 2. revidierte und um das Postskriptum von 1969 ergänzte Aufl., Frankfurt a. M. 1976.
20 Retrospektiv betrachtet wird die damit von Kuhn u.a. eingeleitete Phase der wissenschaftstheoretischen Diskussion als „postempirische-“ oder „anti-positivistische Wende“ bezeichnet.
21 Vgl. Kuhn, Thomas S., a. a. O., S. 133ff. u. 218.
22 Ebd., S. 89.
23 Vgl. Heintz, Bettina, a. a. O., S. 532ff.
- 14 -barkeit der wissenschaftlichen Entwicklung aus, bei der spätere Theorien besser geeignet sind, Probleme zu lösen, als frühere. Auch bemüht er sich um eine Analogie zwischen der Evolution von Organismen und dem Prozeß der wissenschaftlichen Entwicklung, da, und dies ist sein Hauptargument, beide keine Entwicklung auf etwas hin als ein vordefiniertes Ziel sind. 24
Ganz allgemein betrachtet steht nach T. S. Kuhn ein Paradigma für „... die Quelle aller Methoden, Problemgebiete und Lösungsnormen, die von einer reifen wissenschaftlichen Gemeinschaft zu irgendeinem Zeitpunkt anerkannt werden“ 25 . Das hat zur Folge, daß ein Paradigma auch die Zulässigkeit, Relevanz und Lösungen von Problemen der jeweiligen Disziplin bestimmt, und sich dies im Rahmen des Wechsels eines Paradigmas ändert. T. S. Kuhn geht sogar soweit zu behaupten, daß ein Paradigmawechsel die Wissenschaftler veranlaßt, „... die Welt ihres Forschungsbereichs anders zu sehen“ 26 . Das Paradigma, welches von einer wissenschaftlichen Gemeinschaft verwendet wird, gibt dieser eine Perspektive vor, unter der sie die Welt sehen. Als Beispiel dient ihm unter anderem der Blick auf ein Blasenkammerphoto in der Physik, auf dem der Laie nur unzusammenhängende und unterbrochene Linien erkennt. Der ausgebildete Physiker hingegen, der in seiner Ausbildung auch eine bestimmte „Seh-weise“ gelernt hat, sieht die Aufzeichnung von subatomaren Teilchen. Wechselt das Paradigma, zum Beispiel dieses Physikers, müßte dieser lernen, in vertrauten Situationen neue Dinge bzw. eine neue Gestalt zu sehen, die er vorher nicht gesehen hat. 27 Ein weiteres Beispiel von T. S. Kuhn bezieht sich auf die unterschiedliche „Seh-weise“ eines an einer Kette schwingenden Steines innerhalb des Aristotelischen und des Galileischen Paradigmas: „Für die Anhänger des Aristoteles, die glaubten, ein schwerer Körper werde aus sich heraus von einer höheren Lage in einen Zustand der natürlichen Ruhe in einer niedrigeren Lage bewegt, war der schwingende Körper lediglich ein mit Behinderung fallender Körper. Von der Kette gehalten, konnte er am niedrigsten Punkt nur nach einer mühsamen Bewegung und einer beträchtlichen Zeitspanne zum Stillstand kommen. Galilei aber sah beim Anblick des schwingenden Körpers ein Pendel, einen Körper, dem es fast gelang, die gleiche Bewegung immer wieder ad infinitum auszuführen.“ 28 Demnach sieht Aristoteles beim Betrachten eines schwingenden Steines einen gehemmten Fall und Galilei ein Pendel, und beide sehen somit etwas anderes.
24 Vgl. Kuhn, Thomas a. a. O., S., S. 182ff. u. 216ff.
25 Ebd., S. 116.
26 Ebd., S. 123.
27 Vgl. ebd., S. 124.
28 Ebd., S. 130-131.
- 15 -T. S. Kuhn spricht sich dagegen aus, diese Beispiele als ein Wechsel der Interpretation des Wissenschaftlers, hervorgerufen durch ein Wechsel des Paradigma, anzusehen, wie es im Rahmen des traditionellen, von Descartes entwickelten, philosophischen Paradigmas gese-hen wird. Es findet durch einen Paradigmawechsel kein Wechsel der Interpretationen von stabilen Daten statt, sondern jegliche Interpretation findet innerhalb eines Paradigmas statt und setzt dieses voraus. Eine „... Interpretationstätigkeit ... vermag ein Paradigma nur zu artikulieren, nicht zu korrigieren“ 29 .
In seinem 1969 verfaßten Postskriptum zu seinem oben genannten Buch unterscheidet T. S. Kuhn zwei ganz verschiedene Bedeutungen des Begriffs „Paradigma“, die sich durch sein ganzes Buch ziehen. 30 Zum einen steht Paradigma „... für die ganze Konstellation von Meinungen, Werten 31 , Methoden usw., die von den Mitgliedern einer gegebenen Gemeinschaft geteilt werden“ 32 . Dies nennt T. S. Kuhn auch die soziologische Bedeutung des Ausdrucks „Paradigma“. Zum anderen sieht er Paradigma an als „... ein Element in dieser Konstellation, die konkreten Problemlösungen, die, als Vorbilder oder Beispiele gebraucht, explizite Regeln als Basis für die Lösung der übrigen Probleme der `normalen Wissenschaft´ ersetzen können“ 33 . Letzteres bedeutet, daß ein Paradigmata aus der Summe von gemeinsamen Beispielen bzw. Musterbeispielen besteht, die den Wissenschaftler in die Lage versetzen, eine Aufgabe so zu sehen wie eine Aufgabe, vor die er schon einmal gestellt war. T. S. Kuhn geht dabei von der These aus, daß Wissenschaftler Begriffe, Gesetze und Theorien niemals in abstracto und an sich lernen, sondern aufgrund von Beispielen und Anwendungen. 34 Bei der Vermittlung dieser Musterbeispiele an die angehenden Wissen-
29 Ebd.,S. 134.
30 Margaret Masterman stellt in ihrem Artikel „The Nature of Paradigm“ fest, daß Kuhn den Begriff „Paradigma“ in seinem Buch auf wenigstens zweiundzwanzig verschiedene Arten gebraucht. Vgl. Masterman, Margaret, The Nature of Paradigm, in: Lakatos, Imre und Musgrave, Alan, Hg., Criticism and the Growth of Knowledge, Cambridge 1970, S. 61-65.
31 Erst in seinem Postskriptum von 1969 und in seinem 1970 erschienenen Artikel „Logic of Discovery or Psychology of Research“, in Lakatos, Imre und Musgrave, Alan, a. a. O., S. 1-23, verweist Kuhn auf die fundamentale Verpflichtung der Wissenschaftler gegenüber bestimmten übergreifenden Werten, die insbesondere in Krisenzeiten und bei der Theoriewahl als eine übergeordnete, im Sinne von über dem Paradigma stehende, Autorität gelten sollen. In seinem Postskriptum von 1969 betont Kuhn ausdrücklich, daß er es für eine Schwäche seiner ersten Fassung des Buches „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ halte, „... daß Werte wie innere und äußere Widerspruchsfreiheit bei der Betrachtung von Krisenquellen und Faktoren bei der Theoriewahl so wenig Beachtung ge-funden haben“ (Kuhn, Thomas S., a. a. O., S. 197). Siehe zu der Diskussion über diese Entwicklung bei Kuhn auch das Kapitel 2.3.2 „Epistemologische Kritik an T. S. Kuhns Paradigmabegriff“.
32 Kuhn, Thomas S., a. a. O., S. 186.
33 Ebd., S. 186.
34 Vgl. ebd., S. 60.
- 16 -schaftler spielen Lehrbücher eine große Rolle. Aus diesem Grund ist auch eine gleichartige Ausbildung und berufliche Initiation der Wissenschaftler eine wichtige Voraussetzung für ein gemeinsames Paradigma.
