Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Müll in der Literatur 7
3. Müll bei Don DeLillo 15
3.1 Abfallmotive in DeLillos Gesamtwerk 15
3.2 Underworld: „Waste - the best-kept secret in the world“ 17
3.2.1 Die Konsum- und Mediengesellschaft und ihr (Realitäts-) Müll 17
3.2.2 „Underhistory“: Müll und Geschichte 21
3.2.3 Waste, Weapons die Gefahren des Mülls 26
3.2.4 Religion und Müll 30
3.2.5 Die weltliche Faszination des Abfalls: Sammler, Touristen und Künstler 35
3.2.5.1 Sammler 35
3.2.5.2 Touristen 38
3.2.5.3 Künstler 40
3.2.6 Mensch und Müll 43
3.2.7 Sprache und Müll in Underworld 47
4. Müll bei Paul Auster 51
4.1 Abfallmotive in Austers Werken 51
4.2 In the Country of Last Things: Die Stadt, der Müll und der Tod 53
4.2.1 Abfall und Entropie: Allgegenwärtiger Zerfall 53
4.2.2 Müll und Kunst 57
4.2.3 Sprache und Müll in In the Country of Last Things 60
4.2.4 Die Apokalypse, der Müll und der Tod 66
5. Fazit: Abschließender Vergleich der beiden Romane 69
Bibliographie 75
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1. Einleitung
Granted that disorder spoils pattern; it also provides the materials of pattern. Order implies restriction; from all possible materials, a limited selection has been made and from all possible relations a limited set has been used. So disorder by implication is unlimited, no pattern has been realized in it, but its potential for patterning is indefinite. This is why, though we seek to create order, we do not simply condemn disorder. We recognize that it is destructive to existing patterns; also that it has potentiality. It symbolizes both danger and power. Mary Douglas Im März des Jahres 1987 verließ ein riesiges Frachtschiff namens „Mobro 4000“ den New Yorker Hafen. An Bord: 3200 Tonnen Industrie- und Haushaltsabfälle, die auf eine Müllhalde in North Carolina verschifft werden sollten. Auf Grund ungenauer Absprachen jedoch wurde im Hafen von Morehead City, NC, die Entladung der unpopulären Fracht verweigert. Das Schiff fuhr weiter Richtung Süden, wurde dabei in sechs Staaten und drei Ländern abgelehnt und wendete schließlich bei Belize in Mittelamerika, um nach über acht Wochen auf See wieder New York anzusteuern. Weltweit brachte die Presse inzwischen täglich Berichte mit Horrorvisionen von Millionen von Insekten, gefährlichen medizinischen Abfällen, unerträglichem Gestank und angeblich austretenden hochgiftigen Gasen und Flüssigkeiten, und die mit dem Problem beschäftigten Politiker, die zu keiner Kompromisslösung bereit waren, verstärkten mit bürokratischer Blockadetaktik die abstruse Komik der Geschichte. Als Ende Juli schließlich der Müll auf New Yorks Fresh Kills landfill gebracht wurde, fand man weder Insekten noch gefährliche Stoffe in der Ladung der „barge heard around the world“ (vgl. Miller 3ff.), der einzige für die Medien interessante Fund war bezeichnenderweise ein Yo-Yo-Kinderspielzeug. Während Ökologen daraufhin das „Mobro 4000“-Disaster als Spitze des Eisberges einer furchtbaren garbage crisis sahen, verkauften findige Geschäftsleute kleine Portionen des berühmt gewordenen Mülls als Souvenir - eingeschweißt in Plexiglas. Diese Episode - Don DeLillo beschreibt in Underworld eine ähnliche Irrfahrt des Abfalls auf dem Meer - verdeutlicht einige Aspekte des Abfalls, die ihn so interessant für die Literatur und Kunst machen. Müll ist etwas Verdrängtes, Schmutziges, das die Menschen am liebsten aus ihrer Alltagswahrnehmung heraushalten, das aber, wenn es doch einmal an die Oberfläche tritt, als große geheimnisvolle Gefahr für die zivilisierte Ordnung wahrgenommen wird - oft mit Spekulationen und subjektiven Deutungen, die nichts mit der Realität zu tun haben. Müll hat manchmal die Möglichkeit, subjektiv einen neuen Wert zu gewinnen, wie die garbage barge-Souvenirs zeigen, und Müll fällt gelegentlich wie ein Yo-Yo auf seinen Verursacher zurück.
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In der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts und der Kunst vor allem des 20. Jahrhunderts finden sich vielfältige Darstellungen des Verdrängten, des Drecks und des Abfalls, auf die in dieser Arbeit eingegangen werden soll.
In der heutigen Gesellschaft sind Ordnung und Sauberkeit wesentliche Eckpfeiler des zivilisierten Lebens und ein Zeichen für verbesserte Lebensumstände im Vergleich zu früheren Zeiten 1 oder weniger wohlhabenden Ländern 2 . Störungen dieser Reinheit werden als Bedrohung wahrgenommen, und so lesen wir fast täglich Zeitungsberichte, die industrielle Umweltskandale, Sicherheitsmängel in Atommüll-Lagern, Ölteppiche nach Tankerunfällen, Probleme mit Weltraumschrott, Giftwolken über Großstädten oder das unaufhaltsame Wachstum des globalen Müllbergs beschreiben. Keine Woche vergeht ohne “headlines about some old dump or landfill found contaminated with something presumed dangerous. There are incessant scientists’ warnings, public protests, toxic-waste editorials, […] government directives” (White 456). Die furchtbaren Bilder von Tschernobyl-Opfern oder von entstellten Menschen nach dem Dioxin-Unfall in Seveso/Italien 1979, wo radioaktive Strahlung bzw. Giftgase als Abfallprodukte einer Katastrophe die Umgebung bedrohten, haben sich in das öffentliche Bewusstsein eingebrannt.
