Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort 3
2. Literatur als Spiel 4
2.1. Begriffsbestimmung 4
2.2.Formen des experimentellen Romans 5
2.4. Literarische Postmoderne 7
3. Cut-up 9
3.1.Ursprung und Entwicklung 9
3.2.Das Verfahren 10
4. William S. Burroughs 12
4.1.The Soft Machine 13
4.2.Cut-ups und mögliche Lesarten 14
5. Carl Weissner 17
5.1.Manhatten Muffdiver 18
5.2.Permutationen im Werk 19
5.3.Cut-up im österreichischem Raum 21
6. Digitale Cut-ups und permutative Generatoren 22
6.1.Einige Beispiele 23
6.1.1 Language is a virus 23
6.1.2. 23 degrees 24
6.1.3. Jim Andrews: stir fry texts 25
6.1.4. The Lazarus Corporation 26
7. Nachwort 26
8. Quellenverzeichnis 28
8.1. Primärliteratur 28
8.2. Sekundärliteratur 28
8.3. Elektronische Quellen 29
1.VORWORT
Das Spiel mit den Möglichkeiten hat in vielerlei Hinsicht seinen Reiz: es bietet Aussicht auf unterschiedlichste Varianten, auf uneingeschränktes Ausprobieren und Ungebundenheit. Im Leben haben wir meist nicht die Chance aus unendlichen Versuchen zu schöpfen, in der Literatur hingegen schon. Sie bietet uns unterschiedlichste Methoden zum Experimentieren, zum Spielen mit Wörtern. Ausschlaggebend ist hier der Begriff des Spiels, der die Vorgehensweise vorschreibt und den es zunächst zu erläutern gilt. Besonders zwei literarische Spielformen gelten als besonders beachtenswert: der experimentelle Roman und die Postmoderne. Beide Phänomene müssen zunächst untersucht und entschlüsselt werden, um schließlich auf die literarische Form des Cut-up näher eingehen zu können.
Die Technik umfasst in erster Linie das Zerschneiden von Text, der dann entweder zufällig oder gesteuert wieder zusammengesetzt wird, und so ein völlig neues Endprodukt liefert. Die Tradition des Cut-up geht relativ weit zurück, schon Tristan Tzara hat Wortschnitzel aus einem Hut gezogen und wieder neu zusammengefügt. Es waren jedoch William S. Burroughs und Brion Gysin, die die Methode revolutioniert und ausgefeilt haben. Vor allem Burroughs hat mit seinen Werken wie „Naked Lunch“ und der Nova Trilogy eine neue Tradition des Cut-up geschaffen. Sein Roman „The Soft Machine“ aus der Nova Trilogy soll hier nun genauer untersucht werden. Im Laufe dieser Analyse werden die Passagen auf eventuelle Lesemöglichkeiten überprüft.
Genauso interessant und beachtenswert ist der deutschsprachige Raum mit seinen Künstlern der Beat-Generation. Besonders erwähnenswert ist hier Carl Weissner. Der Autor wurde zunächst als Übersetzer von Charles Bukowski bekannt, nun hat er nach langer Schaffenspause drei neue Werke in kürzester Zeit herausgebracht. Zwei davon erschienen in deutscher Ausgangssprache, bis dato eher ungewöhnlich für den anglophilen Schriftsteller. Sein Werk „Manhatten Muffdiver“, erschien 2010 im Milena Verlag und wurde in der Reihe „exquisite corpse“ von Thomas Ballhausen herausgegeben. Ein kurzer Rückblick wird auch auf den österreichischen Raum und seine Cut-up Künstler, wie Karl Kollmann, geboten. Das Computerzeitalter hat auch vor der Literatur keinen Halt gemacht, und sich seinen Weg in die unterschiedlichsten lyrischen Formen gebahnt. Digitale Generatoren schaffen für Cutup das, was sonst die Schere übernehmen würden: sie zerteilen Text und setzen ihn neu zusammen. Die Möglichkeiten sind auch hier wieder zahlreich, und Varianten zur Befriedigung der Spiellust sind scheinbar grenzenlos. Vor allem im Bereich der digitalen Literatur ist das
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Spielprinzip nicht zu verleugnen, allein die Nähe zu Computerspielen spricht dafür, und ebenso die gebotenen Gelegenheiten zur Interaktivität. Ab diesem Zeitpunkt entspricht die folgende Handlung der Auslegung eines Spiels und erzeugt im besten Fall Lustgewinn. Der Spielbegriff ist vor allem durch den Kulturhistoriker Huizinga geprägt worden. Seine Definition und eine kurze Einführung in den Terminus Literatur als Spiel sollen nun eine Basis für die Darlegung der Cut-up Methode und ihre Möglichkeiten bieten.
