Inhalt
Einleitung 3
1. Liebe und andere Katastrophen 5
2. Individualisierungsthese nach Ulrich Beck 8
3. Geschlechterdisparität und Liebe 11
4. Liebe und Individualisierung in der Zweiten Moderne 14
5. Resümee Zusammenfassung 18
Konklusion 20
Quellenverzeichnis 21
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Einleitung
Heutzutage hat die Liebe einen ganz besonderen Stellenwert; fast schon etwas Religiöses. Diese Ausprägung ist in der Tat erst durch den Wohlstand der Moderne möglich geworden. Nun wird über die Liebe gesprochen, darüber nachgedacht, gesungen und gedichtet. Doch wird ein präziser Blick auf dieses Phänomen geworfen, wird sichtbar, dass es die Liebe in der heutigen Zeit respektive in der Zweiten Moderne ziemlich schwer hat, ja fast schon unmöglich erscheint, aber doch umso notwendiger denn je geworden ist. Eine Ambivalenz der Moderne. Man kann beobachten, dass die Liebe einem Wandel unterlegen war und dass sie heute immer wieder neu definiert werden muss. Liebe scheint zur Verhandlungsache geworden zu sein, sie ist institutionell verankert, eine Ware, eine Konstruktion der Gesellschaft; überbaut von romantischen Leitbildern des 18./19. Jahrhunderts und dabei eingeengt durch politische, wirtschaftliche, kirchliche und gesellschaftliche
Zwangsmechanismen. Durch diese äußere institutionelle Wirkmächtigkeit wird die sehnliche Suche nach Liebe perpetuierend fortgesetzt und lässt in der Zweiten Moderne einen zweifelsohne einzigen „Halt“ erhoffen, fernab der „chaotischen“ Verhältnisse des öffentlichen Raumes.
Die Industrialisierung und das sich bildende Bürgertum des 18./19. Jahrhunderts veränderten nicht nur das Gesellschaftssystem. Mit ihr veränderten sich auch die Semantik der Liebe und das Zusammenleben der Menschen. Die Entkopplung von Arbeit und Familie wirkten auf das Familienleben und die Liebe ein. Heute ist die Liebe inflationär und risikobehaftet. Die aktuellen Scheidungsraten 1 zeigen uns einen Teilprozess des Wandels der Liebe und lässt die Frage eröffnen, ob eine lebenslange Liebe, im Zusammenhang mit der seit dem 18. Jahrhundert um 50 Jahren gestiegenen Lebenserwartung der Menschen, zu einem „Wegwerfartikel“ (Mahlmann, 2003, S. 171) geworden ist. Eine Beziehung respektive eine Liebe ist in der heutigen Zeit einmal mehr mit Risiken verbunden, da sich die Menschen einerseits nach Freiheit und Individualität und andererseits nach Liebe und sexueller Befriedigung sehnen und das gerne über längere Zeit hinweg oder sogar bis an das Lebensende. Diese romantische Vorstellung von Liebe und das Leben in der Zweiten Moderne sind ein perpetuierendes Paradoxon. Die Modernisierung bewirkte einen rasanten Wandel der Gesellschaft, der Geschlechter zueinander und führte zur Pluralisierung der
1 Laut dem statistischen Bundesamt (2009) werden heute 4,6 Ehen je 1000 Einwohner geschlossen und davon 2,3 je 1000 Einwohner geschieden, dies bedeutet, dass die Hälfte der Ehen welche heute geschlossen werden, wieder geschieden werden.
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Lebensformen 2 . Die Bildungsexpansion der 1960iger Jahre gestattete den Frauen neue Möglichkeiten sich in die Gesellschaft zu integrieren und sich finanziell und persönlich unabhängig von ihrem Mann zu machen. Sie konnte sich frei entwickeln ohne den patriarchalen Zwängen erlegen zu sein.