Verseuchtes Grundwasser, verschmutzte Strände und verendende Tiere sind in die alltägliche Wahrnehmung eingeschrieben und werden wie zyklisch wiederkehrende Tornados als Begleitphänomen einer weltweiten Massenkultur rezipiert, die inzwischen den Export hochtoxischen Mülls für ebenso notwendig erachtet wie die globale Wiederverwertung von Gebrauchsgütern, die, mit dem Grünen Punkt versehen, die Dritte Welt kolonisieren. (Werth 131)
Die größte Deponie der Welt, Fresh Kills auf Staten Island (südlich von New York) mit einem geschätzten Volumen von über 100 Millionen Tonnen, ist höher als die nahe gelegene
1 Oft macht man sich als Konsument nicht klar, dass die heutige Art der Müllproduktion noch ein sehr junges Phänomen ist. „Über Tausende von Jahren waren die vom Menschen verwendeten - und somit auch die von ihm ausgesonderten - Materialien organische Stoffe, die die Natur vollständig in ihre biologischen Zyklen reintegrieren konnte; oder es waren nichtzersetzbare Stoffe, die weder vor noch nach dem Gebrauch durch den Menschen das Gleichgewicht der Natur veränderten. Doch der industrielle Fortschritt - zuerst im Hüttenwesen und dann in der Karbo- und Petrochemie und schließlich das Aufkommen neuer Komposita, deren Eigenschaften zum großen Teil auf die Irreversibilität der Prozesse rückführbar sind, durch die sie hergestellt wurdenreduzierte die Menge der Stoffe biologischen Ursprungs zugunsten von Produkten, die sich nicht auf natürliche Weise zersetzen“ (Viale 143f.). In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte sich nicht nur in Amerika eine Gesellschaft, die Wegwerfprodukte als Zeichen von Fortschritt und Reichtum sah: “From the start, ‘disposability’ was promoted for its ability to make people feel rich: with throwaway products, they could obtain levels of cleanliness and convenience once available only to people with many servants” (Strasser 9). Hinzu kamen Überproduktion (beispielsweise nicht absetzbare landwirtschaftliche Erzeugnisse), Modetrends und ständiger technologischer Fortschritt („planned obsolescence“), wodurch immer häufiger intakte Dinge weggeworfen oder ersetzt wurden.
2 Diese Diskrepanz wird vorerst auch bestehen bleiben, denn der Transport hochgefährlicher Abfälle in Dritte Welt-Länder ist eine gerne genutzte Variante, um die ungeliebte Fracht aus dem eigenen Blickfeld zu entfernen, wobei man zur Gewissensberuhigung Geldbeträge zahlt, die für die Zielländer ein kleines Vermögen darstellen.
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Freiheitsstatue und angeblich neben der chinesischen Mauer das zweite von Menschen erschaffene Gebilde, das aus dem All sichtbar ist (vgl. Johnson). Die USA sind mit großem Abstand weltweiter Spitzenreiter, was die Müllproduktion betrifft.
In den letzten 30 Jahren waren es jedoch nicht nur die offensichtlichen ökologischen Implikationen, die den Diskurs über dieses Thema bestimmten, er beinhaltete zudem allgemeine Debatten über Sauberkeit und Schmutz, Wert und Unwert, moralisch Verwerfliches und Akzeptiertes, Beständigkeit und Zerfall, Sicherheit und Gefährdung, Schönes und Widerwärtiges, Ordnung und Unordnung. Großes öffentliches Interesse erregten in den 70er Jahren so genannte garbage guerillas, die den Hausmüll von Prominenten raubten und ihre Entdeckungen veröffentlichten. „Erfinder“ dieser Investigativ-Methode war der Journalist A.J. Weberman, der u.a. die Hinterlassenschaften von Bob Dylan und Muhammed Ali erforschte, was Nachahmer dazu inspirierte, Abfälle weiterer celebrities, auch von Politikern wie Henry Kissinger, Richard Nixon oder Jimmy Carter, nach nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Erkenntnissen zu untersuchen (vgl. Rathje 17f.). Mülldiebstahl ist nicht illegal - schließlich wird die Tonne auf die Straße gestellt, weil ihr Inhalt entfernt werden soll, und sie gehört damit „juristisch nicht mehr der geschützten Privatsphäre“ (Cahn 674) an. Jedoch kann der Müll ähnlich Privates über seinen Besitzer preisgeben wie ein abgehörter Telefonanruf, entsprechend suchen inzwischen auch Polizei und Geheimdienste auf die gleiche Art wie Weberman bei Verdächtigen nach Indizien 3 . Weil viele große Firmen, Politiker und Dienstleistungs-Agenturen eine gewisse Zurückhaltung in Bezug auf ihren Abfall wahren wollen, gibt es beispielsweise in Japan eine spezialisierte Firma namens „Nihon Purple“, die über 600 Panzerwagen verfügt, um - zu einem deutlich höheren Tarif als bei der üblichen Müllabfuhr - den Müll von Kunden diskret und sicher fortzuschaffen (vgl. Viale 106f.). Doch nicht nur in dem Sinne, dass seine unauffällige Entfernung gewährleistet werden soll, kann Müll eine über das reine Material hinausgehende Bedeutung bzw. einen Wert entwickeln: In seiner Rubbish Theory beschreibt Thompson Objekte, die über Jahre hinweg als wertlos angesehen werden - seien es Antiquitäten auf dem Dachboden, ein spezieller Architekturstil oder eine Mode - plötzlich jedoch von der öffentlichen Meinung zu etwas Besonderem, Wertvollem erhoben werden und damit den Schritt von rubbish zu durable schaffen. Mary Douglas, die mit ihrer kulturvergleichenden Studie Purity and Danger - An Analysis of Concepts of Pollution and Taboo 1970 eine der Ersten war, die dieses Thema
3 Rathje führt als Beispiel den Fall von Joseph Bonanno an, dessen Verbindungen zur Mafia nachgewiesen werden konnten, nachdem über einen Zeitraum von drei Jahren seine Abfälle unbemerkt gegen gefälschten (!) Hausmüll ausgetauscht wurden, wobei detaillierte Dokumente zu kriminellen Transaktionen sichergestellt werden konnten (19).