Die soziologische Bedeutung des Paradigmabegriffs, Paradigma als Konstellationen von Gruppenpositionen, der die Basis für diese Arbeit darstellt, läßt sich unterteilen in kognitive und institutionelle Elemente. Die kognitiven Elemente beziehen sich darauf, daß nach T. S. Kuhn das Paradigma die Quelle aller Methoden, Problemgebiete und Lösungsnormen für die Mitglieder einer wissenschaftlichen Gemeinschaft darstellt. 35 Das Paradigma legt somit fest, welche Probleme überhaupt zulässig sind, welche Erwartungen man im Hinblick zum Beispiel auf das Ergebnis von Experimenten hat, anhand dessen erst entsprechende Apparaturen gebaut werden können. Innerhalb eines Paradigmas wird dafür eine komplizierte Ausrüstung konstruiert, ein esoterisches Vokabular und besondere Fähigkeiten entwickelt. Außerdem erfolgt eine Verfeinerung der Begriffe, die sich immer weiter von allgemein gebräuchlichen Begriffen entfernen. 36 Als Indikatoren für ein neues Paradigma können demnach das Entstehen einer neuen (1) Fachsprache, (2) Apparaturen, (3) Methoden, (4) Musterbeispiele und (5) neue, für die wissenschaftliche Untersuchung verfügbare, Probleme gelten.
Für die institutionellen Elemente eines Paradigmas gibt T. S. Kuhn die Entwicklung von (1) eigenen Fachzeitschriften, (2) die Gründung von Fachvereinigungen und (3) die Beanspruchung eines besonderen Platzes im Lehrplan an. 37 Außerdem seien (4) die Wissenschaftler, die einem neuen Paradigma anhängen „... entweder sehr jung oder auf dem Gebiet, dessen Paradigma sie änderten, sehr neu“ 38 . Dieser Umstand erklärt sich daraus, daß beide Gruppen nicht durch langjährige frühere Praxis an die traditionellen Regeln der normalen Wissenschaft gebunden sind.
T. S. Kuhn bezieht den Begriff „Paradigma“, und zwar in beiden seiner Bedeutungen, auf die wissenschaftliche Gemeinschaft, deren Mitglieder ein Paradigma teilen und in der sich die Mitglieder zur Durchsetzung des Paradigma organisieren. Der Begriff „Paradigma“ steht damit, wie in den obigen Ausführungen bereits immer wieder zu lesen war, in engem Zusammenhang mit dem Begriff „wissenschaftliche Gemeinschaft“ bzw. „scientific community“. Allerdings ist das Auftreten dieser beiden Begriffe, wie T. S. Kuhn in seinem Postskriptum von 1969 auch selbst erklärt, zirkulär: „Ein Paradigma ist das, was den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Gemeinschaft gemeinsam ist, und umgekehrt besteht
35 Vgl. ebd., S. 116.
36 Ebd., S. 77.
37 Vgl. ebd., S. 33.
38 Ebd., S. 103.
- 17 -dern einer wissenschaftlichen Gemeinschaft gemeinsam ist, und umgekehrt besteht eine wissenschaftliche Gemeinschaft aus Menschen, die ein Paradigma teilen.“ 39 Auf der Grundlage dieser Definition schlägt T. S. Kuhn vor, bei Untersuchungen eines Paradigmas zuerst wissenschaftliche Gemeinschaften ohne vorherigen Rückgriff auf Paradigmata zu iso-lieren, um dann ein vorliegendes Paradigma durch die Untersuchung des Verhaltens der Mitglieder einer gegebenen Gemeinschaft identifizieren zu können. 40 Für die Identifikation einer wissenschaftlichen Gemeinschaft gibt T. S. Kuhn fünf Merkmale an: (1) Die Mitglie-der sind einer gleichartigen Ausbildung und (2) beruflichen Initiation unterworfen, (3) sie haben dieselbe Fachliteratur gelesen, (4) ein eigenes Gegenstandsgebiet und (5) die Gren-zen der Fachliteratur bezeichnen auch die Grenzen des wissenschaftlichen Gegenstandsge-bietes. 41 Solche Gemeinschaften bestehen auf zahlreichen Ebenen. Auf der Ebene der wis-senschaftlichen Berufsgruppe ist die Mitgliedschaft nach T. S. Kuhn anhand folgender Indi-katoren entscheidbar: (a) Die Fachrichtung des höchsten akademischen Grades, (b) die Mitgliedschaft in Fachgesellschaften und (c) die gelesenen Zeitschriften. 42
Existiert ein Paradigma für eine wissenschaftliche Gemeinschaft, so spricht T. S. Kuhn von einer normalen Wissenschaft. Das Paradigma gibt für die wissenschaftliche Gemeinschaft den engen Bereich der zu untersuchenden Probleme an, sowie einen Erwartungsrahmen, indem das Paradigma zum Beispiel vorgibt, welches Ergebnis bei bestimmten Experimenten zu erwarten ist. Daraufhin werden zum Beispiel die Apparaturen gebaut, die für ein Experiment benötigt werden. „Durch Konzentration der Aufmerksamkeit auf einen kleinen Bereich relativ esoterischer Probleme zwingt das Paradigma die Wissenschaftler, ein Teilgebiet der Natur mit einer Genauigkeit und bis zu einer Tiefe zu untersuchen, die sonst unvorstellbar wären.“ 43 Durch die Annahme eines Paradigmas sind die grundlegenden Annahmen innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft im wesentlichen unproblematisch, die Ergebnisse von einzelnen Forschungen können problemlos in diesem Rahmen verortet werden, und es werden nicht Ressourcen in unendlichen Grundlagendiskussionen verschwendet. Dies führt zu einem Anwachsen von kurzen Artikeln in Fachzeitschriften, die sich nur noch an die Fachkollegen wenden und bei denen der Autor keine Grundprinzipien und grundlegende Kenntnisse voranstellen und diskutieren muß, da diese Kenntnisse durch das gemeinsame Paradigma vorausgesetzt werden können.
39 Ebd., S. 187.
40 Vgl. ebd., S. 188.
41 Vgl. ebd., S. 188.
42 Ebd., S. 189.
43 Ebd., S. 38.
- 18 -Die Arbeit des Forschers innerhalb der normalen Wissenschaft bezeichnet T. S. Kuhn als das Lösen von Rätseln. Zum einen, weil nur solche Probleme behandelt werden, von denen aufgrund des Paradigmas vermutet werden kann, daß sie eine Lösung haben und deren Lösung nur Mangel an Scharfsinn verhindern könnte. Zum anderen liefert das Paradigma Regeln, die die Schritte zur Lösung, wie auch die Art der annehmbaren Lösung, einschrän-ken. 44 Dies sind auch die Gründe für den schnellen Fortschritt in der normalen Wissen-schaft und somit in den Disziplinen, die ein Paradigma besitzen. Für T. S. Kuhn ist wissen-schaftlicher Fortschritt nur in Zeiten normaler Wissenschaft gesichert, 45 und nur in dieser Zeit ähnelt die Wissenschaftsentwicklung dem positivistischen Schema. Infolgedessen hän-gen die Begriffe „Paradigma“, „normale Wissenschaft“ und „Fortschritt“ eng miteinander zusammen, denn ohne ein Paradigma ist normale Wissenschaft nicht möglich und ohne normale Wissenschaft auch kein wissenschaftlicher Fortschritt. Außerdem ist, wie im weiteren Verlauf gezeigt wird, die normale Wissenschaft auch die Voraussetzung für einen Paradigmawechsel.
T. S. Kuhn weist allerdings darauf hin, daß Paradigmata nicht mit Regeln gleichzusetzen sind, diese leiten sich zwar aus dem Paradigma her, letztere können die Forschung aber auch ohne Regeln leiten. Dies ist die bereits weiter oben erwähnte Bedeutung des Begriffs „Paradigma“ als eine Summe von Musterbeispielen, die die Forschung anleiten. Wissenschaftler „... können in der Identifizierung eines Paradigmas übereinstimmen, ohne sich über seine vollständige Interpretation oder abstrakte Formulierung einig zu sein oder auch nur zu versuchen, eine solche anzugeben. Das Fehlen einer Standardinterpretation oder einer anerkannten Reduzierung auf Regeln hindert ein Paradigma nicht daran, die Forschung zu führen [Hervorhebungen im Original].“ 46
Die Wahrnehmung eines Phänomens, welches aufgrund des Erwartungshintergrundes, den das Paradigma vorgibt, nicht vorgesehen ist, nennt T. S. Kuhn eine Anomalie. „Die normale Wissenschaft strebt nicht nach neuen Tatsachen und Theorien und findet auch keine, wenn sie erfolgreich ist.“ 47 Falls sie doch welche findet, wird zuerst versucht, die Theorie so zu modifizieren, daß das Anomale zum Erwarteten wird. Ist dies nicht (mehr) möglich und zeigt sich, daß „... eine Anomalie mehr zu werden scheint als lediglich ein weiteres Rätsel der normalen Wissenschaft, so hat der Übergang zur Krise und zur außerordentlichen
44 Vgl. ebd., S. 51-52.
45 Für M. D. King ist Fortschritt im Sinne von Kuhn abhängig von der Unterwerfung der Wissenschaftler unter die Autorität eines Paradigmas. Vgl. King, M. D., a. a. O., S. 66-67.
