Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Definitionen zur Reduplikation 4
3. Reduplikation in Laut- und Gebärdensprachen 6
4. Reduplikation in der Deutschen Gebärdensprache 9
4.1 Aspekt 9
4.1.1 Aspektmarkierung in der Deutschen Gebärdensprache 10
4.1.1.1 Der temporale Aspekt 11
4.1.1.1.1 Der Durativ 11
4.1.1.1.2 Der Iterativ 13
4.1.1.1.3 Der Habituativ 14
4.2 Numerus 15
4.2.1 Plural in der Deutschen Gebärdensprache 16
4.2.1.1 Der morphologische Plural 16
4.2.1.2 Der morphosyntaktische Plural 20
4.2.1.2.1 Flexionsklassen in der Deutschen Gebärdensprache 20
4.2.1.2.2 Klassifikatoren in der Deutschen Gebärdensprache 22
4.2.1.2.3 Die Bildung des morphosyntaktischen Plurals 23
4.2.1.2.3.1 Pluralbildung mit einfachen Verben 24
4.2.1.2.3.2 Pluralbildung mit Ortskongruenzverben 25
4.2.1.2.3.3 Pluralbildung mit Personenkongruenzverben 26
4.2.2 Dual und Paukal in der Deutschen Gebärdensprache 28
4.3 Reziprokmarkierung 30
5. Reduplikation in DGS - ein grammatikalisiertes Verfahren? 34
6. Zusammenfassung 41
7. Literaturverzeichnis 44
1
1. Einleitung
Gebärdensprachen wurden lange Zeit und werden noch bis heute in vielen Ländern nicht als eigenständige Sprachen anerkannt. So bekam die Deutsche Gebärdensprache (DGS) erst im Jahr 2002 den rechtlichen Status einer offiziellen Sprache durch die Verabschiedung des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) 1 .
Aufgrund der teilweise starken Repression der Gebärdensprachen galten diese über den visuellen Kanal wahrgenommenen Sprachen auch in der Linguistik für lange Zeit als nebensächlich. Dies ändert sich in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit dem Beginn ausführlicher Untersuchungen zur Amerikanischen Gebärdensprache (vgl. Stokoe 1960). Als eine der ersten und am ausführlichsten untersuchten Gebärdensprachen nimmt die Amerikanische Gebärdensprache (ASL) somit einen wichtigen Stellenwert als Basis für die Erforschung weiterer Gebärdensprachen ein. Auch in den darauffolgenden Untersuchungen zur Deutschen Gebärdensprache wird diese in vielen linguistischen Fragestellungen mit der Amerikanischen Gebärdensprache verglichen, wobei Gemeinsamkeiten, aber auch grundlegende Unterschiede herausgearbeitet werden konnten. Eines dieser Themen ist die Reduplikation. Diese Erscheinung soll das Thema der vorliegenden Arbeit sein.
Bei Reduplikation handelt es sich allgemein um einen morphologischen Prozess, der in vielen Sprachen - in Laut- sowie Gebärdensprachen - aktiv und produktiv genutzt wird. In Lautsprachen beginnt die Erarbeitung dieser Thematik bereits früher als in den Gebärdensprachen. Als ein Wegbereiter kann Pott (1862) genannt werden. Die ersten Arbeiten zur Reduplikation in den Gebärdensprachen werden dagegen erst etwa hundert Jahre später verfasst (vgl. Fischer 1973, Klima & Bellugi 1979, Kyle & Woll 1983 etc.). Da in den siebziger Jahren auch die Annahme von Universalien in Sprachen an Bedeutung gewinnt (vgl. zur Vertiefung: Chomsky 1957, 1965, 1981), ist es nicht verwunderlich, dass die sprachlichen Kategorien der Lautsprachen
1 Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen (Behindertengleichstellungsgesetz - BGG) - §6 http://www.gesetze-im-internet.de/bgg/__6.html
2
auf die Gebärdensprachen übertragen werden - ein Verfahren, das besonders in den letzten Jahren immer mehr auf Kritik stößt (vgl. u.a. Ebbinghaus 1999, Papaspyrou 2003).
