TU Dresden Institut für Geschichte
Proseminar: „Eine Welt im Umbruch? Wirtschaft und Gesellschaft Europas im 16. Jahrhundert“ SS 2002
Inhalt
I. Einleitung
II. Die Venezuela-Verträge der Welser
1. Voraussetzungen
2. Venezuela - Ein Projekt von Ehinger und Sailer?
3. Der Asiento vom 27. März 1528
4. Die übrigen Verträge
III. Das Chile-Unternehmen der Fugger
1. Genese des Unternehmens
2. Der Vertrag zwischen der Krone und den Fugger
3. Die Verträge der Welser und Fugger im Vergleich
IV. Motive und Strategien der Welser’schen Verwaltung
V. Schluss
VI. Literaturverzeichnis
1. Quellen
2. Sekundärliteratur
Anhang
I. Einleitung
„Im Jahre 1526 wurde unser Herr, der König, mit lügenhaften Berichten und verderblichen Behauptungen hintergangen, denn man hat sich ja immer bemüht, ihm die Wahrheit über die Schäden und Verluste zu verbergen, die Gott, die Menschen und sein Staat in Westindien erlitten, und daher verlieh und gewährte er den deutschen Kaufleuten ein großes Reich [...], nämlich Venezuela [...], und das durch [...] einen Vertrag, den er mit ihnen schloss“ 1 . In so kritischen Worten beschreibt der Dominikaner Bartolomé de las Casas den Beginn des Venezuela-Unternehmens der Welser, die von ihm als „leibhaftige[ ] Teufel“ bezeichnet werden. Als Hauptergebnis ihrer Verwaltung führte Las Casas die Entvölkerung der Provinz infolge der Versklavung und Ausrottung der indianischen Bevölkerung an 2 . Von 1528 bis 1556 kontrollierten die Welser auf Grundlage des auch bei Las Casas angesprochenen Vertrags mit der Krone die Geschicke der Provinz Venezuela.
Im Mittelpunkt dieser Arbeit sollen die Venezuela-Verträge der Welser von 1528 stehen. Zum Vergleich wird das gescheiterte Chile-Unternehmen der Fugger von 1531 untersucht, um danach Motive und Strategien der Welser’schen Verwaltung zu analysieren. Als Hauptquellen werden dazu der Asiento (Kronvertrag) der Welser vom 27. März 1528 3 und der nicht in Kraft getretene Vertrag der Fugger 4 herangezogen.
Grundlegend für die Geschichte des Venezuela-Unternehmens 5 ist die Arbeit von Haebler 6 , obwohl seine nationalistische Wertung der Welser als „Pioniere deutscher kolonisatorischer Pläne“ 7 heute nicht nur anachronistisch wirkt, sondern auch als sachlich falsch gewertet werden kann. Von Relevanz sind außerdem Beiträge von Großhaupt 8 , auch wenn sie nicht
1 Casas, Bartolomé de las: Ganz kurzer Bericht über die Zerstörung Westindiens, in: Werkauswahl, Bd. 2. Historische und ethnographische Schriften, hg. von Mariano Delgado, übers. von Ulrich Kunzmann, Paderborn, München, Wien u.a. 1995, S. 25-138; hier: S. 116; Las Casas nimmt hier Bezug auf die Aufhebung der Einreise-Restriktionen für Nicht-Spanier am 17. November 1526; dazu: ebd., S. 116, Anm. 113.
2 Casas, Bericht, a.a.O., S. 116, 120.
3 Asiento vom 27. März 1528, dt. publiziert in: Schmitt, Eberhard (Hg.): Dokumente zur Geschichte der europäischen Expansion, Bd. 4. Wirtschaft und Handel der Kolonialreiche, München 1988, S. 37-47 (gekürzt); zuletzt dt. publiziert in: Simmer, Götz: Gold und Sklaven: Die Provinz Venezuela während der Welser-Verwaltung (1528-1556), Berlin 2000, S. 757-770 (komplett).
4 Verhandlungen Veit Hörls mit dem Indienrat (4), in: Kellenbenz, Hermann: Die Fugger in Spanien und Portugal bis 1560. Ein Großunternehmen des 16. Jahrhunderts, Bd. III (Dokumente), München 1990, S. 24-29.
5 Zur Literatur über das Welser-Unternehmen: s. Simmer, Gold, S. 6-23; außerdem: Schmölz-Häberlein, Michaela: Kaufleute, Kolonisten, Forscher: Die Rezeption des Venezuela-Unternehmens der Welser in wissenschaftlichen und populären Darstellungen, in: Häberlein, Mark / Burkhardt, Johannes (Hg.): Die Welser. Neue Forschungen zur Geschichte des oberdeutschen Handelshauses, Berlin 2002, S. 320-344.