46 Kuhn, Thomas S., a. a. O., S. 58.
47 Ebd., S. 65.
- 19 -Wissenschaft begonnen.“ 48 Daher ist die normale Wissenschaft auch die Voraussetzung für einen Paradigmawechsel, denn ohne, daß der Forscher weiß, was er erwartet, kann er auch keine Anomalie erkennen, die zu einer Krise und diese wiederum zu einem Paradig-mawechsel führen kann. Symptome für eine Krise sind (1) das Wuchern konkurrierender Versionen einer Theorie, (2) der Ausdruck einer offenen Unzufriedenheit, daß das Para-digma diese Anomalie nicht zu erklären in der Lage ist, (3) das Zufluchtsuchen bei der Phi-losophie und (4) eine tiefgehende Diskussion über gültige Methoden, Probleme und Lö-sungsgrundsätze, sowie (5) ein dadurch bedingter Rückgang von Forschungsarbeiten. 49 Den sich daraus ergebenden Übergang zu einem neuen Paradigma nennt T. S. Kuhn wis-senschaftliche Revolution. Dabei wird, entgegen der Vorstellung des Popperschen Falsifi-kationismus, ein Paradigma nur dann für ungültig erklärt, wenn ein anderer Kandidat vor-handen ist. 50 Aber auch nicht jede Krise führt nach T. S. Kuhn zu einem Paradigmawech-sel. Es gibt auch Krisen, die in einer Neubelebung des alten Paradigmas, ungeachtet einer Lösung des Ausgangsproblems, enden.
Die Entscheidung zwischen zwei Paradigmata ist nach T. S. Kuhn allerdings nicht auf der Grundlage eines logischen Beweises zu fällen, da unterschiedliche Paradigmata inkommensurabel sind. 51 In Diskussionen zwischen Vertretern zweier unterschiedlicher Paradigmata wird einerseits jeweils für die eigene Theorie gezeigt, daß sie den eigenen Kriterien völlig genügt, und andererseits wird die Theorie der Gegner in das eigene Paradigma übersetzt und anhand dessen Kriterien geprüft. 52 Dieses Vorgehen ist vergleichbar mit dem aus der Ethnologie bekannten Problem, das Eigene auf das Fremde zu projizieren. Auch bei Paradigmadiskussionen besteht die Gefahr, daß Fremde mit den eigenen Kategorien zu beurteilen. 53 Diese Parallelität hat T. S. Kuhn unter anderem auch den Vorwurf des Relativismus
48 Ebd., S. 95.
49 Vgl. ebd., S. 61, 83 u. 103.
50 Vgl. ebd., S. 90.
51 Vgl. ebd., S. 116.
52 Als ein neueres Beispiel für dieses Vorgehen auch in der Soziologie siehe die Artikel von K. D. Opp und H. Haferkamp zum Theorienvergleich innerhalb der Soziologie abweichenden Verhaltens, in: Hondrich, Karl O. und Matthes, Joachim, Hg., Theorienvergleich in den Sozialwissenschaften, Darmstadt und Neuwied 1978, S. 21-53, sowie die Einleitung zu diesem Buch von J. Matthes, insbesondere S. 16.
53 Eine Behandlung dieses grundlegenden Problems in der Ethnologie und die Konsequenzen daraus für die Soziologie erfolgt in einem programmatischen Artikel von König, René, Soziologie und Ethnologie, in: Müller, Ernst W. [u.a.], Hg., Ethnologie als Sozialwissenschaft, KZfSS, Sonderheft 26, 1984, S. 17-35 und bei Den Hollander, Arie N. J., Soziale Beschreibung als Problem, in: KZfSS, Jg. 17, 1965, S. 203-233.
- 20 -eingebracht. 54 Für die Inkommensurabilität von verschiedenen Paradigmata gibt T. S. Kuhn folgende Gründe an: Die Liste der Probleme, die für wichtig und wissenschaftlich gehalten werden, weichen voneinander ab, da ihre Definitionen und Normen der Wissen-schaft voneinander abweichen. Innerhalb des neuen Paradigmas treten alte Ausdrücke, Begriffe und Experimente in ein neues Verhältnis zueinander, und in manchen Bereichen se-hen die Wissenschaftler durch das Paradigma verschiedene Dinge, und sie sehen sie in un-terschiedlichen Beziehungen zueinander. 55
Der Prozeß eines Paradigmawechsels beginnt, indem zuerst im Geiste von einer oder einigen Personen ein neues Paradigma auftaucht, die es soweit entwickeln, daß stichhaltige Argumente angeführt und angehäuft werden können. Voraussetzung für diesen Prozeß ist das bereits oben erwähnte Vorliegen einer Krise innerhalb des geltenden Paradigmas. Für eine Annahme des neuen Paradigmas müssen die Wissenschaftler davon überzeugt werden, daß das neue Paradigma einerseits einige hervorragende und allgemein anerkannte Probleme lösen kann, die auf keine andere Weise zu bewältigen sind, und andererseits muß es „... die Erhaltung eines relativ großen Teils der konkreten Problemlösungsfähigkeit versprechen, die sich in der Wissenschaft von seinen Vorgängern her angesammelt hat“ 56 . Die Argumente für ein neues Paradigma beruhen allerdings nicht nur auf einem Vergleich seiner Fähigkeit, Probleme zu lösen, mit derjenigen der Konkurrenten, sondern sie appellieren auch, wenn auch nur selten explizit, an den Sinn des einzelnen für das Passende oder das Ästhetische. Dergleichen darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß letztlich die Verlagerung der Bindung von einem Paradigma auf ein anderes eine Konversion ist, und es dabei nicht um Beweis oder Irrtum geht.
Allerdings darf man sich diesen Prozeß nach T. S. Kuhn nicht so vorstellen, daß sich in kürzester Zeit eine große Gruppe von Wissenschaftlern zu einem neuen Paradigma bekehren läßt, sondern es erfolgt eine wachsende Verlagerung der Bindung an ein Paradigma, die manchmal eine ganze Generation lang andauern kann. Insbesondere ältere Wissenschaftler, die bereist sehr lange mit den traditionellen Paradigma gearbeitet haben, leisten gegenüber dem neuen Widerstand: „Der Ursprung des Widerstands ist die Gewißheit, daß das ältere Paradigma letztlich alle seine Probleme lösen werde, daß die Natur in die vom Paradigma gelieferte `Schublade´ hineingesteckt werden könne.“ 57 Diese Gewißheit ist es aber auch,
54 Vgl. Giesen, Bernard und Schmid, Michael, Methodologische Modelle und soziologische Theorien, in: Hondrich, Karl O. und Matthes, Joachim, Hg., a. a. O., S. 233-237; Popper, Karl, Normal Science and its Dangers, in: Lakatos, Imre und Musgrave, Alan, a. a. O., S.51-58.
55 Vgl. Kuhn, Thomas S., a. a. O., S. 159-161.
56 Ebd., S. 181.
57 Ebd., S. 162.
- 21 -die konstitutiv für die normale Wissenschaft ist, die bei der Präzisierung des Paradigmas Anomalien herausarbeitet und die wiederum zu einem neuen Paradigma führen können. Demzufolge ist dieser Widerstand auch die Quelle für einen Paradigmawechsel bzw. ein neues Paradigma, und jedes neue Paradigma enthält den Keim seiner Ablösung schon in sich. T. S. Kuhn schließt aber nicht gänzlich aus, daß, und dies ist insbesondere für die So-zialwissenschaften von Bedeutung, auch zwei Paradigma koexistieren können.
