bezeichnete und deren Beschaffung ebenfalls in zweifelhafter Form ablief. Dem
Kämmerer hingegen ist es nur Recht, die Situation zügig abzuschließen, sodass dieser
schließlich den Abdecker bezahlt. Als nun jedoch in der vorgelegten Szene der
Kämmerer einen Knecht beauftragt, die Rappen zur geforderten Dickfütterung und
Wiederherstellung in seine Ställe zu bringen, wird der Kämmerer von diesem und dem
Meister Himboldt aufs tiefste düpiert. Diese Erniedrigung lässt die Situation gewaltsam
eskalieren wobei Kunz dabei schwer verletzt wird. Die Stimmung im Volk richtet sich
nachfolgend zunehmend gegen Kohlhaas. Aufgrund der Angst vor Intrigen und des
Bruchs der Amnestie unternimmt dieser einen Fluchtversuch, der jedoch scheitert, und
zu seinem Todesurteil führt. Im Fortgang der Novelle ändert sich schließlich noch die
Gerichtsbarkeit des Landes, unter das Kohlhaas fällt, was ihn jedoch nicht vor dem Tode
auf dem Schafott bewahrt. Zu guter Letzt wird Kohlhaas‘ Rechtsgesuch jedoch
stattgegeben und all seinen Forderungen nachgekommen. Dem Kurfürsten von Sachsen
jedoch kostet Kohlhaas‘ Erfolg über ihn die Gesundheit und den Seelenfrieden.
Wie es zu dieser Krisis auf dem Marktplatz kommt, lässt sich an den einzelnen
Protagonisten, dem Meister Himboldt und dessen Knecht als Vertreter des Volkes und
des Kämmerers Kunz, seinerseits Vertreter des Adels, und deren Handlungsweisen klar
aufzeigen. Kohlhaas spielt in dieser Szene eine eher passive Rolle. Er taucht auf Bitte des
Kämmerers kurz auf, um die Rappen als die Seinigen anzuerkennen. Er scheint des
Disputs müde und erkennt die Rappen aus großer Distanz und ohne genauere
Musterung dieser als sein Eigen an (vgl. S. 67, Z. 38; S. 68, Z. 1f.) Daraufhin wirft Kunz
dem Abdecker seine Bezahlung entgegen und befiehlt einem Knecht, die Pferde
fortzuführen. Dieser wird jedoch von seinem Vetter, dem Meister Himboldt grob davon
abgehalten. Der Kämmerer „der über diesen Vorfall sprachlos dastand“ (S. 68, Z. 25), will
daraufhin „vor Wut schäumend“ (S. 68, Z. 28) den Meister verhaften lassen. Dem Meister
jedoch gelingt es durch geschickte Rhetorik (vgl. S. 69, Z. 3 ff.), die an Belehrung grenzt,
den Kämmerer auszuspielen und seine Handlung als zu voreilig zu brandmarken. Trotz
der geladenen Stimmung, der Wut und Emotionalität des Kämmerers und der
Anmaßung, die sich der Mann aus bürgerlichem und damit niedrigerem Standes bedient,
geht Kunz auf die Aufforderung ein, und befragt den Knecht, ob dies sein Wille sei.
Demnach muss sich Kunz ein weiteres Mal die Schmach gefallen lassen, sich nicht seiner
Willkür, die ihm durch das geltende, auf das Gottesgnadentum zurückzuführende
Machtsystem durchaus zusteht, bedienen zu können, ohne einen Aufstand des Volkes zu
riskieren. Welch ein Groll muss in des Kämmerers Brust wüten: Eine Niederlage in der
Kohlhaasschen Sache steht nun unmittelbar bevor, es liegt an ihm seinen jämmerlichen
Vetter zu verteidigen (vgl. S. 64, Z. 21ff.), und vor der versammelten Menge, die
„höhnisch auf ihn einblickte“ (S. 66, Z. 7), spricht nun auch der Abdecker mit ihm, als
wäre er ein gewöhnlicher Handeltreibender (vgl. S. 65, Z. 27ff). Der Knecht, dessen
Aversionen gegen Kunz seine Angst vor diesem in der Obhut der Bürger übersteigt (er
mischt sich „schüchtern... unter die Bürger“ vgl. S. 69, Z. 16f) erwidert nun tatsächlich
gegenüber einem Kämmerer, eines Vertreter des Adels, dass ihm diese Aufgabe „nicht
zumutbar“ sei (vgl. S. 69 Z. 18). Dieser Trotz, dieses anmaßende Verhalten, das zuvor
auch Luther an Kohlhaas missfiel (Vgl. S. 50, Z. 17), lässt den Kämmerer schlussendlich
seine Fassung verlieren. Kunz greift den Knecht „von hinten“, also von unehrenhafter
und überlegener Position an, reißt ihm den Hut vom Kopf, der „mit seinem Hauszeichen
geschmückt war“ (S. 69, Z. 19) und tritt diesen auf dem Boden zusammen. Durch diese
entehrende Aktion, denn ein Hauszeichen ist im Volk von großer Bedeutung, zieht Kunz
den Groll der Bürger nun restlos auf sich. Auf den Ausruf Meister Himboldts: „schmeißt
den Mordwüterich doch gleich zu Boden“ folgend, bedient sich Kleist nun eines
ungewohnt kurzen und prägnanten Satzbaus. Die Szene, in der Himboldt Kunz angreift,
wird dem Leser durch diese schnell aufeinander folgenden Sätze bildlich vor Augen
geführt. Durch die eines Klimax ähnliche Abfolge „warf dem Kämmerer von hinten
nieder, riss ihm Mantel, Kragen und Helm ab, wand ihm das Schwert aus der Hand...“ (S.
