Inhaltsverzeichnis Seite
1. Einleitendes Vorwort 1
2. Die Humoralpathologie 2
3. Inhaltliche Zusammenfassung der Wahnsinnsepisode im Iwein 3
4. Die Bedeutung der Wahnsinnsepisode 5
4.1 Iweins Handlungsweise vor seinem Wahnsinn 6
4.2 Iweins Wahnsinn: Eine Begegnung mit dem inneren Tier 9
4.3 Iweins Handlungsweise nach seinem Wahnsinn 12
5. Abschließendes Wort 15
Literaturverzeichnis 17
1
1. Einleitendes Vorwort
So ergeht es dem Helden Iwein im gleichnamigen Artusroman Hartmanns von Aue aus dem Jahre 1200. Wie kommt es dazu, dass Iwein sich fortwünscht von jeglicher Zivilisation, sich wünscht niemals in einer solchen existiert zu haben? Diesen Wunsch hegt nur jemand, der an ihr gescheitert ist, jemand, der den Glauben an seine Fähigkeiten verloren hat. Und so ist gesellschaftliches Scheitern auch für Iwein der Grund, sich und seine Herkunft zu verdammen, beides aus seinem Gedächtnis zu löschen, um den Schmerz zu vergessen, den es mit sich bringt, sich selbst und andere zu enttäuschen. Die Reaktion Iweins auf sein eigenes Versagen gleicht einem herbeigesehnten Identitätsverlust. Sie dient dem Selbstschutz vor der schmerzlichen Auseinandersetzung mit der eigenen gesellschaftlichen Identität.
Worin sein Scheitern und sein Wahnsinn genau bestehen, wie er vom Wahnsinn befreit wird und sein Wahn ihm schließlich zur Katharsis gereicht, darum wird es in dieser Arbeit gehen.
Zunächst soll geklärt werden, an welchen medizinischen Kenntnissen des Mittelalters sich die Wahnsinnsdarstellung im „Iwein“ orientiert und inwiefern medizinische Aspekte wichtig sind, um sich der Bedeutung der Wahnsinnsepisode zu nähern. In einem nächsten Schritt wird die Wahnsinnsepisode inhaltlich zusammengefasst. Darauffolgend soll untersucht werden, wie sich Iweins Verhaltensweise vor und nach seinem Wahnsinn unterscheidet und ob die Ursachen dafür in der Wahnsinnsepisode auszumachen sind.
1 Hartmann von Aue, „Iwein“, Walter de Gruyter-Verlag, Berlin, 2001. Seite 60, Vers 3216-3220
1
2. Die Humoralpathologie
Die dominierende Krankheitslehre im Mittelalter war die sogenannte Humoralpathologie. Sie geht auf die Antike, namentlich Galen und Hippokrates, zurück. 2 Ihre bekanntesten mittelalterlichen Vertreter waren unter anderem Bartholomäus Anglicus und Hildegard von Bingen. 3 Im 11.Jh. übersetzte Constantinus Africanus die arabischen medizinischen Lehren des Ishaq ibn Imran, welche ebenfalls auf den humoralpathologischen Vorstellungen der Antike gründen, ins Lateinische. 4 Nach der mittelalterlichen Humoralpathologie
„gibt es vier Körpersäfte, sogenannte Humores: Blut, gelbe(rote) Galle, schwarze Galle und Schleim. Sie sind den vier Elementen Luft, Feuer, Erde und Wasser zugeordnet. Jeder Körpersaft hat zwei der folgenden Qualitäten: heiss, feucht, trocken, kalt.“ 5
