Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Theorie zur Sympathielenkung in Dramen nach Manfred Pfister 2
3. Textanalyse 4
3.1.(Un-) Verantwortliches Handeln Lears 4
3.1.1. Liebestest und die Teilung des Landes 4
3.1.2. Einsamkeit Lears als Akt der Sympathielenkung 8
3.1.3. Lears Schuldanteil 10
3.2.Zentrale Figur: Cordelia 12
3.2.1. Cordelia. Eine Gefahr? 12
3.2.2. Sympathielenkung zu Cordelia 14
3.3. Handeln nach patriarchalischen Werten: Regan und Goneril 15
4. Resümee 17
All that follow their noses are
led by their eyes but blind men,
and there’s not a nose among
twenty but can smell him that’s
1 Foakes, R.A. (Hg.): William Shakespeare: King Lear (1609). 3. Auflage. 1997 London (The Arden Shakespeare), S. 242. [Im folgenden wird wie folgend zitiert: Shakespeare, S.XX.]
1. Einleitung
Die folgende Hausarbeit befasst sich mit der Schuldfrage und die dazugehörige Analyse der Sympathielenkung in Shakespeares Drama King Lear. Der Aufsatz grenzt stark Figuren ein, sodass nur der Vater bzw. König Lear und die drei Töchter jeweils analysiert werden. Der Leser wird schnell merken, dass er mit der Zeit eine gewisse Sympathie zu König Lear und seiner jüngsten Tochter Cordelia entwickelt und eine Antipathie zu den anderen Töchtern Goneril und Regan. Bemerkenswert ist aber, dass sowohl Lear als auch Cordelia in ihren Verhaltensweisen und Einschätzungen nicht ganz ordnungsgemäß agieren. Die Entscheidungen sind sehr effektiv, wirkungsvoll und gegen die Vorbestimmungen des jeweiligen Zeitalters. Obwohl Regan und Goneril eigentlich nach den Werten und Normen ihrer Zeit handeln, werden sie hauptsächlich für schuldig erklärt und es besteht sozusagen eine Antipathie gegen sie. Die vorliegende Hausarbeit soll genau an dieser Stelle eingreifen und zeigen, dass sowohl Lear und Cordelia als auch Regan und Goneril in gewisser Weise schuldig am dramatischen Geschehen sind und dass eine intendierte Sympathielenkung zu Lear und Cordelia nachzuweisen ist.
Demzufolge ist der Einstieg mit einem Theorieteil der Sympathielenkung nach Manfred Pfister festgelegt. Anschließend folgt die Textanalyse. Der Analyseteil ist wiederum in drei Kategorien unterteilt: Erstens, König Lear, zweitens Cordelia und drittens die anderen beiden Töchter Regan und Goneril.
Bei Lear wird sein verantwortliches bzw. unverantwortliches Handeln näher unter die Lupe genommen. Deswegen werden die Szenen des Liebestests und die Teilung des Landes analysierend pointiert. Danach erfolgt die Analyse der Einsamkeit Lears und abschließend sein Schuldanteil. Im zweiten Teil wird eine der Zentralfiguren, Cordelia, analysiert. Ist sie eine Gefahr? Welche Funktionen übernimmt sie? Wie empfindet der Leser eine Sympathie für sie? Welche Mittel der Sympathielenkung werden angewendet? Und letztendlich ihr Schuldanteil. Und im letzten Teil wird das Agieren der beiden Töchter Regan und Goneril nach patriarchalischen Werten untersucht. Die Hauptfrage hier ist dementsprechend: Sind Goneril und Regan wirklich Schuld am
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tragischen Ende des Vaters oder wieso empfindet der Leser eine Antipathie gegen diese Figuren?
Also lautet unsere Fragestellung für die vorliegende Hausarbeit folgendermaßen: Wird das Schuldverhältnis - zwischen Lear und seinen Töchtern - durch Sympathielenkungsstrategien bewusst bedient und festgelegt?
2. Sympathielenkung in Dramen nach Manfred Pfister
Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der Schuldfrage und die damit verbundene Sympathielenkung. Deswegen ist es äußerst sinnvoll sich mit der Theorie der Sympathielenkung ein wenig auseinander zu setzen. Demzufolge folgt nun die Theorie der Sympathielenkung nach Manfred Pfister.
Eine Definition von Sympathie betonte Edmond Burke in A Philosophical Enquiry into the Origin of our Ideas of the Sublime and Beautiful wie folgend:
[A] sort of substitution, by which we are put into the place of another man, and affected in many respects as he is affected[.]
