Inhaltsverzeichnis
Abstract 2
1. Einleitung 3
2. Zur soziolinguistischen Lage in Kärnten 5
2.1 Allgemeines 5
2.2 Die aktuelle soziolinguistische Situation 7
3. Literaturbericht 13
3.1 Zeitraum von 1980 bis 1995 13
3.2 Zeitraum von 1995 bis 2009 17
4. Zusammenfassung 26
5. Nachwort 27
6. Literaturverzeichnis 28
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Abstract
Abschließend wird noch einmal kurz die aktuelle soziolinguistische Lage in Kärnten beschrieben und ein Resümee zu den bisherigen Entwicklungen gezogen. Diese Beschreibung der Situation in Kärnten aus soziolinguistischer Sicht soll zur Schaffung eines Bewusstseins beitragen, dass eine gelebte Zweisprachigkeit große Vorteile für Kärnten sowohl auf kultureller als auch auf wirtschaftlicher Ebene mit sich bringen würde.
1. Einleitung
Die Soziolinguistik beschäftigt sich einerseits mit der sozialen, politischen und kulturellen Bedeutung sprachlicher Systeme und der Variationen des Sprachgebrauchs, andererseits mit den kulturellen und gesellschaftlichen Einflüssen auf die Sprache.
Die Grundfrage lautet (nach J. Fishman):
x Wer spricht wann wo mit wem welche Sprache und warum?
Ein mehrsprachiges Individuum kann die Sprache wählen, d.h. es kann im monolingualen (nur eine Sprache aktiv) oder im bilingualen Modus (nur eine oder beide Sprachen aktiv) sprechen. Das Sprachverhalten und somit die Sprachwahl hängt stark von der Domäne, entweder privat (Familie, Freundeskreis) oder öffentlich (Nachbarschaft, Religion, Beruf, Bildung), ab, wobei die Situation, die Personen und das Gesprächsthema kongruent sein sollen. Domänen sind in der Regel jeweils einer Sprache zugeordnet, manche können auch für bilingualen Modus passend sein.
Bilingualismus vs. Diglossie:
Nach Ferguson (1959) ist Diglossie die „Verwendung zweier funktional unterschiedlicher Sprachvarietäten, deren eine als niedrig (untergeordnet), die andere als hoch (übergeordnet) eingestuft wird“, während Bilingualismus die Verwendung zweier gleichwertiger Sprachen bezeichnet. Die verwendete Sprache variiert nach individuellen und sozialen Umständen wie Rollen, Gesprächsthema, Zweck des Gesprächs usw., wobei hier Kodewechsel typisch ist (laut Fishman). Nach Lüdi/Py (1984) bedeutet Kodewechsel ein „Umschalten von der einen in die andere Sprache in einer Kommunikationssituation unter Mehrsprachigen, in der mehrsprachiges Sprechen als situationsadäquat erscheint.“
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Sprachwahl kann einerseits durch den Kontext bestimmt sein (situativer Kodewechsel), andererseits selbst einen Kontext schaffen (pragmatischer Kodewechsel).
Situativer Kodewechsel: Veränderung der Situation; z.B. Typen von Diskursen, Genres wie Vorlesung vs. Diskussion (Standard vs. Dialekt) usw. Pragmatischer Kodewechsel: Markierung verschiedener Diskursfunktionen; z.B. wiedergegebene Rede, Wiederholung des Gesagten in der anderen Sprache, Qualifikation bzw. Bewertung des Gesagten usw. Der Kodewechsel ist unterteilt in: 1. Code-mixing - intrasentenzial (innerhalb eines Satzes); 2. Code-switching - sowohl intra- als auch intersentenzial (zwischen den Sätzen, aber innerhalb von Hauptsätzen); 3. Tag-switching - Nachsatz wird eingefügt.
Kodewechsel unterscheidet sich von Entlehnung („borrowing“ - innerhalb des Wortes) dadurch, dass Entlehnungen im Gegensatz zum sog. „Codeswitching“ morphologisch, syntaktisch und phonologisch integriert sind und von der Allgemeinheit akzeptiert werden. In der Regel tendieren kompetente zweisprachige Sprecher öfter zum Codeswitching als zu Entlehnungen, während weniger kompetente zweisprachige eher Lehnwörter verwenden. Die Abgrenzung zwischen Codeswitching und Entlehnung ist jedoch nicht immer klar.