6 Haebler, Konrad: Die überseeischen Unternehmungen der Welser und ihrer Gesellschafter, Leipzig 1903.
7 Haebler, Unternehmungen, S. VII.
8 Großhaupt, Werner: Der Venezuela-Vertrag der Welser, in: Scripta Mercaturae 24 (1990), S. 1-35; ders.: Bergbau der Welser in Übersee, in: Scripta Mercaturae 25 (1991), S. 125-177.
ganz frei von Ungenauigkeiten, insbesondere bei den Zitaten sind 9 . Von großem Interesse sind die Beiträge
von Schmitt, der sich besonders mit Philipp von Hutten befasst, aber auch allgemeinere Fragestellungen zur Welser-Verwaltung behandelt hat 10 . Die umfangreiche Arbeit von Simmer 11 repräsentiert auf einer breiten Quellenbasis den aktuellen Forschungsstand und bietet eine ausführliche und verlässliche Gesamtdarstellung. Einzelne Folgerungen und Thesen Simmers überzeugen allerdings nicht vollständig. Eine wertvolle Ergänzung ist der Artikel von Denzer 12 , der einen informativen Überblick zum Thema gibt und die darin vertretene Interpretation einleuchtend begründet. Für die Geschichte des Chile-Unternehmens der Fugger sind die Beiträge von Haebler 13 , Panhorst 14 und die Veröffentlichung von Kellenbenz 15 von zentraler Bedeutung.
II. Die Venezuela-Verträge der Welser
1. Voraussetzungen
Im Zuge seiner imperialen Machtpolitik benötigte Karl V. für die Bekämpfung der Reformation, für die Kriege gegen Frankreich und die Osmanen, und nicht zuletzt zur Eroberung und Nutzbarmachung der Neuen Welt finanzielle Mittel in großem Umfang 16 . Mit den wirtschaftlichen Erträgen der Neuen Welt sollte wiederum die kostspielige Politik in Europa finanziert werden 17 . Daher erkannte der Kaiser die Notwendigkeit, zur Entwicklung des überseeischen Besitzes „möglichst zahlreiche Kräfte zu dessen wirtschaftlicher Erschließung“ 18 heranzuziehen. Um Investitionen ausländischen Kapitals möglich zu machen
9 Darauf weist Simmer, Gold, S. 706 hin.
10 Schmitt, Eberhard: Konquista als Konzernpolitik: Die Welser-Statthalterschaft über Venezuela 1528-1556, in: Schubert, Venanz (Hg.): Die beiden Amerika: Kolumbus und die Folgen, St. Ottilien 1994, S. 289-319; ders.: Der Beitrag der Hutten-Papiere zur Beurteilung des Venezuela-Unternehmens der Welser-Kompanie im 16. Jahrundert, in: Burkhardt, Johannes: Augsburger Handelshäuser im Wandel des historischen Urteils, Berlin 1996, S. 191-209. Schmitt, Eberhard / von Hutten, Friedrich Karl (Hg.).: Das Gold der Neuen Welt. Die Papiere des Welser-Konquistadors und Generalkapitäns von Venezuela Philipp von Hutten 1534-1541, Hildburghausen 1996;
11 Simmer, Gold.
12 Denzer, Jörg: Die Welser in Venezuela - Das Scheitern ihrer wirtschaftliche Ziele, in: Häberlein, Mark / Burkhardt, Johannes: Die Welser. Neue Studien zur Geschichte des oberdeutschen Handelshauses, Berlin 2002, S. 285-319.
13 Haebler, Konrad: Kolonial-Unternehmungen der Fugger, Ehinger und Welser im 16. Jahrhundert, Sonder-Abdruck aus der Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, Bd. XXVII (1892), Berlin 1893.
14 Panhorst, Karl H.: Das Kolonisationsunternehmen der Fugger in Amerika, in: Ibero-Amerikanisches Archiv 2 (1927/28), S. 131-149.
15 Kellenbenz, Hermann: Die Fugger in Spanien und Portugal bis 1560. Ein Großunternehmen des 16. Jahrhunderts, Bd. I, München 1990.
16 Bernecker, Walther L. / Pietschmann, Horst: Geschichte Spaniens: Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, 3., verb. und aktualisierte Aufl., Stuttgart, Berlin, Köln 2000, S. 97; Denzer, Scheitern, a.a.O., S. 289, Anm. 15.
17 Konetzke, Richard: Süd- und Mittelamerika I: Die Indianerkulturen Altamerikas und die spanisch-portugiesische Kolonialherrschaft (=Fischer Weltgeschichte Bd. 22), Frankfurt a.M. 1956, S. 111.
