verlegt seine Ausführungen dennoch an verschiedenen Stellen auf die theoretische Ebene oder verknüpft seine Schlussfolgerungen mit ihr. Sehr deutlich wird dies gleich im ersten Teil des Buches, wo Kaufmann seine Argumentation und Ergebnispräsentation mit Ergebnissen der Kognitionspsychologie unterfüttert (18) und vor allem im Unterkapitel „Kleines Kino und Off-Stimme“, wo vor dem eigentlichen Thema eine theoretische Grundlage zum Verständnis der imaginären Spaltung gelegt wird (231 f.). Die für wissenschaftliche Aufsätze und Arbeiten notwendigen Literaturnachweise finden sich innerhalb der Kapitel jedoch selten und brechen meist mit dem üblichen Stil des Buches. Beides könnte darauf zugeführt werden, dass Kaufmann vor allem aus seiner eigenen Forschung heraus argumentiert. Dass dieser jedoch ein stabiles Fundament an wissenschaftlicher Literatur zugrunde liegt, zeigt die aufgeführte Bibliografie mit über 60 Werken.
Schon in der Einleitung beginnen die für dieses Buch so typischen Anekdoten, die teilweise vom Autor beschrieben und teilweise von den Paaren in wörtlicher Rede selbst erzählt und auf beinahe jeder Seite des Buches gefunden werden können. Die Quellen hierfür liegen hauptsächlich in seinen eigenen Befragungen und Interviews, aber nicht ausschließlich. Bezüglich der Beispiele von Ärger, den Personen empfinden, greift er auch auf andere Quellen zurück, wie zum Beispiel Untersuchungen von Johanne Mons oder von Céline Bouchat (125). Auf diese Weise wird ein Charakteristikum erschaffen, das dieses Buch so bestechend authentisch macht, indem es, vor allem durch die eigenen Worte der befragten Personen, genau den Alltagsrealismus darstellt, der es von der Theorie abgrenzt. Dass Kaufmann durch diese Aufzählung von Beispielen und Einzelfällen nur eine exemplarische Gültigkeit seiner Aussagen erlangt, ist ihm zumindest in begrenztem Maße bewusst. So stellt er selbst fest, dass die von ihm behandelten Ursachen von Ärger im zweiten Teil der Arbeit „[…] nur zur Veranschaulichung [dienen] und […] nicht repräsentativ [sind], denn um eine wirklich repräsentative und vollständige Darstellung zu liefern, bedürfte es einer statistischen Arbeit.“ (87 f.)
Darüber hinaus, stellt der Autor sofort klar, wie unangenehm aber auch bereichernd Ärger in einer Paarbeziehung sein kann. Um dies im weiteren Verlauf des Buches näher auszuführen, grenzt Kaufmann den Ärger in mehreren Hinsichten ein, um eine präzise Analyse zu ermöglichen. Zuerst unterscheidet er dafür zwei Formen des Ärgers: den rein informativen, gleichförmigen und den impulsiven Ärger. Es muss außerdem differenziert werden zwischen einem Schwall von Gefühlen und dem tatsächlichen Ärger, der sich von Groll, Entrüstung oder gar Gewalt unterscheidet. Demnach hat er vor allem glückliche
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Paare untersuchen wollen, um die Zielstellung dieses Buches zu erreichen: den Ärger verstehen, seine Ursachen und Auswirkungen darzulegen und Mechanismen nachzuvollziehen. Die gewonnene Erkenntnis aus diesen einleitenden Worten des Buches liegt darin, dass Ärger in jedem Extrem immer nach dem gleichen Mechanismus abläuft, der immer die gleiche Ursache hat, nämlich Dissonanzen.
Im ersten Großkapitel seines Werks geht Kaufmann zunächst detailiert auf die Entstehung des Ärgers ein. Diese ist eng verbunden mit unserem Unterbewusstsein bzw. dem, was Kaufmann als „unterbewussten geheimen Plan“ und „implizites Gedächtnis“ bezeichnet (18 f.). Ärger entsteht, wenn Dissonanzen zu diesen Schemata auftreten. Je plötzlicher die Dissonanz, desto größer ist der Ärger, weil die Kohärenz zwischen den gegensätzlichen Seiten des Gedächtnisses wieder hergestellt werden muss. Hier ist das positive Potential des Ärgers zu finden, da es ein Instrument sein kann, „das Handlungen auslöst und die mentale Erschöpfung verringert“ (20).
Vor allem am Beispiel der Hausarbeit macht Kaufmann in diesem ersten Teil des Buches klar, wann Ärger entstehen kann und wie er sich auf die Paarbeziehung auswirkt. Mit einfachen mathematischen Formeln drückt er dabei aus, wie sich unterbewusste Pläne ergänzen oder gegenüberstehen können. So kann am Anfang einer Beziehung sehr wenig Ärger vorhanden sein, weil stärkere (liebevolle) Emotionen, die alte Welt und damit den eigenen Plan vergessen machen.