2. Zur soziolinguistischen Lage in Kärnten
2.1 Allgemeines
Für die Sprachwissenschaft ist Kärnten ein interessanter Forschungsgegenstand, da die bestehende Gemischtsprachigkeit im Süden des Landes auf der Ebene der Mundart und Umgangssprache zu zahlreichen Sprachkontaktphänomenen und die im Mittelalter erfolgte ethnische Durchmischung zu einem bunten Bild in der Namenlandschaft geführt hat.
Die Siedlungssituation der Kärntner Slowenen ist heutzutage eine Streulage inmitten einer deutschsprachigen Mehrheit, aber unter Berücksichtigung der historischen Entwicklung kann man von einem slowenischen Sprachgebiet sprechen, das durch Sprachwechsel (Assimilation) zu einem Rückzugsgebiet geworden ist und als ein sog. gemischtsprachiges Gebiet bezeichnet werden kann. Nach den statistischen Angaben der Volkszählung 2001 bekannten sich weniger als 3% der Gesamtbevölkerung Kärntens ausdrücklich als slowenisch sprechend, obwohl die tatsächliche Zahl wahrscheinlich weit höher liegt. Nach Karničar [vgl. Karničar 1990] wird das Slowenische in Kärnten traditionell vier Dialekten zugeordnet, die zu einer sog. Kärntner Gruppe (Koroška skupina) zusammengefasst werden:
x Gailtaler Dialekt (Ziljsko narečje)
x Rosentaler Dialekt (Rožansko narecje) x Jauntaler Dialekt (Podjunsko narecje) x Obir-Dialekt (Obirsko narečje)
Obwohl einige administrative Maßnahmen auf Grund des Artikels 7 des Staatsvertrages des Jahres 1955, des Volksgruppengesetzes 1976 etc. verwirklicht worden sind, ist die slowenische Sprache im öffentlichen Leben wenig präsent. Die Ursachen dafür sind vielfältig, in erster Linie dürfte es daran liegen, dass in dem gemischtsprachigen Gebiet zwar alle Slowenen von Kindheit an auch die deutsche Sprache beherrschen, umgekehrt aber die deutschen Kärntner kaum über Slowenischkenntnisse verfügen.
Wenn sich auch in der jüngeren Generation die Einstellung zur slowenischen Sprache wandelt, ist jedoch noch kein Ansteigen ihres Gebrauchs im öffentlichen
5
Leben festzustellen. Slowenische Aufschriften beschränken sich zumeist auf Volksschule oder Feuerwehrhaus oder auch einigen privaten Aufschriften für Gasthäuser oder Kaufhäuser [vgl. Pohl 2000, 135]. Topographische Bezeichnungen in slowenischer Sprache sind nur in einem geringen Umfang (in den Bezirken Völkermarkt und Klagenfurt-Land) auf Grund der Straßenverkehrsordnung auf Ortstafeln und einigen Wegweisern angebracht worden (in 9 Gemeinden) sowie einigen Bahnhaltestellen im Jauntal. Jedoch ist der Gebrauch des Slowenischen als Amtssprache zusätzlich zum Deutschen bei 13 Gemeindebehörden und Gendarmerieposten und den zuständigen Bezirksgerichten sowie 63 Regionalbehörden als auch Bezirkshauptmannschaften und dem Amt der Kärntner Landesregierung zulässig. Die slowenische Sprache wird vor allem im privaten und familiären Bereich und in den slowenischen Genossenschaften, Sparkassen und Vereinen verwendet, von einer echten Gleichberechtigung kann man nur im kirchlichen Bereich sprechen [vgl. Pohl 2000, 135f]. Im gemischtsprachigen Gebiet und in der Landeshauptstadt Klagenfurt wird seit 1989 Unterricht sowohl in deutscher als auch in slowenischer Sprache angeboten; die Schüler in den Volksschulen, die zum zweisprachigen Unterricht angemeldet sind, erhalten Unterricht zu gleichen Teilen in beiden Sprachen. Die Anmeldungen sind in den letzten Jahren leicht gestiegen und laut Angaben [Minderheiten 2000, 16f] liegen sie an 63 Volksschulen bei ca. 26,5%, was bedeutet, dass nicht nur Kinder von Kärntner Slowenen am slowenischen Unterricht teilnehmen. Unter Einschluss von 16 Hauptschulen nehmen über 3000 Schüler am slowenischen Sprachunterricht teil. Im Jahre 1957 wurde in Klagenfurt das Gymnasium für Slowenen gegründet, aus dem bisher über 1000 Absolventen hervorgegangen sind. Der Hermagoras Verlag in Klagenfurt ist einer der ältesten Verlage Kärntens und hat schon mehr als 17 Millionen Bücher herausgegeben.