2.LITERATUR ALS SPIEL
Literatur als Spiel ist schon seit geraumer Zeit eine gültige Verbindung, das Schauspiel ist hier zunächst die einfachste Verknüpfung. Auch Sprachspiele und daraus resultierende Verzweigungen wie Lautmalerei und Metaphern erscheinen logisch und verlangen keine genauere Erklärung. Weitet man den Begriff jedoch aus, so können auch experimentelle Formen als Kategorie genannt werden und eine Verknüpfung zur Literatur bilden. Die literarische Post-moderne erscheint als nächster Schritt, auch wenn die Definitionen hier weit auseinander gehen. Oftmals werden Kennzeichen der modernen Literatur als Basis genommen und verfeinert. Neben Julia Kristeva und Linda Hutcheon hat sich auch Ihab Hassan mit dem Thema auseinandergesetzt und eine Merkmalsreihe formuliert, die es erlaubt den Begriff weiter einzugrenzen. Als erste Grundlage kann hier die Eingrenzung „Sprachexperimente und Beteiligung des Lesers am Prozess der Bedeutungsproduktion“ 1 genannt werden, die zunächst den modernen Roman kennzeichnet. Der experimentelle Roman ist demnach eine gültige Schlussfolgerung als literarische Form innerhalb der Moderne bzw. Postmoderne. Die von Ulrich Ernst formulierten Kategorien des experimentellen Romans ebenso wie die von Ihab Hassan erstellten Merkmale zum postmodernen Roman werden nun erörtert, nach einer vorhergehenden Bestimmung des Spielbegriffs. 2.1.Begriffsbestimmung
Der Terminus des Spiels ist besonders im Alltag sehr weitläufig und kann vielerlei Bedeutungen haben. Man assoziiert ihn mit einem unterhaltsamen Zeitvertreib, er kann aber auch ein Theaterstück oder eine sportliche Veranstaltung beschreiben. Dennoch bedarf es hier einer genaueren Untersuchung bzw. Begriffseingrenzung. Der Kulturhistoriker Johan Huizinga hat
1 Metzler (2007), S 603
4
sich unter anderem mit der Rolle des Spiels als Kultur induzierenden Faktor beschäftigt. Seine Definition lautet wie folgt:
Der Form nach betrachtet, kann man das Spiel also zusammenfassend eine freie Handlung nennen, die als „nicht so gemeint“ und außerhalb des gewöhnlichen Lebens stehend empfunden wird und trotzdem den Spieler völlig in Beschlag nehmen kann, an die kein materielles Interesse geknüpft ist und mit der kein Nutzen erworben wird, die sich innerhalb einer eigens bestimmten Zeit und eines eigens bestimmten Raums vollzieht, die nach bestimmten Regeln ordnungsgemäß verläuft und Gemeinschaftsverbände ins Leben ruft, die ihrerseits sich gern mit einem Geheimnis umgeben oder durch Verkleidung als anders als die gewöhnliche Welt herausheben. 2
Hervorheben kann man also, dass es sich um etwas handelt, das um seiner selbst willen ausgeübt wird und primär keinem unmittelbaren Zweck dient. Das Spiel dient einzig und allein der persönlichen Bereicherung und soll Freude bereiten. Hier kann nun an den Bereich der Literatur angeknüpft werden, da auch sie Unterhaltung verspricht und dem Leser eine kurzzeitige Flucht in die Fiktion bietet. Es gibt jedoch auch maßgebliche Unterschiede, denn Literatur ist nicht unbedingt an Regeln und Vorschriften gebunden. Besonders der experimentelle Roman und die literarische Postmoderne zeichnen sich durch eigens formulierte Prinzipien aus. Ihre Kategorisierung konnte von Ulrich Ernst festgehalten werden und wird im folgenden Kapitel ausgeführt.