In meinen Ausführungen soll der Frage nachgegangen werden, wie die Individualsierung auf die Liebe, die Zweierbeziehung und das Miteinander der Geschlechter wirkt. Eben: Ist eine lebenslange Liebe im Kontext der Zweiten Moderne überhaupt möglich? Weitere Fragen die beantwortet werden sollen, sind: Was ist Liebe und welche Liebessemantik hat sich herausgebildet und folgt der heutigen Logik von „Liebe“ in ihrer Dialektik? Welchen Problemen steht die Liebe in der Zweiten Moderne und in Zukunft gegenüber? Diesen Fragen soll im Folgenden mit Hilfe der „Individualisierungstheorie“ von Ulrich Beck auf den Grund gegangen werden. In diesem Zusammenhang wird das Werk des Ehepaares Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim „Das ganz normale Chaos der Liebe“ von 1993 betrachtet und mit diesem weiterführend soziologische, philosophische, theologische und psychologische Blickrichtungen herangezogen. Es wird die Liebessemantik seit dem 18./19. Jahrhundert dargestellt, da sich in dieser Zeit das Bürgertum und mit ihm die noch heute herrschende Vorstellung von „romantischer Liebe“ entwickelten. Des Weiteren wird auf das Modell der „reinen Beziehung“ bzw. „partnerschaftlichen Liebe“ von Anthony Giddens eingegangen, welches meines Erachtens einen relevanteren und zeitgenössischeren Bezugspunkt zur Liebe des zwanzigsten Jahrhunderts bereitstellt. Überdies erfolgt eine Analyse der Individualisierungstheorie von Ulrich Beck. Außerdem soll ein Blick auf Geschlecht und Liebe genommen werden, um abschließend die Wirkung der Individualisierung insbesondere in der Zweiten Moderne auf das Phänomen Liebe zu betrachten und schlussendlich die Arbeit zusammenzufassen. Es sei anzumerken, dass die Themen Individualisierung und explizit Liebe sich als eine überaus komplexe Thematik darstellen, die hier leider nicht vollständig abgebildet werden kann. Es wird lediglich versucht Kernelemente zu analysieren, um eine Vorstellung davon zu erhalten, wie sich die Liebe und die Individualisierung heute und zukünftig ambivalent gegenüberstehen.
2 Gemeint sind: Patchwork-Familien, Alleinerziehende, nichteheliche Lebensgemeinschaften mit und ohne Kinder usw..
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1. Liebe und andere Katastrophen
Bevor der Frage, ob eine lebenslange Liebe in der Zweiten Moderne möglich ist, nachgegangen wird, soll hier geklärt werden, was Liebe ist und wie sich das Konzept der „romantischen Liebe“ entwickelt hat, welches noch heute auf das Individuum wirkt. Mit Sicherheit lässt sich eine anregende Diskussion darüber eröffnen, weil der Begriff Liebe so ungreifbar, undefinierbar und schwer beschreibbar ist. Jedoch scheint es darum einen allgemeinen Konsens zu geben: Liebe ist ein Gefühl (vgl. Sommerfeld-Lethen, 2008, S. 53). Nicht nur eine tradierte, ideologische Vorstellung soll betrachtet, sondern ebenso soll ein philosophischer, sozialwissenschaftlicher und soziologischer Blick in Richtung Liebe gewagt werden. Die „große Liebe“ gilt heute immer noch als das Ideal der Deutschen. Daraus ist ersichtlich, dass die Sehnsucht nach einer lebenslangen Zweierbeziehung mit frühromantischen Ideologien die Menschen in eine (oder mehrere) Liebesbeziehung(-en) entführt (vgl. Mahlmann, 2003, S. 172).
Simmel (1993) beschrieb Liebe als eine „Gestaltungskategorie des Daseienden“ (ebd., S. 19), als einen Liebesaffekt, der den Liebenden ermöglicht ein Bild von dem Geliebten zu erzeugen, welches der Realität fern ist und einen Absolutismus gegenüber dem Objekt der Begierde beinhaltet. Es wird eine eigene Wirklichkeit mit und um den Geliebten herum geschaffen, wobei er über alles Vorhandene gehoben wird. Er beschrieb, dass die Liebe aus sich heraus entsteht. Dies bedeutet, dass erst der Mensch da sein und gewusst werden muss, bevor er geliebt werden kann. Oder nach Sartre: „Die Existenz geht der Essenz voraus.“. Demnach ist der „Gegenstand der Liebe [...] nicht vor ihr da, sondern erst durch sie.“ (Simmel, 1993, S. 20). Bei Simmel ist die Liebe eine Erlebnisform die mit Gefühl verbunden wird, jedoch ohne eine Transformation in eine Erotik emotionaler Erfüllung und unabhängig vom sozialen Status und der Frage nach der Fortpflanzung. Während Simmel sich mit der Liebe eklektisch auseinandersetzte, soll der Blick in die philosophischen und soziologischen Felder gerückt und die Bedeutung der Liebe ab im 18. Jahrhundert betrachtet werden.