Ein Ungleichgewicht dieser Körpersäfte hat gemäß der Humoralpathologie Krankheiten zur Folge. Die Krankheitssymptome werden hervorgerufen durch den Versuch des Körpers, die Säfte in ihr natürliches Gleichgewicht zu überführen. Dieses Gleichgewicht wird erreicht durch eine ausgeglichene Lebensweise. Gesundheit ist gemäß der Humoralpathologie ein Zustand körperlicher und seelischer Ausgeglichenheit. „Der Körper affiziert die Seele, oder umgekehrt, wie im Falle Iweins, eine starke seelische Erschütterung ruft die organische Reaktion hervor. Beides geht Hand in Hand, monokausales Herleiten ist hier nicht angebracht.“ 6
Dieser ganzheitliche Aspekt der mittelalterlichen Heilkunde wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit eine Rolle spielen. Es soll gezeigt werden, dass die Entwicklung Iweins im Roman Hartmann von Aues einem Genesungsweg gleicht und zwar in dem Sinne, dass er im Laufe des Romans seelische und körperliche Ausgeglichenheit erreicht. Zunächst muss aber danach gefragt werden, ob sich Hartmann bei der Darstellung des Wahnsinns überhaupt an zeitgenössisch-medizinischen Kenntnissen orientiert. Dass dem so ist, legt Michael Graf in seinem Werk „Liebe-Zorn-Trauer-Adel- Die Pathologie in Hartmann von Aues ’Iwein’“ plausibel dar. Die Krankheitsdarstellung im Roman weise „deutliche Parallelen zu den antiken Krankheitstheorien über die Melancholie auf.“ 7 Gemäß der Humoralpathologie ist die Melancholie eine Erkrankung, die durch ein unnatürliches Übergewicht der schwarzen Galle evoziert wird und sich auf das seelische
2 Vgl. Michael Graf, „Liebe-Zorn-Trauer-Adel. Die Pathologie von Aues „Iwein“. Eine Interpretation auf medizinhistorischer Basis“, Peter Lang-Verlag, Bern/Frankfurt a.M./ Paris, 1989, S.29
3 Vgl. Angelika Groß, „La Folie. Wahnsinn und Narrheit im spätmittelalterlichen Text und Bild“, Carl Winter-Verlag, Heidelberg, 1990, S.39
4 Vgl. Michael Graf, S.26 ff.
5 Michael Graf, S.29
6 Michael Graf, S.32
7 Michael Graf, S.42
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Befinden des Erkrankten auswirkt. 8 Nach Ishaq ibn Imran sind ihre „seelischen Symptome […] Angst und Kummer“ 9 , aber auch Einbildung, Angst, Jähzorn, Traurigkeit, Menschenscheu und das äußerlich sichtbare Symptom dunkler Hautverfärbung. 10 Im Verlauf der vorliegenden Arbeit werden einige der Stellen im Roman ausgewiesen an denen deutlich wird, dass sich Hartmann an der mittelalterlichen Krankheitstypik der Melancholie orientiert. So werden sie gleichsam der Explikation weiterer Aspekte der Humoralpathologie und der Melancholie dienen. Iweins Streben nach Ausgeglichenheit wird so in den medizinhistorischen Kontext, in den zeitgenössischen Vorstellungshorizont eingebettet werden können. Stellenweise werden auch psychoanalytische Gedankengänge einfließen. Iweins Entwicklungsweg des gesellschaftlichen Versagens, der gesellschaftlichen Entsagung und zuletzt des Entsprechens gesellschaftlicher Erwartungen, soll so nachgezeichnet werden.