Zusammengefaßt bietet T. S. Kuhn mit seiner Arbeit einen theoretischen Rahmen für die Analyse der Wissenschaftsentwicklung an. Er beschränkt sich dabei auf den Prozeß, wie konkurrierende Theorieinhalte im Wissenschaftsprozeß durchgesetzt werden, und zeigt auf, daß nicht nur rationale Argumente diese Wahl beeinflussen, sondern auch soziale Faktoren. Ich würde im Gegensatz zu W. Meinefeld 58 sogar so weit gehen zu behaupten, daß letztendlich im Rahmen seiner Inkommensurabilitätsthese nur soziale Faktoren zwischen konkurrierenden Theorieinhalten ausschlaggebend sind. Eine Beeinflussung der kognitiven Elemente bzw. Theorieinhalte selber verfolgt er nicht. 59 Akzeptieren wir T. S. Kuhns allgemeinen Ansatz, so bedeutet dies für die weitere Arbeit, daß wir uns eingestehen müssen, daß unser eigenes (wissenschafts-) soziologisches Wissen nicht besser begründbar oder privilegiert ist als die Erkenntnisse der von T. S. Kuhn untersuchten Wissenschaften. 60 Beides Wissen ist „nur“ durch die Gemeinschaft legitimiert, durch die es produziert wird. Für den Wissenschaftssoziologen, der sich mit der Soziologie als Wissenschaft beschäftigt, ergibt sich daraus allerdings letztendlich ein Zirkel, dessen Aufhebung noch nicht in Sicht ist, denn der Wissenschaftssoziologe benutzt sein soziologisches Wissen über Gruppen zur Analyse der soziologischen Gruppen, deren Praxis die kontextuelle Legitimation des Wissen darstellt, das er zur Analyse verwendet. 61
58 W. Meinefeld behauptet dagegen, daß Kuhn den sozialen Faktoren eine untergeordnete Bedeutung für die Wahl zwischen konkurrierenden Theorieinhalten zuschreibt. Vgl. dazu auch Meinefeld, Werner, Realität und Konstruktion: Erkenntnistheoretische Grundlagen einer Methodologie der empirischen Sozialforschung, Opladen 1995, S. 205.
59 Vgl. auch ebd., S. 205; Mulkay, Michael, Einige Aspekte kulturellen Wachstums in den Naturwissenschaften, in: Weingart, Peter, Wissenschaftssoziologie II, a. a. O., S. 94.
60 Diese „Erkenntnis“ führt uns wieder zurück zu K. Mannheims Wissenssoziologie und seiner These von der „Seinsverbundenheit“ des Wissens. Danach ist alles Wissen relativ zum Standort des Erkennenden, und dies gilt nach K. Mannheim ausdrücklich auch für den Wissens- oder hier den Wissenschaftssoziologen. Außerdem hat bereits Mannheim damit die Frage nach den Bewertungskriterien für die Gültigkeit von Wissen aufgeworfen.
61 Vgl. Overington, Michael A., Einfach der Vernunft folgen: Neuere Entwicklungstendenzen in der Metatheorie, in: Bonß, Wolfgang und Hartmann, Heinz, Hg., Entzauberte Wissenschaft: Zur Relati- vität und Geltung soziologischer Forschung, Soziale Welt, Sonderband 3, Göttingen 1985, S. 120.
- 22 - 2.3.2Epistemologische Kritik an T. S. Kuhns Paradigmabegriff
Aus der zahlreichen Kritik 62 an T. S. Kuhns Modell, insbesondere seiner epistemologischen Grundlagen, greife ich einige Kritiker heraus, um an ihnen exemplarisch die immer wiederkehrenden Hauptkritikpunkte, nämlich den Relativismus- und Irrationalismusvorwurf, die Ablehnung der Inkommensurabilitätsthese und die Zurückweisung der Kuhnschen normalen Wissenschaft als „normal“ aufzuzeigen.
Die Inkommensurabilitätsthese von T. S. Kuhn ist nicht ohne Widerspruch geblieben. Kritiker, wie B. Giesen und M. Schmid, 63 lehnen diese These als logisch falsch ab und lassen nur eine moderate Version zu, nämlich daß Theorien inkommensurabel sein können und nicht müssen. Auch K. R. Popper sieht dies als einen zentralen Kritikpunkt an T. S. Kuhn, wenn er behauptet: „Thus in science, as distinct from theology, a critical comparison of the competing theories, of the competing frameworks, is always possible. And the denial of this possibility is a mistake.“ 64 Diese Art von Kritik greift allerdings im Sinne von T. S. Kuhns Modell nicht, denn die Forderung nach einer Kritisierbarkeit von Theorien hat keine universelle Bedeutung, sondern ist selbst eine Prämisse aus einem bestimmten Paradigma 65 . Mit dieser Form der Kritik wird der bereits oben ausgeführte Fehler begangen, gegnerische Paradigmata mit den Kriterien des eigenen Paradigmas zu beurteilen. Diese Argumentation führt aber nach Aussage der Kritiker zu einer Immunisierung von Theorien gegenüber Fakten und Kritik durch alternative Theorien und dem damit verbundenen Vorwurf des Relativismus. Dabei betont auch T. S. Kuhn, daß es durchaus sinnvoll ist „... zu fragen, welche von zwei miteinander konkurrierenden Theorien besser zu den Fakten paßt“ 66 . Dergleichen ist aber nur möglich, wenn es nur eine einzige Menge wissenschaftlicher Probleme und Lösungsmöglichkeiten gäbe. Da diese Bedingung aber niemals ganz gegeben ist, bewegen sich die Befürwörter einzelner Paradigmata nach T. S. Kuhn immer in gewissem Grade auf verschiedenen Ebenen. Diese Feststellung von T. S. Kuhn widerspricht auch nicht der Aussage von K. R. Popper, daß es „... ever since antiquity, constant and fruitful discussion between the competing dominant theories of matter“ 67 gegeben hat. Allerdings
62 Dabei ist besonders der Sammelband von Lakatos, Imre und Musgrave, Alan, a. a. O. hervorzuheben.
63 Vgl. Giesen, Bernard und Schmid, Michael, a. a. O., S. 233-237.
64 Popper, Karl, a. a. O., S. 55.
65 Die Forderung der Kritisierbarkeit ist eine grundlegende Prämisse des von K. R. Popper selbst vertretenen kritischen Rationalismus.
66 Kuhn, Thomas S., a. a. O., S. 158.
67 Popper, Karl, a. a. O., S. 55.
- 23 -geht K. R. Popper, im Gegensatz zu T. S. Kuhn, davon aus, daß diese Diskussionen letzt-endlich rational gelöst werden können. Eine Konfrontation von unterschiedlichen Paradig-mata findet nach T. S. Kuhn zwar im Rahmen eines Paradigmawechsels auch statt, nur sind die Kriterien der Entscheidung zwischen zwei Paradigmata letztendlich nicht rational bzw. kann diese Entscheidung nicht durch logische Beweise entschieden werden. 68 In seinem Postskriptum von 1969 verdeutlicht T. S. Kuhn aber noch einmal, daß man Theorien daran messen kann, ob sie besser als frühere geeignet sind, Probleme auf die sie angewendet werden, zu lösen. 69
K. R. Popper stimmt in seiner Kritik 70 T. S. Kuhn zu, daß es das, was T. S. Kuhn als normale Wissenschaft bezeichnet, zwar gibt, aber dieses ist nach K. R. Popper eher die Ausnahme in der Wissenschaft als das „normale“ Vorgehen: „I believe, however, that Kuhn is mistaken when he suggests that what he calls `normal´ science is normal ... I wish to suggest that few, if any, scientists who are recorded by the history of science were `normal´ scientists in Kuhn´s sense.“ 71 Dabei beklagt K. R. Popper, daß der in der normalen Wissenschaft tätige Wissenschaftler zu unkritisch und eher zu einem anwendenden Wissenschaftler geworden ist, der im Gegensatz zu dem steht, was er einen reinen Wissenschaftler nennt. Das ist aber genau das, was T. S. Kuhn zeigen will, nämlich daß die Praxis der Wissenschaft nicht den normativen Vorgaben von K. R. Poppers Falsifikationsmodell folgt. Für K. R. Popper ist die von T. S. Kuhn beschriebene normale Wissenschaft „... a phenomenon which I dislike (because I regard it as danger to science) while he apparently does not dislike it (because he regards it as `normal´) is another question“. Dabei vergißt K. R. Popper anscheinend, daß T. S. Kuhn den faktischen Prozeß der Forschung untersucht, ohne normative Verfahrenslogiken aufzustellen und ohne den faktischen Prozeß der Forschung moralisch beurteilen zu wollen. K. R. Popper bestreitet außerdem, allerdings ohne detaillierte empirische Angaben, die Kuhnsche These von der Wissenschaftsentwicklung durch revolutionäre Sprünge und Neuorientierungen und hält an der Vorstellung einer kumulativen Entwicklung ohne Brüche fest: „His schema of `normal´ periods, dominated by one ruling theory (a `paradigm´ in Kuhn´s terminology) and followed by exceptional revolutions, seems to fit astronomy fairly well. But it does not fit ...“ 72 . Dabei ist für K. R. Popper, im Gegensatz zu Kuhn, die Wissenschaftsentwicklung auf ein bestimmtes Ziel hin gerichtet, nämlich auf die Wahrheit.