Im Rahmen einer Heranführung an das Thema der Reduplikation in der Deutschen Gebärdensprache wird im folgenden Kapitel beschrieben, worum es sich bei Reduplikation allgemein handelt. Es werden Definitionen genannt, die jeweils auf unterschiedliche Eigenschaften der Reduplikation referieren. Im darauffolgenden Kapitel geht es darum, wie sich Reduplikation in Laut-und Gebärdensprachen darstellt und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sich zeigen. Dazu werden einige Beispiele aus verschiedenen Sprachen gegeben - Sprachen, die Reduplikation nutzen, um grammatische Informationen auszudrücken und Sprachen, die dies nicht tun. Es folgt der Hauptteil der Arbeit (Kapitel vier und fünf). Das vierte Kapitel ist dem Thema der Reduplikation in der Deutschen Gebärdensprache gewidmet. DGS nutzt die Reduplikation zur Aspekt-, Numerus- und Reziprokmarkierung. Nacheinander werden diese Bereiche vorgestellt und ausführlich beschrieben.
Der letzte Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob es sich bei der Reduplikation in der Deutschen Gebärdensprache um einen grammatikalisierten Prozess handelt. In Form einer Diskussion wird, aufbauend auf den erarbeiteten Ergebnissen, Stellung zu dieser Frage genommen.
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2. Definitionen zur Reduplikation
Um Einblick in eine zu bearbeitende Thematik zu erhalten, ist es von Vorteil, sich Klarheit über die Begrifflichkeiten zu verschaffen, bevor man beginnt, ein theoretisches Konstrukt aufzubauen. Dies funktioniert in den meisten Fällen mithilfe von Definitionen.
Eine der Definitionen zum vorliegenden Thema Reduplikation entstammt der Graz Database on Reduplication der Universität Graz 2 . Sie beschreibt die genaue Bildung einer Reduplikation, d.h. die Voraussetzungen und Beschränkungen, unter denen sie auftritt.
A reduplicative construction is a set of at least two linguistic forms F and F' in a paradigmatic, i.e. non-suppletive morphological relation in which F' contains a segment or a sequence of segments, which is derived from a nonrecursive repetition of (a part of) F. Reduplication exists if a specific grammatical form makes systematic use of reduplicative constructions.
Anzumerken ist hierbei, dass die Definition sich nur auf die Lautsprachen beschränkt. Ob sie auch auf Gebärdensprachen übertragen werden kann, muss erst noch herausgearbeitet werden.
Allgemein lassen sich dieser Definition jedoch schon viele relevante Merkmale für das vorliegende Thema entnehmen. Beschrieben werden linguistische Einheiten, die in morphologischer Relation zueinander einer bestimmten Form der Wiederholung unterliegen. Des Weiteren wird zwischen reduplikativen und rekursiven morphologischen Operationen unterschieden. Rekursivität beschreibt die „Eigenschaft von Grammatikmodellen, mit einem endlichen Elemente- und Regel-Inventar unendlich viele Strukturen erzeugen bzw. beschreiben zu können“ (Metzler 2000: 574). Ein Beispiel solch rekursiver morphologischer Operationen sind die in der deutschen Lautsprache auftretenden „Präfixreduplikationen“ (vgl. Fleischer & Barz 1995) wie Urururgroßvater. Da Formen dieser Art schier unendlich wiederholt werden können und auch sonst wenige Gemeinsamkeiten mit anderen Formen der Reduplikation zeigen, sind sie von der Definition ausgeschlossen.
2 Graz Database on Reduplication - http://reduplication.uni-graz.at/
4
Ein weiterer wichtiger Faktor der Definition, der bereits ins Auge fällt, ist der Aspekt der systematischen Nutzung der Reduplikation durch eine grammatische Form. Handelt es sich bei einem Verfahren, welches durch eine grammatische Einheit zielgerichtet genutzt wird, ebenfalls um ein grammatisches, möglicherweise grammatikalisiertes Verfahren? Solche und ähnliche Fragen werden im Laufe der Arbeit diskutiert, um zu begutachten, in welcher (systematischen) Form die Reduplikation in der Deutschen Gebärdensprache genutzt wird und worauf solche reduplikativen Konstruktionen aufbauen.
In einer zweiten Definition, die einer Präsentation Markus Steinbachs entnommen ist, wird der Fokus auf die Funktion der Reduplikation gelegt (Steinbach 2007: Folie 30) 3 :
Reduplikation ist die Wiederholung eines Wortes oder einer Gebärde, um eine bestimmte grammatische Information auszudrücken.
Auch wenn die Aussage, dass Reduplikation grammatische Information ausdrückt, in vielen Fällen zutrifft, wird sich jedoch bereits im nächsten Kapitel zeigen, dass es auch Sprachen gibt, die Reduplikation nicht in diesem Rahmen verwenden.