69, Z. 26ff.) erzeugt Kleist eine Spannung, die die Dramatik der Szene, nämlich dass ein
Bürger, dem die Folgen bzw. die Strafe die sein Handeln mit sich bringen wohl bekannt
sind, sich gegen die Obrigkeit wendet und von seinem Widerstandsrecht Gebrauch
macht, verdeutlicht. Im Kontrast zu Himboldts Mut erwähnt der Erzähler gleich darauf
wie der Junker Wenzel den Rittern zuruft, sie mögen seinem Vetter zu Hilfe eilen (Vgl. S.
69, Z. 30f.). Von Eigeninitiative jedoch keine Spur, was verständlich ist im Hinblick auf
die Gefahr, die von der Menge ausgeht, jedoch zur damaligen Zeit als unehrenhaft und
feige hätte ausgelegt werden können. Der Kämmerer, der sich beim Sturz am Kopf
verletzt hat, ist nun „der ganzen Wut der Menge preisgegeben“ (S. 69, Z. 35f.). Das Volk
wendet sich demnach geschlossen gegen die herrschende Obrigkeit und übernimmt eine
aktive Rolle. Das Eingreifen eines berittenen Trupps beendet jedoch zeitnah den Tumult,
rettet den schwer verwundeten Kunz und führt ihn nach Hause. Der „Anstifter“ Meister
Himboldt wird hingegen umgehend ins Gefängnis gebracht. Der Erzähler fasst das
Vorgefallene nun mit dem Satz: „einen so heillosen Ausgang nahm der wohl gemeinte
und redliche Versuch, dem Rosshändler [...] Genugtuung zu verschaffen“ (S. 70, Z. 8ff.)
zusammen und stellt sich selbst so deutlich auf die Seite des Adels bzw. wird dem
Anspruch eines Chronisten, eine neutrale Position innezuhalten, nicht mehr gerecht.
Kleist bedient sich eines „unzuverlässigen Erzählers“, der eig. redlich und neutral
auftreten sollte. Es besteht demnach eine Diskrepanz zwischen der Erwartungshaltung
an den vermeintlich neutralen Erzähler, und schließlich dessen Auftretens. Denn
„redlich“ und „wohlgemeint“ ist der Versuch des Kämmerers und seiner Verwandten in
keinster Weise. Eher aus Angst vor der „gefährlichen Stimmung im Volk“ (vgl. S. 57, Z.
36f.) und aus dem Vorsatz, nicht noch mehr Schande über den Namen Tronka kommen
zu lassen handeln die Protagonisten einstweilen so, wie sie es tun. Im weiteren Verlauf
werden die Rappen vernachlässigt und unbeaufsichtigt stehen gelassen (vgl. S. 70, Z.