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wissenschaftlich behandelte, kommt entsprechend zu dem Ergebnis, dass „[t]here is no such thing as absolute dirt: it exists in the eye of the beholder“ (12). An amerikanischen Universitäten beschäftigt sich ernsthafte anthropologische Forschung mit dem Abfall, besonders hervorzuheben ist hier das seit 1971 bestehende garbage project an der University of Arizona, das empirische archäologische Studien auf Müllhalden betreibt (im Oxford English Dictionary findet sich hierzu inzwischen die offizielle Bezeichnung „garbology“) und präzisere Ergebnisse über Konsumgewohnheiten und schichtspezifische Eigenheiten zu Tage fördert als jeder Fragebogen und jedes Interview. Auch Konsumtrends verschiedener Zeiten können voneinander abgegrenzt werden. „Die Abfälle zeugen unmittelbar, detailliert und eindeutig von den Gewohnheiten und dem Verhalten dessen, der sie produziert hat, auch jenseits der Konventionen oder der Wahrnehmung, die er von sich selbst hat“ (Viale 36f.).
Einer der Mitbegründer des Projekts, William Rathje, Professor für Anthropologie und Archäologie, beschreibt die wissenschaftliche Faszination am Weggeworfenen: „[W]e look at our own refuse to learn about our own civilisation, in terms of the behavior that produces the things we throw away. Our trash is the unvarnished imprint of our life-styles“ (zitiert in White 427). Für die Forscher wird das landfill zu einem archäologischen Ausgrabungsgebiet, - der Vergleich ist insofern passend, als Altertumsforscher kaum etwas anderes tun, als im Abfall vergangener Zeiten nach Erkenntnissen zu suchen - und datiert werden tiefer liegende Müllschichten dank gut erhaltener Zeitungsausschnitte oder nur zu einem speziellen Zeitraum hergestellter Produktvariationen. Die Forschungsergebnisse zeigen nicht nur deutliche Ungenauigkeiten, was die Einschätzung der Konsumenten zu ihrer eigenen Müllproduktion betrifft, sondern auch vollkommen unrealistische Vorstellungen darüber, welche Mengenanteile verschiedener Arten von Abfällen die Deponien und Verbrennungsanlangen belasten: In einer Umfrage von 1989 schätzten Verbraucher das Volumen von Fast Food-Verpackungen auf 20-30%, Styroporverbindungen auf 25-40% und Einwegwindeln auf 25-45%, was sich zu kaum denkbaren 70% bis zu unmöglichen 125% allein für diese drei Bereiche addieren würde (vgl. Rathje 97). Genaue Messungen ergaben, dass die genannten Gegenstände zusammen gerade einmal 3% des Müllberges ausmachen, während ein bedeutend größerer Teil aus Papier, Glas und Bauschutt besteht (99ff.). „There are few other subjects of public significance on which popular and official opinion is so consistently misinformed“ (28).
Diese Fehleinschätzungen sind sicherlich einer der Gründe, warum das Thema “Müll” analog zu seinem Bedeutungszuwachs in der Gesellschaft auch in der Literatur, bildenden Kunst und
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Malerei neue Ausdrucks- und Provokationsmöglichkeiten mit sich brachte. Die Faszination des Abfalls liegt im Geheimnisvollen, Verborgenen, Verdrängten, seine Untersuchung bringt Erkenntnisse über den Menschen und die Gesellschaft. Zudem stellt er etwas Unangenehmes, Bedrohliches und Gefährliches dar, ein Symbol der Vergänglichkeit, kann aber auch einen eigenen subjektiven Wert entwickeln und ist in seiner Bedeutung laut Ostertag „längst auch zum kulturprägenden Phänomen“ (1) geworden.
In dieser Arbeit sollen zwei Romane - Don DeLillos Underworld (1997) und Paul Austers In the Country of Last Things (1987) - untersucht und verglichen werden, die den Müll als eines ihrer zentralen Leitmotive präsentieren und dabei viele der vorgenannten Punkte aufgreifen, aber auch zu weiterführenden Deutungen gelangen. Neben der Arbeit mit Sekundärliteratur zur Darlegung der Interpretationsansätze des heutigen Forschungsstandes sollen auch Fachtexte aus den Bereichen Kunstwissenschaft, Soziologie und Anthropologie hinzugezogen werden, die zum Verständnis der in den Primärtexten geäußerten Ideen und Konzepte hilfreich erscheinen. Die Vielfältigkeit der Interpretationsmöglichkeiten von Abfallmotiven, ihre kulturelle und historische Relevanz und die zahlreichen herstellbaren Querverbindungen zu anderen Bereichen sollen herausgearbeitet werden und damit der Müll als wichtiges und vielgestaltiges Zeichen in der zeitgenössischen amerikanischen Literatur gekennzeichnet werden. Zugleich sollen Parallelen zwischen den beiden Autoren aufgezeigt werden, die eine stärkere Verwandtschaft ihres künstlerischen Schaffens vermuten lassen als häufig angenommen wird.
Vor der detaillierten Betrachtung der beiden Romane folgt zunächst zur besseren Einordnung ein Überblick über Thematisierungen des Abfalls in der - auch außeramerikanischen -Literatur seit dem 19. Jahrhundert.
2. Müll in der Literatur
All the little tragedies are evident in junk. Edward Kienholz
Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts sind Abfallphänomene speziell in der amerikanischen Literatur zu einem häufig gebrauchten Symbol und Beschreibungsgegenstand geworden. Doch auch vorher beschäftigte sich die Literatur in der gesamten westlichen Welt mit dem Ausgedienten und Kaputten:
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Wenn wir den Müll in die generelle Kategorie eines veralteten und nichtfunktionalen Objekts zurückführen, wird er zu einer der Hauptfiguren in der Literatur des Okzidents, zumindest seit jener ‚historischen Wende‘, die in etwa mit der industriellen Revolution zusammenfällt. (Viale 114f.)
