Inhaltsverzeichnis
1. Wen und warum vergleichen? 2
2. Ausgangslage - Ein Überblick 3
2.1 Gradišćanski Hrvati - Die Burgenlandkroaten 3
2.2 Serbja/Serby - Die Sorben 4
3. Siedlungsgebiete 5
4. Identität und Trennlinien 6
5. Staatliche Rechte und deren Umsetzung 8
5.1 Gesetzeslage 8
5.2 Finanzielle Förderung 10
5.3 Bildung in der Muttersprache 11
5.4 Zweisprachige Beschilderung 12
6. Eigene Institutionen 13
6.1 Vertreter und zentrale Einrichtungen 13
6.2 Medienlandschaft 15
7. Wirtschaft - Leben an der Peripherie 18
8. Kulturelle Aktivität und Wahrnehmung 19
8.1 Folklore und Folklorisierung 19
8.2 Neue Wege 21
9. Politische Repräsentation 22
10. Fazit 23
11. Literaturverzeichnis 25
12. Internetquellenverzeichnis 26
2
1. Wen und warum vergleichen?
In den beiden deutschsprachigen Staaten Österreich und Deutschland leben insgesamt fünf autochthone slawische Minderheiten - Burgenlandkroaten, Kärntner Slowenen, Tschechen und Slowaken in erstgenanntem, die westslawischen Sorben in den deutschen Bundesländern Sachsen und Brandenburg. Die genannten Volksgruppen unterscheiden sich im Hinblick auf ihre Geschichte teils erheblich, so sind die einen bereits vor der deutschsprachigen Bevölkerung dort ansässig gewesen, wo sie bis heute leben, andere kamen in den Wirren der Türkenkriege in ihre jetzigen Siedlungsgebiete, wieder andere erst im 18. und 19. Jahrhundert. Was sie verbindet, ist ihr gegenwärtiger Status als ethnische Minderheit in einem zentraleuropäischen Nationalstaat.
Im Folgenden sollen einige Aspekte der aktuellen Situation von Burgenlandkroaten und Sorben und auf diese Weise auch die Minderheitenpolitik ihrer Heimatländer dargestellt und - so möglich - verglichen werden. Die beiden Gruppen sind sowohl ihrer Anzahl als auch des Charakters ihrer Siedlungsgebiete nach vergleichbar; bei beiden sorgen diverse interne Trennlinien für Schwierigkeiten bei der Gruppenidentifikation als „Volk“. Beide wurden in der Geschichte in verschiedenen Epochen marginalisiert und benachteiligt, teilweise wurde ihre bloße Existenz verleugnet. Sowohl die burgenländischen Kroaten als auch die Sorben verfügen erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts über verbriefte Gruppenrechte, bei deren Umsetzung es teils erhebliche und vor allem sehr ähnliche Probleme gibt.
In dieser Arbeit habe ich - neben der angeführten Literatur - auf eigene Erfahrungen aus meiner Heimat, der zweisprachigen Lausitz, sowie auf Eindrücke einer Studienreise durch das Burgenland zurückgreifen können. Ein Vergleich der Situation beider Völker schien naheliegend und bietet die Möglichkeit, ähnliche Tendenzen in der Minderheitenpolitik beider Staaten sowie in der den Volksgruppen innewohnenden Eigendynamik zu erkennen, aber auch die Chance, voneinander zu lernen. Was in der gebotenen Kürze nicht erfolgen kann und wird, ist eine Antwort auf die Frage, ob denn Kroaten und Sorben durch ihr Dasein als Slawen in deutschsprachigen Nationalstaaten eine andere Behandlung erfahren und erfahren haben, als es bei nichtslawischen Minderheiten - wie Friesen und Dänen in Deutschland oder Ungarn in Österreich - der Fall war.