68 Kuhn, Thomas S., a. a. O., S. 159.
69 Vgl. ebd., S. 216-218.
70 Vgl. Popper, Karl, a. a. O., S. 51-58.
71 Ebd., S. 53-54.
72 Ebd., S. 54.
- 24 -In seinem Postskriptum von 1969 und in seinem 1970 erschienenen Artikel „Logic of Dis-covery or Psychology of Research“ 73 hat T. S. Kuhn der Verpflichtung der Wissenschaft-ler auf bestimmte übergreifende Werte in Zeiten von Krisen und bei der Frage der Theo-riewahl eine größere fundamentale Bedeutung zugeschrieben als dem Paradigma: „Obgleich sie immer wirksam sind, werden sie besonders wichtig, wenn die Mitglieder einer bestimm-ten Gemeinschaft eine Krise erkennen oder sich später zwischen unvereinbaren Möglich-keiten des Betreibens ihres Faches entscheiden müssen ... In solchen Dingen kann die Be-rufung auf gemeinsame Werte ... der Gemeinschaft die Möglichkeit bieten, das Risiko zu verteilen und den langfristigen Erfolg zu sichern.“ 74 Ob die Vorwürfe des Relativismus und der Irrationaliät seiner Kritiker zu diesem Wandel der Kategorien seiner Analyse geführt haben, sei einmal dahingestellt. Als Folge davon wird T. S. Kuhn u.a. von M. D. King insofern kritisiert, daß dies „... sehr den soziologischen Wert seiner Erklärung wissenschaftlichen Wandels mindert“ 75 und ihn in R. K. Mertons soziologische Position drängt. Denn T. S. Kuhns nachträglich eingeführten höchsten Werte, um die Fortschrittlichkeit der Wissenschaft ohne eine non-soziale Verfahrenslogik garantieren zu können, sind „... letztlich nicht weniger abstrakt und ahistorisch ... als Mertons Verfahrenslogik“. 76 Auch bei R. K. Merton garantieren die von ihm postulierten Werte die Fortschrittlichkeit der W issenschaft, die aber bei ihm der unterstellten non-sozialen Verfahrenslogik soziales Gewicht verleihen. Um die soziologische Erklärungsreichweite von T. S. Kuhns Ansatz nicht zu mindern, wird in dieser Arbeit auf die von ihm nachträglich vorgenommene stärkere Gewichtung von übergreifenden Werten verzichtet.
2.4 Die Soziologie wissenschaftlichen Wissens
Eine weitere Radikalisierung der Wissenschaftssoziologie, im Gefolge der Arbeiten von T. S. Kuhn, setzt Mitte der 70er Jahre ein. Anknüpfend an T. S. Kuhn und die Wissenssoziologie von K. Mannheim, aber in ihrem Anspruch über sie hinausgehend, kehrt die Wissenschaftssoziologie wieder auf jene Fragestellung zurück, die sie durch R. K. Merton mit der Wissenssoziologie verlassen hatte. Der Anspruch dieser neuen Soziologie wissenschaftlichen Wissens ist es, die Seinsgebundenheit von Denken und Wissen auf alle Wissenstypen
73 Vgl. Kuhn, Thomas S., Logic of Discovery or Psychology of Research, in: Lakatos, Imre und Musgrave, Alan, a. a. O., S. 1-23, insbesondere S. 22 letzter Absatz.
74 Kuhn, Thomas, S., Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, a. a. O., S. 196-198.
75 King, M. D., a. a. O., S. 69.
76 Ebd., S. 70.
- 25 -anzuwenden und nicht nur die Genese von wissenschaftlichem Wissen, sondern auch des-sen Inhalt und Geltung sozial erklären zu können. Ihr Forschungsgebiet ist die wissenschaft-liche Produktion in den Naturwissenschaften.
Zum einem Teil entsteht die neue, aus Großbritannien kommende Wissenssoziologie der Wissenschaft in direkter Auseinandersetzung mit der traditionellen Wissenschaftssoziologie, wie sie durch R. K. Merton geprägt ist. Zum anderen Teil entsteht sie aber auch unabhängig von der Wissenschaftssoziologie. Nach H. M. Collins 77 , einer der Vertreter der „Soziologie wissenschaftlichen Wissens“, lassen sich sechs Autoren unterscheiden, die unabhängig voneinander zur „Soziologie des wissenschaftlichen Wissens“ beigetragen haben. Diese Gruppe läßt sich in zwei gleich große, sich von ihrem theoretischen Ansatz und ihrer Biographie unterscheidende Untergruppen aufteilen: einerseits in die Untergruppe, die eine relativistische Perspektive in der Wissenssoziologie vertritt und deren Autoren nicht aus der Wissenschaftssoziologie, sondern aus der Ethnologie, Philosophie und Mathematik stammen. Zu dieser Gruppe gehören B. S. Barnes, D. Bloor und H. M. Collins. Andererseits gibt es die Untergruppe, deren Arbeiten geprägt ist durch eine Opposition zu R. K. Merton im Lichte von T. S. Kuhn. Zu dieser Gruppe gehören R. G. A, Dolby, M. Mulkay und R. D. Whitley, die während ihres fortgeschrittenen Studiums in den Vereinigten Staaten in die traditionelle Wissenschaftssoziologie eingeführt werden.
Exemplarisch werde ich mich nun in meiner Darstellung auf das einflußreiche „strong programm“ von D. Bloor beschränken, um mich danach einer neueren Strömung innerhalb der „Soziologie wissenschaftlichen Wissens“, der sogenannten Mikrosoziologie des Wissens oder auch Laborstudien-Ansatz genannt, in Deutschland vor allem vertreten durch K. Knorr-Cetina, zu widmen.
D. Bloor führt für sein sogenanntes „strong programme“ vier Bedingungen auf, denen auch die „Soziologie wissenschaftlichen Wissens“ zu genügen habe: (1) Die kausale Erklärung von Wissen und Überzeugung aus den Bedingungen, unter denen sie entstanden sind, (2) die Unparteilichkeit des Soziologen in bezug auf den Status des Wissens als richtig oder falsch, rational oder irrational, (3) die soziologische Erklärung müsse symmetrisch sein, das heißt für richtiges und falsches Wissen müßten dieselben Gründe zu benennen sein und (4) die soziologische Erklärung müsse auch für den Soziologen selbst gelten, also reflexiv sein. 78
77 Vgl. Collins, Harry M., Die Soziologie des wissenschaftlichen Wissens: Studien zur gegenwärtigen Wissenschaft, in: Bonß, Wolfgang und Hartmann, Heinz, a. a. O., S. 129-150. 78 Vgl. Meinefeld, Werner, a. a. O., S. 208-209.
- 26 -Innerhalb dieses Programms postuliert D. Bloor einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Inhalt jeglichen, auch des wissenschaftlichen Wissens und sozialer Interessen und zwar eine Kausalität ausgehend davon, daß die sozialen Interessen die (wissenschaftlichen) In-halte beeinflussen und sich folglich erstere vor den zweiteren ausbilden. Einen irgendwie gedachten erkenntnistheoretischen Sonderstatus wissenschaftlichen Wissens lehnt er damit ab und verfällt in einen soziologischen Reduktionismus, in dem Erkenntnistheorie und Wis-senschaftstheorie durch Wissenssoziologie ersetzt wird. 79 Dabei blendet er kognitive Fak-toren ganz aus. Es ist allerdings auch eine umgekehrte Kausalität zwischen sozialen Interes-sen und wissenschaftlichem Wissen möglich. 80 Die Kritik gegenüber D. Bloor basiert auf dem Argument, daß seine historischen Beispiele die These nicht belegen würden, da sie auf der Ebene einer reinen Kovarianz zwischen den zu einem bestimmten Zeitpunkt vorherr-schenden sozialen Interessen und den wissenschaftlichen Inhalten stehenbleiben. 81
Seit den 80er Jahren entwickelt sich daran anschließend innerhalb der „Soziologie wissenschaftlichen Wissens“ eine Richtung, die sich mit der praktischen Tätigkeit des Wissenschaftlers, insbesondere des Wissenschaftlers im Labor 82 , beschäftigt. Die Grundthese dieses Ansatzes lautet, daß Beobachtungen nicht nur theorieabhängig sind, wie mit der antipositivistischen Wende zum Beispiel von T. S. Kuhn postuliert wird, sondern daß Beobachtungen von einem Wissenschaftler hergestellt bzw. konstruiert werden. Es steht demnach nicht eine historisch-soziale Einbettung von Theorien, sondern deren Herstellung im Labor im Mittelpunkt der Untersuchungen.