Im Rundfunk des Landesstudios Kärnten wird täglich 50 Minuten in slowenischer Sprache gesendet und seit einigen Jahren gibt es den privatrechtlichen Sender Radio Dva/Agora, der ein ganztägiges slowenischsprachiges Programm anbietet, sowie sonntags ein halbstündiges Fernsehprogramm (Dober dan, Koroška) im ORF. Im Jahre 1990 wurde beim Amt der Kärntner Landesregierung das Volksgruppenbüro eingerichtet, dessen Aufgabe es ist, die Kommunikation zwischen den Angehörigen der Volksgruppe und deren Organisationen mit der Kärntner Landesverwaltung zu verbessern [vgl. Pohl 2000, 136].
Die slowenische Minderheit in Kärnten unterscheidet sich von der Mehrheit fast nur durch die Sprache, die Volkskultur ist sehr ähnlich und die alte Sprachgrenze zwischen dem ursprünglich relativ geschlossenen slowenischen Sprachgebiet und dem rein deutschen Sprachgebiet hat kaum Spuren hinterlassen. Entlang der alten deutsch-slowenischen Sprachgrenze verläuft heute eine Dialektgrenze, zwischen bäuerlich geprägter Mundart auf ursprünglich deutschem Gebiet und städtisch gefärbter Mundart auf ursprünglich slowenischen Gebiet, denn Sprachwechsel hinterlässt immer seine Spuren.
Die Zukunft der slowenischen Volksgruppe liegt in erster Linie in der Hand der Kärntner Slowenen selbst und die Verantwortlichen in Gesellschafts-, Wirtschafts-und Kulturpolitik müssen konkret zur Erhaltung der Volksgruppe beitragen. Die Kärntner Slowenen sind autochthon und historisch die ältere Bevölkerung in Kärnten, ein in gemeinsamem Schicksal und in schicksalhafter Gemeinschaft mit dem überregionalen deutschen Element verbundener untrennbarer Teil der Gesamtbevölkerung. Somit sind sie ein Teil der Kärntner Identität, die es zu wahren gilt [vgl. Pohl 2000, 138].
2.2 Die aktuelle soziolinguistische Situation
In den letzten Jahren hat sich aufgrund politischer und gesellschaftlicher Veränderungen in unserem Kulturraum das Verhältnis zwischen Österreich und den slawischen Ländern grundlegend geändert und die aktuelle soziolinguistische Situation in Kärnten gewandelt. Es hat sich sowohl die Position der slowenischen Sprache durch die veränderten politischen Umstände als auch die anderer slawischer Sprachen aufgrund von Migration und beruflicher Mobilität im Kärntner Raum zum Positiven verändert. Neueste empirische Untersuchungen bilingualer Situationen und
sprachenbiographische Interviews 1 weisen darauf hin, dass heutzutage sowohl Slowenisch in einer größeren Vielzahl an Varietäten präsent ist als auch die gelebte Zweisprachigkeit bzw. Mehrsprachigkeit eine größere Rolle spielt. Auf diese neue Situation bezüglich Mehrsprachigkeit weisen auch statistische Daten, denn durch berufliche Mobilität und Migration hat sich in Kärnten die Palette an Sprachen, die bei der Volkszählung 2001 als Umgangssprache angegeben wurden, ausgeweitet.
1 Diese Untersuchungen wurden im Rahmen von Projekten am Institut für Slawistik der
Universität Klagenfurt durchgeführt.
Arbeit zitieren:
DI MMag Fabian Prilasnig, 2009, Soziolinguistische Situation in Kärnten, München, GRIN Verlag GmbH
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