3
2. Ausgangslage - Ein Überblick
2.1 Gradišćanski Hrvati - Die Burgenlandkroaten
Die heutigen Kroaten des Burgenlandes sind Nachfahren jener Einwanderer aus den kroatischen Gebieten entlang der damaligen österreichischen Militärgrenze, dieausgelöst u.a. durch das Vordringen der Osmanen auf dem Balkan - im 16. Jahrhundert ihre Heimat in Slawonien, Kroatien und dem dalmatinischen Hinterland verließen und sich vorwiegend auf den durch Pest, Grenzkriege und Hungersnöte entvölkerten Ländereien in Westungarn und Niederösterreich, südöstlich und nordöstlich von Wien, ansiedelten. 1 Die genaue Zahl der kroatischen Einwanderer ist unbekannt, wird aber zwischen 60.000 und 150.000 geschätzt. Aufgrund ihrer Herkunft aus unterschiedlichen Gebieten sind alle drei großen Dialekte des heutigen Kroatischen - Kajkavisch, Štokavisch und Čakavisch - auch im Burgenland vertreten, wenn auch in archaischeren Formen.
In Niederösterreich und den südlichen Gebieten des heutigen Burgenlandes vollzog sich die sprachliche und kulturelle Assimilation der Kroaten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Zur Jahrhundertwende war das kroatische Siedlungsgebiet bereits in fünf Sprachinseln aufgeteilt, zwischen denen deutsch- bzw. ungarischsprachige Ortschaften lagen. Eine zahlenmäßige Abnahme verzeichneten die Volkszählungen - anders als bei den Lausitzer Sorben - jedoch erst ab den 1930er Jahren. 2
Die heutige burgenländisch-kroatische Schriftsprache basiert im Wesentlichen auf den čakavischen Dialekten des nördlichen und mittleren Burgenlandes, was für gewisse Akzeptanz-Probleme in den anderen Teilen des kroatischen Siedlungsgebietes, v.a. im Süden, sorgt. Die Standardisierung ist mit der Herausgabe von Wörterbüchern, einer Rechtschreibung und einer Grammatik erst im ausgehenden 20. bzw. beginnenden 21. Jahrhundert vorangeschritten.
Da in Österreich bei Volkszählungen eine Kategorisierung nach Sprachgebrauch erfolgt, liegen offizielle Zahlen über die Größe der Volksgruppe vor. Demnach bezeichneten sich im Jahre 2001 im Burgenland 16.245 Menschen als Sprecher des Burgenlandkroatischen. Aufgrund der Problematik, die solchen offiziellen Zählungen inhärent ist - so variieren die
1 Suppan 1983, S. 34
2 Suppan 1983, S. 36 ff.
4
Ergebnisse stark je nach genauer Fragestellung - gehen Vertreter der Volksgruppe jedoch von etwa 50.000 bis 60.000 Einwohnern mit kroatischen Sprachkenntnissen im gesamten historischen Burgenland aus; davon sei die überwiegende Mehrheit in Österreich ansässig. 3
2.2 Serbja/Serby - Die Sorben
Die in der Ober- und Niederlausitz im Osten Deutschlands ansässigen Sorben stammen von den beiden slawischen Stämmen der Milzener und Lusizer ab, die ab dem 6. Jahrhundert mit der Besiedlung dieser Gegenden begannen. Seit dem Aussterben des Polabischen im Wendland 4 stellen sie die letzten verbliebenen Vertreter der sogenannten „Germania Slavica“, also der ehemals überwiegend slawischsprachigen Bevölkerung des späteren Ostdeutschlands, dar.
Die Sorben verfügen über zwei Schriftsprachen, die sich deutlich voneinander unterscheiden. Das Obersorbische als die größere von beiden ist in der sächsischen Oberlausitz beheimatet, wo es insbesondere in den Dörfern zwischen den Städten Budyšin/Bautzen, Kamjenc/Kamenz und Wojerecy/Hoyerswerda auch als Alltagssprache gesprochen wird. Das Sprachgebiet des Niedersorbischen ist die brandenburgische Niederlausitz, wo die Sprache allerdings nur noch in wenigen Orten in der Öffentlichkeit zu hören ist. Für beide Sprachen existieren seit der Mitte des 20. Jahrhunderts verbindliche Wörterbücher, Rechtschreibungen und Grammatiken.