In einer dritten und vorerst letzten Begriffsbestimmung wird wiederum ein anderer Aspekt der Reduplikation betrachtet. In diesem Falle geht es um einen Vergleich von Laut- und Gebärdensprachen bezüglich der sprachlichen Kategorien, in denen Reduplikation auftritt:
[…] reduplication has been shown to be a productive morphological process in sign languages. Interestingly, in sign languages, reduplication expresses the same meanings as it does in spoken languages: aspectual modification, plurality, and reciprocity (Perniss, Pfau & Steinbach 2007: 9).
Im Folgenden wird dieser Aussage auf den Grund gegangen und untersucht, ob es sich dabei tatsächlich um Eigenschaften handelt, die von Gebärden- und Lautsprachen geteilt werden.
3 Präsentation Markus Steinbach - www.uni-leipzig.de/~muellerg/su/steinbach.ppt
5
3. Reduplikation in Gebärden- und Lautsprachen Reduplikationen können unter anderem danach unterschieden werden, welche linguistische Information mit ihnen ausgedrückt wird. Es gibt Lautsprachen, die mithilfe von Reduplikation grammatische Informationen ausdrücken. Als ein Beispiel wäre das Warlpiri, eine australische Sprache, zu nennen, die Reduplikation unter anderem dafür verwendet, um Plural zu markieren (Wiltshire & Marantz 2000: 558):
(1) kurdu (child) - kurdu-kurdu (children)
(2) mardukuja (woman) - mardukuja-mardukuja (women)
Im Papiamentu, einer auf den ABC-Inseln in der Karibik gesprochenen Kreolsprache, dient die Reduplikation der Intensivierung von Eigenschaften (Kouwenberg & Murray 1994: 21):
(3) kayente (hot) - kayente-kayente (very hot)
Das Deutsche hingegen ist keine Sprache mit einer ausgeprägten Reduplikationsmarkierung. Es gibt nur einige wenige Fälle im Deutschen, bei denen Reduplikation überhaupt verwendet wird, keine davon jedoch, um grammatische Eigenschaften auszudrücken (Steinbach 2007: Folie 29):
(4) Urururgroßvater, vorvorgestern
(5) Zickzack, Wirrwarr (6) Bonbon
Bei dem Großteil der im Deutschen auftretenden Fälle handelt es sich um (4) Präfixreduplikationen (Fleischer & Barz 1995: 48), (5) Reduplikationsbildungen mit Ablaut (ebd.) und (6) Entlehnungen aus anderen Sprachen (Hüning & Schlücker 2008: 18).
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Anders dagegen sieht es aus in der Deutschen Gebärdensprache. In DGS wird Reduplikation aktiv verwendet, um verschiedene grammatische Informationen darzustellen. Zu nennen wären da Reziprok-, Plural- und Aspektmarkierung (Pfau & Steinbach 2005a: 569) - grammatische Kategorien, die im folgenden Kapitel genauer untersucht werden. Es lassen sich also durchaus, wie in Definition drei beschrieben, Gemeinsamkeiten zwischen Laut- und Gebärdensprachen erkennen, wenn es zur Reduplikation kommt. Doch auch Unterschiede sind bei näherem Hinsehen zu erkennen. Diese betreffen z.B. die verschiedenen Darstellungs-formen der Reduplikation. Es existieren nach heutigem Wissensstand in den Gebärdensprachen die einfache Reduplikation, die Rückwärtsreduplikation, die Seitwärtsreduplikation und die simultane Reduplikation (Steinbach 2007: Folie 34). 4
Die einfache Reduplikation ist eine Form, die in Laut- sowie Gebärdensprachen auftritt (s. Beispiele (1) - (6) sowie Kapitel 4). Rückwärtsreduplikation findet sich in Gebärdensprachen (auch in der DGS) und ist im theoretischen Sinne auch in Lautsprachen möglich, konnte bis dato aber noch nicht beobachtet werden (Pfau & Steinbach 2005a: 569). Dahingegen sind Seitwärts- und Simultanreduplikation in Lautsprachen praktisch nicht realisierbar. Bezogen auf die Seitwärtsreduplikation lässt sich das ganz einfach dadurch erklären, dass Gebärdensprachen über eine zusätzliche Komponente verfügen, die Lautsprachen nicht aufweisen, den sogenannten Gebärdenraum.
4 Erlenkamp (2000) unterscheidet die Seitwärts- und Rückwärtsreduplikation von der einfachen Reduplikation und nennt diese Distribution. Ihre Begründung dafür ist ein zusätzlicher semantischer Aspekt, der diese Formen ausmacht. Im Folgenden werde ich jedoch die von Pfau & Steinbach (2003, 2005a, 2006) verwendeten Begriffe benutzen. Ich verweise auf Erlenkamp (2000) und eine Rezension zu Erlenkamp (2000) von Keller, Pfau & Steinbach (2002).