Die industrielle Revolution und Fortschritte in der Chemie sorgten dafür, dass der Mensch erstmals in der Lage war, aus der Natur Dinge herzustellen, die sich nicht von selber zersetzten bzw. in der gleichen soliden Form an die Natur zurückgeben ließen, deren Verwandlung in ein Konsumobjekt und anschließend in Müll irreversibel wurde. Schon Charles Dickens’ London ist vom Unrat geplagt, und so ist etwa Gaffer Hexam, einer der Charaktere in Our mutual Friend, ein scavenger, der in der Themse nach verwertbarem Treibgut fischt und nicht davor zurückschreckt, die Taschen von Wasserleichen zu durchsuchen. Als Leitmotiv fungieren überall auftauchende dust-heaps, mit denen der verstorbene Vater des Protagonisten John Harmon als Abfallhändler viel Geld verdiente, sowie die zum Abwasserkanal gewordene Themse, die symbolisch das schmutzig und schäbig gewordene Leben widerspiegelt. Baudelaire war fasziniert von Pariser Lumpensammlern und beschrieb detailliert die sorgfältige Auswahltätigkeit dieser Lebenskünstler im Müll der Stadt: Anders als bei Dickens interessiert ihn das kreative Potential des Abfalls, nicht dessen metaphorische Bedeutung als Symbol für den Niedergang der Menschheit. Im Amerika des 19. Jahrhunderts setzten sich Emersons Nature und Thoreaus Walden mit der Entfremdung des Menschen von der Natur auseinander, und schon vorher prangert James Fenimore Coopers The Prairie das Eindringen der Zivilisation und ihres Mülls in die sich selbst regulierende naturnahe Lebensweise der Indianer an:
Look around you men; what will the Yankee choppers say, when they have cut their path from the eastern to the western waters, and find that a hand, which can lay the ‘arth bare at a blow, has been here and swept the country, in very mockery of their wickedness. They will turn on their tracks like a fox that doubles, and then the rank smell of their footsteps will show them the madness of their waste. (83) Auch Walt Whitman konzentrierte sich in seinen Werken auf Alltagsgegenstände und Abfälle, die er als wertvolle Erkenntnisgrundlage sah: “I do not doubt but the majesty and beauty of the world […] I do not doubt there is far more in trivialities, insects, vulgar poems, dwarfs, weeds, rejected refuse, than I have supposed” (Whitman). Upton Sinclair beschrieb in The Jungle sehr konkret die ekelerregenden, stinkenden Abfallberge, die die Zivilisation von sich weg schiebt, aus der Stadt heraus, wo die Kinder der Armen nach noch Verwertbarem in den garbage dumps suchen. Hier legt der Literat Missstände der Gesellschaft offen, die Anfang des 20. Jahrhunderts - wie heute - von dieser verdrängt wurden, und erregte damit so
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viel Aufsehen, dass die amerikanischen Hygienegesetze verschärft wurden und Europa den Import amerikanischer Lebensmittel einschränkte. Müllszenarien als Abbild einer sich im industriellen Umschwung befindlichen Gesellschaft prägen die amerikanische Moderne, etwa wenn John Dos Passos in Manhattan Transfer den Protagonisten in der Schlussszene durch eine von Industrieschrott überflutete Stadtszenerie laufen lässt:
Sunrise finds him walking along a cement road between dumping grounds full of smoking rubbishpiles. The sun shines redly through the mist on rusty donkeyengines, skeleton trucks, wishbones of Fords, shapeless masses of corroding metal. Jimmy walks fast to get out of the smell. (Dos Passos 360)
Eine apokalyptische, tote Atmosphäre wird durch die Beiprodukte des menschlichen Fortschritts ausgelöst, schon früh erkennt Dos Passos die Nachteile einer sich gerade entwickelnden Konsum- und Wegwerfkultur. Auch der soziale Aspekt einer Zweiklassengesellschaft - die luxus- und fortschrittsbesessenen Reichen produzieren ohne Bedenken Müllberge, zwischen denen die Armen leben müssen - kommt hier zur Geltung: “They build their Plaza Hotels and their millionaire’s clubs and their million dollar theayters [sic] and their battleships and what do they leave us? ... They leave us shopsickness an [sic] the rickets and a lot of dirty streets full of garbage cans” (Dos Passos 232). Der Roman ist selbst eine bricolage verschiedener Textsorten; „die Kunststadt des Textes, […] die Dos Passos als Collage aus Schlagertexten, Werbeslogans, Schlagzeilen, Zeitungsausschnitten, den verschiedensten Materialien der neuen Konsum- und Stadtkultur 4 , zusammensetzt“ (Ickstadt 203), stellt in ihrer Konstruktion selbst eine Art von „Müllverwertung“ dar.
Fitzgeralds The Great Gatsby beschreibt eine entropierende Welt, in der das Kaputte, die Asche - Erzähler Nick Carraway durchquert ganz in der Nähe der Nobelvillen der Reichen ein valley of ashes (vgl. Fitzgerald 21) - eine zentrale Metapher für den allgemeinen Zerfall der amerikanischen Ideale darstellt. Eine Welt in Trümmern beschreibt auch T.S. Eliots The Waste Land, das in pessimistischer Nachkriegsstimmung die Geschichte mit Abfall vergleicht und zudem feststellt „that waste and literature function as cultural productions that illuminate the civilizations from which they derive“ (Gleason 130). Nicht nur die Vergänglichkeit der Dinge wird beklagt, es wird auch ein Erkenntnisgehalt in Abfällen festgestellt und damit ein Grundgedanke der literarischen Abfallbeschreibungen in der Postmoderne vorweggenommen.