Die oben genannte (o.g.) Definition entspricht also nicht dem aristotelischen Moment der Darstellung imitation, sondern eher eine Identifikation des Autors und des Rezipienten mit einer Figur. 2 Also ein „transfuse [of] their passions from one breast to another“ 3
Außerdem wird der Begriff in der Psychologie als eine „Zuneigung, positive Gefühlseinstellung einem oder mehreren Partnern gegenüber“ 4 definiert. Auch hier steht eher der Bezug der Figuren im Vordergrund, als die Handlung nach aristotelischem Sinne.
Manfred Pfister erläutert, dass positive Sympathielenkung nicht nur durch die naive, romantische Teilnahme des Rezipienten hervorgebracht wird, sondern auch durch die Erweckung von Antipathie für andere Figuren. Somit ist der Begriff der Sympathie unter zwei Ebenen zu verstehen. Zum einen ist es die
2 Vgl. Pfister, Manfred: Zur Theorie der Sympathielenkung im Drama. In: Habicht Werner, Schabert Ina (Hg.): Sympathielenkung in den Dramen Shakespeares. München 1978 (Band 9), S. 20. [Im Folgenden wird nur noch wie folgend zitiert: Pfister, S.XX.].
3 Burke, Edmond: A Philosophical Enquiry into the Origin of our Ideas of the Sublime and Beautiful. London 1958. S.44.
4 Hehlmann, W.: Wörterbuch der Psychologie. Stuttgart 1959. S.460.
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ästhetische Einstellung des Publikums den fiktiven Figuren und Geschehensabläufen gegenüber, die zwischen den Polen der Identifikation und des Engagements und einer neutralen oder kritischen Distanz varriert, und [zum anderen] die ganzheitliche, gefühlsmäßige, moralisch wertende und intellektuelle Momente integrierende Reaktion des Publikums auf die Dramenfiguren, die sich in ein Spektrum von uneingeschränkter Sympathie bis zu uneingeschränkter Antipathie abstufen läßt. 5
Obwohl die beiden Ebenen voneinander strikt zu trennen sind, ist eine bedingte Relation zueinander deutlich erkennbar, denn „der Grad des Engagements bzw. der Distanzierung bedingt die Intensität der Sympathie- oder Antipathiereaktion.“ 6 Desweiteren fügt Pfister die auktorial intendierte Sympathielenkung bzw. Wirkung hinzu. Zum Handwerk dienen dazu die zentralen Elemente von Aristoteles eleos, phobos und katharsis, aber auch die späteren dramatischen Begriffe wie dramatische Ironie und Spannung.
Als eine der wichtigsten Strategien bzw. Strukturen der Sympathielenkung fügt Pfister den Begriff des Beziehungsaspektes der Kommunikation hinzu. 7 Auf dieser Ebene legt der Sender fest, was der Empfänger verstehen soll. Also auch hier: eine bestimmte Intention. Somit kann man schlussfolgern, dass der Information sendende Dramatiker vorher festlegt, wie er die präsentierenden Figuren vom Leser verstanden wissen will. Dementsprechend versetzt er seine Charaktere mit bestimmten Attributen, die die Intention des Autors bzw. Dramatikers resultieren. Besonders wichtig bei der strukturellen Analyse der Sympathielenkung in Dramen ist auch, dass man nicht nur die Relation der Figuren und ihren verbalen und non-verbalen Äußerungen analysiert, sondern die Gesamtheit der strukturellen Relationen im Text in Betracht zieht. Diese ganzheitliche Betrachtung ist deshalb notwendig, weil die dramatische Figur zu einer bestimmten Relation zu anderen Figuren (Korrespondenz- oder Kontrastfiguren) steht. Die Figur ist also ein Teil des Ganzen und muss dementsprechend als ein Ganzes betrachtet werden, um die Sympathielenkung analysieren zu können. 8 Ferner ist die Figurenkonstellation für die Analyse bedeutend, denn durch das verbale bzw. non- verbale Verhalten werden den Figuren Eigenschaften, Wertvorstellungen und Handlungsmotivationen zugeschrieben, die mit anderen Figuren im Stück korrespondieren oder kontrastieren. Somit bewahrt der Leser unterschiedliche Distanzen gegenüber bestimmten Personen, entsprechend der identifikations- und sympathiefördernden Figurenkonzeption.
5 Pfister, S. 21.
6 Pfister, S. 21.
7 Vgl. Pfister, S.25f.
8 Vgl. Pfister, S.26.
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Arbeit zitieren:
Habib Tekin, 2011, King Lear - Sympathielenkung und Schuldfrage in Shakespeares King Lear, München, GRIN Verlag GmbH
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