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(7) Der Gebärdenraum (aus: Boyes Braem 1995: 23)
Beim Gebärdenraum handelt es sich um den „körpernahen Bereich, im Wesentlichen vor dem Sprecher, in dem die Gebärden ausgeführt werden“ 5 . Wie der Name schon andeutet, ist es im Gebärdenraum möglich, räumliche Perspektiven darzustellen. Gebärdensprachen sind demnach dreidimensionale Sprachen, die durch das Vorhandensein des Gebärdenraums in der Lage sind, Seitwärtsreduplikation zu produzieren.
Auch Simultanreduplikation ist in Lautsprachen nicht möglich, da es sich bei dieser Sprachform generell um sequenzielle Sprachen handelt, d.h. „aus nacheinander produzierten Lauten bilden sie lineare Wortketten“ (Papaspyrou 2008: 88) 6 .
Nach dem Vorstellen einiger Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich der Reduplikation wird sich nun dem Hauptthema der vorliegenden Arbeit gewidmet - der Reduplikation in der Deutschen Gebärdensprache. Es erfolgt eine ausführliche Beschreibung der sprachlichen Kategorien, in denen Reduplikationen von Relevanz sind.
5 Glossar linguistischer Fachbegriffe der Universität Hamburg: http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/hlex/intro/glossar.htm (Gebärdenraum)
6 Das soll jedoch nicht bedeuten, dass Gebärdensprachen nur simultan und Lautsprachen nur sequenziell funktionieren. Beide Sprachmodalitäten weisen beide Mittel auf, die Gewichtung ist jedoch jeweils eine andere (es existiert eine stärkere Orientierung zur Simultaneität bei den Gebärdensprachen).
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4. Reduplikation in der Deutschen Gebärdensprache
Bei der Deutschen Gebärdensprache handelt es sich um eine stark flektierende Sprache (Boyes Braem 1992: 53). Dies lässt sich an dem reichen morphosyntaktischen Spektrum der Sprache erkennen. Zu diesem morphosyntaktischen Spektrum gehören unter anderem das umfangreiche Aspektparadigma, der Numerus, der Modus und die Negation. Diese Markierungs-formen spielen eine Rolle hinsichtlich der Flexionsklassen 7 , Nomen und Klassifikatoren 8 der DGS. Dahingegen gibt es keine Anzeichen für Genus (Happ & Vorköper 2006: 238) und Tempus 9 in der Deutschen Gebärdensprache.
Es folgt nun eine umfassende Beschreibung der morphosyntaktischen Kate-gorien, in denen Reduplikation auftritt. Begonnen wird mit der Aspektmarkierung der Deutschen Gebärdensprache. Im Anschluss daran wird der Numerus behandelt. Den Abschluss des Kapitels bildet die Ausführung zur Reziprokmarkierung in der Deutschen Gebärdensprache.
4.1 Aspekt
Aspekt bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie Anblick oder Betrachtungsweise. Metzler (2010) bezeichnet den Aspekt als binäre Kategorie des Verbsystems in Aspektsprachen. Binär bedeutet in diesem Zusammenhang, dass eine Unterscheidung des Aspekts hinsichtlich perfektiver und imperfektiver Opposition getroffen wird. Dies ist in vielen Lautsprachen der Fall, doch gerade die Gebärdensprachen weisen oft ein reicheres Aspektparadigma auf, das über die binäre Einteilung hinausgeht.
In der Deutschen Gebärdensprache spielt diese am Verb gekennzeichnete Erscheinung eine wichtige Rolle. Sie bezieht sich „auf die zeitliche Struktur
7 Mit dem Begriff Flexionsklassen sind in diesem Zusammenhang die Verben der Deutschen Gebärdensprache gemeint, die unter anderem danach klassifiziert werden können, wie sie flektieren (vgl. ausführl. 4.2.1.2.1).
8 Klassifikatoren ermöglichen es, physikalische Eigenschaften von Dingen oder Personen auszudrücken (vgl. ausführl. Kapitel 4.2.1.2.2).
9 DGS drückt Tempus durch Zeitadverbien aus. Tempusmarkierungen am Verb sind bis dato nicht bekannt. (Happ & Vorköper 2006: 118)
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Arbeit zitieren:
Henriette Ast, 2011, Reduplikation in der Deutschen Gebärdensprache - ein grammatikalisiertes Gebärdenbildungsverfahren?, München, GRIN Verlag GmbH
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