4 Schon im Jahr 1900 wirft Theodore Dreisers Sister Carrie einen kritischen Blick auf die sich entwickelnde Konsumgesellschaft und präsentiert menschliche Schicksale wie Produktlebenszyklen: Die Lebensläufe von Carrie und ihrem Liebhaber Hurstwood ähneln „den Lebensgeschichten von Konsumgütern, die nur so lange Wert behalten, wie sie frisch sind: Hurstwood […] ist abgenutzt wie ein Paar Schuhe. Die Bowery ist ein Abfallhaufen abgenutzter und verbrauchter Menschen“ (Ickstadt 202).
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Nathanael West beschreibt in seinem Hollywood-Roman The Day of the Locust einen “dream dump” (West 353), den die Romanfigur Tod bei ihrem Rundgang durch die irreale Welt der ständig wechselnden, meist nur aus Fassaden bestehenden Hollywood-Kulissen entdeckt. Hier sind die aus Styropor und Pappe bestehenden Utensilien von bereits gedrehten Filmen angehäuft; die Welt der Illusionen zeigt ihr wahres Gesicht bzw. das, was von den Illusionen übrig bleibt, in einem riesigen Abfallberg, wodurch metaphorisch die Unerfüllbarkeit dieser künstlich erschaffenen Träume thematisiert wird.
In der Lyrik der Moderne werden Abfälle bei William Carlos Williams und Wallace Stevens zum Anschauungsobjekt des Künstlers, denn beide haben das Ziel “of writing a poetry of things rather than ideas” (Baym 1185) und wollen damit die amerikanische Realität repräsentieren. Williams’ Dichtung “stayed at the surface of life, presenting details of the urban, ordinary scene around him without comment” (Baym 1185), und Werke wie “Spring and All” (1923), “To Elsie” (1923) oder “The Term” (1937) stellen Müll und Dreck als amerikanische Alltagsrealität dar.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkt sich - analog zum sich langsam entwickelnden Bewusstwerden eines Müllproblems - das Interesse sowohl der bildenden Kunst und Malerei als auch der Literatur an dieser Thematik. Mit den Kriegserfahrungen, speziell auch dem Trauma von Vietnam, bildet sich unter den Intellektuellen “a doomed sense of America transforming its God-Given plentitude to a heap of waste which can be neither recycled nor disposed of” (Tanner 1989, 9) heraus, worin sich - wie das schon Nathanael West andeuten wollte - das Scheitern der Visionen des amerikanischen Traums offenbart. Die beat generation befasst sich mit dem Abfall der Gesellschaft, den junkies, hobos und freaks; und Ralph Ellison lässt seinen Invisible Man 5 in einem mit Unrat gefüllten Loch hausen. Die Schriftsteller der Postmoderne versuchen, bisher da gewesene Normen und Konventionen in Frage zu stellen, zu persiflieren, zu zerstören. In der angestrebten Verbindung bzw. Wertangleichung von „high“ und „low culture“ wird der Abfall wie selbstverständlich zu einem wichtigen Erkenntnisobjekt, zugleich ist er ein Beiprodukt der Zerstörung geltender Regeln: Ihab Hassan hält den Akt des unmaking für einen wesentlichen Kernpunkt post-moderner Theorien, für ihn beinhaltet der Diskurs Begriffe wie „decreation, disintegration, deconstruction, decenterment, difference, discontinuity, disjunction, disappearance, decomposition, de-definition, demystification, detotalization, delegitimisation“ (Hassan 92). So kann die Zerstörung selbst, das Erzeugen von Abfall, zum kreativen Akt werden, wie das
5 Hier wird ein Farbiger wie human waste behandelt, die Probleme des Rassismus zeigen sich analog zur Müllproblematik im Ignorieren und Verdrängen von Offensichtlichem: “I am invisible, understand, simply because people refuse to see me” (Ellison 1903).
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auch einige Künstler der Nachkriegszeit praktizierten, etwa Robert Rauschenberg, der sich 1953 von dem bekannten New Yorker Maler Willem de Kooning eine Zeichnung erbat, um sie auszuradieren, mit Passepartout und Rahmen zu versehen und dann unter der Bezeichnung ‚Erased de Kooning Drawing. Robert Rauschenberg. 1953’ auszustellen (vgl. Damus 285). Die Bedeutungsüberfrachtung, inflationäre Zunahme und Endlos-Reproduktion von Zeichen und Wörtern - so wie die ständig neuen Produkte der Massenproduktion an Wert verlieren, büßen auch Wörter ihren Bedeutungsgehalt ein - bringt Schriftsteller wie William Burroughs 6 oder Donald Barthelme dazu, sich mit Sprachmüll auseinanderzusetzen. Letzterer reiht collagenartig nach dem Vorbild der bildenden Künstler Schwitters oder Rauschenberg verschiedenste Textsorten und Fragmente aneinander, zitiert aus Werbung, Medien, Märchen, Literatur- und Weltgeschichte. Ist allein diese Art der Kunsterschaffung eine Art von Abfalllese (vgl. hierzu Dos Passos’ Manhattan Transfer), beschäftigen sich auch seine im urbanen Dreck der Großstadt lebenden Charaktere mit trash; so erhoffen sich etwa die Zwerge in Snow White durch den Verkauf sinnloser Plastic Buffalo Humps „to be on the leading edge of this trash phenomenon“ (Barthelme 97), in welchem sie in ihrer absurden Logik angesichts jährlich wachsender Müllberge die Zukunft der Wirtschaft sehen. Einer der Zwerge ist davon überzeugt, „dass der vermüllte Zustand der Sprache analog zur Überproduktion von gebrauchswertfreien Produkten der Gesellschaft maximalen Konsums verstanden werden sollte“ (Ostertag 84), womit sich Barthelmes Sprachmüll-collagierender Textaufbau dem konsum- und sprachkritischen Thema anpasst.