2.2.Formen des experimentellen Romans
Der Roman der Postmoderne versuchte sich seit jeher von Regeln und Konventionen zu befreien und begründete so eine neue Ära. Er zeichnet sich unter anderem durch einen starken Drang nach Freiheit aus, der sich in diversen Schemata niederschlägt. Die Postmoderne steht ebenso für eine neue Lust am Experimentieren und formuliert so eine neue Kategorie des Romans. Ulrich Ernst beschrieb vier davon in seiner Schrift Typen des experimentellen Romans. Dabei wählte er folgende Strukturen zur Differenzierung aus: Tektonik, Sprachspiel, Visualität und Permutation. 3
Die Tektonik widmet sich in erster Linie Zahlen und musikalischen Mustern, und möchte im Allgemeinen eine Stütze oder Gliederung für den Romanaufbau bieten. Die Möglichkeiten zur tektonischen Bearbeitung sind scheinbar unbegrenzt, die Strukturen können in jeglicher
2 Eibl (2009), S 11
3 Vgl.: Ernst U. (1992), S 226 ff.
5
Abfolge und Variation zutage treten, der Autor hat beliebig viele Optionen. Berühmte Vertreter dieser Kategorie sind unter anderem James Joyce und Thomas Mann. Diktion als Experiment wird von Ernst in der Kategorie des sprachspielerischen Romans beschrieben. Hierbei geht es darum, möglichst normabweichend mit Wörtern und ihren Bedeutungen umzugehen. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt, bedenkt man die Anzahl der Sprachen an sich, ihre unterschiedlichen Ausdrucksformen, Syntax und Semantik. Diese Art des experimentellen Romans hat ihren Ursprung vermutlich in der Antike, und wurde seitdem immer weiter ausgebildet.
Der visuelle Roman fand seine Darstellung bis vor kurzem vor allem in Figurengedichten und ähnlichen Ausprägungen. Die Aufbereitung von Text als Bild eröffnet neue Möglichkeiten für den Leser und den Autor selbst, Schriftlichkeit wird in Bildlichkeit transferiert und erzeugt so ein optisches Erlebnis, welches aber wiederum an Text gekoppelt ist. Das digitale Zeitalter liefert unzählige neue Möglichkeiten um Geschriebenes visuell aufzubereiten. Mithilfe eines Computers kann eigentlich jeder Text in eine beliebige Form gebracht werden, angefangen von simplen Formen die in diversen Paint-Programmen erstellt wurden, oder noch minimalistischer mit Excel oder sogar Word. Die digitale Welt ermöglicht mittlerweile jedoch weitaus raffiniertere und technisch ausgefeilte Produkte mit denen die Visualisierung von Text ermöglicht wird.
Der permutative Roman ist, im Vergleich zu anderen Kategorien, zwar ebenfalls schon in der Antike zu finden, doch in seiner ausgeprägtesten Form eher eine Erscheinung der Neuzeit. Man könnte auch noch hinzufügen, dass die Permutation im experimentellen Roman die wahrscheinlich extremste Ausformung bedeutet, da sie teilweise sogar schon die Tradition des Buches selbst in Frage stellt bzw. neue Wege zur Darstellung ergründet. Der Spielbegriff wurde besonders in der Postmoderne gerne und oft verwendet, verlor dadurch wohl an Aussagekraft bzw. Deutlichkeit. Eines kann jedoch festgestellt werden, und ist für den experimentellen Roman von dringender Bedeutung: „Spiel“ steht für die lustvolle Befreiung von unlustvollen Zwängen 4 . Diese These kann als Motto für viele Autoren der Postmoderne betrachtet werden. Die Befreiung passierte in erster Linie durch Ablehnung von Autoritäten bzw. Regelsystemen der literarischen Tradition.
Als besonders einflussreich im Bereich des permutativen Romans, kann die von William S. Burroughs und Brion Gysin entwickelte Cut-Up Methode bezeichnet werden. Hierbei wird,
4 Anz (2002), S 37
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wie der Name schon sagt, Text zerschnitten und in neuer Anordnung wieder zusammengesetzt. Dabei sollte jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass es auch bei dieser Technik Vorläufer gab, wie zB Lewis Carroll und Tristan Tzara. 5 Das permutative Erlebnis dieser Technik liegt im greifbar machen von Text, der Autor kann ihn förmlich in seinen Händen halten und nach Belieben umformen, auseinandernehmen und wieder zusammensetzen. Hinzu kommt, dass es sich um bereits existierenden Text handelt. Das Experimentelle liegt demnach nicht im Erschaffen, sondern im Konstruieren. 2.3. Literarische Postmoderne
Ihab Hassan formulierte in seinem Essay Postmoderne heute eine Merkmalsreihe zur Einteilung des postmodernen Romans. 6 Im Folgenden werden nun die einzelnen Kategorien erläutert und geprüft, ob und wie sich die von William S. Burroughs und Brion Gysin entwickelte Cut-up Methode einreihen lässt:
- Unbestimmtheit: Hassan meint hier alle Arten von Brüchen und Verschiebungen unseres
Wissens innerhalb der Gesellschaft, literarische- und Kunstformen. Der fragmentierte Charakter eines Cut-ups lässt sich hier eindeutig einreihen.