15f.) und verkörpern so in ihrer Funktion als Dingsymbol der Novelle den Rückschlag
des kohlhaasischen Rechtsgesuches. Eine Lösung des Rechtsfalles scheint nahe, wie auch
die Genesung der Rappen, doch durch die Krisis, die sich fatal auf den Fortgang des
Prozesses auswirkt, ist ebenfalls das Schicksal der Rappen wieder ähnlich ungewiss wie
zu Beginn. Dieser Vorfall „so wenig ihn der Rosshändler auch verschuldete“ (S. 70, Z. 22)
verschlechtert nun jedoch die Stimmung des Volkes eher zugunsten der Obrigkeit und
gegen Kohlhaas. Dieses Paradoxon lässt sich damit erklären, dass die Absichten des
Volkes eher auf eine Sicherstellung der eigenen Unversehrtheit und des ungestörten
Friedens konzentriert sind, als auf eine gerechte individuelle Rechtsprechung. Schon als
Kohlhaas Wittenberg brandschatzte, wendet sich der Groll der Bürger statt gegen den
Verursacher ihres Leidens gegen den Junker, da dessen Auslieferung die schnellste
Beilegung des Konflikts verspricht. Diesem Opportunismus, bzw. diesem Streben nach
Befriedigung individueller, schwankender Bedürfnisse nicht nur auf Seiten des Volkes,
sondern auch auf Seiten des Adels, stellt Kleist seine Titelfigur Michael Kohlhaas durch
dessen eiserne Prinzipientreue als Kontrast gegenüber. Kleist als Anhänger Kants und
der Aufklärung stößt dieses anmaßende und kurzsichtige Verhalten bitter auf. Weiter
weist Kleist auch auf die Gefahr des Volkes für die Obrigkeit hin, denn nicht nur
Kohlhaas als Individuum fühlt sich durch seine ungerechte Behandlung seitens des
Adels aus der Gesellschaft und deren Gerichtsbarkeit ausgestoßen [gründet gar
kurzerhand eine eigene, provisorische Weltregierung (vgl. S. 44, Z. 29)], auch der Angriff
des Meister Himboldt auf ein Mitglied höheren Standes untergräbt die Privilegien des
Gottesgnadentums. Kleist bedient sich hierbei Immanuel Kants Lehren, die dem Bürger
den Ausgang aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit erlauben, es gar zu seiner
Pflicht erklären, und weiter staatstheoretisch auf Jean- Jacques Rousseau und Thomas
Hobbes, die den Bürger zusammen mit der Obrigkeit in einem Vertragsverhältnis sehen,
aus dem bei Verletzung der Gesetze, die mitunter auch zum Schutze des Bürgers
bestehen, diese bei nicht Einhaltung austreten können. So geschehen bei Kohlhaas‘
Rachefeldzug und beim Angriff des Kämmerers auf den Knecht.
Michael Kohlhaas ist nicht zu Unrecht eine viel diskutierte Novelle. Der Bogen, den Kleist
spannt, schließt keine der höchsten Autoritäten der damaligen Zeit aus. Doch der Blick
auf die Ursache, bzw. auf den Kern der kohlhaasischen Rechtssuche lässt diese auf den
ersten Blick trivial erscheinen. So sollen Rappen, zugrunde gerichtet durch die Willkür
eines Adligen, rechtfertigen, dass zahlreiche Unschuldige ihr Leben lassen und weiter
dass Kohlhaas, nachdem er diese wieder dick gefüttert zurück erhalten hat, mit seinem
zurückgewonnenen Seelenfrieden glücklich und mit sich im Reinen dann schließlich
erhobenen Hauptes zum Schafott schreitet. Doch schon zu Beginn der kohlhaasischen
Rechtssuche werden die Rappen nach ihrem symbolischen Wert charakterisiert denn
„Kohlhaas, dem es nicht um die Pferde zu tun war- [...] hätte gleichen Schmerz
empfunden, wenn es ein Paar Hunde gegolten hätte“ (S. 24, Z. 13ff.) In der Novelle
dienen die Rappen weiter als „Dingsymbol“. Kohlhaas geht es im Kern um seine
Existenzgrundlage, den Glauben an das System, in dem er sich und seine Familie sicher
geglaubt hatte. Doch aus seiner Sicht wird diese Basis, auf der Kohlhaas seine Existenz
errichtet wissen will, durch die Vetternwirtschaft der Tronkas zerstört. Wie groß muss
Kohlhaas‘ Streben nach Genugtuung gewesen sein, als er neben der letzten Bitte seiner
Frau zu vergeben diese, sowie die Selbige Luthers ausschlägt. Kohlhaas stellt seine
Prinzipientreue, das Element der Gerechtigkeit über den Wunsch seiner beiden ihm
wichtigsten Menschen. Jedoch rückt diese Suche nach Gerechtigkeit, die Kohlhaas
wiederfahren muss, damit er „sein Gewerbe forttreiben soll“ (S. 29, Z. 14) nach der
Krisis mehr und mehr in den Hintergrund. Hingegen erhält jedoch das Element der
Rache, das auch schon bei Kohlhaas‘ Mordbrennerei eine wichtige, jedoch noch
untergeordnetere Rolle gespielt hatte einen höheren Stellenwert. Zuletzt symbolisiert
der Kurfürst von Sachen Kohlhaas‘ Racheobjekt. Sein eigenes Leben ist ihm die
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Reinhard Welle, 2011, Analytischer Interpretationsaufsatz Heinrich v. Kleist: Michael Kohlhaas 12. Klasse, München, GRIN Verlag GmbH
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am Thursday, December 29, 2011-