Ähnlich unterstreicht auch William Gaddis durch seinen fragmentarischen Kompositionsstil, beispielsweise in JR, den entropierenden Charakter der Sprache, der sich in dem rapiden Informationszuwachs bei gleichzeitigem Zerfall von Kommunikation offenbart. “In JR the form is fragmented, shattered, because that’s what the content is about too. It is about the total fragmentation and chaos, the total chaos which is the last step in entropy, when everything is settled and everything equals everything else” (Logan 179). In JR lenken skatologische Motive, die beispielsweise auch bei Mailer, Reed, Coover, Vonnegut, Barth und Burroughs eine Rolle spielen (vgl. Ostertag 53), die Aufmerksamkeit des Lesers auf eine weitere Art des sonst Ungehörigen, Verdrängten:
6 Burroughs thematisiert in „The Job“ die Gefangenschaft des Menschen in seiner Sprache: “At the end of this book in a Utopian vision he imagines a machine which will ‘vibrate the words loose from the body’ of the human patient who will then leave ‘the old verbal garbage behind’ (i.e. be freed from implanted alien patterns of perception and conception) and receive the ‘baptism of silence’. He will then see things as they really are. This represents a modern formulation of an old American dream” (Tanner 1971, 28).
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The apartment where Bast, Gibbs, and Eigen try to work is a rubbish heap of unused and unusable products. Garbage and excrement mark urban and suburban settings. Scenes take place in toilets: shit is found in Bast’s piano, in J.R.’s speech (‘holy shit’), and secretly spelled in JR Corporation logo. (Kuehl 262)
In Thomas Pynchons Gravity’s Rainbow “[w]e find a vessel called Toiletship, and episodes titled Shit ‘N’ Shinola, An incident in the Transvestites’ Toilet, and Listening to the Toilet” (Kuehl 262). Vom gleichen Autor ist The Crying of Lot 49 als exemplarischer Müll-Roman -und wichtiger Intertext zu Underworld - zu nennen, in dem Oedipa Maas auf den Spuren des Untergrund-Netzwerkes „W.A.S.T.E.“ nach einem Gegenentwurf der Welt, nach „Strukturen und Mustern, nach plots und patterns“ (Ostertag 55) sucht und „zur Historikerin des Marginalen und Verschütteten“ (62) wird. Dabei muss sie feststellen,
daß Kalifornien durch das kollektive Heilsversprechen der schönen neuen Welt des Konsums und durch die elektronische Verdichtung seiner Kommunikationsnetze sowohl dem müllproduzierenden thermodynamischen, als auch dem noiseproduzierenden informationstheoretischen Entropieprozeß unterliegt. Das
Nebenprodukt aus diesen Prozessen ist ‚menschliche Entropie’, der Verlust von Gemeinschaft und Selbst. (59)
Das Ergebnis ihrer von Paranoia und Zweifeln geprägten Odyssee ist die Erkenntnis, dass in der riesigen Informationsmenge der Realität eine sichere Interpretation von Zeichen vollkommen unmöglich ist, jede Deutung, jedes Herstellen von Verbindungen ist ein rein subjektiver gedanklicher Prozess, weil „die Spannung zwischen unaufhebbarer Desorganisation -Müll als Sinnabfall - und produktiver Informationsverarbeitung - Abfall als substanzieller Sinnressource - nie eindeutig aufgelöst wird“ (Ostertag 57). Pynchon präsentiert folglich den Müll bzw. die von der offiziellen Geschichte übersehenen Nebenschauplätze einerseits als potentielles Erkenntnisobjekt - viele der Hinweise kommen zudem von Menschen, die gemeinhin als „Abfall der Gesellschaft“ bezeichnet werden (Obdachlose, Verrückte, Entstellte, Ausgegrenzte) -, zugleich jedoch wird die Möglichkeit epistemologischer Gewissheit per se in Frage gestellt.
E. L. Doctorow sieht laut Wutz die Aufgabe des Schriftstellers in genau der Tätigkeit, die Pynchons Oedipa ausübt: “Doctorow suggests that the serious novel can acquire important cultural legitimacy by locating itself in the interstices of contemporary knowledge and information production” (Wutz 502), denn Fiktion und Literatur im Allgemeinen kann, genau wie die Hinweise, die Oedipa zu interpretieren sucht,
be seen to distinguish itself from other forms of text precisely by its communicative unfinality or indeterminacy, to produce ‘noise in the channel’; that is, it sacrifices
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communicative transparency for a unique mixture of codes that harbor a built-in residue of inexhaustible meaning. (531)
Doctorow beschreibt den kreativen Prozess beim Schreiben seiner Bücher und insbesondere von Ragtime als Zusammenfügen verschiedener Leben und Geschichten, die der Autor erlebt oder von denen er gehört hat, seine Tätigkeit besteht darin “to take bits and scraps of discarded material and sew them together to make something new“ (Silverblatt 216). Wo Doctorow die Relevanz und die Stärke der Literatur sieht, nämlich in ihrem Abweichen von der Massenkultur, erkannte Jonathan Franzen in einem vieldiskutierten Essay ihre große Schwäche: Für ihn ist Literatur selbst eine Art von Abfall 7 , weil sie nicht in Einklang mit der von der Industrie diktierten Wegwerf-Mentalität zu bringen ist:
The consumer economy loves a product that sells at a premium, wears out quickly or is susceptible to regular improvement, and offers with each improvement some marginal gain in usefulness. To an economy like this, news that stays news is not merely an inferior product; it's an antithetical product. A classic work of literature is inexpensive, infinitely reusable, and, worst of all, unimprovable. (Franzen)
Literatur wird von Fernsehen, Film und Popmusik an den Rand der Kultur gedrängt, weil diese besser für den schnellen Massen-Konsum zugeschnitten sind und weil sich kulturelle Relevanz scheinbar nur noch an Verkaufszahlen messen lässt. Paradoxerweise wird laut Franzen der Roman zu Müll, weil er sich nicht den Gesetzen der Massen- und Informationskultur unterwirft 8 , die in ihrem täglichen und stündlichen Streben nach Neuem Unmengen von Informationsabfall produziert, der aber wenigstens kurzzeitig in hohem Maß rezipiert wird. „I see the authority of the novel in the nineteenth and early twentieth centuries as an accident of history - of having no competitors” (Franzen). Der Roman ist gerade durch seine Dauerhaftigkeit und Unveränderlichkeit nicht mehr zeitgemäß, und wenn er es als Verkaufserfolg doch einmal schafft, kulturelle Relevanz zu erhalten, wird er auf andere Art zu Müll, da Studien zufolge ein anspruchsvoller Bestseller von der Hälfte der Käufer nur ins Regal gestellt und nie gelesen wird (vgl. Franzen).
