„Wir denken, weil wir dabei gestört werden, nicht zu denken.“ 4 Wir leben in einer durchdachten Welt. Die Dinge, die es uns ermöglichen, einen Großteil unseres Alltags ohne Nachdenken zu bewältigen, sind selbst Ergebnisse von Denkleistungen. Angefangen bei den einfachsten Gegenständen des alltäglichen Handelns, bis hin zu den kulturell komplexesten Sachverhalten, in die unser Handeln eingebettet ist - die Dinge, mit denen wir ganz selbstverständlich agieren und die Strukturen, in denen uns das ermöglicht wird, sind allemal begründet in einem Denkakt, der irgendwann stattgefunden hat. Wir empfinden es als angenehm, dass nicht vor jeder unserer Handlungen die Neuerfindung des Rades stehen muss. Denken ist anstrengend und, wie Blumenberg sagt, ein „Ausnahmezustand“ 5 .
„Wissenschaft ist nichts anderes, als der Versuch, mit den Folgen des Verschwindens von Selbstverständlichkeit fertig zu werden.“ 6 Wenn wir uns in der Theorie, respektive in der Sphäre der Wissenschaftlichkeit bewegen, befinden wir uns im Ausnahmezustand, im Zustand des Denkens. Wie aber bereits festgestellt, generiert das Denken oft Selbstverständlichkeit. Immer dann, wenn erbrachte Denkleistungen unserer Selbsterhaltung und der stetig fortschreitenden Komfortsteigerung dienlich sind, werden sie institutionalisiert und manifestieren sich in einem lebensregelnden Netz aus Selbstverständlichkeit. Die Beispiele dafür sind nahezu unerschöpflich - um nur ein einfaches zu nennen: Wenn ich einen Teller Suppe vor mir habe, greife ich zum Löffel, ohne vorher darüber nachzudenken, wie ich das heiße Nass wohl am Besten in meinen Mund befördere. Ein genialer Vordenker hat für mich darüber nachgedacht und den Löffel als dafür adäquates Mittel erfunden. Wenn man also die These akzeptiert, Wissenschaft sei der Versuch mit den Folgen verschwundener Selbstverständlichkeit fertig zu werden, kann man wohl sagen, dass alle wissenschaftlichen Anstrengungen der Menschheit die Tendenz aufweisen, eine Sphäre der Selbstverständlichkeit zu schaffen. Die Kluft zwischen persönlicher Erfahrung und Kulturerfahrung wird dabei immer größer. Der „einfache Bürger“ wird in das gemachte Nest gesetzt, ohne durchschauen zu müssen, wie es gebaut wurde. Er tut gut daran, nicht danach zu fragen, denn dann beginnen die Probleme. Man kann ja alles zum Thema theoretischer Erörterungen machen. Das ist möglich, weil der Großteil unserer gesamten Alltagspraxis auf einst theoretischen Erkenntnissen fußt. So ist uns der Gegenstand gegeben, an dem wir uns in
4 Hans Blumenberg, „Eine Theorie der Lebenswelt“, S.61 5 Hans Blumenberg, „Eine Theorie der Lebenswelt“, S.61 6 Hans Blumenberg, „Eine Theorie der Lebenswelt“, Siehe Klappentext
theoretischer Einstellung abarbeiten können. Oft ist das allerdings mehr unserer Verwirrung, als der Entdeckung von bahnbrechend Neuem zuträglich. Warum benutze ich den Löffel und nicht die Gabel, um Suppe zu essen? Eine theoretische Auseinandersetzung mit dieser Frage scheint wenig sinnvoll, weil der Löffel seine Funktion soweit erfüllt, respektive die Gabel in der Funktion als Suppenesswerkzeug so sehr versagt, dass eigentlich kein weiteres Nachdenken erforderlich ist. Der oft in negativem Sinne verwendete Begriff des Vorurteils, drückt diesen Sachverhalt aus. Unter Vorurteil sollen hier all jene Urteile verstanden werden, die ihrem Wesen nach gar keine sind, da sie nicht durch theoretische Überlegungen gefällt worden sind, sondern implizit immer schon da waren. Das Vorurteil erlaubt es uns, in Situationen zu handeln, in denen wir sonst in Theorie stagnieren würden. Das Vorurteil bleibt Vorurteil, solange es sich in der Praxis bewährt und deswegen nicht hinterfragt zu werden braucht - es ist lebensdienlich.