Grundlage dieses Ansatzes, der von K. Knorr-Cetina selbst als eine Mikrosoziologie des Wissens 83 genannt wird, sind direkte Beobachtungsstudien der praktischen Arbeit von Wissenschaftlern in Labors. Es ist eine konstruktivistische Wissenssoziologie, die K. Knorr-Cetina vertritt, bei der die Frage „WIE“ Wirklichkeit konstruiert wird vor der Frage „WAS“ diese ausmacht gestellt wird. Im Labor findet sich nach den Erfahrungen von K.
79 Ebd., S. 207, 215 u. 217.
80 Vgl. hierzu die Thesen von Tenbruck, Friedrich H., „Der Mensch als Merkmalsträger: Wie die Sozial-forschung die Privatsphäre veröffentlicht und zerstört“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 78 (31.03.1984).
81 Vgl. dazu die Kritik von Meinefeld, Werner, a. a. O., S. 213-214 u. Heintz, Bettina, a. a. O., S. 538.
82 Dies ist bereits eine Einschränkung dieses Ansatzes, da nicht alle (empirischen) Wissenschaften, wie z.B. die Soziologie, Laborwissenschaften sind. Die Arbeiten beziehen sich demnach hauptsächlich auf die Naturwissenschaften. Aus diesem Grund spricht man auch von der Soziologie des naturwissenschaftlichen Wissens.
83 Vgl. Knorr, Karin D., Die Fabrikation von Wissen: Versuch zu einem gesellschaftlich relativierten Wissensbegriff, in: Stehr, Nico und Meja, Volker, Hg., Wissenssoziologie, KZfSS, Sonderheft 22, Opladen 1980, S. 228.
- 27 -Knorr-Cetina 84 nirgends Natur, sondern das „... meiste, mit dem Wissenschaftler im La-bor zu tun haben, ist hochgradig vorstrukturiert, wenn nicht zur Gänze artifiziell“ 85 . Das, was Wissenschaft ausmacht, ist innerhalb dieses konstruktivistischen Ansatzes kein Bezug zur Realität, der womöglich, wie bei R. K. Merton durch soziale Faktoren kontaminiert wird, sondern es ist die „... Praxis von Akteuren ..., die gemeinsam ihre (wissenschaftli-chen) Handlungsfelder gestalten, die dann ihrerseits wiederum dieses praktische Geschäft beeinflussen“ 86 . Dabei schließt K. Knorr-Cetina weder eine hinter den Konstruktionen der Wissenschaft stehende Wirklichkeit noch eine Interaktion zwischen Wissenschaft und Rea-lität aus. 87 Letzteres wäre aber nach ihrem Konzept eher zufällig, da sie eine non-realistische Position vertritt und damit Wissenschaft als einen deskriptiven Vorgang ablehnt.
Das wissenschaftliche Feld bezeichnet K. Knorr-Cetina, in Anlehnung an P. Bourdieu, als den Ort des Konkurrenzkampfes um das Monopol wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit: „Glaubwürdigkeit ist ein symbolisches Kapital, das die Handelnden dadurch erwerben, daß sie in diesem Feld bestimmte Definitionen und Darstellungen wissenschaftlicher Objekte erfolgreich geltend machen.“ 88 Mit Blick auf den faktischen Ablauf der Laborforschung erkennt K. Knorr-Cetina als handlungsleitendes Prinzip des Forschungsprozesses die Orientierung an Erfolg und nicht an Wahrheit. Wissenschaftliche Glaubwürdigkeit ist demnach nur durch Erfolg im Forschungsprozeß zu erreichen. Was als Erfolg gilt, ist abhängig (a) vom Akteur selbst, (b) von Handlungsort und -zeit sowie (c) den Interpretationsweisen der Umwelt. Daraus folgt, daß die Produkte der Wissenschaft kontext-spezifische Konstruktionen darstellen. Daneben gibt es noch eine weitere Außenbeziehung, denn die Forschung, insbesondere der Forschungsbericht, wird auch im Hinblick auf die antizipierte Reaktionen der Fachkollegen durchgeführt.
Statt eines systematischen Testens theoretisch abgeleiteter Hypothesen identifiziert K. Knorr-Cetina im Forschungsprozeß den Verhaltenstyp des „konstruktiven Tüftlers“, der versucht, gebunden an Handlungsort und -zeit, mit den örtlich vorgegebenen Möglichkeiten wie Apparaturen, Personal, finanzielle Mittel etc., zu einer praktikablen Lösung zu kommen. Dieser sucht in jede Richtung, in der er eine Erfolgschance vermutet. Der Wissen- 84 Knorr-CetinasErfahrungen basieren hauptsächlich auf eine im Jahre 1976 bis 1977 durchgeführte teilnehmende Beobachtung der Wissenschaftler im Forschungszentrum Berkeley, Californien/USA.
85 Knorr, Karin D., Die Fabrikation von Wissen, a. a. O., S. 228.
86 Knorr, Karin D., Zur Produktion und Reproduktion von Wissen: Ein deskriptiver oder ein konstruktiver Vorgang?, in: Bonß, Wolfgang und Hartmann, Heinz, a. a. O., S. 152.
87 Vgl. ebd., S. 156 u. 157.
88 Ebd., S. 152.
- 28 -schaftler hofft dabei, daß seine Forschungsarbeit letztlich zu einer alternativen Theorie führt. 89
Der Hauptunterschied dieser Position zu derjenigen, die zur anti-positivistischen Wende geführt hat, ist vornehmlich die Einbeziehung des technischen Instrumentariums und des praktischen Forschungshandelns bei der Untersuchung, was wissenschaftliches Wissen ausmacht. Allerdings führt die Ausschließlichkeit, mit der diese mikrosoziologische Perspektive vertreten wird, zu einer Einseitigkeit, bei der die strukturelle Einbettung des For-schungshandelns, die makrosoziologische Perspektive, komplett ausgeblendet wird. 90 Vielleicht liegt dieses Problem auch in der von K. Knorr-Cetina vertretenden Methodologie einer ausschließlichen teilnehmenden Beobachtung, bei der „... das wissenschaftliche Handeln auf die von ihr als soziologische Beobachterin analysierbaren sozialen Prozesse verkürzt wird“ 91 . Das Ziel ihrer konstruktivistischen Analyse ist, „... ein Terrain so zu erschließen, daß die geordnete Bewegung in diesem Terrain möglich wird“ 92 . Allerdings ist auf-grund ihrer Schilderung kein Soziologe (oder irgendein anderer Mensch) in der Lage, sich als Naturwissenschaftler, also als Teilnehmer eines naturwissenschaftlichen Forschungsla-bors, zu bewegen. Was ihm unter anderem fehlen würde, wäre das fachliche Wissen. Demnach fehlt in Anlehnung an W. Meinefeld bei „... K. Knorr-Cetinas Rekonstruktion des wissenschaftlichen Handelns in einem Forschungslabor eine wesentliche Dimension: nämlich die Orientierung am (fachlichen) Wissenssystem als selbstverständlicher Basis des Handelns ...“ 93 .
89 Vgl. ebd., S. 161ff.
90 Diese klassische Einseitigkeit, die Gesellschaft aus einer Perspektive, und zwar entweder makro- oder mikrosoziologisch zu betrachten, zugunsten einer integrativen Perspektive zu überwinden, wird bereits schon seit Mitte der 70er Jahre von einigen führenden Soziologen unternommen. Entsprechende gesellschaftstheoretische Konzeptionen werden u.a. von folgenden Autoren entwickelt: Giddens, Anthony: Interpretative Soziologie: Eine kritische Einführung, Frankfurt a. M. u. New York 1984 ( 1 1976); Habermas, Jürgen, Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 1 u. 2, Frankfurt a. M. 1981; Esser, Hartmut, Alltagshandeln und Verstehen: Zum Verhältnis von erklärender und verstehender Soziologie am Beispiel von Alfred Schütz und „rational choice“, Tübingen 1991 und als Überblick siehe: ders., Soziologie: allgemeine Grundlagen, Frankfurt a. M. u. New York 1993, Kap. 30, S. 587-614.