Unter den Romanautoren, die sich in ihrem Werk mit Abfall auseinandersetzen, ist noch William Gibson zu erwähnen, der in seinen Cyberpunk-Romanen sowohl konkreten Technik-
7 Eineähnliche Ansicht vertritt Frederic Jameson, der andere Medien wie Film und Fernsehen in der post-modernen Kultur für überlegen hält (68).
8 Don DeLillo sieht genau darin die Stärke des Romans, ähnlich wie Doctorow würde er Franzen widersprechen, denn er “doesn’t think that the increasingly marginal status of the serious novelist is necessarily awful. By being marginal, he may end up being more significant, more respected, sharper in his observations” (Remnick 48). Seiner Meinung nach kann gerade durch diese Marginalität ein besonderes Interesse und eine besondere Relevanz in der öffentlichen Wahrnehmung erzeugt werden.
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schrott in einer vermüllten Großstadt als auch den Datenmüll einer immer stärker auf Computer fixierten Gesellschaft beschreibt. In jüngster Vergangenheit beschäftigen sich David Markson - seine Romane sind Collagen aus verschiedensten, teils kaum zusammenhängenden Quellen aus Literatur, Wissenschaft und Philosophie - und William T. Vollmann 9 mit dem Müll als Objekt literarischer Betrachtung und Verwertung.
Paul Auster und Don DeLillo setzen sich in vielen ihrer Werke mit Abfall und Müll auseinander, wie in den entsprechenden Kapiteln genauer erläutert werden soll, und scheinen sich mit einigen ihrer Werke in einer Art Dialog zu befinden, wenn sie ähnliche Themen behandeln 10 . Warum eignen sich nun In the Country of Last Things und Underworld besonders gut für eine Gegenüberstellung? Ein selbstverständlicher Grund ist die Tatsache, dass beide Werke den Müll als zentrales Leitmotiv präsentieren, jedoch mit unterschiedlichen Ansatzpunkten: Austers Briefroman ist eine apokalyptische Dystopie, in der allgegenwärtiger Zerfall den Alltag bestimmt, wo die Konsumwelt der Waren einer Notstandsgesellschaft gewichen ist, die verzweifelt versucht, Kaputtem vor der endgültigen Nutzlosigkeit noch einen Wert abzugewinnen. DeLillo hingegen betont mehr den beständigen Charakter von Müll, der durch seine schiere Menge und Unzerstörbarkeit zu einem Entsorgungsproblem wird, und stellt auf den über 800 Seiten dieses Werkes unzählige erkenntnisbringende Aspekte und Querverbindungen des Abfalls heraus, die von den in diesem Kapitel erwähnten Autoren nach 1950 - analog dazu beginnt auch die Handlung des Romans in den 1950er Jahren - teilweise schon angedeutet wurden. Durch das jüngere Erscheinungsdatum beider Romane ist nicht nur gewährleistet, dass noch nicht so umfassende Sekundärliteratur vorhanden ist wie etwa zu The Crying of Lot 49 oder Snow White 11 , sondern auch die Möglichkeit gegeben, Bezüge zur tagesaktuellen Müllproblematik herzustellen. Weil die Gegenwart in Underworld Anfang der 1990er-Jahre angesetzt ist, In the Country of Last Things dagegen zeitlich nicht fixiert ist und als Zukunfts- und Nachfolgeszenario verstanden werden kann, soll zunächst DeLillos Roman betrachtet werden.
9 Hierzu Joseph Tabbi: “Markson's Reader's Block ends with one word, 'wastebasket.' And pretty much all of Vollmann [deals with garbage] but there's one truly remarkable essay, where he documents his travels on a raft across the U.S./Mexican border, looking for the Mexican source of the river that provides most of the water for California. the whole thing is pretty much concreted in, a river turned sewage pipe. And there's Vollmann the reporter, up sh*t's creek with a turd for a paddle” (Tabbi).
10 Einige Beispiele hierfür: DeLillos Mao II (1991) handelt von einem Schriftsteller, der Angst hat, von Terroristen in seiner gesellschaftlichen Relevanz abgelöst zu werden, und in ein Terroristendrama hineingezogen wird. In Austers Leviathan (1992, DeLillo gewidmet) wird ein Schriftsteller selbst zum Bombenleger, und DeLillos Cosmopolis (2003, Auster gewidmet) behandelt Auster-typische Zufallsereignisse, Quest- und Verlustmotive. Inwieweit auch zwischen Underworld und In the Country of Last Things Parallelen - nicht nur in Bezug auf den Müll - festzustellen sind, soll diese Arbeit zeigen.
11 Diese beiden Beispiele sind die einzigen von mir entdeckten Romane des amerikanischen Literaturkanons, in denen trash und waste einen vergleichbar hohen leitmotivischen Stellenwert einnehmen wie in den von mir gewählten Werken.