- Fragmentarisierung: Hassan nennt hier unter anderem die Collage, die Montage und auch explizit das Cut-up.
- Die Auflösung des Kanons: Cut-up spielt mit der Zerstörung von Konventionen und bricht gesellschaftliche Normen auf, und entspricht somit der Dekonstruktion von Sprache und Macht hinsichtlich des Merkmals.
- Der Verlust von „Ich“, von „Tiefe“: der Verlust eines Subjekts bzw. die Auslöschung der Notwendigkeit eines solchen, entspricht eindeutig der Philosophie der Methode. Das Prinzip des „Tod des Autors“ kommt hier eindeutig zu tragen, und kann umso mehr als Merkmal der Methode genannt werden, da auch im Cut-up die Rolle des Autor hinterfragt wird bzw. nicht mehr die Hauptrolle im Endprodukt spielt.
- Das Nicht-Zeigbare, Nicht-Darstellbare: Cut-ups sind als solche nicht immer sofort erkennbar, sie zeigen sich oftmals nicht explizit, sondern fordern den Leser zu fast schon detektivischer Arbeit heraus. Durch die nicht absolute Abgrenzbarkeit der Technik und ihre vielen unterschiedlichen Formen, entspricht sie auch diesem Merkmal Hassans.
5 Vgl.: Robinson (2011), S 5 ff.
6 Vgl.: Hassan (1988), S 49 ff.
7
-
Ironie:
sie kennzeichnet sich durch subtile Hinweise, Anspielungen und erkennbar Unausge-
sprochenes. Hassan bezieht sich in seinen Merkmalen jedoch eher auf die Suche nach etwas Eindeutigem, einer bestimmten Wahrheit. Die Cut-ups können und sollen dem jedoch nicht entsprechen, sie spielen sozusagen mit dieser Suche und zerstören sie daraufhin. Ein Cut-up deutet so viele verschiedene Möglichkeiten an, eine einzige Wahrheit erscheint unmöglich. Dieser Prozess lässt Ironie entstehen, allerdings in seiner ursprünglich gemeinten Subtilität.
- Hybridisierung: die Vereinigung von verschiedenen Richtungen trifft in der Cut-up Technik
auf mehrere Repräsentationen und Formen, die unterschiedlich angenommen werden können. Handelt es sich einerseits um Reproduktionen, so ist doch etwas Neues entstanden. Im Zuge der Beat-Literatur kann ebenso der Zusammenhang mit Pop gefunden werden. Kopie und Abbild entsprechen dem ebenso wie die Ambivalenz von Vergangenheit und Gegenwart. Die Vereinigung von Medien, die Wandlungsfähigkeit und die Möglichkeiten ein Cutup sowohl im literarischen, filmischen, musikalischen und vielen weiteren Bereichen herzustellen, bestätigen das Merkmal der Hybridisierung.
-
Karnevalisierung:
bei dem von Bachtin geprägten Begriff werden im Aufsatz Hassans be-
sonders spielerische und subversive Charaktere angesprochen, „die Erneuerung verheißen“ 7 . Cut-up steht ebenso für etwas Neues, auf spielerische Art entstandenes.
- Performanz, Teilnahme: Cut-ups sind für sich gesehen schon performative Akte, da sie nach
Austins Definition sprachliche Handlungen darstellen, die erst durch ihre Äußerung zustande kommen. Sie sind weder wahr noch falsch, sie sind aufgrund ihrer Konstruktion. 8 Insofern entspricht auch dieser Punkt der Merkmalscharakteristik.
- Konstruktcharakter: ein Cut-up wird aus Fragmenten wieder zusammengesetzt, ob zufällig
oder gesteuert, es handelt sich auf jeden Fall um ein Konstrukt.
- Immanenz: der semiotische Charakter eines Cut-ups ist schwierig festzumachen und kann
nur vom Leser selbst bestimmt werden. Der Zerfall der Wörter splittert die Bedeutungen des ursprünglichen Textes in Einzelteile, die zusammengefügt wieder einen neuen Sinn ergeben. Die Technik fordert und erweitert also den semiotischen Charakter eines Textes, die Immanenz ist immer vorhanden, jedoch in unterschwelliger und subtiler Form. Auch Intertextualität ist ein gängiger Schlüsselbegriff und formt die Eigenschaften eines Cut-ups.
7 Hassan (1988), S 53
8 Vgl.: Ernst, P. (2009), S 241 ff.
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Arbeit zitieren:
BA Julia Rosenkranz, 2011, Die Lust am Spiel mit den Möglichkeiten, München, GRIN Verlag GmbH
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