Die Sorben sind seit über 1000 Jahren in deutsche Staatswesen integriert. Sprachliche und kulturelle Rechte wurden ihnen jedoch erstmals 1948 mit der Verabschiedung des Ersten Sächsischen Sorbengesetzes eingeräumt. In der Deutschen Demokratischen Republik entwickelten sich beinahe alle heutigen kulturellen und wissenschaftlichen Institutionen, ein sorbisches Schulnetz etc.
Eine Volkszählung nach ethnischer Zugehörigkeit wird seit 1945 in Deutschland nicht mehr vorgenommen. Auch die Sorbengesetze der Länder schreiben fest, dass die Zugehörigkeit zum sorbischen Volk nicht hinterfragt werden darf. 5 Daher ist eine
3 Angabe auf http://www.hrvatskicentar.at/ unter „Kroaten in Österreich“
4 Die letzte Sprecherin des sogenannten Drawänopolabischen im Wendland starb 1756 im Alter von 88 Jahren.
5 sh. SächsSorbG § 1: “Das Bekenntnis ist frei. Es darf weder bestritten noch nachgeprüft werden.”
5
verlässliche Aussage darüber, wie viele Sorben es gibt, nicht möglich. Die offiziell genannte Zahl von 60.000 (davon 40.000 in Sachsen und 20.000 in Brandenburg) ist lediglich eine Schätzung, die seit fast 20 Jahren unverändert ist. Darin einbezogen sind Menschen, die sich zwar als Sorben identifizieren, aber aus verschiedenen Gründen die sorbische Sprache nicht mehr beherrschen. Nimmt man die Sprache als Kriterium, so werden etwa 23.000 Sprecher für das Ober- und 7.000 für das Niedersorbische angenommen. Der sorbische Gelehrte Arnošt Muka hatte 1884/85 noch etwa 160.000 Sorben gezählt, aber bereits auf die starken Assimilationsprozesse vor allem in den Randgebieten und im Umfeld der entstehenden Industrieorte hingewiesen. 6
3. Siedlungsgebiete
Seit der Besiedlung der heutigen Bundesländer Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen durch slawische Stämme war deren Siedlungsgebiet kompakt. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war der größte Teil der Lausitz, also etwa 8.000 Quadratkilometer Land, flächendeckend sorbisch besiedelt. Die wenigen größeren Orte und Marktplätze wie Budyšin/Bautzen, Chóśebuz/Cottbus, Kamjenc/Kamenz, Grodk/Spremberg oder Baršć/Forst waren deutschsprachige Inseln, die von hunderten zumeist einsprachig sorbischen Dörfern umgeben waren. Diese Situation änderte sich grundlegend erst mit dem verschärften wirtschaftlichen wie auch politischen Druck durch die Industrialisierung und den deutschen Nationalismus nach 1850, der die weitgehende Germanisierung der Niederlausitz, des Braunkohlegebietes der Mittellausitz und schließlich auch der evangelischen Teile der Oberlausitz zur Folge hatte. Bis heute bilden jedoch die verbliebenen mehrheitlich sorbischen Dörfer ein, wenn auch wesentlich kleineres, aber zusammenhängendes Gebiet. 7
Zum offiziellen Siedlungsgebiet zählen heute 70 Gemeinden oder Gemeindeteile 8 in fünf Landkreisen 9 sowie die Stadt Cottbus. Der Anteil der Sorben an der Gesamtbevölkerung
6 sh. Tschernik 1954
7 Das Mehrheitsgebiet umfasst im Wesentlichen die Gemeinden Chrósćicy/Crostwitz, Njebjelčicy/Nebelschütz,
Pančicy-Kukow/Panschwitz-Kuckau, Ralbicy-Róžant/Ralbitz-Rosenthal und Worklecy/Räckelwitz sowie Ortsteile
der Gemeinden Bóšicy/Puschwitz, Hodźij/Göda, Njeswačidło/Neschwitz, Radwor/Radibor, Rakecy/Königswartha
sowie der Stadt Kulow/Wittichenau.