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3. Müll bei Don DeLillo
3.1 Abfallmotive in DeLillos Gesamtwerk
Es spricht nichts gegen die unerbittliche Regel, die besagt, dass das Virtuelle das Reale als Abfall produziert. Jean Baudrillard
Für mich ist der Müllplatz eine Parallelwelt zur anderen, ein Spiegel dessen, was das eigentliche Wesen der Gesellschaft ausmacht. Michel Tournier
Don DeLillo beschäftigt sich in seinem Gesamtwerk immer wieder mit Müll und Abfällen. Häufig zitiert wird eine Passage aus White Noise, die Jack Gladneys Suche nach der Droge „Dylar“ im rechteckig komprimierten Haushaltsmüll beschreibt und intime Details über seine Familie preisgibt.
An oozing cube of semi-mangled cans, clothes hangers, animal bones and other refuse. The bottles were broken, the cartons flat. Product colors were undiminished in brightness and intensity. […] I felt like an archaeologist about to sift through a finding of tool fragments and assorted cave trash. (DeLillo 1985, 258)
Die unbeschädigten Farben der bunten Verpackungsmaterialien zeigen die Dauerhaftigkeit der äußeren Hüllen von Konsumgütern, der Müll ist beständiger und - aufgrund der durch Werbung generierten Aura und auffälligen ästhetischen Gestaltung, die die Dominanz der Verpackung über den Inhalt unterstreicht - realer als das Produkt selbst. Durch die polymerische Unsterblichkeit dieser Außenhüllen im Gegensatz zur Vergänglichkeit ihres Inhaltes weist der Plastikmüll den Betrachter auf seine eigene Sterblichkeit hin. Wenn das Anhäufen von Gütern im Sinne von Freud den unausweichlichen eigenen Tod verdrängen soll, zerstört die Betrachtung des Mülls diese Illusion. Der postmoderne Archäologe kann aus den verdrängten Bruchstücken seiner Gegenwart unerwartete Erkenntnisse gewinnen, weil in der Welt von medialer Repräsentation und Manipulation solche Primärerfahrungen äußerst selten sind. Alltagsgegenstände erscheinen in einem neuen Licht, Ekel und Gestank sorgen für folgende epiphany:
Was this ours? Did it belong to us? Had we created it? […] The compressed bulk sat there like an ironic modern sculpture, massive, squat, mocking. […] I picked through it item by item, mass by shapeless mass, wondering why I felt guilty, a violator of privacy, uncovering intimate and perhaps shameful secrets. It was hard not to be distracted by some of the things they’d chosen to submit to the Juggernaut appliance. But why did I feel like a household spy? Is garbage so private? Does it glow at the core with personal heat, with signs of one’s deepest nature, clues to secret yearnings,
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humiliating flaws? What habits, fetishes, addictions, inclinations? What solitary acts, behavioral ruts? […] Was this the dark underside of consumer consciousness? (258f.) Einige der Fundstücke sind ekelhafte Badabfälle, manche scheinen gar auf pathologische Veranlagungen von Familienmitgliedern hinzuweisen. Hier zeigen sich Verhaltensformen, die nicht die Normen und Vorbilder aus Massenmedien imitieren; eine andere, unheimliche Seite der nach außen hin so perfekt angepassten Durchschnittsfamilie offenbart sich im Weg-geworfenen. Doch Müll ist in White Noise nicht nur ein Erkenntnisobjekt, sondern auch eine ganz reale Gefahr: In dem „airborne toxic event“ manifestiert sich die Rache der Natur an dem unbekümmert technologiehörigen Menschen, der zum Opfer der Risiken seines verant-wortungslosen Fortschrittsstrebens wird.
In Mao II wird die Figur Karen zum scavenger und sucht im Abfall New Yorks nach Verwertbarem (“Bottles and cans were her main mission, things that could be turned into money” (DeLillo 1992, 153)), an anderer Stelle reißt sie versehentlich aus einer Rauschenberg-artigen Collage einen Löffel mit Speiseresten ab, was Reflektionen über die Aura eines solchen Müllkunst-Fragmentes auslöst, und in einem metafiktionalen Verweis wird die Arbeit des Schriftstellers Bill Gray mit menschlicher Abfallproduktion gleichgesetzt: “He was a sitting industry of farts and belches. This is what he did for a living, sit and hawk, mucus and flatus” (136). Schon in End Zone führt ein im wasteland einer Wüstenlandschaft gefundener Haufen Kot 12 zu epistemologischer Verwirrung von Wahrnehmung und Interpretation durch den Schock des Unerwarteten, Ekelhaften: “Gary’s ritualistic enumeration of desert objects founders when he comes across a pile of excrement, a substance that releases an unchecked proliferation of associations and contexts - undoing the balanced correspondence between word and thing” (Green 579). Die ausgelösten Assoziationen äußern sich in einer gedanklichen Auflistung verschiedener Synonyme und verwandter Wörter, die Protagonist Gary mit Tod und Krankheit in Verbindung bringt. Wie Konsumabfall kann auch menschlicher bzw. tierischer Müll zum Erkenntnisobjekt werden, hier macht er Gary die sonst so seltene Nähe von Signifikant und Signifikat (vgl. vorige Fußnote) sowie die eigene Sterblichkeit deutlich. Skatologische Motive finden sich auch in Ratner’s Star, denn dort ist „shit […] universal“ (DeLillo 1976, 235) und steht symbolisch für „a mystical order in which opposites mirror and contain each other in recursive symmetries“ (Osteen 80). Der Dreck enthüllt hier einem Archäologen spiegelbildlich eine versteckte Wahrheit, die die sichtbare, wahrgenommene Geschichte in Frage stellt.
12 „Simple shit, nothing more […] perhaps the one thing that did not betray its definition“ (DeLillo 1986, 88). Weitergeführt wird dieser Gedanke in Underworld: “Something that eludes naming is automatically relegated […] to the status of shit” (U 76).
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Arbeit zitieren:
Stephan Orth, 2004, Garbage as Literature – Abfallmotive in DeLillos "Underworld" und Austers "In the Country of Last Things", München, GRIN Verlag GmbH
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