91 Meinefeld, Werner, a. a. O., S. 227.
92 Knorr-Cetina, Karin, Spielarten des Konstruktivismus: Einige Notizen und Anmerkungen, in: Soziale Welt, Jg. 40, 1989, H. 1/2, S. 94.
93 Meinefeld, Werner, a. a. O., S. 228.
- 29 - 3.Wissenschaftssoziologie und Wissenschaftsphilosopie: Die Frage nach der Geltung wissenschaftlichen Wissens
Alle bisher genannten Ansätze, mit Ausnahme des „strong programme“ von D. Bloor, setzen ontologische Annahmen über die Beschaffenheit der Realität voraus. Sie unterstellen eine vom erkennenden Subjekt unabhängige Realität. Sie unterscheiden sich allerdings in der Frage nach der Möglichkeit der Erkennbarkeit der Realität durch die Wissenschaft. Dabei lassen sich zwei erkenntnistheoretische Postulate differenzieren, unter die alle oben genannten Ansätze subsumiert werden können. Entweder wird postuliert, daß die Wissenschaft in der Lage ist, die vom erkennenden Subjekt als unabhängig gedachte Realität ganz oder teilweise zu erkennen 94 und daß das wissenschaftliche Wissen somit ein priveligiertes Wissen ist; oder, daß das, was Wissenschaft ausmacht, notwendigerweise nicht das Erkennen von Realität ist 95 und daß das wissenschaftliche Wissen somit nicht unterscheidbar ist vom Alltagswissen. Selbst K. Knorr-Cetina, die Wissenschaft als einen konstruktiven Vorgang ansieht, bei dem wissenschaftliches Wissen hergestellt wird, schließt eine hinter den Konstruktionen der Wissenschaft stehende Wirklichkeit und eine, allerdings zufällige, Übereinstimmung zwischen Wissenschaft und Realität nicht aus. 96 Sie kann aber aufgrund ihrer konstruktivistischen Position keine Evaluationskriterien für das Erkennen einer zufälligen Übereinstimmung mit der Realität angeben. Daher wäre es konsequenter, die Vorstellung einer vom erkennenden Subjekt unabhängigen Realität ganz aufzugeben. 97
Damit stellt sich die Frage nach der Geltung wissenschaftlichen Wissens und dessen Evaluationskriterien bei den einzelnen oben dargelegten wissens- und wissenschaftssoziologischen Ansätzen. Für die analytische Wissenschaftsphilosophie ist die Antwort eindeutig: sie postuliert eine strikte Trennung von Genese und Geltung wissenschaftlichen Wissens. Nach ihren Vorstellungen entscheiden über die Geltung wissenschaftlichen Wissens keine sozialen Prozesse, sondern nur rationale Verfahren und Kriterien. Schwieriger, und dessen war er sich auch selbst bewußt, wird es da schon bei der Wissenssoziologie von K. Mannheim,
94 Damit ist die Korrespondenztheorie der Wahrheit gemeint.
95 Die Wissenschaft kann die Realität nicht erkennen, weil dieses aufgrund der Unmöglichkeit deskriptiv vorzugehen nicht möglich ist, und nicht weil die Wissenschaft womöglich eine falsche Vorgehensweise benutzt oder zwar die richtige Vorgehensweise anwendet, diese aber durch non-rationale Faktoren kontaminiert wird.
96 Vgl. Knorr, Karin D., Zur Produktion ud Reproduktion von Wissen, a. a. O., S. 156 u. 157.
97 Diese Forderung entspricht der erkenntnistheoretischen Position des Idealismus, der davon ausgeht, daß es keine Wirklichkeit geben kann, die vom menschlichen Bewußtsein und Denken unab- hängig ist.
- 30 -da bei ihm das Wissen, das wissenschaftliche Wissen und das Alltagswissen, notwendig abhängig ist von den sozialen und historischen Bedingungen seines Entstehens. Aber auch K. Mannheim verzichtet, trotz seiner Erkenntnis von der Seinsgebundenheit des Wissens, nicht gänzlich auf eine ontologische Annahme über die Beschaffenheit der Realität. Er geht von einem „An-sich-sein“ sozialer Phänomene aus, die aber nur seinsrelativ erfaßt werden können. 98 Dies gilt auch für seinen Objektivitätsbegriff, der von einer Synthese verschiede-ner Perspektiven ausgeht, die aber keine „absolute Synthese“ darstellen kann, da die Seinsgebundenheit auch für die Synthese nicht zu überwinden ist. 99 Folglich konzentriert sich K. Mannheim auf die Frage nach der Möglichkeit von Erkenntnis im Gegensatz zur Frage nach ihrer Geltung. Nur dem naturwissenschaftlichen Wissen schreibt er einen er-kenntnistheoretischen Sonderstatus zu.
Die funktionalistische Wissenschaftssoziologie im Gefolge von R. K. Merton unterstellt dagegen einen positivistischen Wissenschaftsbegriff, bei dem die Entscheidung über die Geltung wissenschaftlichen Wissens ausschließlich anhand kognitiver und rationaler Verfahrensweisen und Kriterien erfolgt. Im Zuge der anti-positivistischen Wende kann T. S. Kuhn mit seiner wissenschaftshistorischen Studie aufzeigen, daß auch die Naturwissenschaften dem normativen Wissenschaftsideal der analytischen Wissenschaftsphilosophie nicht entsprechen. Für T. S. Kuhn ist die Geltung wissenschaftlichen Wissens gebunden an die Annerkennung innerhalb einer scientific community, deren Mitglieder sich an einem Paradigma orientieren. Dieses Paradigma wiederum enthält kognitive Elemente wie Methoden, Problemgebiete und L ösungsnormen, innerhalb derer die scientific community über die Geltung wissenschaftlichen Wissens entscheidet. Über die von T. S. Kuhn beschriebenen wissenschaftlichen Revolutionen, denen ein Paradigmawechsel folgt, können sich diese kognitiven Kriterien wiederum ändern. Es gibt für ihn kein externes Kriterium mehr, an dem wissenschaftliches Wissen in seinem Verhältnis zu einer als vom erkennenden Subjket gedachten unabhängigen Realität überprüft werden kann. Es ist jenes wissenschaftliche Wissen gültig, welches von der jeweiligen scientific community, die es produziert, als gültig anerkannt wird. Das gilt, wenden wir T. S. Kuhns Analyse auf die Soziologie an, auch für das Wissen der Wissenschaftssoziologie.
Die Anhänger der „Soziologie wissenschaftlichen Wissens“ haben dies noch radikalisiert und erklären die Frage nach der Gültigkeit wissenschaftlichen Wissens zu einem Relikt eines von ihnen überwundenen Paradigmas. 100 Für D. Bloor zum Beispiel ist das wissen-
98 Wiebereits in Kapitel 2.1 „Die Wissenssoziologie von K. Mannheim“ erwähnt, steht er damit in der erkenntnistheoretischen Tradition des empirischen Realismus Kants.