8 Detaillierte Auflistung der betreffenden Gemeinden und Ortsteile auf de.wikipedia.org:
http://de.wikipedia.org/wiki/Sorbisches_Siedlungsgebiet - abgerufen am 24. Februar 2011
9 Landkreise Bautzen/Budyšin und Görlitz/Zhorjelc in Sachsen sowie Spree-Neiße/Sprjewja-Nysa, Dahme-
6
der beiden Bundesländer beträgt jeweils weniger als ein Prozent. Die Kroaten im Burgenland verfügten dagegen spätestens seit dem 19. Jahrhundert über kein größeres zusammenhängendes Siedlungsterritorium mehr, da sie zur Zeit ihrer Ankunft im 16. Jahrhundert im Wesentlichen jene Dörfer und Gegenden besiedelt hatten, die zuvor verlassen worden waren und die Assimilation seitdem ständig vorangeschritten war. Neben ihnen kamen zudem auch deutsch- oder ungarischsprachige Neusiedler in die Gegend, so dass wir es historisch mit einem ethnisch sehr fragmentierten Gebiet zu tun haben. Den stabilen Kern des Siedlungsgebietes stellen dabei heute die kroatischen Gemeinden der Bezirke Gornja Pulja/Oberpullendorf und Željezno/Eisenstadt im mittleren bzw. nördlichen Burgenland dar. Hier bestehen bis heute mehrere Gemeinden mit mehrheitlich kroatischer Bevölkerung. 10,11
Das Siedlungsgebiet der burgenländischen Kroaten ist anders als das sorbische nicht eindeutig definiert; die Volksgruppenrechte beschränken sich jedoch auf das Burgenland. Heute leben Kroaten in insgesamt sechs von sieben Bezirken des Bundeslandes, 12 wobei sie in keinem Bezirk die Bevölkerungsmehrheit stellen. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung des Burgenlandes beträgt gemäß offizieller Zählung nach Umgangssprache knapp 5,7 %, 13 gemäß eigener Schätzungen etwa 14 %.
4. Identität und Trennlinien
Anders als die Sorben leben die Burgenlandkroaten heute in insgesamt drei unabhängigen Staaten, nämlich in Österreich, Ungarn und der Slowakei. Diese unterschiedlichen Hintergründe haben, wie auf einem Forschungsaufenthalt im Mai 2010 deutlich wurde, u.a. verschiedene Auffassungen zur eigenen Sprache und zum Verhältnis zum „Mutterland“ Kroatien zur Folge. Während im österreichischen Burgenland zumindest bis zur 8. Klasse in den Schulen die standardisierte Burgenlandkroatische Sprache unterrichtet wird, lernen
Spreewald/Dubja-Błota und Oberspreewald-Lausitz/Górne Błota-Łužyca in Brandenburg
10 Suppan 1983, S. 41
11 Laut Volkszählung 2001 sind das die Gemeinden Klimpuh/Klingenbach, Uzlop/Oslip, Cogrštof/Zagersdorf (Bezirk
Željezno/Eisenstadt), Pajngrt/Baumgarten (Bezirk Mattersburg), Pinkovac/Güttenbach, Stinjaki/Stinatz (Bezirk
Güssing), Frakanava-Dolnja Pulja/Frankenau-Unterpullendorf, Veliki Borištof/Großwarasdorf, Filež/Nikitsch
(Bezirk Gornja Pulja/Oberpullendorf), Čajta/Schachendorf, Čemba/Schandorf (Bezirk Gornja Borta/Oberwart) - sh.
Volkszählung 2001 - Hauptergebnisse I Burgenland. Statistik Austria, Wien 2002, S. 69 ff.
12 Österreichisches Volksgruppenzentrum 1997, S. 99
13 Statistik Austria: Bevölkerung mit österreichischer Staatsbürgerschaft nach Umgangssprache -
http://www.statistik.at/web_de/statistiken/bevoelkerung/volkszaehlungen_registerzaehlungen/bevoelkerung_nach_d
emographischen_merkmalen/022886.html - abgerufen am 24. Februar 2011
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Arbeit zitieren:
Julian Nitzsche, 2010, Slawische Volksgruppen in deutschen Staaten, München, GRIN Verlag GmbH
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