Zuerst eine philosophische Betrachtung zur Liebe: Was ist der Gegenstand der Liebe und warum lieben wir? Lieben wir den Anderen seiner Attraktivität oder seiner Eigenschaften willen und ist das dann „wahre“ Liebe? Die Philosophen Nicolas Grimaldi und Raphael Enthoven sind diesen Fragen analytisch auf den Grund gegangen. Sie setzten sich mit
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Gemälden und Bildern auseinander und versuchten unter anderem den Begriff „Liebe“ zu deuten. Auch sie sahen, dass das Individuum den geliebten Menschen idealisiert, ihn überhöht darstellt und das unsere Vorstellung, unsere Phantasie einen Mantel der Illusion über die geliebte Person legt (vgl. Enthoven & Grimaldi 2009; Mahlmann, 2003, S. 174). Die „wahre“ Liebe ist jedoch vollkommen losgelöst von den Eigenschaften des Gegenübers; demnach bedingungslos und ohne Gegenseitigkeit. Liebt man den Anderen wegen seiner Eigenschaften, löst diese Liebe andere Reaktionen aus: Eifersucht, Schmerz, Langeweile, Wollust. Die beiden Philosophen kommen zu dem Schluss, dass die „wahre“ Liebe somit „nicht dem gilt, was man sieht, sondern den Erwartungen der geliebten Person an das Leben, die ich erfüllen will. So wird aus der Liebe zum Anderen Liebe zu sich selbst.“ (ebd.). Rene Descartes unterschied indes zwischen der „begehrenden“ und „wohlwollenden“ Liebe. Während die „wohlwollende“ Liebe die Hoffnung auf das Glück und Wohlergehen des Anderen ist, will die „begehrende“ Liebe den Anderen als Besitz: der Andere wird eben aufgrund seiner Eigenschaften (z.B. Attraktivität) geliebt (vgl. Enthoven & Grimaldi 2009).
Das noch heute gängige Leitbild von Liebe ist die „romantische Liebe“ 3 . Wie der Begriff schon impliziert, ist dieser im 18./19. Jahrhundert - im Zeitalter der Frühromantik -entstanden. In einigen Studien wurde konstatiert, wie sich die „romantische Liebe“ im kulturellen und sozialstrukturellen Wandel entwickelt hat und sich in dieser Zeit die Liebessemantik elementar veränderte (vgl. Beck/Beck-Gernsheim 1990; Herma 2009; Burkart 2001; Mahlmann 2003). Liebe ist demnach kein Gefühl, welches auf ganz natürlichem Wege entsteht, sondern ein Erzeugnis von „tiefgreifenden Veränderungen seit Beginn der Moderne im 18 Jahrhundert.“ (Hahn, 2008, S. 40). Vor dieser Zeit wurden Ehen sachlich, zweckorientiert gegründet. Nun jedoch hatte die Liebe eine hohe Bedeutung als ehestiftendes Motiv. Die Entkopplung von Familienleben (privat) und Arbeit (öffentlich) führte gleichwohl zur Teilung von Aufgaben innerhalb der Familie. Der Frau wurde der Bereich der Gefühle und Häuslichkeit zugeschrieben und dem Mann das Öffentliche und die Berufsarbeit (vgl. Burkart, 1997, S. 27). Insbesondere für die Frau entstanden dadurch innere Konflikte im Umgang mit ihrer neuen Rolle, weil sie zuvor ebenfalls als Funktionär im Öffentlichen und Ökonomischen tätig war. Ohne die Industrialisierung und die daraus entwickelnde Individualisierung wäre die Intensivierung der Liebesvorstellung kaum denkbar. Nun
3 Die Sehnsüchte nach Sicherheit und Halt der Individuen, spiegeln den Glauben an die „romantische Liebe“ und zeigen, dass diese nach wie vor eine große Bedeutung respektive Vorstellung von Ideal in der Gesellschaft einnimmt.
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Arbeit zitieren:
Stefanie Neidhart, 2011, Liebe und andere Katastrophen: Liebe und Individualisierung in der Zweiten Moderne, München, GRIN Verlag GmbH
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