Weiterhin stellt Kaufmann fest, dass Ärger in einer Paarbeziehung selten vermeidbar ist. Er entsteht aus dem Versuch heraus, zwei Arten des (Alltags-)Lebens zu einer kollektiven Art verschmelzen zu lassen, wobei es um den Versuch geht, eine Einheit herzustellen (26). Ein Ursprung für die dabei entstehende Problematik liegt im stattgefundenen und noch immer stattfindenden Wandel unserer Gesellschaft. Die Rollenverteilung der postmodernen westlichen Welt hat das alte patriarchalische System aufgebrochen und zum Beispiel die Hausarbeit zu einer Aufgabe für beide Partner gemacht.
Das zweite Großkapitel des Buches beschäftigt sich vor allem mit den Männern und Frauen und eben jenem Rollenverständnis, dass sich zwischen ihnen aufspannt. So greift Kaufmann zur Sprache des Theaters, um auszudrücken, dass ein Partner bezüglich gewisser Beziehungsaspekte der Hauptdarsteller ist und über die Lösung für ein Problem entscheidet, während der Nebendarsteller sich dem System des Hauptdarstellers beugt. So wird durch die den Partnern zufallenden Rollen eine geordnete Wirklichkeit und Normalität aufrechterhalten. Damit widerspricht Kaufmann in gewisser Weise jenen Definitionen von Liebe, die sie als rollenfrei bezeichnen und schließt sich der Chicagoer
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Tradition und George J. McCall an, der auch innerhalb der Paarbeziehung das Vorhandensein von Rollendifferenzierung in Form von Arbeitsteilung sieht. Dissonanzen und somit Ärger kommen in dieser Konstellation auf, wenn sich gut eingespielte Rollen innerhalb der Paarbeziehung plötzlich ändern oder partiell nicht übereinstimmen, was auch in bereits lange bestehenden Beziehungen aufgrund von Kommunikationsmängeln noch der Fall sein kann. Das Problem ist die Rolle des Nebendarstellers, der seine eigene Meinung und Persönlichkeit vollkommen hinter der Dominanz des Hauptdarstellers zurückstellen muss. Dies könnte seinem Selbst, wie Goffman es bezeichnet und das aus Wechselwirkungen mit und zwischen seinen gesellschaftlichen Rollen entsteht, innerhalb der Beziehung widersprechen.
Das Bild, das an dieser Stelle von Kaufmann gezeichnet wird, rückt vornehmlich Männer in ein schlechteres Licht als die Frauen, auch wenn das nicht direkt beabsichtigt ist. Dieser Eindruck entsteht vor allem dadurch, dass hauptsächlich Frauen Berichte über ihre Ärgernisse an den Autor gesendet haben. Darstellungen von Männern sind in der Unterzahl und werden auch sehr viel seltener innerhalb der Kapitel zitiert. Einen weiteren Konflikt zwischen Männern und Frauen sieht der Autor in dem, nach einem Buch von Dan Kileys benannten, „Peter-Pan-Syndrom“ (77). Viele Frauen üben Kritik daran, dass ihre Männer wie Kinder wären. Zur Erklärung greift Kaufmann einmal mehr auf die historische Komponente zurück, die für ihn insgesamt eine vordergründige Rolle spielt. Da die ursprüngliche Rollenverteilung zwischen Mann und Frau mit der Gesellschaft der Postmoderne aufgebrochen wurde und die Emanzipationsbewegung voranschritt, haben sich Männer in die Nebendarstellerrolle im Haushalt zurückgezogen und der Erziehung der Kinder angenähert. Gepaart mit der Tatsache, dass sie nicht so sehr der „biologischen Uhr“ (76) unterworfen sind wie Frauen, bedeutet dies, dass sie sich länger Zeit lassen können, um in das Erwachsenenleben einzutreten. Die Veränderung dieser gesellschaftlichen Umstände wird als sehr interessantes Thema gelegentlich von Kaufmann angesprochen, ohne dass er wirklich tiefgreifend darauf eingeht. So betont er zwar, dass ein Wandel im Gesellschaftsystem stattgefunden hat, was auch vollkommen richtig und unbestritten ist, die Männer aber dennoch versuchen, den alten Archaismus in gewissen Aspekten aufrecht zu erhalten und als dominanter Partner aufzutreten. Dass wir uns allerdings in einer ganz neuen tiefgreifenden historischen Wende der Gesellschaft befinden, wird von Kaufmann angezweifelt. Derartige Abschweifungen vom eigentlichen Thema, kommen nicht häufig in vor, haben aber das Potential, weiterreichende Denkanstöße auszulösen.
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Arbeit zitieren:
Jan Seichter, 2011, Buchrezension zu Kaufmann, Jean-Claude (2007): Was sich liebt, das nervt sich. Konstanz, München, GRIN Verlag GmbH
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