18 Haebler, Unternehmungen, S. 47.
und auch Nicht-Spanier 19 in die Kolonisation einzubeziehen, erleichterte Karl V. die Restriktionen für Ausländer in Bezug auf den Handel mit Amerika und die Einwanderung dorthin. 20 Im Februar 1524 erlaubte er Nicht-Spaniern, von Sevilla aus Handel mit der Neuen Welt zu treiben und am 10. November 1525 wurde allen Untertanen seiner Reiche und Genuesen gestattet, unter Auflagen, die aber am 17. November 1526 völlig aufgehoben wurden, nach Amerika einzuwandern 21 . Zu den ersten Unternehmern, die von diesen Erleichterungen profitierten, gehörten die Welser. Indirekt hatten sie schon vorher über das internationale Handelszentrum Antwerpen, wo sie 1503 eine Faktorei gründeten, und über Sevilla, dem spanischen Monopolhafen für den Handel mit Amerika, wo sie 1525 eine ständige Niederlassung errichteten, am Handel mit der Neuen Welt partizipiert 22 . Am 20. Juni 1526 wurde ihrem Mittelsmann Lazarus Nürnberger die Erlaubnis gewährt, einen deutschen Faktor in die Neue Welt zu schicken. Diese Lizenz wurde am 31. August 1526 nachträglich auf bis zu vier Faktoren erweitert; schon ab Juni 1526 begannen Ambrosius Dalfinger und Georg Ehinger mit dem Aufbau einer Faktorei in Santo Domingo 23 .
2. Venezuela - Ein Projekt von Ehinger und Sailer?
Im Jahre 1528 schlossen die Welser mehrere Übereinkünfte mit der spanischen Krone in Bezug auf Venezuela, die von ihren Vertretern am Hof, Heinrich Ehinger und Hieronymus Sailer 24 ausgehandelt wurden. Da die Welser in den Verträgen nicht erwähnt werden, wurde in der Forschung spekuliert, Ehinger und Sailer seien in eigener Sache vorgegangen. Insbesondere Haebler vertrat die These, die Ehinger hätten unabhängig von den Welsern agiert. Haebler ging aber fälschlicherweise davon aus, dass der ersten Gouverneur von Venezuela, Ambrosius Dalfinger, ein Ehinger war 25 , und konnte sonst kein eigenständiges Handeln der Ehinger nachweisen. Dagegen existieren einige Belege, die von vorneherein für
19
Untertanen der nicht-kastilischen Königreiche Spaniens wurden in den formal zu Kastilien gehörenden überseeischen Gebieten nicht als Ausländer behandelt; daher wird hier nur zwischen Spaniern und Nicht-Spaniern differenziert; s.
Konetzke,
Kolonialherrschaft, S. 67.
20 Konetzke, Kolonialherrschaft, S. 66; Denzer, Scheitern, a.a.O., S. 289.
21 Simmer, Gold, S. 35; Restriktionen für Nicht-Spanier wurden am 6. Dezember 1538 wieder eingeführt, um die Ausbreitung der Lehren Luthers zu verhindern; s. Konetzke, Kolonialherrschaft, S. 66.
22 Haebler, S. 47-49; Denzer, S. 289f.; zur Bedeutung Sevillas: Wallerstein, Immanuel: Das moderne Weltsystem - Die Anfänge kapitalistischer Landwirtschaft und die Entstehung der europäischen Weltwirtschaft im 16. Jahrhundert, aus dem Amerikanischen von Angelika Schweikhart, Frankfurt a.M. 1986, S. 250; zu Antwerpen: ebd., S. 253f.
23 Simmer, Gold, S. 35.
24 Simmer, Gold, S. 37.
25 Haebler, Konrad: Welser und Ehinger in Venezuela, Sonderabdruck aus der Zeitschrift des historischen Vereins für Schwaben und Neuburg, XXI. Jahrgang (1894), Augsburg 1895; dazu auch: Haebler, Fugger, S. 15: „Wenn aber Heinrich Ehinger in Alfinger war, so kann wohl kein Zweifel darüber sein, daß Ambrosio de Alfinger ein Ehinger ist“; zu Dalfinger vgl. die Kurzbiographie von Götz Simmer in: Schmitt/F.K. von Hutten (Hg.), Papiere, S. 150.
Arbeit zitieren:
Helmut Strauss, 2002, Die Venezuela-Verträge der Welser und das Chile-Unternehmen der Fugger - Pläne Oberdeutscher Handelshäuser in Übersee, München, GRIN Verlag GmbH
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