99 Vgl. Meinefeld, Werner, a. a. O., S. 197, Fußnote 160.
100 Vgl. ebd., S. 217 u. 231.
- 31 -schaftliche Wissen ausschließlich determiniert durch soziale Faktoren. Das wissenschaftli-che Wissen ist damit eine gleichrangige Form des Wissens neben anderen. Wissenschafts-theorie wird durch Wissenssoziologie ersetzt. Damit stellt sich aber die Frage nach der Stellung des Wissens der Wissenssoziologie selber. Wenn jedes Wissen sozial bedingt ist, dann gilt das auch für das Wissen der Wissens- bzw. Wissenschaftssoziologie selber. Die Erkenntnisse der Wissens- bzw. Wissenschaftssoziologie über die soziale Bedingtheit wis-senschaftlicher Erkenntnis können ebenfalls keinen allgemeinen Geltungsanspruch erheben. M. A. Overington beschreibt diese Entwicklung 101 als einen metatheoretischen Skandal: „wir selbst verwenden notwendigerweise die innerhalb unserer eigenen Gemeinschaft er-fundenen ideologischen Kategorien zum Zwecke des soziologischen Studiums der Ideolo-gien anderer Gemeinschaften - ohne auf eine metatheoretische Legitimation für diese Grenzüberschreitung verweisen zu können! Wann werden die Magier kommen, um unsere Arbeit, unsere Spielchen zu beobachten?“ 102 Allerdings glaubt M. A. Overington, daß die Einsicht in dieses metatheoretische Problem nicht unbedingt dazu führt, daß die Soziologen ihr Pochen auf einen priveligierten Wissensstatus aufgeben und diese Einsicht auf ihre eige-ne Gemeinschaft anwenden werden. Denn die „... Metatheorie der Soziologie beruht auf der Praxis der Soziologen, nicht umgekehrt: metatheoretische Skandale sind etwas für Me-tatheoretiker und für Leute, die sich gerne aufregen“ 103 . Die Vorstellungen von M. A. Overington über den metatheoretischen Skandal in der Soziologie verweisen auf die Prä-missen der „Postmoderne“, die nicht mehr nach der „Wahrheit“, für die es ihrer Auffassung zufolge kein unabhängiges Beurteilungskriterium gibt, strebt. Die „Postmoderne“ negiert ei-nen universellen Maßstab und postuliert einen irreduziblen Pluralismus der Kulturen, Le-bensformen oder Sprachspiele. Bezogen auf den Status des wissenschaftlichen Wissens gibt es demnach keinen Beurteilungsmaßstab mehr außerhalb des Kontextes einer Kultur, Lebensform oder Sprachspiel, das es ermöglicht und ihm Bedeutung verleiht. 104 Dies führt für die „Postmoderne“ zu einem gleichberechtigten Nebeneinander von unterschiedlichen Kulturen, Lebensformen und Sprachspielen sowie auch für ein Nebeneinander von „Mo-
101 M.A. Overingten macht in seinem Artikel „Einfach der Vernunft folgen“ diesen metatheoretischen Skandal an drei Entwicklungen fest, die mit denen in diesem Kapitel erörterten übereinstimmen: (1) das Zerfallen des epistemologisch priveligierten Status wissenschaftlichen Wissens; (2) die in der Soziologie rezipierte kontextuale Wissenschaftsauffassung von Kuhn; (3) der Ve rsuch, die epistemologischen Implikationen der Wissenssoziologie in die Untersuchungen über das wissenschaftliche Wissen wieder einzubeziehen. Vgl. Overington, Michael A., a. a. O., S. 113ff.
102 Ebd., S. 123.
103 Ebd., S. 124.
104 Vgl. Baumann, Zygmunt, Ansichten der Postmoderne, Hamburg und Berlin 1995, insbesondere S. 132f.
- 32 -derne“ und „Postmoderne“, da letztere, aufgrund ihres Pluralismuspostulats, nicht den An-spruch erhebt, die „Moderne“ zu ersetzen.
Damit sich die Wissenschaft nicht in der Beliebigkeit alternativer Interpretationen verliert und ihre Existenz als ein ausdifferenzierter gesellschaftlicher Teilbereich nicht in Frage gestellt werden kann, 105 versuchen einige Soziologen das wissenschaftliche Wissen mit einem, wie es M. A. Overington nennt, „cordon sanitaire“ zu immunisieren und so den Implikationen dieses metatheoretischen Skandals zu entgehen. Zum Beispiel führt W. Meinefeld meines Erachtens in seiner vom Versuch der Integration von Realismus und radikalem Konstruktivismus gekennzeichneten Abhandlung „Realität und Konstruktion“ 106 die vom erkennenden Subjekt unabhängige und nicht von diesem erkennbare Realität als eine Art „cordon sanitaire“ ein. Dabei unterscheidet er zwischen den Begriffen „Realität“, die unabhängig vom erkennenden Subjekt „da ist“ und von diesem aber nicht erkannt werden kann und der „Wirklichkeit“, die die Gesamtheit der Vorstellungen der Handelnden über die Beschaffenheit der Welt bezeichnet. Für W. Meinefeld konstituieren kognitive und soziale Rahmenbedingungen zwar Erkenntnis, aber dies rechtfertigt seiner Meinung nach „... nicht die Schlußfolgerung, sie darin aufgehen zu lassen und sich von dem zwar nicht einlösbaren, dennoch aber unverzichtbaren Ziel freizusprechen, `Strukturen der Realität´ zu erfassen. Die Unterstellung der Existenz eines externen, dem Erkenntnisprozeß nicht zu eigenen Bezugs- und Prüfpunktes wird daher hier als konstitutiv für jede wissenschaftliche Vorgehensweise betrachtet“ 107 . Ein nicht zu erreichendes Ziel soll demnach ein Orientierungs-und Prüfpunkt für das Forschungshandeln darstellen. Dabei bleibt bei W. Meinefeld allerdings offen, wie etwas als Orientierungs- und Prüfpunkt fungieren kann, von dem ausdrücklich behauptet wird, daß man es nicht erkennen kann. An dieser Stelle sei an den „empirischen Realismus“ von I. Kant und seinen Ausführungen in „Kritik der reinen Vernunft“ verwiesen.
Das von W. Meinefeld vorgestellte Konzept der Genese und Geltung von Erkenntnis kann meines Erachtens aber auch ohne die Annahme einer vom erkennenden Subjekt unabhängigen Realität auskommen. Innerhalb dieses Konzeptes kann man ohne Erkenntnisverlust den Begriff „Realität“ durch den von W. Meinefeld selbst definierten Begriff „Wirklichkeit“ ersetzen. Dadurch verliert man „nur“ die „fiktiven“, innerhalb seiner Konzeption nicht zu erreichenden, externen Gütekriterien für das wissenschaftliche Wissen und ersetzt diese, wie zum Beispiel bei T. S. Kuhn zu sehen ist, durch die Akzeptanzkriterien der scientific com- 105 Vgl.Meinefeld, Werner, a. a. O., S. 259f.
106 Vgl. ebd.
107 Ebd., S. 261.
- 33 -munity. Allerdings würde das wissenschaftliche Wissen ohne diese externen Gütekriterien und gleichzeitig auch die Wissenschaft selber, ihren priveligierten Status verlieren, und es käme zu den von M. A. Overington beschriebenen Legitimationsproblemen der Wissen-schaft und damit auch für die sie betreibenden Wissenschaftler. Diese Konsequenzen scheinen W. Meinefeld aber nicht zu behagen, und daher führt er den aufgezeigten „cordon sanitaire“ ein.
Dagegen zeigen P. L. Berger und T. Luckmann 108 mit ihrem konstruktivistischen Ansatz einer Wissensoziologie, daß die soziale Welt trotz ihrer Gegenständlichkeit für unsere Erfahrung keinen ontologischen Status besitzen muß. Ihre Wissenssoziologie beschränkt sich dabei nicht auf das wissenschaftliche Wissen, sondern beschäftigt sich darüber hinausgehend mit dem sogenannten „Jedermannswissen“. Für sie ist die Wissenssoziologie keine Bindestrichsoziologie, sondern konstitutiv für eine allgemeine Soziologie. Sie versuchen aufzuzeigen, daß es sich nicht widerspricht, daß Gesellschaft auf der einen Seite objektive Faktizität besitzt und auf der anderen Seite durch Tätigkeiten der Subjekte, die subjektiv gemeinten Sinn zum Ausdruck bringen, konstruiert wird. Grundsätzlich gehen sie von einer Konstruiertheit der Wirklichkeit durch die Subjekte aus. Das Subjekt ist einerseits der Hervorbringer der Wirklichkeit, und andererseits wirkt diese Hervorbringung als objektive Faktizität wieder auf das Subjekt zurück. Das Subjekt und die von ihm produzierte Wirklichkeit stehen in einer reziproken Beziehung zueinander. Dieser Prozeß ist für sie ein dialektischer Prozeß, bestehend aus Externalisierung, Objektivation und Internalisierung: „Ge- sellschaftist ein menschliches Produkt, Gesellschaft ist eine objektive Wirklichkeit. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Produkt [Hervorhebungen im Original].“ 109 Dabei kann nach Angaben der Autoren das Paradoxon entstehen, daß das Subjekt fähig ist, eine Wirklichkeit zu produzieren, die es dann anders als ein menschliches Produkt erlebt. Ein Manko dieses Ansatzes ist allerdings, daß die erkennnistheoretischen und methodologischen Probleme und Implikationen von ihnen nicht erörtert werden, sondern sie diese in den Zuständigkeitsbereich der Philosophie verweisen.
108 Vgl. Berger, Peter L. und Luckmann, Thomas, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt a. M. 1980.
109 Ebd., S. 65.
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Dr. Stefan Drees, 1997, Soziale Organisation und Theorieprogramm: Zur institutionellen Biographie des AJK, München, GRIN Verlag GmbH
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