3. Inhaltliche Zusammenfassung der Wahnsinnsepisode im Iwein
Auf der Suche nach „aventiure“ gelangt Iwein, der Held des gleichnamigen, um 1200 n. Chr. von Hartmann von Aue verfassten Artusromans, an eine sagenhafte Quelle. Das Übergießen eines Steines mit Quellwasser fordert sogleich Askalon, den Hüter der Quelle, zur Verteidigung derselben heraus. Im Zweikampf wird Askalon durch Iwein erschlagen, zurück bleibt Laudine, Burgherrin und Gemahlin Askalons, die sich nun den Aufgaben der Landesverwaltung allein gegenübergestellt sieht. Iwein wird beim Anblick der trauernden Witwe von der Minne übermannt und kann mit Hilfe der vermittelnden Lunete, ihrerseits Kammerdienerin Laudines, tatsächlich die Gunst der Burgherrin gewinnen. In der Annahme, dass derjenige, der ihren tapferen Mann Askalon im fairen Zweikampf besiegt hat, ergo noch tapferer sein müsse, sieht Laudine in Iwein den einzigen Kandidaten, der die Aufgaben der Landesverwaltung sowie die Behütung der Quelle angemessen erfüllen kann. Iwein und Laudine werden vermählt. Iwein hat durch den Ausritt auf Aventiure unverhofft Land, Frau und Ehre erlangt. Seine erste Bewährungsprobe als neuer Landsherr besteht er im Kampf gegen Keie, der als Abgesandter des König Artus den neuen, noch unerkannten Hüter der Quelle herausfordert. Iwein, ursprünglich ebenfalls treu ergebener Ritter am Artushof, gibt sich nach gewonnenem Zweikampf zu erkennen. Der ihm
8 Vgl. Michael Graf, S.43
9 Michael Graf, S.43
10 Vgl. Michael Graf, S.66ff.
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wohlgesonnene König Artus bleibt nun, samt Gefolgschaft, für eine Woche als Gast auf der Burg Iweins. Als die Abreise kurz bevorsteht, beschließt Iwein, dem Ratschlag seines Freundes Gawein zu folgen und ihn auf Turnierfahrt zu begleiten, um seine Ehre zu mehren und sich nicht in die Gefahr des „verligens“ zu begeben, das heißt, sein Dasein als „Pantoffelheld“ an der eigenen Burg zu fristen. 11 Gemäß mittelalterlicher Sitte bleibt ihm die Jahresfrist, bevor er an seine Burg zurückkehren muss, um nicht Thronanspruch und Frau zu verlieren. Doch eben die Einhaltung dieser Frist versäumt er über die Turnieraufregungen. Er verliert die Gunst seiner Geliebten sowie jegliche Ansprüche auf Land und Gut. Durch die öffentlich vor der Artusrunde vorgetragene Schmähung Iweins durch Lunete wird ihm auch eine ehrenvolle Rückkehr an den Artushof verwehrt. Im Bewusstsein des absoluten Verlustes seiner Ehre, seines materiellen Besitzes und der Liebe seiner Angetrauten, verfällt Iwein dem Wahnsinn. Er reißt sich die Kleider vom Leib und fristet von nun an das Dasein eines Wilden in den Wäldern. Er ernährt sich von Wild, das er mit Hilfe eines erbeuteten Bogens zur Strecke bringt. Der einzig soziale Kontakt, den er während der Wahnsinnsepisode unterhält, ist der zu einem Einsiedler. Zwischen dem vom zunehmend verwilderten Äußeren Iweins verängstigten Einsiedler und Iwein entwickelt sich eine Tauschhandelsbeziehung, die zuletzt beiden zum Vorteil gereicht: Wild gegen Wasser und Brot.
Die Wahnsinnsperiode findet ein Ende, als Iwein in die Obhut der Gräfin von Narison aufgenommen wird, die ihn zuvor verwahrlost und ohne Bewusstsein am Wegesrand liegend vorfand. Durch Salbung erwacht Iwein aus der Bewusstlosigkeit, in der ihm seine einst ruhm- und ehrreiche Ritterlichkeit nur wie ein Traum erschien, gleichsam wird er geheilt. Unter der nicht ganz uneigennützigen Pflege durch die Dame von Narison, die gedachte Iwein zu heiraten und als Landesherren einzusetzen, erholt sich Iwein, erlangt bald sein gewohnt stattliches Äußeres zurück und erinnert sich an seine ritterliche Herkunft. Den Heiratsantrag der Dame von Narison lehnt Iwein aus Treue zu Laudine ab.
11 Vgl. „Iwein“. S.52, Vers 2783 ff.
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Arbeit zitieren:
Jan Dominic Broich, 2010, Iweins Wahnsinn, München, GRIN Verlag GmbH
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