Problematisch wird es, wenn die Rückbindung an einen selbstverständlichen Kontext, an die gewohnte Ordnung, nicht mehr gegeben ist, wenn Störungen im Lebensfluss auftreten und das Vorurteil nicht mehr greift. Befinde ich mich beispielsweise bei mir völlig fremden Menschen zu Gast und es wird Suppe serviert, ohne dass dazu aber Löffel gereicht werden, bin ich gezwungen eine eher theoretische Einstellung gegenüber meiner gewohnten einzunehmen. Ich werde mein Verhalten unter Beobachtung und Einbezug der äußeren Umstände planen und eine ganz individuelle Erfahrung machen, welche in diesem Fall beispielsweise darin bestehen könnte, dass es Menschen gibt, für die es durchaus normal ist, die Suppe aus dem Teller zu schlürfen. 7 Normalität ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Begriff. Denn was die bisherigen Ausführungen deutlich gemacht haben sollten, ist die Tatsache, dass der Mensch dazu tendiert sich Räume zu schaffen, in denen nicht der Ausnahmezustand, sondern die Normalität regiert. Der Mensch schafft sich seine Umwelt, um in ihr einen gewohnten Gang gehen zu können. Während sich der Mensch Umwelt schafft, ist sie dem Tier natürlich gegeben. Es ist vollkommen eingebettet in den natürlichen Kreislauf, aus dem es aufgrund seiner gegenwartsgebundenen Wahrnehmung und seines Unvermögens, abstrakt zu denken, niemals heraustritt. Die Umwelt des Tiers besteht aus Motiven, auf die es instinktiv, unmittelbar und ohne vorangehende Deliberation reagiert. Es folgt
7 Das ist natürlich keine wirklich problematische Situation, aber das Beispiel veranschaulicht den Dualismus zwischen Verlegenheit und Selbstverständlichkeit. Denkbar wären weitaus dramatischere Situationen, in denen die plötzliche Nichtbewährung eines Vorurteils sich als Schrecken manifestiert.
einer Art angeborenem Programm, während der Mensch sein Programm selbst zu schreiben hat. Der bereits erwähnte Begriff der Institution ist hier von Bedeutung. „Institution ist jede Einrichtung, welcher Mittel sie sich auch immer bedienen mag, die auf die Herstellung oder Wiederherstellung von unmittelbaren, unreflektierten Lebensregelungen zielt.“ 8 Der Mensch kompensiert das Verschwinden von Unmittelbarkeit, durch das Einrichten von Instanzen, die Unmittelbarkeit gewähren, „Institutionalität ist also Vorentschiedenheit von Vielem zugunsten der Unentschiedenheit von Wenigem, sofern in dieser Verteilung das Wenige auch das Wesentliche ist.“ 9 Ein Beispiel für solch eine Institution ist die der Ehe. Viele Entscheidungen über die Form des geschlechtlichen Zusammenlebens in einer Gesellschaft sind durch sie vorweggenommen. Die für das Leben des Einzelnen wesentliche Entscheidung für oder wider die Ehe, das heißt die, „wo es auf das Selbstverständnis und die Selbstgestaltung der Person, des Lebens […] ankommt“ 10 , liegt beim Einzelnen selbst.
Die Formulierung „das Verschwinden von Selbstverständlichkeit“, impliziert die Annahme, dass an einen Zustand (zumindest) gedacht werden kann, in dem das Selbstverständliche nicht verschwunden, sondern in Gänze anwesend ist; einen Zustand, in dem der Mensch Teil des Programms ist, sein Verstand nicht hinausgreift über das ihm sinnlich Gegebene, einen Zustand frei von unbeantworteten Fragen und ungesicherten Antworten. Dieser Zustand ist die Lebenswelt.
Im folgenden Verlauf dieser Ausarbeitung soll der Versuch im Mittelpunkt stehen, sich dem Begriff der Lebenswelt, wie Blumenberg ihn fasst, noch weiter anzunähern. Es soll gezeigt werden, wie er sich von den Naturzustandstheorien Hobbes' und Rousseaus abgrenzen lässt, inwieweit er mit ihnen vergleichbar ist, und was diese Differenzierung für eine Theorie der Lebenswelt zu leisten vermag.
8 Hans Blumenberg, „Eine Theorie der Lebenswelt“, S.69
9 Hans Blumenberg, „Eine Theorie der Lebenswelt“, S.70 10 Hans Blumenberg, „Eine Theorie der Lebenswelt“, S.70
Arbeit zitieren:
Jan Dominic Broich, 2010, Lebenswelt und Naturzustand, München, GRIN Verlag GmbH
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